Justus Jonas

Justus Jonas

1. Geschlecht und Jugend.

Ein Biograph des Mannes, welcher als Justus Jonas seinen Namen in die Blätter der Reformationsgeschichte eingezeichnet hat, ist in der eigenthümlichen Lage, daß er vor Allem Geschlechts- und Taufnamen desselben sicher stellen muß. Was den letzteren betrifft, so hat der Umstand, daß der Theologe sich Justus schreibt, einen früheren Biographen verführt, aus Jodocus Jonas und Justus Jonas zwei ganz verschiedene Personen zu machen, den Einen einen Erfurter, den Andern einen Wittenberger Professor zu nennen und nicht nur beider Leben besonders zu beschreiben, sondern sie auch verschieden abzubilden, Jenen unbärtig, Diesen mit einem großen Bart; natürlich, da derselbe Mann, so lang er sich Jodocus schrieb, noch jung war, und vielleicht erst in späteren Jahren einen üppigen Bartwuchs bekam. Auch nachdem die Identität beider Jonas aufgedeckt war, wollte man in dem Wechsel des Vornamens längere Zeit hindurch irgend ein besonderes Motiv suchen, wie etwa ein solches der Vertauschung des Namens Saulus in Paulus zu Grunde gelegen habe. Allein schon lange vorher, ehe der Vorname Justus der stehende wurde und mit dem Uebertritt zum Studium der Theologie eine gänzliche Veränderung mit Jonas vorging, finden wir bereits beide Namen neben einander herlaufen, wie z. B. C. Mutianus einen Brief vom 27. August 1515 an den „Juristen Justus Jonas“ adressirt. Der Name Justus erklärt sich einfach aus der Sitte der damaligen Zeit, den Namen Jodocus, der öfter auch Judocus geschrieben wurde, in Jost oder Just zusammenzuziehen und ihn dann wieder zu latinisiren in Justus. Schwieriger ist die Frage nach dem Geschlechtsnamen, ob dieser Jonas sei? G. Wizel, dem wir später in einer literarischen Fehde mit unserem Jonas begegnen werden, schrieb eine Schrift „wider Jodocum Koch, der sich nennet Justum Jonam;“ in der Matrikel der philosophischen Facultät zu Erfurt schrieb Jonas, wie auch sonst öfter, Jodocus Jone; endlich findet sich der angebliche Name seines Vaters Johannes Jonas in keiner einzigen Urkunde als Name eines Bürgermeisters von Nordhausen unterzeichnet, während ein Jonas Koch in den Jahren 1476 bis 1503 des Oefteren als Name des Bürgermeisters zu Nordhausen genannt wird. Es war daher eine gezwungene Erklärung, wenn Reinhard und Knapp vermutheten, Jonas habe den Namen Coci oder Koch nur scherzweise von seinen Freunden empfangen, weil er auf seiner später zu erwähnenden Reise zu Erasmus in unwirthbaren Gegenden die Bereitung der Speisen selbst besorgt habe. Diese Vermuthung stellt sich schon dadurch als irrig heraus, daß sich der Name Koch für Jonas schon vor dieser Reise findet. Vielmehr werden wir denen beistimmen, welche den Familiennamen Koch aufrecht erhalten und annehmen, der Vater des Theologen habe nach damaliger Sitte sich gewöhnlich nach seinem Taufnamen Jonas genannt, weßwegen sich der Sohn Jodocus Jonae schrieb, bis diese patronymische Bezeichnung später in Folge des häufigen Gebrauchs zum Familiennamen wurde. Genug, Justus Jonas hieß von Hause aus Jodocus Koch, Jonä Sohn.

Seine Geburtsstätte war die an Theologen fruchtbare Reichsstadt Nordhausen, an der Zorpa in der preußischen Provinz Sachsen: wie sich dieselbe eines hohen Alterthums rühmte und den Kaiser Theodosius oder gar Merovig als ihren Gründer pries, so sollte in ihr auch die Reformation von ihren ersten Anfängen an gastliche Aufnahme finden. Der Vater des Reformators war ein in der Stadt angesehener Mann und Bürgermeister, ausgezeichnet durch Klugheit und Beredtsamkeit und für die damaligen Zeiten wohl unterrichtet und gelehrt. Jodocus wurde am 5. Juni 1493 geboren. Aus der im Elternhause verflossenen und verschlossenen Kindheitszeit hat uns nur die Sage einen Zug aufbewahrt, der das Walten der Vorsehung über dem zu Großem auserwählten Rüstzeug des Herrn verherrlicht. Als der Vater im Jahre 1501 an der Pest gefährlich krank lag und die Zwiebel, die er zur Ausziehung des Gifts auf der Pestdrüse liegen gehabt, neben sich auf die Bank legte, griff der nichts ahnende Sohn nach ihr und verzehrte sie, ohne daß er dadurch Schaden genommen hätte! Der Vater wünschte seinem Sohne eine sorgfältige Erziehung und gelehrte Bildung angedeihen zu lassen, und der aufgeweckte, talentvolle Knabe erhielt den ersten Unterricht in der öffentlichen Schule seiner Vaterstadt. Hier machte derselbe so rasche Fortschritte, daß er schon in seinem dreizehnten Jahre die Universität Erfurt beziehen konnte, um sich dort nach des Vaters Willen erst den humanistischen Studien, dann der Rechtsgelehrsamkeit zu widmen.

Die im Anfang des fünfzehnten Jahrhunderts gestiftete Erfurter Universität genoß bis in den Anfang des folgenden hinein eines Ansehens in Deutschland, daß, wie Luther sich einmal ausdrückte, alle anderen dagegen als kleine Schützenschulen galten. Das erste Jahrzehent des sechzehnten Jahrhunderts war das letzte ihrer Blüthe, welcher sofort der Ausbruch bürgerlicher Unruhen in der Stadt für immer ein Ende machte. Zu Anfang des Jahres 1505, also fast gleichzeitig mit Jonas, war aus Frankenberg in Hessen der siebenzehnjährige Eoban Hesse nach Erfurt gekommen, der Dichterkönig seiner Zeit, wie ihn Luther, der christliche Ovid, wie ihn Erasmus nennt. Frühzeitig trat Jonas in das engste Freundschaftsverhältniß mit ihm und durch ihn in den Dichterkreis ein, welcher die strebsame Jugend Erfurts unter der Aegide des Gothaer Canonicus Conrad Mutian vereinigte. Von diesem ließen sich außer einem Eoban Hesse andere talentvolle Studirende, wie Crotus, Eberbach, Draconites in ihren humanistischen Studien leiten und wurden von ihm ebensowohl vor sittlichen Auswüchsen bewahrt, als zum Bruch mit der alten Geistesrichtung und zur Beförderung der neuen angefeuert. Ein edler Wetteifer und eine herzliche Freundschaft umschlang diesen Kreis junger Dichter: in der schönen vierten Idylle der großentheils im Jahr 1508 verfaßten bucolischen Gedichte läßt z. B. Eoban den Mutian, der den Namen Thrasybulus führt, als Schiedsrichter auftreten, um einen zwischen Jonas und Petrejus unter den Namen von Tityrus und Battus geführten Sängerstreit friedlich zu schlichten. Dieser Freundeskreis wirkte auf die Bildung unseres Jonas nachhaltiger als die Unterweisung der damaligen Docenten Erfurts, unter welchen keiner in Beziehung zu Jonas besonders genannt wird. Schon im Jahr 1507 war Jonas Baccalaureus und 1510, also in einem Alter von 17 Jahren, Magister geworden. Zwar erging sich Mutian in bitterm Spott über die academischen Grade, weil er in ihnen das hauptsächlichste Herrschaftsmittel der Sophisten und es unwürdig fand, wenn. Männer von wahrer Bildung sich Anstrengungen unterzögen, um zu jenen leeren barbarischen Titeln zu gelangen; „wo die Vernunft den Vorsitz führt,“ äußerte er, „da bedarf es keiner Doctoren“: doch gestattete er seinen jungen Freunden die Anbequemung an die alte Sitte, weil ihnen das durch diese Titel erworbene Ansehen im Kampfe gegen die Sophisten zu Statten käme; „ich will doch (schrieb er an Einen derselben), daß du dir den Magistertitel erwirbst, damit du unter dieser Maske die Unmündigen in der Dunkelheit in Schrecken setzest!“ Einen besonderen Lebens- und Schicksalsgefährten gewann Jonas an Tilemann Plattener aus Stolberg, der gleichzeitig mit ihm in Erfurt Student, Baccalaureus und Magister, sowie auch nachmals in Wittenberg Doctor wurde. Vielleicht kam er auch schon damals durch Crotus in Bekanntschaft mit Ulrich von Hutten. Wie es scheint, hatte er bisher mehr den humanistischen Studien als dem Studium der Rechtswissenschaft obgelegen.

Im Jahre 1511 übersiedelte Jonas zur Vollendung seiner Studien auf die Universität Wittenberg. Während der neu aufblühende Ruhm dieser Schule ihn anzog, war ihm der Aufenthalt in Erfurt seit den stürmischen Ereignissen des Michaelisfestes im Jahr 1510 verleidet. Bei der Feier des Kirchweihfestes in der Michaelispfarre war es zwischen Studirenden und Landsknechten zu einem Wortwechsel, dann zu einem Handgemenge und endlich zu einem offenen Straßenkampf gekommen. Die Bürger nahmen für die Landsknechte Partei, die Musensöhne mußten sich vor der Uebermacht in ihr großes Collegium zurückziehen, in welchem sie sich verschanzten und auf die Belagerer mit Handbüchsen feuerten. Als aber diese zwei Kanonen vorführten ergriffen die Studenten abermals die Flucht. In wilder Wuth bemächtigten sich die Belagerer des menschenleeren Gebäudes, demolirten Hörsäle und Wohnungen der Studirenden, zertrümmerten Katheder und Bänke, zerschnitten und verbrannten die alten Privilegien und Urkunden der Universität, richteten bedeutenden Schaden in den Bibliothekräumen an und plünderten, was irgend Werth für sie hatte. Zwar ahndete der Rath am folgenden Tag mit aller Strenge die Zügellosigkeit des Pöbels, aber der Verfall der Universität datirt von diesem Ereignisse. Zahlreiche Schaaren von Studirenden wanderten aus; auch der junge Dichterkreis verließ die unruhige Stadt: erst Eoban, um sich nach dem fernen Norden zu wenden, dann Crotus, der nach Fulda übersiedelt, Heinrich Eberbach, der eine Reise nach Wien antritt, Petrejus, welcher gleichfalls seinen Weg nach Wien nimmt, und Jonas, welcher sich nebst mehreren andern erfurtischen Magistern in Wittenberg immatriculiren läßt.

Ueber den vierjährigen Aufenthalt unseres Jonas in Wittenberg fehlen fast alle Nachrichten. Mit Ernst lag er den juristischen Studien ob und nahm die Würde eines Baccalaureus der Rechte an; da er in den geistlichen Stand zu treten beabsichtigte, zog er sicher auch die Theologie in den Kreis seiner Studien, und es läßt sich erwarten, daß er bereits damals mit Luthern in Berührung trat, obwohl sich keine bestimmten Spuren hiervon finden. Jedenfalls gab dieser Aufenthalt in Wittenberg seinem Geiste eine vorherrschende Richtung zur Theologie, seinem Charakter eine Festigkeit, wie sie in den Kreisen der Humanisten nicht zu finden war.

2. Der Canonicus und Professor zu Erfurt.

Die Zerstörung des großen Erfurter Collegiums hatte dem Eindringen des neuen Geistes auf der Universität Bahn gebrochen. Die alten Bursenverhältnisse und mit ihnen der überwachende Einfluß der älteren Lehrer auf die in den Bursen zusammenlebenden und in strenger Aufsicht gegängelten Studenten konnten nicht wieder hergestellt werden. Zwar hatte sich die Universität nicht entblödet, sich, wenn auch in mildester Form für die Unterdrückung des Reuchlinschen „Augenspiegels“ auszusprechen und die kölnischen Theologen als ihre „Mitbrüder und zu jeder Zeit verehrungswürdige Gönner“ zu begrüßen: um so mehr aber wurde Mutian der Friedliebende angefeuert, die getreue Schaar seiner Humanisten gegen die Scholastiker ins Treffen zu führen. Die Jugend zu Erfurt nahm offen für Reuchlin gegen die alten Docenten Partei, und das ganze Jahr 1514 hindurch war die Universität durch tumultuarische Auftritte beunruhigt. Mutian predigte unaufhörlich mit Wort und Schrift den Seinigen einen Feldzug gegen die „Barbaren“, und auf seinen Wink kehrte der zerstreute Dichterbund nach Erfurt zurück, zuerst Eoban, der sich schon im Sommer 1514 wieder einstellte, dann im Laufe des folgenden Jahres die Uebrigen, unter ihnen auch Justus Jonas der in Wittenberg sein Studium der Rechtswissenschaft so weit absolvirt hatte, daß er von der Erfurter Juristenfacultät am 12. April 1516 in die Zahl ihrer Baccalaureen aufgenommen oder, wie man es nannte, nostrificirt wurde.

Das Jahr 1516 war für die Universität Erfurt ein äußerst bewegtes: die unter Mutians Aegide wieder geschaarten Mitglieder des Dichterbundes liefen mit einander Sturm wider den alten scholastischen Geist; Reuchlin war ihr Gefeierter, die Satire ihre Waffe; schon war das alte System der kirchlichen Scholastik also aus den Fugen gegangen, daß es schwer war, keine Satire zu schreiben! Zu Anfang des Jahres 1516 erschien das erste, noch vor Ablauf des gleichen Jahres das zweite Buch der „Briefe der Dunkelmänner“, ein Erzeugniß des Erfurter Dichterbundes, ein Blitzstrahl, zündender als alle römischen Bannstrahlen! Jonas nahm an diesen Briefen keinen unmittelbaren Antheil, in so innigem Freundschaftsbund er auch damals mit den Verfassern dieser Briefe lebte. In ernstem Studium und strenger Arbeit an sich selbst rang er nach Wahrheit, durch sein Naturell und den Einfluß seines Wittenberger Aufenthaltes vor den Ausschweifungen bewahrt, zu welchen die rein formelle Bildung des Humanismus häufig Anlaß bot. Sehr günstig wirkte auf ihn Mutian, mit dem er fleißig Briefe wechselte, und welcher bei dem jungen Dichterkreis vor Allem auf sittlichen Gehalt und Vertiefung in die Wissenschaften drang. Bereits bildeten die alten Juristen eine Opposition gegen die durch humanistische Studien gebildeten Fachgenossen; sie nannten diese verächtlich Dichter, als ob ihnen alles positive Wissen des Rechts abginge. Mutian in einem Brief an unsern Jonas vindicirt sich und den Seinigen den Titel eines Juristen, denn „ein Jurist sei ein gelehrter Mann und redlicher und uneigennütziger Vertreter der besten Gesetze,“ während er seinen Gegnern, die sich Juristen nennen, die Definition unterschiebt: „Ein Doctor Juris und ruhmrediger Jurist ist ein schlechter Mensch, mit schlechten Künsten, schlechtem Recht und schlechtem Brauch ausgerüstet.“ Nachdem Jonas im October 1517 eine Reise nach Nordhausen angetreten und von dort den Leipziger Markt besucht hatte, ward er am 27. August 1518 zum Licentiaten der Rechte befördert und erhielt ein Canonicat an der Severikirche. Wie Eoban schon seit dem Jahr 1516 das Amt eines öffentlichen Lehrers an der Universität bekleidete, so trat nun auch Jonas als öffentlicher Docent auf und trug mit Jenem und seinen übrigen Freunden, einem Euricius Cordes, Johannes Lange, Johann Draconites u. A. das Seinige zu dem leider nur kurzdauernden Aufschwung der Erfurter Hochschule bei. Mutian zog sich, sobald Reuchlin durch seine Jünger gerächt war, wieder in sein Stillleben zu Gotha zurück, ohne sich bewegen zu lassen nochmals den öffentlichen Schauplatz zu betreten. Seit seinem Rückzug spielte Eoban den König des neuen Gelehrtenstaates, in welchem namentlich seit der Abreise des unruhigen Crotus eine friedlichere Stimmung eingetreten war, indem der Reuchlincultus mit dem Erasmuscultus vertauscht, aus den Reuchlinisten begeisterte Erasmianer wurden. Reuchlin wußte es den Erfurtern wenig Dank, daß sie ihn auf den Schild erhoben hatten: um so herablassender nahm Erasmus die Anbetung an, welche ihm vom Königreich Eobans gezollt wurde. Eben hatte Erasmus seine Stellung in England mit der eines Rathes des jungen Königs Carl von Spanien vertauscht und sich in den Niederlanden angesiedelt, von wo aus ohnedem seine Einwirkung auf Deutschland eine größere werden mußte. Der erfurtische Kreis, dem schwärmerische Bewunderung zum Bedürfnis geworden war, kannte bald keine majestätischere Größe als die des Erasmus. Man zürnte der eigenen Verblendung, jene „kostbare Perle“ so lange nicht geachtet zu haben; Spalatin schrieb 1517 an Erasmus: „ Ich war sofort der Deinige, sobald ich deine Schriften gesehen hatte;“ als die Sonne, die mit ihren Strahlen alles Dunkel erhellt, wurde Erasmus gepriesen; Eoban und Jonas fühlten sich mit der verehrungsvollsten Begeisterung zu dem Gelehrten hingezogen, in welchem sie den Stein der Weisen gefunden zu haben wähnten. Natürlich verlangte die feurigen Anbeter, nicht blos aus der Ferne, sondern in der Nähe dem gefeierten Herrscher im Reiche des Geistes ihre Huldigungen darzubringen: von Erfurt aus bildeten sich viele gelehrte Wallfahrten nach Rotterdam, wie man sie ehedem zu einem Heiligen anzustellen pflegte. Je beschwerlicher und gefährlicher die Reise zu diesem neuen Delphischen Orakel war, desto verlockender war sie auch für die schwärmerische Phantasie der liebebedürftigen Jünglinge. Der König Eoban eröffnete im Jahre 1518 in Begleitung des Berter den Zug der Wallfahrer, indem er zu Fuß nach den Niederlanden pilgerte und in einer zierlichen poetischen Epistel den gefeierten Lehrer begrüßte: „Schon lange warst du mir ein göttliches Wesen“, redete er ihn an, „so sehr fesselten mich deine Schriften, die dir den Ruhm der Unsterblichkeit sichern werden.“ Er traf den Erasmus krank, sehr beschäftigt und vornehm herablassend; ob aber auch nur eine einzige Unterredung der Preis der mühevollen Pilgerfahrt war, kam er doch so entzückt von dem Anblick des Mannes zurück, daß er auch bei seinen Freunden das Verlangen erweckte, in persönlichen Umgang mit Erasmus zu treten. So unternahm denn kurze Zeit später auch Jonas mit seinem Freunde Schalbus dieselbe Wallfahrt zu Pferde. In einem überschwänglichen Briefe vom 26. April 1519 kündigte Schalbus dem Erasmus ihre Ankunft an: „Durch so viele Wälder,“ beginnt er, „durch so viele von ansteckenden Krankheiten heimgesuchte Städte sind wir, Erasmus, zu dir vorgedrungen, Jonas und ich, und, guter Gott, wie sind wir zur glücklichen Stunde angelangt! So wenig gereute uns die lange und beschwerliche Reise, daß wir uns unterwegs, ungewiß, wo du, die einzige Perle des christlichen Erdkreises, verborgen seiest, durch einen heiligen Schwur verpflichteten, dich aufzusuchen, wäre es auch an den äußersten Grenzen Indiens oder in dem entlegenen Thule, wie viel mehr in den Niederlanden oder in Frankreich!“ Er überbietet sich selbst in allen Arten von Lobeserhebungen und wozu? Nur um eines kurzen Antwortschreibens gewürdigt zu werden, das ihnen als kostbare Reliquie dienen soll! Auch Draconites, der gleichfalls ein Canonicat am Severistift zur Belohnung für seine Vorlesungen erhalten hatte, wallfahrtete im folgenden Jahr zu dem großen Meister trotz der Pest, welche damals in Belgien wüthete; Jonas wünschte ihm zur gesunden Rückkehr Glück, indem er ihn einem Paulus, der in Milet eine Schlange wie eine Fliege von sich geworfen, dem Kreis der Männer, welche nach dem Hebräerbrief in des Glaubens Kraft das Feuer erstickt und der Löwen Mäuler verstopft hätten, ja einem Jonas in des Wallfischs Bauch an die Seite stellt. Camerarius schreibt über diesen Erasmuscult Erfurts‘: „Man klatschte ihm Beifall wie einem gelehrten und künstlerischen Schauspieler auf der Bühne der Wissenschaften. Jeder, der nicht für einen Fremdling im Reiche der Musen gehalten werden wollte, bewunderte, verherrlichte und pries ihn. Man wünschte dem Zeitalter Glück. Wenn jemand einen Brief des Erasmus herauslocken konnte, so war sein Ruhm ungeheuer und großer Triumph wurde dann gefeiert. Wenn aber jemand das Glück einer persönlichen Zusammenkunft und Unterredung mit Erasmus hatte, dann hielt er sich für selig auf Erden.“

Jonas hatte auf Erasmus einen überaus günstigen Eindruck gemacht, während umgekehrt Jonas durch diesen Besuch zu erneutem Eifer in den classischen Studien angefeuert wurde. Diesen zu bethätigen, bot ihm die neue Würde, zu welcher er an der Universität berufen wurde, Gelegenheit Während er bei Erasmus weilte, war er am 2. Mai 1519 zum Rector der Universität Erfurt erwählt worden eine besondere Auszeichnung für den erst im siebenundzwanzigsten Lebensjahr stehenden Mann, welcher selbst in der Erfurter Universitätsmatrikel von den Freunden, welche ihn gewählt hätten, schreibt, ihre Liebe hätte sie blind gemacht. Doch rechtfertigte Jonas das Vertrauen, mit welchem ihm entgegengekommen war, im vollsten Maße. Mit Eifer und umsichtiger Thatkraft widmete er sich während seines halbjährigen Rectorats den Universitätsgeschäften und setzte eine wichtige Verbesserung der Universität, nemlich eine neue Organisation der philosophischen Facultät durch: Es wurden acht Lehrer für die griechische und lateinische Sprache und die „wahre“ Philosophie bestellt; die philosophische Facultät sollte fortan als die erste, als das Factotum, als „Vordertheil und Hintertheil des ganzen Gymnasiums“ (wie Jonas schreibt) angesehen werden. Um die Mittel zur Besoldung der neu aufgestellten Professoren der beiden classischen Sprachen zu gewinnen, verzichtete die philosophische Facultät auf die vielen kostspieligen Gastmähler, welche bisher bei verschiedenen akademischen Feierlichkeiten aus den Universitätsfonds bestritten worden waren, und beschränkte dieselbe auf ein einziges Festmahl in jedem Jahre. Eoban Heß preist in der Einleitungsrede, welche er zu seinen Vorlesungen über des Erasmus Enchiridion des christlichen Streiters im Jahr 1519 hielt, den Herrn Jodocus Jonas als denjenigen, welchem die studirende Jugend für diese Fürsorge verpflichtet sei, während dieser selbst das Verdienst dem Erasmus zuschrieb, indem er in seinem Rectoratsbericht das Bild desselben voranstellte, wie er in Magistertracht in Gegenwart Kaisers Karl V., eine Schaar wißbegieriger Scholaren um sich sammelt, welche in ihren Händen, mit denen sie auf Erasmus hinweisen, die Inschrift halten: Hic est ille Erasmus! Die Neuerung war nicht ohne Kampf durchzusetzen, aber die Humanisten behielten den Sieg. Die Nachfolger des Jonas im Rectorat setzten das begonnene Werk fort, namentlich Crotus, der im October 1520 nach seiner Rückkehr aus Italien an die Spitze der Universität gestellt wurde. Diese stand in einer seltenen Blüthe; Erasmus spendete ihr volles Lob; aus allen deutschen Ländern strömten hier wißbegierige Jünglinge herbei, angezogen zumeist durch den Namen Eobans, welcher in seinen Vorlesungen oft fünfzehnhundert Zuhörer gehabt haben soll, so daß der Hörsaal die Menge derselben nicht fassen konnte. Besonders war man bemüht, das in Erfurt seit geraumer Zeit fast gänzlich vernachlässigte Studium der griechischen Sprache wider neu zu beleben; Petrejus und Lange waren dafür besonders thätig und erhielten einen eifrigen Beförderer ihres Planes in dem jungen Joachim Camerarius, der im Sommer 1518 von Leipzig, wo er von Crocus, Metzler und Mosellanus in das Studium der griechischen Literatur eingeführt worden war, zur Vollendung seiner Studien nach Erfurt kam. Trotz seiner Jugend trat er schon in Kurzem auf die Bitten seiner Freunde öffentlich als Lehrer der griechischen Literatur auf. Auch Jonas warf sich jetzt mit allem Eifer auf die Erlernung der griechischen Sprache und erbat sich hierzu namentlich die Anleitung seines Freundes Lange. In der Ueberzeugung, daß Uebung den Meister mache, conjugirte er jeden Tag ein griechisches Zeitwort durch, lernte griechische Gedichte auswendig, fand aber die Erlernung dieser Sprache sehr schwer und mühsam“). Daneben übte er sich namentlich mit Draconites im oratorischen Styl. Nicht ohne eine Regung von Eifersucht sah Eoban auf das Freundschaftsverhältniß, welches sich hierdurch zwischen Jonas und Drach befestigte: „Ich sehe nicht, was der aus dem Bauch des Ungeheuers ausgeworfene Prophet mit dem Drachen Gemeinschaft hat, da dieser Feuer, jener nur Wasser athmet, aber, o Gott, wie viel, wie klar, wie lebendig, und wahrlich Himmelswasser, Wasser, das die Flamme, welche du dem liebenswürdigen Erasmus in der Seele anzündest, nicht auslöscht, sondern besser als Oel anfacht.“ Eoban möchte, daß sich die Zweiheit der Freunde zu einer Dreiheit ausdehne, sei der Eine von ihnen der Zephir, der Andere der Auster, so wolle er als der Aquilo sich zugesellen und alle Winde und Flammen aus einander treiben!

Während aber die philosophische Facultät in Erfurt unter der Fahne des Erasmus ein Auferstehungsfest feierte, regte sich auch in der theologischen Facultät ein neuer Geist, entzündet durch die Wittenberger. Luther besaß in seinem Ordensgenossen Lange, den er 1516 zum Prior des Augustinerconvents in Erfurt gemacht, einen aufrichtigen und treu ergebenen Freund, Ihm sandte er seine ersten Schriften mit dem Erbieten, seine Sätze in Erfurt zu vertheidigen. Die Thesen hatten Anstoß erregt, und Trutvetter, das Haupt der theologischen Facultät in Erfurt, hatte an seinen ehemaligen Schüler ein warnendes Schreiben im Ton väterlichen Ernstes gerichtet. Als Luther im Frühjahr 1518 auf seiner Rückkehr von dem Heidelberger Augustinerconvent einige Tage im Kloster zu Erfurt verweilte, war seine Mühe, die Zweifel und Einwendungen seiner alten Lehrer zu widerlegen, fruchtlos. Luther schrieb mit Beziehung auf diese in Erfurt gemachten Erfahrungen an Spalatin (18. März 1818): „Es ist etwas Schlimmes, in falschen Meinungen alt geworden zu sein; aber die Jugend ist ihnen ganz und gar entfremdet , und ich habe gute Hoffnung, daß wie Christus von den Juden verworfen zu den Heiden wanderte, so auch jetzt seine von jenen vorurtheilsvollen Greisen verworfene Theologie auf die Jugend sich verpflanze.“ Seine Voraussetzung hatte ihn nicht getäuscht. Hatte der zum Doctor der Theologie promovirte Lange es durchzusetzen gewußt, daß die Universität in einem Schreiben vom 29. December 1519 an Herzog Georg die Abfassung eines Gutachtens über die Leipziger Disputation förmlich ablehnte, so verschmolz sich jetzt bald die Sache des Erasmus und Luthers für die Erfurter Humanisten: wie für Reuchlin ehedem, so nahmen sie jetzt Partei für Luther, hierzu von Erasmus selbst angefeuert. Die Philologen brachen in das theologische Lager ein: Euricius Cordus, der erst vor Kurzem mit den poetischen Studien das der Arzneiwissenschaft verbunden, begann im Jahr 1519 auch theologische Vorlesungen zu halten; noch in demselben Jahr erklärte Eoban in öffentlichen Vorlesungen das erasmische Handbuch des christlichen Streiters, „um jetzt mit der Gelehrsamkeit die Förderung christlicher Frömmigkeit zu verbinden.“ In der Eröffnungsrede wirft er bereits ziemlich unverdeckt dem alten System den Fehdehandschuh hin, preist die Zeit glücklich, welche zu dem Born der wahren Frömmigkeit, zu der Bibel zurückgekehrt sei und dem früheren Verderben, dem Aberglauben und der Heuchelei entsage, und ruft siegesgewiß aus: „Wo bleiben nun Jene, die so übermüthig und anmaßend von christlicher Demuth predigen von der sie selbst so weit entfernt sind, als Mysien von den Phrygiern als wenn uns nicht der leiseste Widerspruch gegen sie, ihnen aber ein immerwährendes Sündenleben gestattet sei. Dulden wir es nicht mehr, daß Menschen durch alberne und nichtswürdige Possen das christliche Volk, die einfältige und ungelehrte Menge täuschen und leider nur zu oft von dem engen und schmalen Pfade auf den Weg des Verderbens führen, nur darum besorgt, daß ihnen die Mittel nicht ausgehen, daheim ihren Lüsten zu fröhnen.“ „Seid frei“, ruft Eoban schließlich aus, „unter Christi Führung vernichtet das feindliche Heer, wisset, daß Christus unser Herr und Gott, der Urheber und der Wiederhersteller der Freiheit ist.“

Auch Jonas folgte mit aller Entschiedenheit dieser neuen Richtung der Geister. Schon hatte Luther auf ihn ein Auge geworfen, wie wir aus dessen vom 13, April 1519 an Johann Lange geschriebenen Briefe ersehen, in welchem er an Jonas sehr angelegentliche Grüße bestellt. Noch mehr aber waren die Blicke des Jonas gen Wittenberg gerichtet; mit jugendlicher Begeisterung begrüßte er das Morgenroth eines neuen Tages, das von dort über den Himmel Deutschlands sich ausbreitete, und der Kirchenrechtslehrer, dem bei seiner freieren humanistischen Bildung die alten Canones längst nicht mehr zusagten, wandte sein Studium zu den Grundrechten der christlichen Kirche, wie sie in der heiligen Schrift niedergelegt sind, indem er durch Vorlesungen über biblische Bücher das Verständniß der Zeichen seiner Zeit zu fördern begann. Der Erste, welcher Jonas zu dieser Aenderung seiner Studien Glück wünschte, war Erasmus, der von Antwerpen aus am 1. Juni 1519 an seinen jüngeren Freund schrieb: „Wiewohl ich voraussetze, daß du dich selbst kennst, erachte ich es doch angemessen, dich zu ermahnen, daß du, weil dich Gott nicht zur Behandlung schmutziger Rechtshändel, sondern als ein auserwähltes Rüstzeug seines Sohnes Jesu Christi und dazu berufen zu haben scheint, daß du die Liebe zu diesem unter den Sterblichen anfachest, all dein Studium diesem Beruf zuwendest, und das bald, so lange der Körper die Anstrengungen trägt und die Seele frisch ist. Glaube mir, der Segen dessen wird deine Bemühungen begleiten, welcher dich zu diesem Beruf mit so vielen herrlichen Gaben ausstattete, der dir in das Herz das Feuer seiner Liebe gab, der dir eine gelehrte Zunge schenkte, damit du ausstreuest, ausreutest, pflanzest; er wird dich hiebei nicht verlassen noch versäumen, zumal wenn du dabei nichts Anderes suchest als Christi Gewinn.“ Gegenwärtig, fährt Erasmus fort, seien die Geistlichen zu zählen, welche mit heilsamer Lehre die Menge zu einem Christi würdigen Wandel anleiteten. Den Meisten derselben fehle die Gelehrsamkeit; Einigen das Herz, ohne welches alle christliche Beredtsamkeit fröstle; Vielen die natürliche Begabung. Ein gut Theil predige nicht Christum, sondern Menschen, sondern sich selbst. Es gebe welche, die Scotistische Subtilitäten der unerfahrenen Menge vorhielten und hierzu die verwickeltsten Stoffe auswählten, um von ihren Zuhörern desto mehr angestaunt zu werden, je weniger sie von ihnen verstanden würden. Andere trügen auf den Kanzeln nichts als scholastische Lehrsätze vor, von denen man die einen gar nicht zu wissen brauchte, während die andern, außer der Schule vorgetragen, kalt ließen. Auch fehle es an Solchen nicht, welche, um ihren neugierigen Schülern genug zu thun, überallher aus dem bürgerlichen und dem päbstlichen Rechte und aus den Schriften verschiedener Lehrer zusammentrügen und zusammenstoppelten, damit man ja nicht glauben möge, sie hätten nicht alles gelesen. Wer aber wahre Frömmigkeit unter den Menschen pflegen wolle, müsse alle menschliche Leidenschaften von sich thun. „Doch du bist verständig genug, daß ich dich nicht daran mahnen muß, wie es wirksamer ist, um den Menschen die Philosophie Christi beizubringen, wenn man ihnen jene staunenswerthen liebenswürdigen Bilder wahrer Frömmigkeit so anschaulich als möglich vorhält, als wenn man Stimme und Lunge mit Angriffen auf die Fehler aller Art ermüdet. Deine Rede wird aber wesentlich an Gewicht gewinnen, wenn du das, was du lehrst, hauptsächlich aus der heiligen Schrift schöpfst, wenn dein Wandel deiner Lehre gleichförmig ist, wenn dein Lehrerberuf durch seinen Verdacht der Ruhmsucht oder des Geizes entehrt wird. Dein Wort wird um so kräftiger sein, wenn du Alles, was du lehrst, von Herzen liebst, wenn du nicht von Gelagen oder weltlichen Gesprächen weg, sondern von Gebeten aus der Tiefe des Herzens dich zur Predigt anschickest, damit du, um Andere zu erwärmen, selbst brennest.“

Jonas kam dieser von Eoban unterstützten Ermahnung des älteren Freundes treulich nach. In welchem Geist er sofort Vorlesungen über die biblischen Schriften eröffnete, sehen wir aus der Einleitungsrede, mit welcher er seine Vorlesungen über die beiden Corintherbriefe eröffnete. Sie ist außer dem oben genannten Gedicht die einzige von ihm in Erfurt herausgegebene Schrift und zeugt von dem tiefen sittlichen Ernst, mit welchem er als theologischer Docent auftrat. Im Eingang sagt er: Wenn es eine alte Regel der Beredtsamkeit sei, daß diejenigen Redner am Meisten auf die Herzen ihrer Zuhörer wirkten, welche von der Wahrheit dessen, wovon sie Andere überzeugen wollten, selbst recht durchdrungen seien, so wünschte er sich in dieser Stunde ein solches Feuer, von dem einst Paulus ergriffen gewesen sei, als er ausgerufen habe: „O ihr Corinther, unser Mund hat sich zu euch aufgethan, unser Herz ist voll Freude und Liebe geöffnet.“ Aber dazu sei sein Herz noch zu unrein. Wenn es ihm aber auch nicht vergönnt sei, die Herzen seiner Zuhörer also zu ergreifen und mit einem Strom der Rede aus ihren bisherigen Anschauungen herauszureißen, so wolle er es doch versuchen, jenes liebenswürdige Bild wahrer Weisheit ihnen also vor Augen zu halten, daß, falls Einer auch nicht alsbald zur Liebe dieses Bildes hingezogen würde, er es doch wenigstens nicht mehr verachte oder verabscheue. Wenn er über die Methode, durch welche man zum Verständniß der heiligen Schrift gelange, noch etwas sagen wollte, nachdem Erasmus hierüber so göttlich gelehrt und Martin Dorpius diesem beigestimmt habe, so würde er nach solchem Crösus und Darius nur wie ein zerlumpter Irus auftreten. Er wolle nur die noch unerfahrene Jugend ermahnen, daß das Studium der Schrift einen heiligen Ernst erheische, und sie vor Feinden warnen, die sich diesen frommen Versuchen entgegenstellen. Zu diesem Studium dürfe man nemlich kein rohes, böswilliges, zanksüchtiges und eigensinniges, sondern solle ein reines und offenes, kein getheiltes, sondern ein einfaches, kein darniederliegendes oder kaltes, sondern ein sehnsüchtiges brennendes und lebendiges Herz herzubringen. Zuerst warnt Jonas vor den Fesseln der Tradition, welche meist schon von den eigenen Familiengliedern der Jugend angelegt würden. Schon in der Wiege sauge man irrige Meinungen ein, in dem Elternhause lerne man nur jene irdische Weisheit, die Künste des Gewinns, der Welt Brauch: „Dort lernen wir das Geld bewundern und fast als einen Gott anstaunen, hier dem Reichen schmeicheln, hier schmutzige und unzüchtige Reden, hier auf ein weichliches Leben alle Stücke halten, hier an nichts Anderes als an feine Speisen und große Gastmahle denken. Von dieser falschen Erziehung datirt sich der Verfall der Kirche; daher die Entartung der Orden, daher der Luxus und die Goldgier der Priester, daher der Mangel geistiger Speise, daher jener Hunger, nicht nach Brot, sondern nach Gottes Wort. Denn wo Christi Wort verachtet wird, wo man nicht am Ersten nach dem Reich Gottes trachtet, mit dem alles Uebrige uns zufällt, da ist alle Fülle nur ein Schaden. Was soll ich aber von denen sagen, die unter Christi Fahne dienen und den Namen von Hirten und Priestern tragen, aber alles eher thun, als auch nur eine Stunde auf das Lesen der heiligen Schrift verwenden oder dieselbe ihren Untergebenen auch nur gönnen? Was sind die wichtigen Fragen, welche Erzbischöfe und Bischöfe bei ihren Versammlungen alles Ernstes besprechen? Etwa: wie es um die christlichen Gemeinden stehe, ob sie gelehrte und geschickte Prediger in ihren Diöcesen haben, in welchem Zustande sich die Schulen befinden? Nein, von dem allem nichts, sondern von Jagden, Bauten, Steuern, Adelstiteln, hohen Ahnen und Reiten! Das sind ihnen die wichtigsten Gegenstände, über welche sie sich mit so ernster Miene berathen. Haben sie aber Verwandte, die einen innern Zug zum Studium der Theologie haben, so halten sie dieselben davon ab, während sie beim Anblick eines Schielenden oder Lahmen alsbald ausrufen: Das ist ein Theologe von Geburt!“ Sodann mahnt Jonas, mit welcher Gesinnung man zum Lesen der heiligen Schrift herantreten solle. Habe Quintilian bemerkt, man könne seine Fortschritte an nichts besser messen als an dem steigenden Wohlgefallen, das man an Cicero trage; so sage er, daß der die Theologie recht betreibe, der je mehr er nach Christo seufze, desto mehr in seinem Gewissen geängstet werde. Ein Hauptfeind des Studiums sei der Bauchgötzendienst; hieraus stammten alle anderen Fehler: Habsucht, Luxus, Wollust, Jähzorn, Haß und Parteisucht. Den Bauch aber mache man zu seinem Gott nicht nur, wenn man ein Feinschmecker, sondern auch wenn man ein Vielfresser sei. Ein voller Bauch studire nicht gern. In manchen Klöstern sei zwar das Fleischessen verboten, aber ganze Schiffsladungen von Fischen werden in ihnen verschlungen, die größten Fässer Weins geleert, „Heutiges Tags füllen und erweitern die meisten Klosterbrüder, wenn sie ihre Gebete hergemurmelt haben, ihren Bauch also mit Fischen, daß man glauben sollte, sie seien nur zum Essen geboren, nur zum Schlafen tauglich.“ Es gelte, dem Fleisch abzusterben, das Herz zu reinigen und allen irdischen Begierden zu entsagen, Jonas schließt mit einem begeisterten Loblied auf den Apostel Paulus: „Folgen wir dem himmlischen Lehrer Paulus. Denn dieser Paulus ist es, von welchem vor vielen Jahrhunderten der Dritte der Patriarchen, Jakob in der Nähe seines Todes weissagte: „„Benjamin ist ein reißender Wolf; des Morgens wird er Raub fressen, aber des Abends wird er den Raub austheilen.“„ Paulus ist jener junge Benjamite, der entzückt ward in das Paradies bis in den dritten Himmel und hörte unaussprechliche Worte, welche kein Mensch aussprechen kann. Er ist über die Fürsten Zebulon und über die Fürsten Naphtalim, er ist das Brüllen des Löwen aus dem Stamme Juda, er ist die Posaune des Evangeliums, er der reißende Strom der christlichen Beredtsamkeit, er der Donnerer der Heiden, er jener Herrscher des Erdballs, dem Rom sich unterwarf, dem das gelehrte Griechenland diente, der dem Apostelfürsten Petrus ins Angesicht widerstand. Er ists, der den Stolz der Juden brach, der die gelehrtesten Synagogen von Dan bis Berseba zum Schweigen brachte und die Philosophen Athens und alle Weltweisheit verachtete. Ihn nehmet mit den Galatern auf als einen Engel Gottes, wie Jesum Christum; seine ganz von Feuer flammenden Briefe leset und bewahret in einem seinen Herzen. Tausend Bibliotheken hat ausgelesen, wer nur den einzigen Paulus versteht.“

Es war wohl die Kunde von diesem glaubensmuthigen Auftreten, welche Luthern bestimmte, in einem am 21. Juni 1520 an Jonas geschriebenen Briefe diesem seine Freude und seinen Glückwunsch auszudrücken, daß er aus dem stürmischen Meere der menschlichen Rechtsgelehrsamkeit im Hafen der heiligen Schrift gelandet sei. Auch der Leipziger Professor Petrus Mosellanus schrieb am 5. August 1520: er wünsche vor Allem dem Paulus, dem Heerführer der Christen Glück, daß er den Jonas zum Erklärer bekommen habe post tot theologistas, sanctarum spripturarum enervatores verius quam enarratore;: dann der Erfurter Schule, welche, wenn Jonas so fortmache, größeren Ruhm erlangen müßte, als ihn einst Plato seiner Academie erworben hätte; endlich ihm selbst, daß ihm der heilige Geist in den Sinn gegeben habe, seine Gaben zu seinem und Vieler Heil anzuwenden; nur solle sich Jonas erinnern, daß er Maß halte und suche was zum Frieden dient: seditiosa oratio non minus mihi displicet quam seditio ipsa, quae semper, ut optime cadant omnia, plus mali secum quam honi apportat!

Jonas galt bereits für eine der ersten Zierden der Erfurter Hochschule. Ein Beweis von dem Vertrauen, welches man ebenso sehr in seinen Eifer für das Wohl der Universität als in seine Geschäftsgewandtheit setzte, war es auch, daß er im Jahre 1520 mit zwei älteren Professoren, Matthias Meuger und Bernhard Ebeling, als Abgeordneter der Academie nach Hildesheim gesandt wurde, um mit dem dortigen Probste Tilemann Brandis wegen einer von diesem beabsichtigten Stiftung zu unterhandeln, welche nach einigen Jahren unter dem Namen des Collegii Saxonici zu Erfurt ins Leben trat.

Unterdessen hatte die reformatorische Bewegung in Erfurt immer größere Ausdehnung gewonnen. Am 15. Juni 1520 war in Rom die Bulle gegen Luther ausgegangen, Eck war mit der Ausführung derselben beauftragt. Noch ehe der Inhalt der Bulle in Erfurt bekannt war, brachte sie die ganze Universität in fieberhafte Erregung, von welcher sogar die theologische Facultät angesteckt wurde. Eck galt als ein neuer Hochstraten, Cordus ließ seine Epigramme gegen ihn los, und die Theologen gaben eine runde abschlagende Antwort, als Eck sie aufforderte, die Bulle zu veröffentlichen. Eck begab sich drauf selbst nach Erfurt, um selbst die Bulle als päbstlicher Nuntius anzuschlagen. Die theologische Facultät kam ihm durch einen öffentlichen Anschlag zuvor, in welchem sie allen Freunden und Gönnern der christlichen und evangelischen Wahrheit kund that, daß nach längeren gottlosen Rathschlägen von einigen gottlosen Schriftgelehrten und Pharisäern, die sich fälschlich den Namen Theologen beilegten, auf Einflüstern des Satans der Beschluß gefaßt sei, ein Schreiben öffentlich anzuschlagen, das den hochgelehrten Martin Luther aus der Kirche ausschließe und der Hölle überantworte. Einhellig, ohne Ausnahme hätten aber sämmtliche theologische Lehrer der Universität erkannt und erklärten es hiermit nach reifer Ueberlegung unbedenklich, daß Martin bisher gut und christlich geschrieben habe, wenn anders bei den Propheten, Evangelisten und St. Paulus Wahrheit zu finden sei. Darum ergehe an alle Angehörige der Universität, welche Christum oder die mit seinem theuren Blut versiegelte Wahrheit liebten und denen das Heil ihrer Seele am Herzen läge, die Aufforderung, sich zu erheben, männlich für die Vertheidigung des Wortes Christi einzustehen, ja mit Händen und Fußen den wüthenden Verläumdern Luthers Widerstand zu leisten. Sobald jene tyrannische und mehr als teuflische Excommunication an dem Universitätsbrett angeschlagen sei, möchten sie männlich und unerschrocken, sei es in Haufen oder einzeln, beim hellen Tageslicht herantreten und jene dämonische Excommunication in Stücke zerreißen, auch auf jede andere Weise das gottlose Machwerk der Eckschen Partei verunehren und beschimpfen. Es sei Pflicht, jenes nichtswürdige Geschlecht der Pharisäer zu verfolgen, die jedes Mittel für erlaubt hielten, um den unschuldigen Vertheidiger der Wahrheit mit Schmach und Schande zu beladen, und sich dadurch den Dank des römischen Pabstes zu verdienen hofften. Doch sie und ihren Hirten erwarte gemeinsames Verderben, und das Schicksal, welches sie Luthern zugedacht, werde über sie selbst hereinbrechen. Solch eine kühne und unbesonnene Sprache hatte keine andere deutsche Universität in Luthers Sache geführt. Unbegreiflich müßte uns insbesondere erscheinen, daß selbst die älteren Mitglieder der Facultät diese Erklärung einstimmig unterschrieben, wüßten wir nicht aus der Geschichte, wie im politischen und kirchlichen Leben es Zeiten der Aufregung und Bewegung gibt, in denen auch die Ruhigsten von der Strömung der Geister gleich einem ansteckenden Nervenfieber mit fortgerissen werden. Ueberdieß mochte auch der persönliche Haß gegen den Executor der Bulle das Seinige zu diesem Beschluß beigetragen haben. Natürlich ließ sich die academische Jugend nicht schlecht finden, der Ermahnung ihrer Lehrer Folge zu leisten. Wie es scheint, noch ehe es nur zum Anschlagen der Bulle kam, belagerten die Studenten die Wohnung Ecks, so daß dieser kaum seines Lebens sicher war; die gedruckten Exemplare der Bulle wurden dem Buchdrucker entrissen, in Stücke zerrissen, beschimpft und ins Wasser geworfen: „sei es doch eine Blase (bulla), darum möge sie im Wasser schwimmen!“

Erfurt schien Luthers Sache zu der seinigen gemacht zu haben. Als im October 1520 Crotus zum Universitätsrector gewählt wurde, feierte die neue Richtung einen neuen glänzenden Triumph. Doch als ob Crotus ahnte, wie schnell der Glanz Erfurts wieder erblassen sollte, verewigte er das Gedächtniß jener Tage, indem er seinem Rectoratsbericht in der Universitätsmatrikel eine ebenso geschmackvoll als sinnreich gefertigte, mit heraldischen Farben versehene Wappentafel zur Seite setzen ließ. Sie enthält die Wappen der hervorragendsten Mitglieder des eobanischen Bundes und jener Männer, die in einem besonders nahen und einflußreichen Verhältniß zu demselben standen. In der Mitte befindet sich des Crotus eigenes Wappen: ein aus blauen Wolken hervorgehender goldener Arm, mit einem schwarzen, mit Gold beschlagenen Jägerhorn. Oben thront Eobans weißer Schwan mit schwarzem Schnabel und Füßen, rechts aufwärts gegen blaue Wolken aufblickend, im goldenen Felde. An den vier Ecken der Tafel sind die Wappen der vier großen Lehrer in etwas vergrößertem Maßstab angebracht: Reuchlins rother Adler mit Flammen, Mutians rothe Rose mit hervorstehenden grünen Kelchblättern, Erasmus‘ goldene Terminussäule und Luthers weiße Rose mit hervorragenden grünen Kelchblättern, in der Mitte ein rothes Herz mit einem goldenen Patriarchenkreuze. Rechts und links von Eoban sind die Wappen Ulrich von Huttens: zwei linksgehende rothe Schrägbalken in goldenem Felde; Justus Jonas‘: ein blauer Wallfischkopf, der einen natürlich gefärbten Menschen auszuspeien scheint, in goldenem Felde; des Justus Mucius: ein goldenes Monogramm aus den Buchstaben X P, unten in einen Pfeil geendigt; Philipp Melanchthons: ein goldenes Kreuz, um das sich eine Schlange windet, im blauen Felde; Joachim Camerarius‘: drei schwarze Raben in silbernem Felde; Johann Lange’s: ein weißes Kaninchen, das zwischen natürlich gefärbten Felsen rechts aufwärts hervorspringt, in rothem Felde; Adam Crato’s: ein brauner Weinstock mit grünem Laube und Trauben im goldenen Felde; Heinrich Eberbachs: ein schwarzer, links aufspringender Eber in goldenem Felde; Johann Draco’s: ein schwarzer Drache in goldenem Felde; Urbanus Regius‘: ein goldener rechtsgehender Schrägbalken mit den Buchstaben C M T. (Christus Mundus Transigit) und in jedem Winkel eine weiße Rose im goldenen Felde; und Georg Forchheims: ein schwarzes Monogramm aus den Buchstaben G. P. in goldenem Felde. Welch‘ eine Gallerie von Helden des Geistes, welch‘ eine Elite von Vorkämpfern der Wahrheit aber wie kurze Zeit währt es, daß sie friedlich neben einander stehen, wie bald zerstreut sie das Geschick und der verschiedene Zug der Geister!

3. Ruf nach Wittenberg.

Der Probst an der Allerheiligenkirche zu Wittenberg Henning Göde war am 21. Januar 1521 gestorben. Der Kurfürst wandte sich an Mutian, den Kanonicus von Gotha, durch welchen er bereits im Jahre 1508 Spalatin an seinen Hof bekommen hatte, daß er ihm für eine tüchtige Besetzung der ansehnlichen und einflußreichen Stelle bedacht sei. Er schrieb am 12. Februar an Mutian: „Wenn du selbst diesen Ruf annimmst, erweisest du uns einen sonderen Gefallen, Beharrst du aber in deinem seligen Stillleben, so leiste uns wenigstens den Dienst, uns einen geeigneten Mann für die erledigte wichtige Stelle in Vorschlag zu bringen. Weil uns von mehreren Seiten Jodocus Jonas empfohlen wird, so bitten wie dich, falls du gleichfalls denselben diesem Posten gewachsen erachtest, ihn in Möglichster Bälde zu dir zu rufen und ihn auszuforschen, ob er geneigt sei, in die Stelle Gödes einzutreten und als ordentlicher Professor die Lection des kanonischen Rechts zu übernehmen.“ Schließlich wird Mutian ersucht, die Unterhandlungen mit Umsicht und Treue und heimlich zu führen und sogleich zu antworten. In der gleichen Richtung schrieb auch Spalatin an Mutian. Dieser antwortete am 1. März: „Wir haben Jonas gewonnen. Ein solcher Nachfolger Hennings sollte überall in Deutschland gesucht und um jeden Preis herbeigelockt werden: so ist er in der Theologie zu Hause, so im Rechte bewandert, so in seinem Wandel unsträflich, daß er nie genug nach Verdienst gelobt werden kann. Seine Predigten sind bei der Gemeinde so beliebt, daß die Kirchen voll sind, ihn zu hören; seine Vorlesungen werden von den Studenten so geschätzt, daß sie schaarenweise herbeiströmen. Er ist dem ehrwürdigen Vater Staupitz wohl bekannt, dem Herrn Martin sehr theuer. Was bedarfs vieler Worte? Er liebt Wittenberg und wird gern den Wohnsitz in Erfurt vertauschen, um zu den Wittenberger Kanonikern zu übersiedeln, sobald es deiner Gnade gefällt. Eine solche Zierde der Kirche und Schule werden die Lehrer und Studenten mit der größten Anerkennung aufnehmen. Ich bin versichert, daß eine große Menge Volks zu dem Prediger Christi, als wäre er ein zweiter Luther, herbeiströmen wird. Ich danke Gott, der uns oder vielmehr deiner Hoheit einen solchen Mann geschenkt hat, der jedes Bisthums würdig ist. Ich dachte auch an Erasmus; aber Erasmus schreibt nur; dieser unser Jonas nützt mit seinem mündlichen Wort Allen. Ihn schlage ich als den geeignetsten Probst in aller Treue vor.“

Ehe die Unterhandlungen mit Jonas zum Abschluß gekommen waren, zog Luther auf seiner Reise nach Worms in Erfurt ein. Es war der sechste April. Die großartigsten Vorkehrungen waren für seinen festlichen Empfang getroffen. Eoban rief der Stadt zu: „Nun frohlocke, erhabenes Erfurt, bekränze mit festlichem Laubwerk dein Haupt, denn siehe, es kommt, der dich vom Schmutze reinigt, unter dem du so lange geseufzt.“ Jonas war dem Reformator schon bis Weimar entgegengeeilt, um allein und vertraulich mit ihm über seine Berufung nach Wittenberg reden zu können. Die Universität holte Luthern im Festzuge, vierzig Mann zu Pferde, an der Spitze der damalige Rector Crotus, gefolgt von einer zahllosen Menge Fußgänger in Nohra, an der Grenze des damaligen erfurtischen Gebietes ein. Crotus begrüßte den willkommenen Gast als den Rächer der Treulosigkeit und versicherte, kaum könnte ihnen ein Besuch der Himmlischen werther sein als der seinige. Auch Eoban stammelte einige Worte des Entzückens, und langsam bewegte sich der Zug durch die überfüllten Straßen der Stadt. Straßen, Thüren, Dächer und Mauern waren mit Menschen besetzt. Luther stieg im Augustinerkloster ab, wo ihn zwar Dr. Barthol. Arnoldi von Usingen mit steifer Kälte, aber der Prior Dr. Johann Lange desto herzlicher aufnahm. Auf dringendes Begehren hielt er am andern Morgen, dem Sonntag Quasimodogeniti, in der Kirche seines Ordens eine Predigt über das Evangelium des Tages. Das Volk strömte so zahlreich herzu, daß Viele in der Kirche keinen Platz fanden. Er predigte gegen die Werkgerechtigkeit: „Es seyn wohl dreitausend Pfaffen, unter denen man vier rechter nicht findet; Gott erbarme sich über den Jammer!“ Das größte Unglück, das in der Welt sein mag, sei, daß man die Leute dahin richte, daß leibliche Werke können selig oder fromm machen. Die Predigt war sehr ruhig gehalten mit Vermeidung aller Anspielungen auf die Erfurtischen Zustände, wurde aber nachher vielfach mißdeutet und verdreht. Als während derselben auf einer überfüllten Emporkirche Geräusch entstand, als wollte dieselbe zusammenstürzen, redete Luther der Gemeinde zu, sie sollte sich an solches Wesen, das ein teuflisches Spiel sei, nicht kehren, noch in ihrer Andacht sich irre machen lassen, wie er denn auch seine Predigt beendigte, ohne daß ein Unglück erfolgt wäre. Eoban versicherte, weder Demosthenes, noch der Beherrscher des römischen Forums, noch Paulus der Apostel hätten die Gemüther so ergriffen, als Luthers Predigt an den Ufern der Gera. Zwei Tage verweilte Luther in der Stadt; die Universität veranstaltete ihm zu Ehren ein Festessen; der Stadtrath überhäufte ihn mit Ehrenbezeugungen. Als er am 8. April abreiste, gab ihm die Stadt den lanzenkundigen Stadthauptmann Hermann von Hoff als Begleiter mit, Justus Jonas gesellte sich ihm bei und blieb in Worms, so lange Luther dort verweilte. Crotus war durch sein Rectoramt an Erfurt gebunden, gab aber mit Eoban Luthern mehrere Stunden weit das Geleite. Letzterer rief ihm nach: „Denke du auf die römischen Ränke, die Schmach des Erdkreises. Das große Deutschland wird für dich in den heiligen Kampf treten. Ziehe hin und fürchte dich nicht. Ist dir schon auf deiner Hinfahrt das Glück so hold, so wird noch viel glänzender der Ruhm deiner Heimkehr seyn.“ Am 16. April kam Luther mit seinen Begleitern in Worms an: Euricius Cordus verherrlichte seinen Einzug durch ein Gedicht; Ulrich von Hutten auf der nahen Ebernburg sprach „dem unüberwindlichen Evangelisten, dem heiligen Freunde“ Muth zu und schrieb gleichzeitig an Jonas, ihm zu seiner Begleitung Luthers Glück zu wünschen. Wenn er Jonas schon vorher geliebt habe, so liebe er ihn um dieses Schrittes willen noch hundertmal mehr; er solle muthig und unerschrocken sein, Gott werde ihn gegen die Ränke der Feinde schützen.

Kaum war Luther aus den Thoren Erfurts hinausgezogen, als sich auch der verhaltene Grimm der Priesterschaft über diesen ehrenden Empfang Luft machte. Ein schweres Aergerniß war es ihnen zumeist, daß zwei Mitglieder des Severistifts an der festlichen Bewillkommnung des Gebannten sich betheiligt hatten. Der Eine derselben, Jonas, war auf dem Wege nach Worms, um so empfindlicher sollte der Andere, Johannes Draconites, gezüchtigt werden. Die Vorgesetzten beider Capitel, der Domdechant Wiedemann und der Dechant des Severistifts Doleatoris faßten den Beschluß, die beiden ungetreuen Canoniker als excommunicirt zu betrachten und nicht ferner zur Verrichtung ihrer Amtsfunctionen zuzulassen. Als Draconites am Tag der Abreise Luthers zur gewöhnlichen Stunde im Chor erschien, um in seinem Ornat die Horas zu singen, sah er sich plötzlich von seinem Dechant Doleatoris überfallen, der ihm seine Kleidung über den Kopf wegzog und ihn mit den Worten zum Chor hinausstieß: Er sei mit samt dem Luther in dem Bann. Der Gekränkte rief die Hülfe der Universität an, deren Mitglied er war. Schnell verbreitete sich die Kunde von dem Geschehenen unter der studirenden Jugend, die noch von den letzten Festtagen ohnedem in Aufregung war, und das „Pfaffenstürmen“ begann. Der nachherige Superintendent zu Dresden, Daniel Greser, selbst ein Augenzeuge, gibt von diesem Tumult folgenden Bericht: „Dieweil ich zu Erfurt in die Schule ging, machten die Studenten einen Aufruhr und stürmten die Pfaffenhäuser um die Cavata und unser lieben Frauen und Severikirche herum, schlugen alle Fenster aus, stießen in den Stuben die Oefen ein, verderbten allen Baurath, ohne Schüsseln und Kannen, zerspalteten die köstlichen und vermosirten Tische und warfen die Stück alles dessen, so sie verderbt hatten, auf die Gasse hinaus sammt allem, was zu essen diente, als Butter, Speck, Erbes, Eier. Brod, Käse, daß die Leute genug hatten aufzulesen und heimzutragen. Da die Taglöhner und Weinhacker, so den mehreren Theil Franken waren, solch der Studenten Stürmen gewahr worden, geselleten sie sich zu ihnen und halfen umbringen und verderben, was sie vermochten, schlugen auch die Kellerthüren auf mit der Axt, dazu sie nur einen Schlag und das Wort Hephata brauchten, soffen Wein und Bier aus; was sie zu saufen nicht vermochten, stießen sie den Fässern die Böden aus, ließen das Getränk, Wein und Bier in Dreck laufen und übel umkommen, daß es niemand zu Nutz kam. Sonderlich thaten sie am Bettgewand großen Schaden, denn sie schnitten die Bettzügen auf und schütteten die Federn zu den Fenstern hinaus, daß die über ganz Erfurt flogen, daß man den Himmel nicht mehr sehen konnte, und gleich ein Ansehen hatte, als wenn es dick schneiete, denn auch der Erdboden weiß, als wenn es einen Schnee gelegt hätte, mit Federn bedeckt war.“ Da von Seiten der städtischen und akademischen Behörden kein ernstliches Einschreiten gegen diese Unordnung erfolgte, so wiederholten sich schon im Mai ähnliche Gewaltthätigkeiten gegen die Geistlichkeit, noch ungezügelter in den Tagen vom 10. bis 12. Juni. Schon im Mai hatte Luther an Melanchthon geschrieben: „Wenn es auch gut ist, daß jene unverbesserlichen Bösewichter gestraft werden, so bereitet doch ein solches Verfahren unserem Evangelium Schande und gerechte Vorwürfe. Ein solches Wohlwollen der Menschen gegen mich betrübt mich sehr. Wir sehen daraus deutlich, daß wir vor Gott noch keine würdige Diener seines Wortes sind, und daß der Teufel über unsere Bemühungen lacht und spottet.“ Im Juli schreibt er an Spalatin: „In Erfurt hat der Satan uns nachgestellt, um die Unsrigen in böses Geschrei zu bringen, aber er soll nichts ausrichten: das sind nicht die Unsrigen, die Solches verüben. Da er nun der Mehrheit nicht Widerstand leisten kann, so beabsichtigt er, sie durch den thörichten Eifer der Thoren gegen uns in Verruf zu bringen. Mich wundert, daß der Rath der Stadt dieses duldet.“ Die Folge dieser Pfaffenstürme war der schnelle Verfall der Universität Erfurt, welche mit dem Besuch Luthers den Höhepunkt ihrer Blüthe erreicht hatte. Der Gelehrtenbund Eobans löste sich auf: Crotus siedelte nach Fulda über, wohin ihm Crato und Bonaemilius bald folgten; Draconites ging erst nach Nordhausen, dann nach Wittenberg, wo wir schon im Sommer 1521 außer Jonas auch mehrere andere Erfurter Lehrer finden, alle froh, der stürmischen „Charybdis“ entkommen zu sein. Ende Juli verließ auch Camerarius „die durch Zwietracht und Aufruhr zerrüttete“ Stadt, um sie nach kurzem Besuch in Bamberg mit Wittenberg zu vertauschen. Ihm folgte auch Forchheim. Mit schwerem Herzen sah Eoban dem zersprengten Dichterbunde nach: er war ein König ohne Land, Jonas war nicht Augenzeuge dieser Schreckensscenen Erfurts; sie mußten, wenn er in Betreff des an ihn ergangenen Rufes nach Wittenberg noch unschlüssig war, ihm die Lostrennung von der Stätte seines bisherigen Wirkens erleichtern, während andererseits Luthers muthiges Auftreten in Worms ihm das Herz abgewann, sich ganz der evangelischen Sache hinzugeben. Von diesem Entschluß vermochte ihn auch nicht ein Schreiben des von ihm hochverehrten Erasmus abzubringen. Als dieser gehört hatte, in welchem Sinne Jonas seiner Ermahnung zum Studium der Theologie nachgekommen wäre, warnte er ihn vor Luther, der seine Sache zu rauh und tumultuarisch betreibe und durch den angeregten kirchlichen Streit den schönen Wissenschaften so viele gute Köpfe entziehe. Eine Antwort des Jonas ist nicht erhalten; es scheint, daß mit diesem unbeachtet gebliebenen Schreiben der früher lebhafte briefliche Verkehr zwischen beiden Männern ganz ins Stocken gerathen sei, obschon Jonas die dankbare Verehrung für die wissenschaftlichen Leistungen des Erasmus stets bethätigte und lange nachher sich noch Mühe gab, Luthers Eifer in seinen Streitschriften gegen Erasmus zu mäßigen.

In Worms gediehen die Unterhandlungen, welche wohl persönlich vom Churfürsten von Sachsen oder dessen Räthen mit Jonas geführt wurden, schon zu einem vorläufigen Abschluß: Jonas begleitete Luthern auf seiner Heimkehr von Worms bis nach Eisenach, wo sich Alle seine Reisegefährten außer Amsdorf von dem nach Möra ziehenden Luther am 2. Mai verabschiedeten. Wie es scheint, setzte Jonas mit den übrigen Reisebegleitern den Weg nach Wittenberg fort, um sich hier vor Allem mit Melanchthon über seinen neuen Beruf zu berathen. Daß nemlich mit der ihm angebotenen Probststelle die Professur des kanonischen Rechts verbunden war, erregte ihm große Bedenken; eher wollte er auf die Würde eines Probstes verzichten, als das Lehramt dieser Wissenschaft antreten, welche sich in seinen Augen längst selbst überlebt hatte. Andererseits hatte die Universität Wittenberg von ihrer Entstehung an gerade auf diese Disciplin ein besonderes Gewicht gelegt: der Lectionskatalog von 1509 führt nicht weniger als sieben Lehrer des päbstlichen Rechtes auf! Henning Göde, dessen Stelle ersetzt werden sollte, war als Canoniker in ganz Dentschland berühmt, der „Monarch der Juristen“ genannt und hatte bis zu seinem Tode mit aller Starrheit das päbstliche Recht und die bei den Kirchenrechtslehrern herkömmlichen Quellen und Autoritäten gelehrt, als ob nicht Luther das kanonische Recht samt der Bannbulle ins Feuer geworfen hätte. Schon im Jahr 1520 hatte Luther es für wohlgethan erklärt, daß das geistliche Recht vom ersten bis zum letzten Buchstaben, insbesondere die Decretalen, ausgetilgt werde: fände sich auch viel Gutes darin, so sollte es billig schon deshalb untergehen, weil derzeit das Studiren darin unnütz und nur Betrug sei, indem der Pabst seine Willkür darüber erhebe und sich selbst nicht daran binde. Während aber schon dieses das kanonische Recht in Mißachtung bringen mußte, daß es vom Pabst und den Reformatoren gleicher Weise außer Curs gesetzt war, so kam dazu die hergebrachte Art der Behandlung dieser Wissenschaft, welche ihr alles Recht auf den Namen einer Wissenschaft nehmen mußte. Wie sich die Theologen um die Bibel nicht kümmerten und sich fast nur mit den Büchern der Sentenzen abgaben, so studirte man auch das römische Recht nicht aus den Quellen mit philosophischer und grammatisch-historischer Methode, sondern aus den Werken der latein-barbarischen Glossatoren, indem man es nach Art der Scholastiker in speculativen Quästionen und Disputationen behandelte und dabei den Sachwalter des Besitzes des Pabstes und des Clerus machte. Jonas selbst sagt in seiner Erklärung der Apostelgeschichte, als er von dem Zustand der apostolischen Kirche redet: „Wie fast sich aber diese Gestalt der christlichen Kirche mit den Decretalen reimt und gleichstimmt, welche Decretal von den Mänteln, Zinsen, Hengsten und Jagdhunden der Bischöfe Fürsehung thun, das geb ich den Romanisten und Papisten zu errathen.“

Melanchthon billigte vollkommen den Widerwillen, welchen Jonas gegen die Lection des kanonischen Rechts hegte, aber er gab den klugen Rath: Jonas solle erst die ihm vom Churfürsten angebotene Stelle antreten, um dann sofort um die Enthebung von der Professur des kanonischen Rechts zu bitten. Dies geschah. Am 6. Juni 1521 wurde der Probst feierlich in sein Amt eingesetzt. Schon am folgenden Tag schrieb Melanchthon einen Brief an Spalatin, welchen Jonas selbst an seine Adresse beförderte, und aus welchem wir Folgendes mittheilen: „Gestern wurde unser Jonas installirt. Noch ist Ein Bedenken übrig, und es ist unsere Aufgabe, auf jede nur mögliche Weise Jonas, diesen frommen und fromm gelehrten Mann uns zu erhalten. Das ist aber unausführbar, wie ich mich aus seinen eigenen Worten überzeugt habe, wenn er das päbstliche Recht lehren soll. Du mußt dich also vorsehen, daß wir um einer so gleichgiltigen Sache willen nicht einen solchen Mann verlieren; denn wenn wir uns ihn aus irgend einem Grunde entführen ließen, so müßten wir weder Verstand noch Augen haben. Die Akademie konnte keinen tüchtigeren Mann erwerben; sehen wir das nicht ein, so mag uns niemand für klug halten. Ich weiß, daß wir dir dieses Glück verdanken, aber du hast dein Werk nicht vollendet, wenn du ihn uns nur zeigst, ohne ihn bei uns zu halten. Auch ist die Sache leicht zu bewerkstelligen, wenn du nur willst. Nicht an der Möglichkeit, sondern einzig an deinem Willen müßte ich zweifeln. Warum sollte die Vorlesung des päbstlichen Rechts nicht in eine theologische verwandelt werden? Erheischt doch selbst die Rücksicht auf die Präbende eher einen Theologen als einen Rechtsgelehrten, da dem Probst so viele Kirchen untergeben sind. Welchen großen Schaden diese durch die Unwissenheit und Unfrömmigkeit ihrer Vorgesetzten erleiden müssen, kann ich nicht leicht auszählen. So oft Henning, sonst ein braver, aber mit der christlichen Lehre weniger vertrauter Mann, über eine christliche Frage angegangen wurde, achtete er jedes Wort über Reformation der Kirche für Scherz und Posse. Ich weiß es, da ich selbst dabei betheiligt war, wie er das Amt der Geistlichen für nichts Ernstes achtete. Wie viele Ehebrüche, Wucher und Aehnliches wurden ihm klagend vorgebracht, während er meinte, einem Geistlichen liege nichts weniger ob, als die Besserung der Bürger. Er wähnte, um die Kirche stehe es gut, wenn nur das Volk reichlich zahle und die Priester fett würden. Das sage ich nicht in böser Absicht, am Wenigsten gegenüber einem Verstorbenen, sondern nur um auf das Ungereimte aufmerksam zu machen, das darin liegt, wenn man Rechtsgelehrte über die Kirche setzt. Ferner könnte ich nicht verstehen, warum nicht auch der Fürst einen Theologen zum Probst wünschen sollte, da er weiß, daß von ihm das Blut der Seelen, die verloren gehen, gefordert wird.“ Zugleich drückte Melanchthon den Wunsch aus, es möchte Crotus an eine der beiden Stellen von Lupinus oder Carlstadt berufen werden. Nicht ohne Schwierigkeiten wurde die Vertauschung des juristischen mit einem theologischen Lehramte durchgesetzt; der schon von Melanchthon angedeutete Vermittlungsvorschlag wurde endlich genehmigt: Jonas ward der theologischen Facultät beigetheilt und mußte einem Docenten, welcher für ihn das kanonische Recht vortrug, zwanzig Gulden jährlich von den Einkünften der Probstei abtreten. Jonas siedelte nun ganz von Erfurt nach Wittenberg über; obgleich der Besitz mehrerer Präbenden an verschiedenen Orten damals etwas ganz Gewöhnliches war, ließ er es sich ruhig gefallen, daß ihm als einem Gebannten die Erfurter Stiftspräbende entzogen wurde. Luther war über die Gewinnung des Jonas für Wittenberg hoch erfreut. Schon zwei Tage nach der Einsetzung des neuen Probstes schrieb er demselben, ihm seine Schrift gegen Jacob Latomus widmend und ihm zugleich zu seinem neuen Amt Glück wünschend. Da er voraussetzt, daß Jonas das kanonische Recht zu lehren habe, heißt er ihn lehren, daß das zu verlernen sei, was er lehre. Zum Schluß ruft er ihm zu: „Fasse Muth und sei stark, fürchte jenen Baal-Phogor nicht, der kaum ein Baal-Zebub ist, d. h. ein Fliegenmann, vorausgesetzt daß wir glauben“ Wie wohl sich Jonas selbst in seiner neuen Stellung fühlte, zeigt sein Brief an Eoban „So bin ich denn mit all dem Meinigen nach Wittenberg übersiedelt. In einem kleinen Städtchen fand ich unglaubliche Schätze nicht bloß der Wissenschaften, sondern aller Dinge. Gewiß ist das Erfurter Gymnasium im Vergleich zu der Wärme, mit welcher hier den Studien obgelegen wird, kalt.“ Jonas bewarb sich nun um die höheren akademischen Würden bei der theologischen Facultät, in welcher er noch in demselben Jahr am 24. September die Licentiaten- und am 14. October die Doctorwürde erlangte. Mit ihm zugleich wurde wiederum sein Jugendfreund, Tilemann Platner, welcher damals für den Grafen Wolfgang von Stolberg und Wernigerode das Prorectorat der Universität führte, der nachmalige Reformator von Stolberg und Quedlinburg, promovirt. Die Erfurter Freunde waren etwas befremdet, daß Jonas sie nicht zu dieser Feier eingeladen habe; er erwiederte dem treuen Freund Lange, er habe sich den Schein einer Großthuerei, seinen Freunden die Gefahren und Beschwerden der Reise ersparen wollen und darum die Sache beschleunigt. Hoch erfreut schrieb Mutian an Jonas, er habe zu seiner großen Befriedigung vernommen, daß Jonas das Gewandt, die Insignien und Würden der Theologen empfangen habe, und wünsche, daß das durch seine Vermittlung begonnene Werk einen gedeihlichen Fortgang habe. Der fromme Wunsch ging glücklich in Erfüllung.

4. Durchführung der Reformation in Wittenberg.

Der Mann, dessen Nachfolger Jonas in Wittenberg wurde, war der hartnäckigste Gegner der in der Stadt und besonders beim Stift begonnenen Reformation gewesen. Zwar befanden sich unter den damaligen Mitgliedern des Collegiatstifts an der Allerheiligen-, Stifts- oder Schloßkirche zu Wittenberg Männer wie Andreas Bodenstein von Carlstadt und Nicolaus von Amsdorf, welche sich bereits offen für die Sache der Reformation erklärt hatten: aber unter Gödes starrem und zähem Festhalten am Hergebrachten war doch im Ganzen die in der römischen Kirche gewohnte Verfassung mit allen dazu gehörigen Ceremonien unverändert beibehalten worden. Luther selbst wollte in der Kirche nichts schaffen, noch weniger etwas Neues der Gemeinde aufdrängen; mit aller Strenge beschränkte er sich auf die Grenzen, die einem Diener des Worts gezogen sind, diesem Wort vertrauend, daß es am rechten Ort auch die rechte That vollbringe. Je mehr bei ihm selbst der neu errungene Standpunkt nicht das Resultat des Wissens, sondern des Gewissens war, desto zarter erzeigte sich auch sein Gewissen gegen Andersdenkende, ihnen durch Gewissenszwang kein Aergerniß zu geben. Anders war das Verhalten derer, welche sich nicht durch Gewissensängste zur evangelischen Freiheit hindurchgerungen, sondern durch den Prozeß des Denkens der Sache des Evangeliums sich genähert hatten. Die Humanisten kannten die Rücksicht, die man irregeleiteten Gewissen schulde, nicht; sie sahen im Schooß der römischen Kirche nicht noch einen Rest des Glaubens, von dem es heißt: Verdirb ihn nicht, es ist ein Segen darin! sondern bloß Aberglauben, finsterste Unwissenheit; darum beobachteten sie mit ihrem Wissen nicht die gleiche Schonung, welche einem Luther die Rücksicht auf die Gewissen zur Pflicht machte.

Als Jonas seine neue Stelle in Wittenberg antrat, war eben die Schranke gefallen, welche bisher Göde und Luther mit kräftigem Arm, wenn auch aus ganz verschiedenen Beweggründen, den Drängern und Stürmern entgegengesetzt hatten: die der evangelischen Sache im Herzen zugethanen Canoniker und Ordensbrüder fühlten sich durch Göde’s Tod des Zwanges entledigt, welchen dessen amtliche und persönliche Geltung bisher auf sie ausgeübt hatte; ein Carlstadt, der sich von der Autorität des Heros Luther bisher beengt und gedrückt gefühlt hatte, glaubte mit Luthers Zurückgezogenheit auf der Wartburg sei die dem Thatendurstigen günstige Zeit angebrochen, und war darum in der Mitte des Juni 1521 aus Kopenhagen nach Wittenberg zurückgeeilt, wo er schon am 19. Juni wider den Cölibat zu disputiren beginnt. Das war die schwierige Stellung, in welche sich Jonas bei seinem Amtsantritt hineinversetzt sah; für das ganze Reformationswerk war überaus viel daran gelegen, wie der neue Probst sich seiner Aufgabe entledigte. Jonas selbst war aus dem Heerlager der Humanisten herübergekommen; von inneren Kämpfen, unter denen er sich gleich einem Luther zum Glauben hindurch gebetet hätte, wissen wir nichts; andererseits hatten die jüngsten Vorgänge in Erfurt ihn zu Vorsicht und Behutsamkeit gemahnt, und der bedächtige Melanchthon stand ihm zur Seite; Jonas selbst hatte nicht bloß humanistische, sondern auch Rechtsstudien hinter sich, durch welche er Maaß halten gelernt hatte, und darum alles unvermittelte Brechen mir dem Bestehenden fürchtete. Er eilte, aber mit Weile: ließ er sich auch einen Augenblick vom Strome der öffentlichen Stimmung weiter fortreißen, als Luther wünschte, so that er doch demselben ebenso kräftigen Einhalt, als er die Grenzen des Rechts zu durchbrechen drohte; nicht Carlstadts unruhiger Poltergeist, sondern das Ringen und Sehnen der Gemeinde waren für ihn maßgebend. Außerdem ist hervorzuheben, wie Jonas von Anfang an die Reformation sehr bestimmt als eine deutsche Nationalsache, als einen Kampf der deutschen Unabhängigkeit von dem Fremdenjoch Italiens auffaßt. An Capito schreibt er am 1. Januar 1522 hocherfreut über die leider nur augenblickliche Zuneigung des Cardinals Albrecht von Mainz zur evangelischen Sache, und hoffend, daß andere deutsche Kirchenfürsten diesem Beispiel folgen würden: „Was gehen uns die Italiener an, deren Gottlosigkeit mehr als offen zu Tage liegt? Suchten sie doch gemäß ihrer angestammten Habsucht und Gottlosigkeit niemals uns, sondern das Unsrige, während sie sich um das, was Christi ist, in wildem Rausch nicht kümmern. Setze den Fall, daß alles Gold Deutschlands, nach dem sie allein begehren, mit einem Mal nach Italien abgeführt sei, und es wäre ein Wunder, wenn sie sich auch nur im Geringsten um uns kümmerten und auch nur wissen wollten, wo Deutschland liege oder was für ein Volk das der Deutschen sei. Schauerlicher aber und schwärzer als das schwarz Meer ist die Verblendung unserer Fürsten, unbegreiflich der Eigensinn und Unsinn Anderer, welche, nachdem sie so oft und schwer betrogen, ausgebeutelt und ausgeplündert worden sind, nachdem ihnen die Haut vom Leibe gezogen war und sie für Baumstämme und Steine von den Italienern geachtet wurden, noch nicht erkennen wollen, daß der römische Bischof auf’s Schamloseste und mit der Frechheit einer feilen Dirne nur Gold haben will. Daß der Primat des römischen Bischofs nach göttlichem Recht nicht bestehen kann, ist außer Zweifel und braucht keines Beweises; wenn ich aber auch zugäbe, daß der Pabst durch die Zustimmung der Bischöfe und der römischen Kirche oder des römischen Reichs den ersten Rang unter den Bischöfen einnehme, warum muß denn der Mainzer Stuhl, so oft ein neuer Erzbischof eingesetzt wird, Goldthaler bezahlen? Hat der Pabst ein Recht, unter einem so lächerlichen Vorwand den Deutschen so viel Geld abzuführen? Wer müßte nicht sehen, daß Rom ein gähnendes Grab ist und ein unausfüllbarer Schlund, in welchem die Häuser der Wittwen und Waisen verschlungen werden. Wenn es ja sein soll, daß ihm bei der Neuwahl eines Bischofs als Lohn für seine Aufsicht Geld erlegt wird, wäre es nicht genug, wenn der Mainzer Bischof 1000 oder 600 Gulden bezahlte? Aber der höllische Schlund und die teuflische Grausamkeit der Romanisten hat keine Grenzen. Verlangt den Pabst so sehr, für uns Sorge zu tragen und aller Kirchen zu warten: kann er denn nicht auch ohne Geld unser gedenken? O unsere blinde, blindeste und dreimal verblendetste Blindheit, o ihr unersättlicher Schlund! Nichts bleibt übrig, als daß sie, wenn sie unsere Leiber verkauft haben, um den Preis unseres Bluts und unserer Eingeweide ihre Haut weichlich pflegen und ihrer Unzucht fröhnen. Nenne man immerhin auch die schwerste Tyrannei, so lange sie noch ein Maaß hat, erträglich; aber dieß ist teuflischer als der Teufel selbst. Ich kanns nicht mit Worten ausdrücken, wie michs auf die Seele brennt und martert, daß sie uns also für Felsblöcke achten!“ Im ganzen Reich des Pabstes sah Jonas nichts Gesundes; mit Allem, was an Abhängigkeit von demselben erinnerte, zu brechen galt ihm als Pflicht.

Die Bewegung nahm im Augustinerkloster zu Wittenberg ihren Anfang. An der Spitze der Unzufriedenen stand ihr Prediger Didymus, welcher gegen die Anbetung des Sacraments des Altars, gegen das Messehalten eines Einzigen, gegen den Zwang zum Lesen von Stillmessen und für die Feier des Abendmahls unter beiderlei Gestalt gepredigt hatte. Da der Prior Helt jede Abweichung vom bisherigen Ritus verbot, weigerten sich die Mönche ferner Messe zu halten, so daß der Meßgottesdienst im Augustinerkloster ganz eingestellt war. Da dieß in der Stadt Aufsehen erregte, schickte die theologische Facultät am 8. October 1521 eine Commission zur Unterhandlung mit den Mönchen, in welcher neben Carlstadt der Probst Jonas, Feldkirch und Melanchthon saß. Die Verhandlung führte zu keinem Resultat; Universität und Capitel mißbilligten das Unternehmen der Mönche, doch gab man ihnen in der Lehre Recht, ausgenommen die zwei Punkte: 1) daß sie die Anbetung des Sacraments für unerlaubt halten, 2) daß sie die Beobachtung des alten Meßritus für moralisch unmöglich erklärten. Im Auftrag des Churfürsten erschien nun Kanzler Dr. Georg Brück und ersuchte das Kapitel und die Universität, abermals mit den Augustinern zu handeln, damit nichts vorgenommen werde, „woraus Beschwerung erfolgen möchte.“ Es wurde ein Ausschuß von der Universität niedergesetzt, der den 12. October Morgens 7 Uhr auf’s Neue zu den Mönchen gehen, mit ihnen handeln und namentlich über den Inhalt der Predigt des Magister Didymus Untersuchung anstellen, Rechenschaft fordern und zu vorläufigem Innehalten mit den Neuerungen ermahnen sollte, bis Bescheid vom Ordensvicar eintreffe, oder „bis die Ding in der Universität baß disputirt und beredt seyn würden“. In diesem Ausschuß saßen der Vicerector, Jonas, Carlstadt, Feldkirch, Amsdorf, Tilemann Platner, Melanchthon und Christian Beyer. Sie stellten ihr Gutachten in einem Schreiben vom 20. October an den Churfürsten: den Augustinern wird zwar in ihrer Polemik gegen Opferritus, Todtenmessen und das mechanische tägliche Meßlesen („denn es ist unmöglich, daß auch ein frommer Priester so oft Lust und Liebe habe, Meß zu halten, als oft er darzu durch die Fundation verbunden und verpflichtet ist“) Recht gegeben, auch die Communion unter beiderlei Gestalt wird gefordert, ja selbst die öffentliche Feier durch die ganze Gemeinde gewünscht; aber dann wird gesagt: „daß sie aber anzeigen, es solle keiner allein communiciren, schleußt nicht fest,“ es sei zwar dieser Brauch ein Anhaltspunkt für die andern Mißbräuche und falsche damit sich verbindende abergläubische Vorstellungen, aber man müsse in diesem Stück mit den Schwachen Geduld haben, bis sie besser im Worte Gottes unterweiset werden; „daß sie auch anzeigen in der Ursachen, daß Christus in dem Abendessen ihrer vielen seinen Leichnam gegeben hat, ist eine Geschichte, kein Gesetz, noch Gebot.“ Zuletzt wird der Churfürst gebeten, die Communion unter beiderlei Gestalt wieder herzustellen und „als ein christlicher Fürst solchen Mißbrauch der Messen in E.Ch.F.G. Landen bald abthun und weltliche Schande oder Unehre, daß man E.Ch.F.G. einen Böhmen oder Ketzer schelten würde, gar nichts achten,“ da solche Schmach Alle, die etwas für Gottes Wort thun, dulden müßten; ja es wird dem Churfürsten nahegelegt, daß er zu solcher Aenderung bei seiner Seelen Heil verpflichtet sei, „auf daß E.Ch.F.G. von Christo am jüngsten Tag nicht, wie Kapernao, vorgeworfen werde, daß solche große Gnade und Barmherzigkeit in E.Ch.F.G. Landen umsonst geschehen.“ Aber dennoch wird am Schluß nochmals gesagt: „Soviel aber betrifft die Augustiner, ist unseres Bedünkens nicht Sünde, allein Messe halten, so man sonst der Messe nicht mißbraucht; man soll auch niemand wehren, allein und privatim Meß zu halten. Doch wo diese dermassen anfiengen Meß zu halten, wie sie sich lassen vernehmen, nach der Form des Evangelii, wissen wir nicht zu verlegen.“ Der Churfürst rescribirte darauf am 25. October, „sein Gemüth und Meinung sei allweg gewesen und noch, das fördern zu helfen, so dem göttlichen Worte zu Ehren und dem heiligen christlichen Glauben zu Stärke gereichen möge; weil aber dieß eine große Sache sei, welche das ganze Commun gemeiner Christenheit betreffe, so mögen sie sich nicht übereilen: „Wo auch solches im heiligen Evangelio gegründet, so werden ungezweifelt mehr Leute das auch daraus vermerken und dem anhängig werden; und wenn das beschehe, so möchte die Veränderung mit dem gemeinen Hausen beständiglich und sonder Beschwerung vorgenommen werden.“ Ueberdieß sei nicht außer Acht zu lassen, was, weil die Kirchen und Klöster gemeiniglich auf Meßhalten gestiftet seien, folgen müßte, wenn man die Messen fahren ließ; „denn ihr wisset, wenn die Ursache abgehet, so vergehet damit die Folge und Wirkung der Ursachen.“ Mau möge darum auf die Weise in die Sache sehen, daß nichts vorgenommen noch unterstanden werde, daraus Zwiespältigkeit, Aufruhr und Beschwerung erfolgen möchte. Der Ausschuß setzte auf dieses Schreiben hin die Berathungen fort, und daneben wurden auch wiederholt Disputationen über die Lehre von der Messe gehalten. Melanchthon selbst trat noch gegen Ende Octobers in 65 Thesen gegen den Meßopferdienst auf, Jonas bearbeitete in gleicher Weise auf der Kanzel seine Zuhörer. Die Canoniker beschwerten sich bei dem Churfürsten sehr bitter über die aufreizenden Predigten des neuen Probstes, und Spalatin erachtete es für geboten, Jonas in einem Schreiben vom 9. November vor allzu großem Eifer zu warnen: „Ich liebte dich immer, darum wünschte ich, daß du alles besser und umsichtiger betriebest. Es ist schnell gesprochen, schnell gehandelt, aber oft wäre es besser, wenn nur nach reiflichster Ueberlegung gesprochen und gehandelt worden wäre. Ich möchte dir freundlich rathen, daß du dort keine Aenderung zulassest, so weit es von dir abhängt, noch etwas auf der Kanzel sagest, was die Bande des Friedens und der Ruhe mehr lockert als fester knüpft. Du erinnerst dich meines Urtheils über deine Erfurter Predigt, du weißt auch, was daraus folgte. Willst du nicht Einigkeit pflanzen, so trenne wenigstens die Einigen nicht.“ Spalatin hätte es nicht ungern gesehen, wenn Jonas wegen der in Wittenberg wüthenden Pest bei dem Fürsten um einen Urlaub zu einer Reise nach Nordhausen eingekommen wäre! Aber schon am 12. November schrieb Helt an den Churfürsten, daß die Bewegung immer drohender um sich greife: Niemand thue Einhalt und aufreizende Predigten der Neuerer wiederholen sich immer wieder, zumeist in der Klosterkirche; in denselben werde das Volk zum Haß, ja zu Gewaltthaten gegen die Mönche und zu Zerstörung der Klöster gehetzt; 13 Mönche seien ausgelaufen, treiben sich in der Stadt um und reizen Bürger und Studenten gegen ihren Prior und die zurückgebliebenen treuen Mönche, so daß sie keine Stunde in ihrem Kloster sicher seien. Mit Anfang Decembers ergriff die bisher auf das Augustinerkloster beschränkt gewesene Bewegung die Stadtgemeinde und Universität. Am 3. December berichtet der Senat an den Churfürsten, „daß etliche von der hohen Schule bei uns und auch etliche Laien von den Mitbürgern sich henk früh unterstanden, den Priestern in der Pfarrkirchen das Amt der Messen in der Maße, wie zuvor der Brauch gewest, nicht gestatten zu halten; besonders die der Universität verwandt, haben bloße Messer unter den Röcken gehabt, so der Priester vor den Altar getreten, die Messebücher ihm weggetragen, und die Priester von den Altären trieben. Ganz frühe im Finstern haben etliche zu den Priestern, die die Gezeiten unsrer lieben Frauen in gemeldter Pfarrenkirchen singen, mit Steinen geworfen, die dann unserer liehen Frauen Messe auch haben fallen lassen.“ Am 4. December wiederholten sich die Unruhen: der Senat mußte den Mönchen eine Wache geben, denn Drohbriefe, am Barfüßerkloster angeschlagen, ließen einen Ueberfall befürchten. Der zur „Beilegung der Sache niedergesetzte Ausschuß erklärte, daß er sich nicht zu einer einhelligen Antwort vereinigen könne, da die Ansichten der Mitglieder zu verschieden seien; als Urheber der Unordnung bezeichnete er etliche Erfurter Studenten. Unterdessen dauerte das Predigen wider die Messe fort; Carlstadt erklärte, schon der Name „Messe“ sei unevangelisch. Eine Anzahl Universitätsmitglieder, welche der Abschaffung der Messe günstig waren, unter ihnen Carlstadt und Melanchthon, setzten eine Erklärung an den Churfürsten auf, welche sie den übrigen Mitgliedern des Senats und Capitels am 8. December mittheilten; diese aber weigerten sich, sie zu unterschreiben; nur der Probst Jonas und Feldkirch schlossen sich an. In diesem Separatvotum wird erklärt, das wären unerträgliche Mißbräuche im Meßcultus, daß die Messe nur um Eigennutzes oder um der Fundation willen, also gezwungen ohne alle Begierde und Durst der Gnaden gehalten werde; die Abschaffung dieses ärgerlichen Mißbrauchs sei ganz ungefährlich; darauf, daß der klaren Schriftwahrheit alle Uebrigen zufallen werden, sei nicht zu hoffen noch zu warten; es werde immer Pharisäer und Schriftgelehrte geben, die um zeitlichen Nutzens willen der noch so klar verkündeten Schriftwahrheit widerstreben; man solle doch den vom Herrn selbst den Aposteln überlieferten Ritus nicht so verachten: es sei zwar „wenig an der Form und Weise gelegen,“ aber heutiges Tags sei es dahin gekommen, daß förmliche Gotteslästerung und gewaltsame Beraubung und Verkürzung des Christenvolks in der Messe verübt werde; sollte über der nöthigen Reform Zwiespalt entstehen, so treffe die Schuld allein die, welche aus Neid und Geiz Gottes Wort widerstreben; um ihrer willen dürfe man nicht zurückweichen: Christus müsse seinen Feinden zum Stein des Anstoßes und zum Aergerniß werden. Am 19. December ließ der Churfürst den Wittenberger Universitätsmitgliedern den Befehl eröffnen, daß sie sich jeder Reorganisation eines neuen Meßcultus zu enthalten haben und den Ihren nichts der Art gestatten sollen; indeß sollten sie „die Sache in weiter und mehr Bedenken nehmen, auch davon disputiren, schreiben, lesen und predigen,“ und dabei das vernünftige Maaß einhalten, „also daß nichts anders dann die Ehre Christi darin gesucht werde.“ Offenbar war jetzt auch der Churfürst dahin gestimmt, der Bewegung zu ihrem Recht zu verhelfen. Von dem Recht des Predigers hatte Jonas bereits unumschränkten Gebrauch gemacht; am Tage aller Heiligen, schreibt er seinem Freunde Lange, habe er dreimal in dem von allen päbstlichen Insignien gesäuberten Tempel mit großem Freimuth gepredigt. Karlstadt hatte schon länger keine Messe mehr gehalten; wenn die Reihe ihn getroffen hätte, standen andere Domherren für ihn ein. Weil er aber heftig gegen die Messe predigte, kündigten ihm Jene die Stellvertretung, worauf er in einer Predigt vom 22. December die Erklärung gab: wenn sie ihn also zum Messehalten zwingen, so werde er, wenn seine Zeit komme, am nächsten Neujahrsfest eine „evangelische Meß“ halten, wie sie Christus gehalten und eingesetzt habe. Trotz eines fürstlichen Verbots wagte er schon am Christfest den entscheidenden Schritt: nach einer Predigt, die er über die Empfahung des heiligen Sacraments hielt, trat er von der Kanzel weg in den Altar, las den Meßcanon bis zum Evangelium, ließ dann aber die Ceremonien des „Schirmen und Fechten mit den Creutzen“ und den ganzen Opferdienst samt der Elevation weg, theilte Brod und Wein dem Volk mit den von Christus bei der Einsetzung gebrauchten Austheilungsworten aus ohne vorgängige Beichte, und das Volk blieb nun von allen anderen Messen weg. Die Aufregung steigerte sich durch die zwei Tage darauf am Johannistag erfolgende Ankunft der Zwickauer Propheten in Wittenberg. Noch vor dem Neujahr hielt die Gemeinde zu Wittenberg dem Rath sechs Artikel vor, unter der bestimmtesten Erklärung, daß sie entschlossen seien, „dabei zu bleiben, ihr Hab und Gut, Leib und Leben darüber zu lassen.“ Sie lauteten: 1) Man soll einen Jeden Gottes Wort frei predigen lassen, denn das Wort Gottes mag und will nit gefangen seyn; 2) alle gezwungene Messe soll abgethan werden: „dann es hat mancher Pfaff .5,6,7 Meß oder mehr Messen den Tag in der Wochen zu halten, da er keine mit Andacht, Hunger, Begierd, aus Lieb, mit Lust und Freud, ja auch mit gutem Gewissen halten kann; 3) solle man abthun Requiem, Begängniß, Vigilien, Brüderschaft, Hochzeitmessen, Votivmessen, weil die Meß niemand nutz sei denn dem, der ißt und trinkt sein Fleisch und Blut; 4) soll niemandem verboten noch verhalten seyn, was man nennt beider Gestalt das Fleisch und Blut Christi, wer es begehrt; 5) seien abzuthun Bier- und Schankhäuser, da man ungebührlich Saufen hält; 6) sollen Hurhäuser, die in der Stadt viel sein, es sei unter den Studenten, Pfaffen, Bürgern, Hausleuten, offentlich Hurereihalten gestraft, getilgt und abgethan werden, unangesehen, daß sie unter dem Rector oder Bischof gehören. Der Rath übersandte diese Artikel sofort dem Fürsten, der sagen ließ, man solle warten „bis er eine Ordnung fürschlug.“ „Es wird aber lang; mittler Zeit will die Gemein nit gesättigt seyn, sondern am Neuen Jahrstag mehr dann tausend Menschen, beide Hostien und aus dem Kelch, gespeist worden. Item auch so viel auf den Sonntag darnach (5. Januar), desgleichen auf der heiligen drei König Tag mit Fleisch und Blut Christi gespeist, item Carlstadt predigt alle Freitag zweimal, ich glaub, daß alles das Volk in der Stadt dabei sey; die vor nie oder wenig zur Predigt gangen seyn, versäumen jetztund keine.“

Bis hierher ging Probst Jonas mit Carlstadt Hand in Hand; zufrieden schreibt er an Lange am 10. Januar 1522: Am Christ- und Erscheinungsfeste und am Neujahrstage habe in Wittenberg fast die ganze Stadt und Bürgerschaft unter beiderlei Gestalt communicirt; zwar würden sie darüber verlästert, aber das Volk sei durch Luthers Schriften so entflammt, daß es sich selbst beiderlei Gestalt nehmen würde, wenn man es ihm nicht gäbe. Jonas und Melanchthon waren zugegen, als Carlstadt sich am Stephanstage 1521 mit einem adeligen aber armen Mädchen verlobte und sie am 20. Januar, nach geschehener Anzeige bei dem Churfürsten, heimführte. Bereits dachte Jonas selbst alles Ernstes daran, dem Pabst zum Trotz diesem Beispiel, an welches sich unmittelbar mehrere andere angereiht hatten, zu folgen. Schon am 5. Februar 1522 berichtet Melanchthon die Ausführung dieses Planes an Einsiedel: „Ich thue euch zu wissen, daß unser Probst D. Jonas gefreit hat, eine Felkin (Katharina Falk), also nennt man das Geschlecht. Ich meine je, wir machen uns zu schaffen.“ Um das Volk zu belehren, sollten regelmäßige Morgen- und Abendandachten eingeführt werden, ersten wollte Jonas mit Zugrundelegung des alten Testaments, besonders der Psalmen, letztere Carlstadt mit Erklärung des neuen Testaments halten. Am 24. Januar nahmen Rath und Universität zu Wittenberg eine von Carlstadt verfaßte Gemeindeordnung an, welche die Grundlage der von Luther und seinen Freunden in der ersten Hälfte des sechszehnten Jahrhunderts ausgeführten Organisationen des Cultus, der Armen- und Kirchenpflege ist. Nach dieser Ordnung sollte vor Allem aus sämmtlichen Kircheneinkünften ein gemeiner Kasten gebildet werden, doch mit Belassung der jeweiligen Pfründner in ihrem Einkommen bis zu ihrem Tod oder Austritt, wofür sie dann, statt Messe und Vigilien, Seelsorge üben und arme Kranke besuchen sollten. Aus diesem Kasten sollten Arme unterstützt und armer Leute Kinder zur Schule geschickt werden; da er nicht ausreichte, sollten die nöthigen Mittel durch eine nach dem Vermögen zu berechnende jährliche Steuer aufgebracht werden, zu welcher auch die Priester beizuziehen wären. Carlstadt fügte noch zwei Gesetze hinzu: I) daß zur Vermeidung der Abgötterei Bilder und Altäre in den Kirchen abgethan und nur drei Altäre ohne Bilder, als hinreichend, stehen gelassen werden sollen; 2) daß die Messe streng nach der Einsetzung Christi zu halten sei; doch wolle man zur Erbauung die Gesänge, soweit sie nicht den Heiligencult in sich schließen, zulassen; hiernach habe der ganze Canon major und minor als nicht schriftgemäß wegzufallen, während die Communicanten die Hostie und den Kelch selbst in die Hand nehmen mögen. Die Bilderabschaffung allein wurde in dieser Ordnung sistirt, Um so eifriger drang Carlstadt und sein Verbündeter Gabriel Didymus in den Predigten darauf. Er sagte: „Gott hasset und meidet Bildniß und achtet sie für einen Greuel und spricht, daß alle Menschen in seinen Augen sollen seyn, wie die Ding, welche sie lieben. Bildniß sind greulich; folget, daß wir auch greulich werden, so wir sie lieben.“ Jetzt fing Carlstadt an, sich zu überstürzen, gegen die Schulen und gegen die Obrigkeiten zu predigen und damit den Bildersturm zu veranlassen. Von diesem Augenblicke an gingen seine Wege und die des Probstes auseinander; gegenüber dem Maßlosen hielt Jonas Maaß. Die churfürstlichen Commissäre citirten den Rector, Probst Jonas, Carlstadt, Melanchthon, Amsdorf, zwei vom Capitel und Amsdorf nach Eulenburg zu einer Unterhandlung; diese erschienen den 12. Februar daselbst und den folgenden Tag wurden die Verhandlungen geführt: Carlstadt mußte zugeben, daß er die Unruhen in Wittenberg veranlaßt habe; die Universität vertrat mit Bestimmtheit die Aenderungen, welche in der Messe vorgenommen worden seien als recht und evangelisch, erklärte aber ausdrücklich, daß allein der Obrigkeit und ihren Vertretern das Recht zustehe, Hand an die Bilder zu legen; „daß aber etliche ungeschickt damit sein umgangen, ist ohne unsere Schuld und Zuthun, auch seind die Uebertreter ein Theils vom Rath gestraft, etliche seind entwichen „; Carlstadt mußte versprechen, „sich hinfürder dergleichen Predigens zu enthalten, und wo es nicht geschehe, wollt er willig Straf darum leiden.“ Amsdorf übernahm das Predigtamt und erbot sich, auf der Kanzel das Volk zur Ordnung zu weisen. Aber freilich war mit allen diesen Unterhandlungen der Bewegung in Wittenberg kein Damm entgegengesetzt; Melanchthon wußte nur Einen, der das „Bis hieher und nicht weiter!“ sprechen könnte, und bestürmte Luthern um seine Rückkehr. Luther, sobald er das Gefährliche der Lage erkannte, verließ auch die Wartburg und schrieb unterwegs den 5. März 1522 den bekannten Heldenbrief an den Churfürsten. Am folgenden Tag traf er in Wittenberg ein und fällte am 7. März in einem Brief an Spalatin ein gewaltiges Urtheil über die Wittenberger Vorfälle: „Ich verdamme als ein Greuel der Papisten Messe, daraus sie ein Opfer und gut Werk machen, dadurch der Mensch Gott versöhnet wird. Ich aber will nicht Hand anlegen, noch Jemand, so ohn Glauben ist, bereden, viel weniger zwingen, daß er sie selbst mit Gewalt abthue, allein treib und verdamme ich solchen Mißbrauch der Messen durchs Wort. Wers glaubt, der glaube es und folge ungenöthigt, wers aber nicht glauben will, der lasse und fahre immerhin, denn Niemand soll zum Glauben und was den Glauben belanget, gezwungen, sondern durchs Wort gezogen und gewonnen werden. Wer alsdann ungezwungen gläubet, wird willig folgen. Ich verwerfe auch die Bilder, die man ehret, aber durchs Wort; treibe die Leute nicht, daß sie sie verbrennen sollen, sondern daß sie ihre Zuversicht und Vertrauen nicht darauf setzen, wie bisher geschehen und noch geschieht. Sie würden von ihnen selbst fallen, wenn das Volk, recht durchs Wort unterweiset, wüßte, daß sie für Gott nichts sind noch gelten. Also verdamme ich auch des Pabsts Gesetze von der Ohrenbeicht, vom Gebot zum heiligen Sacrament zu bestimmter Zeit zu gehen, vom Gebet und Anrufen der Heiligen, ihnen zu feiern und fasten. Ich thue es aber durchs Wort, daß ich die Gewissen frei mache und von solchen Stricken erledige. Wenn das geschieht, stehets bei ihnen, daß sie derselben brauchen um der Schwachen willen, die noch dran hangen und drinnen verwirrt sind, oder nicht brauchen, wo sie und andere stark sind, daß also die Liebe herrsche und Oberhand behalte in diesen und dergleichen äußerlichen Werken und Gesetzen.“ Als den Grundsatz, nach welchem er handeln will, spricht Luther aus: „Was die Unsern vom Satan getrieben, allhie sich unterstanden haben mit Gewalt in der ersten Brunst hinauszuführen, soll allein durchs Wort widerfochten, verlegt, umgestoßen und abgethan werden.“

Mit Luthers Rückkehr von der Wartburg kehrte die Ruhe in Wittenberg wieder ein; Jonas und Melanchthon erkannten mit Demuth, daß sie sich zu weit hatten treiben lassen, Dr. Hieronymus Schurl schrieb wohl aus ihrem Herzen heraus an den Churfürsten, es sei große Freude und Frohlocken unter Gelehrten und Ungelehrten zu Wittenberg über Dr. Martini Zukunft und Predigen, „denn er dadurch uns arme verführte und geärgerte Menschen vermittelst göttlicher Hilfe wiederum auf den Weg der Wahrheit täglich weiset mit unwiderfechtlichen Anzeigen unseres Irrthums, darein wir von den eingedrungenen Predigern jämmerlich geführet, also daß augenscheinlich und am Tage, daß der Geist Gottes in ihm ist und durch ihn wirket. Gabriel hat auch bekannt, daß er geirret und den Sachen zu viel gethan. Karlstadt ist nicht wohl zufrieden; aber er wird nichts, hoffe ich zu Gott, ausrichten noch schaffen.“ Jonas schloß sich von nun an ganz an Luther an, ein treuer und umsichtiger Gehilfe im Werke der Reformation. Luther konnte manches von Carlstadt Zerstörte nicht so schnell wieder aufbauen; so wurde die zerstörte Knabenschule erst im Jahr 1523 von Bugenhagen wieder eingerichtet und der Gebrauch der Privatbeichte in Verbindung mit der Luthern immer so werthen Privatabsolution kam auch um dieselbe Zeit wieder in Uebung, während andererseits Luther im gleichen Jahre die Messe und das Fronleichnamsfest ganz beseitigte. In der Stiftskirche hatte das Messelesen trotz der ernsten Predigten des Jonas noch immer seinen Fortgang; als aber der alte Dechant Schlaman, der am Hartnäckigsten für die Beibehaltung der alten Gebräuche einstand, im Februar 1523 gestorben war, griffen Luther und Jonas die Bekämpfung der ihnen ärgerlichen Ceremonien durch Predigt und Schrift mit aller Energie an, obschon der neu ernannte Dechant Beskau ganz in die Fußstapfen seines Vorgängers trat und augenblicklich den Churfürsten für sich zu gewinnen verstand. Letzterer befahl am 6. März, daß es bei den hergebrachten Gebräuchen im Allerheiligenstift sein Verbleiben haben, und daß die schon begonnenen Neuerungen unterlassen werden sollten, Luther und Jonas ließen sich jedoch hierdurch von dem betretenen Weg der Reform nicht vertreiben, was der Churfürst namentlich bei Jonas sehr übel vermerkte, so daß er sich in einem Schreiben an Schurl vom 7. August nicht scheute, Jonas mit Carlstadt in eine Linie zu stellen: „So weißt du auch, daß der Probst und Karlstadt, so Weiber genommen, bei der Kirche nichts thun, ziehen hin und für ihrem Lust nach und wollen doch gleichwohl das, so zu der Kirche gestift, darum sie dienen sollen, unvermindert haben und zu ihrem Wollust und Müßiggehen gebrauchen. Ob dieß christlich und gut sei, können wir bei uns nicht ermessen.“ Luther und Jonas predigten unerschrocken gegen die Mißbräuche fort, wiewohl mit der Warnung an ihre Zuhörer, nichts mit Gewalt umzuändern. Am 2. August eiferte Luther von der Kanzel herab sehr stark gegen die Canoniker und erklärte unter Anderem, dem Fürsten sei zwar von Gott das Schwert, aber nicht das Recht übergeben, über den Gottesdienst Verordnungen zu treffen, hierin müsse man Gott mehr gehorchen als den Menschen; zugleich drohte er, mit den Canonikern alle Gemeinschaft abzubrechen, wenn diese nicht von ihrem abergläubischen Cultus abstünden. Jonas aber schrieb am 27. August an den Churfürsten einen ausführlichen Brief, worin er sowohl seine Beweggründe für die Abstellung der im Stift bis dahin noch üblichen Mißbräuche, als den Weg zur Erreichung dieses Ziels ebenso bescheiden als freimüthig darlegte, ganz den Grundsätzen getreu, welche er in zwei andern gleichzeitigen schriftlichen Gutachten aufstellte. Mit großer Mäßigung und Umsicht beabsichtigte er nemlich, seine Kirche nur allmählig den evangelischen Grundsätzen gemäß zu erneuern und daher zunächst nur die unleidlichsten Mißbräuche abzuschaffen, was sich aber nur irgend rechtfertigen ließ, einstweilen noch in Geduld unangetastet zu lassen und dabei hauptsächlich den Gebrauch der heiligen Schrift zu fördern. Wir theilen aus dem merkwürdigen Schreiben Folgendes mit:

„Nachdem jetzt zu unserer Zeit das heilige Evangelium und Gottes Wort hier zu Wittenberg endlich nach so viel Menschenlehre rein und lauter an Tag kommen, und Gott der Herr die Lehre durch den einigen Menschen in drei oder vier Jahren so stark und kräftig in die Herzen gegeben und so weit ausgebreitet, daß je auch mit Vernunft gar nahe sollte zu merken seyn, daß es Gottes Wort und Werk und kein Menschenwerk seyn müßte: habe ich, als mir Gott dieselbe Wahrheit auch zu erkennen gegeben, oft Willens gehabt, etliche ärgerliche, greuliche, ungöttliche Mißbräuche, so in unserer Stiftskirche, der mich E.Ch.F.G. unwürdig zu einem Vorsteher gesetzt, noch vorhanden seyn, auf meine Verantwortung vor Gott und auch vor E.Ch.F.G. stracks niederzulegen und abzuthun. Aber man hat bisher, sonderlich da der alte Dechant noch gelebt, mit demselben Gedulten solcher Mißbräuche etlichen Schwachen eine Zeitlang dienen müssen. Dazu haben wir hinter E.Ch.F.G. nicht gern so eilend Neuerung vorgenommen, und hat uns sonst auch gemangelt, da es uns jetzund allen zugleich am meisten gebricht, daß sich Gottes Sachen niemand gern mit Ernst annimmt, denn man muß gemeiniglich bei der Welt und aller hoher Vernunft verdienen Undank, wenn Gott gibt, sich seiner Sachen herzlich anzunehmen. So aber Dr. Martin Luther nach der Gnade, die ihm gegeben ist, neulich, wie an E.Ch.F.G. gelanget, uns derhalben erinnert und unserer etlichen die Gewissen etwa genug gerühret, bitte ich aufs unterthänigste, E.Ch.F.G. wollen dieß folgende mein Bedenken, so zu bequemer Aenderung solcher Mißbräuche gereichen sollte, gnädiglich vernehmen. Und erstlich darfs je keines Menschen oder keiner Creatur im Himmel oder auf Erden Urtheils, sondern wir sinds je gewiß, Gott Lob, daß wir das lautere, reine Wort Gottes und Evangelium haben, wie es der Herr Chrisins selbst geprediget, wie es Petrus und Paulus selbst geprediget und geschrieben haben, und sind je durch die Gezunge hebräisch und griechisch, die Gott darzu eröffnet, wiederum zu klarem, einfältigem, gewissem Verstand der Schrift kommen. Wem nun Gott gibt, das Wort rein und lauter zu hören, vielmehr wenn er es im Herzen erweckt, dem hat er wahrlich ein Großes gegeben. Denn es ist ein hoher theurer Schatz, dadurch Gott seine Erkenntniß, Geist und alle geistliche Gaben und Verstand in die Herzen gibt. Ja schwer ists zugegangen allezeit in der Welt, die reine Lehre und das Evangelium aufzubringen, und wie wir öffentlich sehen am Apostel Paulo, daß er heftig wider falsche Lehre hat fechten müssen, ehe er das Evangelium in einem Volk hat aufbracht, also hat er nicht weniger kämpfen müssen, wenn es etwas aufbracht war, daß es falsche Lehrer nicht wieder unterdrückten. Denn unser Herr Gott und das Evangelium ist ein Gast in der Welt; der Teufel ist Wirth, Herr und Fürst der Welt. Das erscheinet auch daran wohl, daß sogar Gottes Sachen die Welt verachtet und nicht annimmt, und daß sein Regiment so stark in der Welt bei den Gottlosen gehet. Darum auch bald, wenn das Wort Gottes hervorgucket, brauchet Satan seine Kraft, und alles, was hoch, klug, reich, gewaltig, fromm und nach Vernunft heilig ist, reizet er dawider. So denn das Evangelium einen solchen starken Widersacher hat in seinem Aufkommen, Mittel und Ende, und eines großen göttlichen Verstandes bedarf, daß es eine kleine Zeit hervorblicket, so danken wir billig Gott über seiner unaussprechlichen Gabe alle, denen da widerfähret, das Evangelium lauter und rein zu hören. So tragen nun E.Ch.F.G. Wissen, daß wir in vorigen Zeiten, die der Zeit der Ausschuß von der Universität genennet, also etliche Aergernisse und Mißbräuche in der Pfarre abgethan, ein Bedenken der Messen halben E.Ch.F.G. zugeschickt, darauf dieselben Mißbräuche hernach abgeschafft. Derselbigen nun gehen viel auf heutigen Tag stärker, denn sie in der Pfarre gegangen, in unserer Stiftskirche. nemlich daß wöchentlich aus einer gesetzten und vorgeschriebenen Ordnung etliche Messen, bei 30 ungefährlich oder mehr, gewiß, aus Pflicht müssen gehalten werden, die denn gemeiniglich Capellane, Vicarien, die sonst willig nicht celebriren würden, halten, daß ich anderes Mangels geschweige. Weil denn das hochwürdige Sacrament und Testament unsers Herrn und die reiche Gnade und Zusagung von Vergebung der Sünden sammt dem theuern Siegel allein denen ist eingesetzt und durchs Evangelium angeboten, die da unterscheiden den Leib des Herrn, kurz die ihre Sünde fühlen, ein bestürztes, armes, bedrängtes, ängstliches Gewissen haben, mit ihren Sünden jetzt kämpfen, an das Wort der Verheißung haben angehoben zu glauben, und also mit einem Ernst, der allein denen, die ihn erfahren haben, bekannt ist, der reichen Gnade und Testaments von Herzen froh werden, dem Herrn Christo für seinen Tod mit Freuden danken: so ists nicht möglich, daß nicht mit den geordneten Messen, die oft fast rohe Leute gedrungen und ohne Zerschlagung ihres Gewissens, ohne Durst der Gnaden halten, ein schrecklicher Mißbrauch und Gotteslästerung geschehe. Ueber denselben Mißbrauch, der denn der größte ist, sind etliche Gesänge und Gebete, als Vigilien für die Todten, dergleichen etliche Gesänge von der Mutter Gottes, die haben gar keinen Grund in der Schrift. Die andern Stücke und Artikel werden hier unten unter den Vorschlägen der Besserung erzählet und angezeigt. An diesen Mißbräuchen nun, die hier neben dem reinen Evangelio so stark gehen, ärgern sich fast viel Gewissen, wie wir hier täglich hören von Fremden, so herkommen, das auch Dr. Martin am meisten bewegt. Andere hohe Stifte, da man für wahr weiß, daß keine Lehre noch Schrift noch christlich Werk, sondern, daß ich aufs gelindeste davon rede, eitel fauler Müßiggang und die höchste Unzucht öffentlich getrieben wird, mißbiethen hierdurch greulich dem Evangelio, schützen dadurch ihre Mißbräuche, und geht also das Aergerniß weiter und thut größern Schaden, denn jemand gedenket. Das also zu verhüten, und dieweil Christus selbst und Paulus der Apostel so hoch vor dem Aergerniß warnen, wollen wir diese christliche Aenderung mit göttlicher Hilfe bestellen und machen: 1) sollte die Mette, wie sie jetzund ist, aber nur mit dreien Psalmen und den laudibus bleiben, doch daß man für die Heiligenlegenden, das zuvor auch einem jeden Priester und Chor frei gewest, Lection aus dem Text der Bibel nehme und nach dem Tedeum sollte eine Lection aus dem alten Testament, Mose oder den Propheten durch mich oder wer dazu verordnet gelesen werden; 2) anstatt der Gesänge, so von der heiligen Hilfe und Beistand ohne allen Grund der Schrift lauten, sollen Collecten und Gesänge, die von Gottes Hilfe allein lauten, genommen werden; 3) die Vespern und Complet sollen auch bleiben, wie sie jetzund sind, und nach der Vesper soll man eine Lection des Neuen Testaments, einen Evangelisten oder epistolas Pauli lesen und mit Fleiß auslegen, deutsch oder lateinisch, darnach das wird füglich sein; 4)sollen alle Seelmessen, alle geordnete gewisse Messen um obangezeigtes greuliches Mißbrauchs willen abgethan werden, und am Sonntage, auch anderen Heiligenfeiertagen soll eine Messe gehalten werden, daß da communicirten, die da wollten; 5) sollte der kleine Chor in den großen geschlagen werden, der auch gar darauf gestiftet, daß Maria eine Mittlerin sey, so doch Christus allein der Mittler ist. Hätte der Mariendienst seyn sollen, die Apostel würden es auch gedacht haben. Aber sie selbst im Magnificat weiset uns von sich auf Gott und Christum. Um den Christum ists allein in der ganzen Schrift zu thun; 6) sollte man aufsehen, daß die Personen der Kirchen nicht so müßig gingen, sondern studirten, kein ungeschickt unzüchtig Leben geduldet oder gelitten würde, auch könnte man der Personen nach der jetzigen Absterben weniger machen; 7) sollte das Präsentgeld, so vordem zu Vigilien und Seelmessen gereicht, nun denen, die in die gemeine Lection gingen, täglich gereicht werden; 8) sollten die zween wöchentlichen Processionen Corporis Christi und St. Annenbilder tragen auch abgehen; ein circuites am Sonntage sollte dieweil bleiben. Ursache dieser Ordnung. Fürs Erste schreibet der Apostel 1. Cor. 14., was eine christliche Gemeinde, wenn sie zusammenkommt Gott zu dienen, vornehmlich thun soll und spricht: „so oft als ihr zusammenkommet, so hat ein jeglicher einen Psalm, er hat eine Lehre, und laßt es alles geschehen zur Besserung der Gemeine.“ Die Corinther hatten auch einen eigenen Gottesdienst angenommen und beteten in der Versammlung und lasen her Psalmen mit mancherlei Zungen, legten aber nichts aus. Des Gottesdiensts, wie auch des jetzigen Gesangs, war niemand gebessert, deß ward niemand gelehrter oder verständiger in christlicher Lehre. Darum straft er sie hart und richtet ihnen eine rechte nützliche Ordnung an: I) daß etwas soll hergelesen werden aus der heiligen Schrift; 2) daß da einer seyn sollte, der das der Gemeine und dem Haufen auslegte und erklärte; 3) daß da würde ein kurz gemein Gebet gethan. Diese Ordnung hat nun die hohe Majestät, der heilige Geist, gemacht; die wird gewiß auch recht gut und mächtig nütze seyn. Darum hat sie auch der Teufel nicht lange lassen bleiben, sondern so viel Kinderspiel, Singen und Klingen dafür eingeführt. Ob sie nun wohl kurz und einfältig ist, so ist sie je hunderttausend Mal nützer, und gar dahin gerichtet, das Wort Gottes, daran es gar und ganz gelegen, zu treiben und den Glauben zu stärken. Die Aposteln vermahnen nichts so heftig als das, daß man das Wort Gottes treibe, und dasselbe treulich, lauter und rein stets allezeit predige, lehre, vermahne. Sie haben wohl gesehen als geistliche Leute, daß hier in des Teufels Reich dasselbe unser Schwert ist. Aber wir haben bisher gethan, wie jener Narre sagt: was dürfe man uns so oft predigen, sind wir doch Christen, und das größte liegen lassen, und mit Kinderund Puppenwerk umgangen. Diese Ordnung nun, nach der Schrift also gestellt, würde auch bei den Widersachern, so diese Lehre für ketzerisch halten wollen, für keine sonderliche ungewöhnliche Neuerung werden angesehen. Denn es hat der heilige Geist diesen öffentlichen Mißbrauch der Messen durch etliche einfältige Herzen allezeit, ehe auch die Lehre und das Evangelium an Tag kommen, angefochten, daß oft fromme Leute gesagt: o der armen Andacht, die unser Pfarrer und Priester hat in seiner Messe. Und ist auch nun so weit geprediget, ausgeschrieben und in die Herzen gegangen, daß gar nahe kein Dorf oder Städtlein so klein, auch in fremden Fürstenthumen, es habe viel Messen, Votiven und andre lassen abgehen. Und ob hier gesagt würde, wir wären der kleinste Hauf der Christenheit, so hat doch dem Evangelio allezeit der kleinste Haufe angehangen, und wird auch wohl so zugehen bis zum Ende der Welt, und soll darum die göttliche Wahrheit nicht verachtet werden. Denn wenn man lange umgehet, so muß doch ein jeder in seinem Herzen inwendig durch den heiligen Geist dessen gewiß werden, daß er sprechen könne, das ist Gottes Wort und Wahrheit und andres, wenn gleich Kaiser, Könige und alle Engel dawider wären. Sonst würd er in der Todesstunde, wenn ers von dem Teufel erhalten soll, nicht bestehen. Darum ist nicht auf solch Argument der Vernunft, sondern Gottes Willen, Werk und Beruf Acht zu haben. Sind wir nun oder Andere dazu berufen, das Evangelium zu predigen oder schreiben, so müssen wir ihm selbst mit den Mißbrauchen seine Schande aufthun und unangesehen die Menschen endlich es auf Gott wagen. Wir dürfen auch nicht denken, es sei nun das Gotteswort aufkommen, wir wollten noch mit der Zeit wohl dazu thun. Eine solche helle Offenbarung des Evangelii und der reinen Wahrheit ist gemeiniglich als ein Uebergang, Platzregen oder Sonnenblick gewesen. Als lange Gott Leute schicket, die er berufen, dadurch er das Evangelium und sein Wort ausschreiet, also lange gehets rein. Denn es ist des Evangelii Art, daß es eine lebendige Stimme sey. So nun Gott durch die Propheten denjenigen, so Gottes Wort verachten, dräuet, er wolle Hunger auf Erden schicken, nicht Hunger des Brods oder Durst des Wassers, sondern zu hören das Wort Gottes: so ist wohl möglich, wenn wir zu lange harren, wenn wir gleich künftig daran thun wollen, daß dennoch sein Geist, Wort oder Werk würde da seyn, und mittler Zeit durch menschliche Satzung Gottes Zorn durch Absterben oder Ermordung der Prediger würde einbrechen. So ist auch unser Leben kurz, und gehet gemeiniglich also, daß die Zeit, so wir uns in Sachen zu schicken gedenken, wird abgeschnitten und eilends verronnen. Auch ist in dieser Sache nicht zu denken, daß man forthin zusehen und erwarten wolle, bis daß die Höchsten und Größten in der Welt und der meiste Haufe diese Lehre annehme. Gottes Werke sind wunderlich; vielleicht steht es jetzt am höchsten. Alle Werke Gottes gehen gern also, wenn sie im Schwange gehen, so achtet ihrer niemand; wenn sie vorüber seyn, so wird man ihrer erst gewahr. Wir sollten wohl was recht und göttlich ist, E.Ch.F.G. unbemühet, auf unser Gewissen thun; aber sie haben schreiben wollen. Wenn aber der mißbräuchliche Gottesdienst ewig bleiben sollte, wie er jetzund ist: was E.Ch.F.G. dann mit mir schaffen wollen, will ich E.Ch.F.G. in Unterthänigkeit gar heimgestellt haben.“

Trotz dieser eindringlichen, von Luthern unterstützten Vorstellung willigte der Churfürst aus Furcht, bei dem Kaiser anzustoßen, so bald nicht in diese Veränderungen, ja er drohte sogar mit Einziehung der Einkünfte der Kirche, wenn die alte Kirchenordnung nicht gehandhabt würde. Der Haß des Fürsten hatte sich besonders auf Jonas geworfen, so daß Luther wiederholt seinen Freund gegen Spalatin in Schutz nehmen mußte. Luther fürchtet, man werde den unentbehrlichen Mann, den man durch Entziehung der Präbende kränken wolle, zum Wegzug nöthigen, „Gilt dir,“ sagt er, „mein Zeugniß etwas, so ist Jonas unschuldig; ich allein trage die Schuld. Du aber glaubst alsbald den lügnerischen und tempelräuberischen Canonikern und wirfst auf ihn Verdacht. Bekannt ist die Art des Fürsten, der uns geringschätzt. So ehren wir das Evangelium, daß wir seinen Dienern nicht einmal eine kleine Präbende auf Lebensdauer gönnen, während wir Andern gern Reichthümer hinwerfen, damit sie unsern Gott verlästern. Jonas ist ein Mann, den man um schwer Geld kaufen und dem Lande erhalten sollte, ihr aber taxiret ihn geringer als Stroh und Heu.“ Doch gab der Churfürst später so weit nach, daß er erklärte, sich einer in der Furcht Gottes und auf friedlichem Wege unternommenen Reformation nicht widersetzen und Vorschläge zu einer besseren Verwendung der Stiftseinkünfte zum Nutzen der Universität entgegennehmen zu wollen; und so kam es endlich, Dank der Beharrlichkeit des Probstes, zu Anfang des Jahrs 1525 dahin, daß die Reformation der Stiftskirche gemäß den oben von Jonas aufgestellten Vorschlägen ins Leben trat. Für das sanguinisch-cholerische Temperament unseres Jonas war dieser langsame Gang der Reformirung des Stiftes sicher eine schwere Geduldsprobe, aber er bestand sie, um nur desto gestählter und kräftiger aus ihr hervorzugehen und die darin gemachten Erfahrungen bei der Einführung der Reformation in anderen Ländern, wie wir unten sehen werden, desto nutzbringender anzuwenden. Als Prediger in der Stiftskirche war er unermüdlich, die Gabe der Beredtsamkeit, die ihm angeboren war, auf Zinsen anzulegen. Bekannt ist der uns von Mathesius aufbewahrte Ausspruch Melanchthons: „Doctor Pomeranus ist ein Grammaticus, der legt sich auf die Worte des Textes; ich bin ein dialecticus, sehe drauf, wie der Text an einander hangt, und was sich christlich und mit gutem Grund draus spinnen und folgern will lassen; Doctor Jonas ist ein orator, der kann die Worte des Textes herrlich und deutlich aussprechen, erklären und zum Markt richten, Dr. Martinus ist omnis in omnibus.“ Als Mathesius im Jahr 1529 nach Wittenberg kam, hörte er Jonas etliche Psalmen und „im Schloß“ den Katechismus auslegen. Seine Predigten blieben streng bei dem Textwort und zeichneten sich ebenso sehr durch große Klarheit und einfältige Durchsichtigkeit, als durch herzgewinnendes Feuer aus. Als einst Luthers Hausfrau die Predigten eines Johann Polner auf Kosten Dr. Pomers lobte, gab ihr Luther zur Antwort: „J. Polner predigt, wie ihr Weiber pflegt zu reden, dann was ihnen mit einfällt, das sagen sie auch,“ und sprach: „Dr. Jonas pflegte zu sagen: Man soll die Kriegsknechte nicht alle ansprechen, die einem begegnen! Und es ist wahr, Dr. Pomer nimmt bisweilen etliche mit, so ihm begegnen. Aber das ist ein närrischer Prediger, der da meinet, er will Alles sagen, was ihm einfällt.“ Dagegen gedenkt auch Luther eines Anstoßes, welchen der Kanzelvortrag des Jonas bei Manchen erregte, wenn er sagt: „Die Gebrechen an Predigern siehet man bald; wenn gleich ein frommer Prediger zehn Tugenden hätte und nur einen Mangel, derselbige verfinsterte alle Tugenden und Gaben. So böse ist die Welt jetzund! Doctor Jonas hat alle Tugenden, die einer haben mag, allein daß er sich oft räuspert, das kann man dem guten Mann nicht zu gut halten!“ Für die neue Gottesdienstordnung wirkte Jonas auch dadurch mit, daß er nicht nur, wie Luther dankbar bezeugt, am Werk der Bibelübersetzung mitwirkte, sondern auch zum ersten Wittenberger Gesangbuch durch sein aus dem 124. Psalm entstandenes Lied: „Wo Gott der Herr nicht bei uns hält“ einen höchst dankenswerthen Beitrag lieferte. Ebenso wichtig und erfolgreich waren die Dienste, welche er bei den sächsischen Kirchenvisitationen leistete. Bei der ersten, auf Befehl des Churfürsten Johann in den Jahren 1528 und 1529 veranstalteten Kirchenvisitation wurde ihm mit Luther und Bugenhagen und einigen weltlichen Räthen das Visitationsgeschäft im Kurkreise und dem meißnischen Landestheile übertragen; und bei der zweiten von dem Churfürsten Johann Friedrich angeordneten Visitation im Jahr 1533 vollzog er dasselbe Geschäft in Verbindung mit Bugenhagen. Bei dieser letzteren Visitation wurde auf Luthers, Jonas‘ und Bugenhagens Vorschlag die eidliche Verpflichtung aller derer, welche ein geistliches Amt übernehmen sollten, auf die in der Augsburgischen Confession enthaltene reine Lehre des Evangeliums gesetzlich eingeführt. Jonas trat dabei mit aller Autorität auf, denn, sagt er, „wir sind je zu diesen christlichen Sachen befehlhabende Diener und tragen aus Gehorsam und fürnehmlich Gott zu Ehren diese Arbeit.“ Die Aufgabe der Visitatoren war sehr schwierig; es galt nicht nur Prediger zu finden, sondern auch Besoldungen für sie auszuwerfen; wiederholt klagt Jonas bitter über die habsüchtige Verwendung der Kirchengüter. Schließlich ist bei diesem Abschnitt zu erwähnen, daß im Jahr 1525 Jonas und Agricola mit der Abfassung eines Katechismus betraut wurden Jonas, der zu dieser Arbeit besonders begabt gewesen wäre, fand damals keine Zeit dazu; dagegen gab er nicht bloß zu Anfang des Jahres 1539 eine lateinische Uebersetzung des Brandenburger Katechismus heraus, welche später von Cranmer abermals ins Englische übertragen wurde sondern zeigte auch seine Befähigung zu solcher volksthümlichen Behandlung der christlichen Dogmen durch seine in Wittenberg 1542 erschienene Schrift: „Christlicher und kurzer Unterricht von Vergebung der Sünde und Seligkeit durch Justum Jonam Dr. Dabei findest du etlichen vornehmen Unterschied zwischen reiner christlicher Lehre des Evangelii und der abgöttischen papistischen Lehre.“ Da die Schrift, von welcher wir aus der Berliner Bibliothek eine Abschrift kennen, sehr selten und bisher unter den Schriften Jona gar nicht genannt worden ist, geben wir von ihr einen kurzen Auszug:

„1) Worauf stehet deine Seligkeit? Antwort: Auf der bloßen Gnade Gottes. Also wenn mein Herz vor Gottes Zorn wider meine Sünde erschrickt und wahrhaftige Angst, Furcht und Leid fühlet, soll ich mit rechtem Glauben das Evangelium fassen, gewiß und fest glauben, daß mir der ewige lebendige Gott meine Sünde um seines eingebornen Sohnes Jesu Christi willen aus seiner Barmherzigkeit, nicht von wegen meines Verdienstes vergeben will. Röm. 3, 28. Ephes. 2, 5. 8. 2) Wie geschiehet solches in uns? Antwort: Als Adam und Eva durch den Teufel betrogen den jämmerlichen Fall gethan, von Gott gewichen und nun nicht anders haben denken können, denn daß sie von Gott ewiglich müßten verworfen seyn, und wäre also gewesen, so Gott nicht Gnade erzeiget hätte und diesen unergründlichen Rath beschlossen, seinen Sohn zu senden und ihn zur Versöhnung zu machen: da hat Gott noch im Paradies zwo Predigten selbst angefangen, nemlich die Sünd angezeigt und gestraft, und dabei einen Trost gegeben und zugesagt vom künftigen Samen, der des Teufels Werk, Sünd und Tod vertilgen und wiederum Gerechtigkeit und ewiges Leben anrichten würde. Diese zwei Predigten hat Gott für und für wunderbarlich durch die Väter und die Propheten erhalten und wiederum angerichtet; wie auch unser Heiland Befehl thut von diesen zwei Stücken und spricht zu den Aposteln, sie sollen predigen in seinem Namen Buße und Vergebung der Sünden. Und daß solche Predigt ein göttlicher großer Ernst sei, ist klar bewiesen am Herrn Christo. Denn wiewohl Gott die Sünde mit vielen grausamen Plagen in der Welt, Tod und allerlei Elend, mit Kriegen und Verwüstungen strafet, so ist doch kein größeres Zeugniß des ernstlichen Zornes wider die Sünde denn dieses, daß keine andere Person den ewigen Gott hat versühnen mögen, denn allein der eingeborene Sohn Jesus Christus. Wer den Zorn gering achtet, achtet auch dieses Opfer gering. Dagegen hat auch Gott seine große Liebe gegen uns nicht höher beweisen können, denn damit, daß er seinen Sohn für uns gegeben; durch dieses Pfand macht er uns seiner Gnade gewiß. Also wirket nun Gott in seiner Kirche für und für durch diese zwei Predigten, strafet die Sünde, daß wir Gottes Zorn erkennen, groß achten, erschrecken; dagegen gibt er auch Vergebung der Sünde um des Mittlers willen Jesu Christi denen, so solches mit Glauben annehmen, nimmt sie an und sähet an in ihnen durch den heiligen Geist ein neues Licht und Erkenntniß Gottes und Gehorsam und machet sie zu Erben des ewigen Lebens. 3) Warum hoffest du aus Gnade? Antwort: Drei große Ursachen sind, darum man also lehret von der Gnade, nemlich die erste, daß man dem Heiland und Mittler Christo gebührende Ehre gebe, der allein der Versühner ist, die andere, daß dein Herz einen gewissen beständigen Trost habe und könne schließen, daß gewißlich es Gottes Wille sei, die Sünden zu vergeben, und daß sie dir auch gewißlich vergeben werden; die dritte, daß man Gott recht anrufen könne. Denn wer diese Lehre vom Glauben nicht weiß, kann Gott nicht anrufen, sondern er zweifelt, fliehet von Gott, denket, Gott will dein Gebet nicht annehmen, kann nichts Gutes von Gott erwarten und bleibet in großem Zorn wider Gottes Regierung. Darum ist hier zu bedenken, wie hoch diese Lehre vom Glauben nöthig, dieweil ohne diese keine rechte Anrufung seyn kann. Es ist auch zu betrachten, welchen Schaden der Teufel gethan hat durch Unterdrückung dieser Lehre, daß rechte Anrufung verloschen ist und sind viele heidnische Gottesdienste aufgekommen, die zu strafen nöthig ist. 4) Wie bist du solches gewiß? Antwort: Die Gewißheit dieses Glaubens kommt aus klarem ausgedrucktem göttlichen Befehl und göttlicher Verheißung, und diesem Wort hat Gott von Anfang an Zeugniß gegeben mit allerlei Wunderwerken, auch mit Todtenauferwecken, daß nicht zu bezweifeln, der göttliche Wille sei, also um Christi willen Gnade zu erzeigen. Und dieses Licht muß in allen Heiligen von Anfang bis zu Ende leuchten, daß ihr gewiß befindet, daß sie nicht Trost haben an eigener Reinigkeit, sondern an Gottes verheißener Gnade durch den Mittler, 5) Ist auch in diesem Artikel Unterschied zwischen christlicher Lehre und dem päbstlichen Irrthum? Antwort: Es sind viele Punkte, worin ein Unterschied ist, wollen aber hier etliche wenige erzählen, damit die Gegenlehre desto klarer werde. Die Päbstlichen sagen, wie die Vernunft von ihr selbst dichtet und wie die Heiden gedenken: man solle allezeit zweifeln, ob uns Gott gnädig sei und annehme. Dieser Zweifel ist stracks wider die Lehre vom Glauben und ist ganz ein heidnischer Wahn, ist doch so tief in die Leute eingewurzelt, daß man es schwerlich ausrotten kann, und ist eben so viel, als sprächen sie: Gott ist nicht wahrhaft, was er dir zugesagt hat durch seinen Sohn, das sollst du nicht glauben. So schreiet aber die christliche Lehre dagegen, daß man diesem Zweifel widerstreben soll und gewißlich schließen und glauben, daß uns Gott um Christi willen gnädig seyn wolle. Zum Andern ist dieser Unterschied: die Päbstlichen dichten, man verdiene Vergebung der Sünden und sei gerecht vonwegen eigner Werk und Erfüllung des göttlichen Gesetzes, und sagen weiter: dieweil aber Niemand wisse, wenn er Werke genug habe oder rein genug sei, so soll man allezeit im Zweifel bleiben; es sei auch die Absolution vergeblich, wenn die Reue nicht genugsam ist. Diese ihre Reden sind eitel Lästerungen wider Christum, wider die göttliche Verheißung, wider die Lehre vom Glauben, und stecken in der päbstlichen Meinung viel mehr Irrthümer, als nemlich daß alle Menschen Gottes Gesetz erfüllen können, daß die großen Schäden, Zweifel an Gottes Zorn oder Verheißung, böse Neigung, Kaltseyn in Gottes Furcht und Liebe, Ungeduld in schuldigen Leiden und dergl. viel unordentlicher Neigung nicht Sünde seien. Und es ist öffentlich, daß sie nicht recht lehren, was Gesetz, Sünde, Verheißung und Gerechtigkeit ist, 6) Wenn Jemand hier spräche: Ist denn nicht auch nöthig, gute Werke zu thun? Antwort: Unsere guten Werke können nicht Vergebung der Sünden verdienen, denn diese Ehre gehört allein dem eingeborenen Sohn Gottes; dazu ist unsere schwache Natur voll Blindheit, Ungehorsam und Sünde, daß menschliche Tugend sehr gering und unrein bleibt. So wir aber durch Glauben an den Mittler Jesum Vergebung erlangen und Erben des ewigen Lebens werden, daß solcher Glaube und Trost nicht ein fauler Gedanke, sondern ein Werk, damit der heilige Geist ein neues Licht im Herzen anzündet, daß wir nun nicht zweifeln an Gottes Zorn oder Gnade, sondern erschrecken vor Gottes Zorn wider die Sünde und fallen doch nicht in Verzweiflung und Haß wider Gott, sondern erkennen die Barmherzigkeit, die nur durch Christum erlanget, wissen, daß wir schließen sollen, daß uns Gott gewißlich annimmt, will erhören, helfen und endlich die ewige Seligkeit geben, heben also an, in herzlichem Gehorsam zu leben, wollen nicht ohne Gott seyn wie die Heiden, auch nicht ohne Gottes Wort selber Götzen und Götzendienst machen wie die Papisten, sondern sehen in Gottes Wort, welche Werke Gott fordere und sich gefallen lasse und heben an, Gott mit denselbigen Werken zu ehren. Und sind allen gottfürchtigen Menschen fürnemlich fünf Fragen von Werken zu merken, nemlich: 1. Welche Werke sind nöthig und Gott gefällig? Antwort: Davon soll man wissen, daß menschliche Vernunft nicht eigene Werke und Gottesdienst erdichten soll, sondern soll in der Regel bleiben, die uns vorgestellt in zehn Geboten, und wie die im Evangelio erkläret werden. Darin sind alle hohen Werke gegen Gott und nützliche Werke in diesem Leben gegen den Nächsten gefasset, nemlich Gott erkennen, fürchten, ihm vertrauen, ihn lieben, anrufen, ihm danken, sein Evangelium erkennen und helfen ausbreiten, predigen, die Sacramente recht brauchen, darnach in deinem Amt und Stand treulich dienen, helfen die große Last der Regierung tragen, der Obrigkeit in billigen Sachen gehorsam seyn, friedlich, mild, geduldig; Unzucht, Ehebruch, Schwelgerei meiden, Niemand betrügen oder übersetzen, im Kaufen und Verkaufen wahrhaftig seyn. Dieses sind die rechten hohen Gottesdienste, welche die Gottesfürchtigen fleißig betrachten, daß sie verstehen lernen, daß es nicht geringe Werke find, sind auch nicht leicht und bedürfen großer Uebung des Glaubens, daß Gott mithelfe, wie die folgenden Fragen melden werden. 2) Dieweil der Mensch so schwach ist, und der Teufel viel Anfechtungen erregt, wie können wir in diesem Gehorsam also leben, daß wir nicht in des Teufels Strick, in Sünde und Schande fallen, nicht Schaden thun uns oder Anderen? Antwort: Darum spricht Christus: Ohne mich könnet ihr nichts thun. Diesen Herrn sollst du anrufen, der gibt den heiligen Geist, uns zu stärken und zu helfen. 3) Es bleibet aber gleichwohl Sünde im Heiligen: wie wird denn der Schwache, Unreine gehorsam, Gott gefällig? Antwort: Die Werke sind nicht Gott gefällig vonwegen ihrer Vollkommenheit, sondern dieweil dich Gott angenommen hat um Christi willen durch deinen Glauben, und du nun deine Schwachheit beklagest und doch anhängest, Gottes Gebot zu befolgen, sollst du wissen, daß Gott dieser Gehorsam im gläubigen Herzen auch gefällt um des Herrn Christi willen, der unser Fürbitter und Hoherpriester ist und unsere Anrufung, Werk und Leiden vor Gott bringet und die übrige Schwachheit gnädiglich ergibt. Dieß ist je ein großer Trost, daß Gott unsere elende, bettlerische Werke dennoch will annehmen und reichlich belohnen. 4) Welche Ursachen sollen uns zu guten Werken antreiben? Antwort: Vornemlich diese drei Ursachen: Gottes ernster Wille, den er durch die Predigt der Buße und seine Gebote geoffenbart, das Leiden unseres Heilandes und die Erhaltung der geschenkten Gnade und Seligkeit. 5) Dieweil in Heiligen Sunde bleibet, und sie doch nicht in Sünde wissentlich willigen sollen, wie ist Unterschied der Sünden? Antwort: Dieser Unterschied ist sehr fleißig zu merken. In den Heiligen bleibet angeborene Schwachheit samt vielen bösen Neigungen, denen sie doch widerstreben; aber es bleibet nicht in ihnen Sünde wider das Gewissen oder böses Vornehmen, denn rechter Glaube oder Vertrauen zu Gott kann nicht im Herzen zugleich seyn samt bösem Gewissen oder bösem Vornehmen.“ Hierauf wird von der vornehmsten Uebung des Glaubens, dem Gebet gehandelt. Beten sei der höchste Gottesdienst, den Niemand denn allein die Christen thun können. Schließlich werden sechszehn Unterschiede zwischen der Lehre der päbstlichen und der evangelischen Kirche mit aller Schärfe und Bestimmtheit aufgezählt die ganze Schrift ist ein wahres Kleinod in schlichter Behandlung der evangelischen Heilslehre und läßt uns ahnen, von welchem Erfolg die mündlichen Vorträge des Probstes zu Wittenberg begleitet sein mußten.

5. Der Docent der Theologie und der Schriftsteller.

Neben dem Kirchenamt wirkte Jonas mit reichem Segen als Mitglied der Wittenberger Universität und der theologischen Facultät. Dreimal wurde ihm die Würde und Bürde des Rectoratamts übertragen: im Sommersemester 1526, im Winter 1531/32 und 1536/37. In seinen Vorlesungen, die er täglich und, nach Luthers Beispiel, abwechselnd in lateinischer und deutscher Sprache hielt, beschäftigte er sich vorzüglich mit der Erklärung biblischer Bücher, und zwar so, daß er nicht bei der rein grammatischen Erklärung sich begnügte, sondern auch, gleich einem Melanchthon und Brenz, die praktische Anwendung der aus einer richtigen Erklärung hervorgegangenen Erkenntniß zeigte und die schriftwidrigen Lehren der römischen Kirche klar und siegreich widerlegte. Ein Beispiel seiner praktischen Exegese bieten seine erst im Jahr 1524 lateinisch, im folgenden Jahr deutsch erschienenen Anmerkungen zur Apostelgeschichte. In der Widmung an Herzog Johann Friedrich bemerkt Jonas: „Wiewol nun, nachdem durch die unaussprechlich Gnad Gottes das Evangelium wieder herfürkommen ist, dieses Buch der Aposteln Geschicht nit sonderlich viel Auslegung bedürfte, sondern die Händel und Thaten selbst, die auch jetzt zu unsern Zeiten vollbracht und gehandelt werden, machen uns nit allein das Buch klarer zu verstehen, sondern auch die andere heilige Geschrift: dieweil wir gänzlich sehen, daß auch gleich das jetzt die wahrhaften Christen leiden, das die Apostel zu ihren Zeiten gelitten haben; dazu wird das Evangelium jetzt eben mit solcher Gotteslästerung, Schmach und Unehr empfangen, als es zu derselben Zeit aufgenommen ward: Jedoch damit ich auch etwas aus der heiligen Geschrift in dieser Schul den Zuhörern vorzulesen hätt, habe ich deßhalb am Meisten dieß Buch des Neuen Testaments auszulegen und zu erklären in die Hand genommen, damit es durch diese kleinen Annotationen (sie gelten gleich viel oder wenig) doch dennoch desto klärer zu verstehen wäre, und damit ich die frommen Christen reizte und bewegte, die Werk Gottes zu betrachten, die jetzt gleich solchermaß im Schwank gehen und gehandelt werden als zu der Aposteln Zeiten. Dann fürwar, wir wandeln jetzt im großen Licht des Worts Gottes und ohne allen Zweifel in so großem, als es seit der Aposteln Zeit nit gewesen ist. Es geschehen jetzt täglich wohl so große Wunderzeichen, als etwa geschehen sind. Dann wer wollt den so behenden Lauf des Worts Gottes und diese so urplötzliche Verwandlung der Bräuch und Wesen nit für ein groß mächtiges Wunderzeichen halten? Wer wollt den Luther, der ein rechtgeschaffener Prediger ist des Evangelii, jetzt zu unsern Zeiten, nit billig dem Paulo vergleichen? welcher doch bisher (zugleich wie Paulus von der Verbündniß der vierzig Männer und von so vielen arglistigen Betrüglichkeiten der Feind erlöst und behalten ist worden) auch gleich von so vielen Weisen dieser Welt bestritten, und doch noch, wiewohl die Päbst toben und rasen, der Teufel unwillig und das ganz höllisch Geschwürm und höllischen Porten nit gern sehen, im Leben ist. Aber das sind die großmächtigen Werk und Wunder Gottes, und wiewohl wirs vor Augen haben, sehen wirs doch nit. Dann hätten wir Augen in diesen Händeln, so würden wir sehen, wie die Geschicht dieses Buchs sich so sein mit der Erfahrenheit und den Geschichten dieser Zeit concordirt und zusammenreimt, und wir würden Gott von Herzen danksagen, daß er uns jetzt wiederum das wahr Ansehen der christlichen Kirchen hätt zu erkennen gegeben. Dann endlich die wahrhaft christlich Kirch ist hie sein ausgestrichen und abgemalt; so jemand derselben Gestalt etwas zulegt oder zuthut, der macht eine teuflische Hure und nit eine Braut Christi daraus. Die christlich Kirch ist nichts anders, dann eine Versammlung der Auserwahlten und Gläubigen, welche da glaubt in Christum, und die da hat das lauter und rein Wort Gottes; denn welche den Geist Gottes haben, welche durch den Geist Christi getrieben werden, und bei welchen da ist die rein Predigt oder Verkündigung und der Glaub des lautern Worts Gottes, dieselben sind Söhne Gottes und sind die christlich Kirch. Ich bitt dich darum, sag mir: So wir diese St. Lucas Histori durchgründen und betrachten, wo findet man darin das prächtlich und brausend Leben der Bischöfe? Wo sind die übergüldten Tempel? Und wo sind so viel Zertheilung und Trennung der Mönch? Sondern wir sehen allein, daß die Apostel beflissen sind gewesen, daß das Wort Gottes im Schwank blieb, zunähme und allenthalben gelobt und geehrt würde. Wie närrisch und gottslästerig aber diese Rede sei, wenn sie sagen: Ei, diese Einfältigkeit und fleißig Sorg des Worts Gottes, diese Vollkommenheit und die apostolisch Heiligkeit ist in der ersten angehenden christlichen Kirchen gewesen, da man die Heiden und Juden hat bekehren müssen; nun aber ist der christlich Glaub eingepflanzt, nun sind in der Welt viel christlich Kirchen gebaut. Ja, ich sprich noch: Ob solches den Bischöfen zugehör, wird ein jeder frommer Christ leichtlich aus allen Worten dieser Histori vernehmen. Die zarten und holdseligen Leut meinen also, die Apostel hätten sich darum also gemüht, damit ihre Nachkommen möchten müßig gehn, und hätten also mit Arbeit und mit Schmerzen die Ketten des Evangelii ganz an das End geduldet und gelitten, damit nun die Pfaffen und Münch ihren Leib desto ruhiger und sanfter möchten auswarten; und gleich als war kein Teufel mehr oder als hielts nun die Welt und das Fleisch mit dem Evaugelio, und gleich als hält der Apostel umsonst vermahnt: Halt an, es sei zu der Zeit oder nit zu der Zeit. Was ist es aber von Nöthen, E.F. G. viel Geschwätz davon zu machen? E. G. werden solches durch den scharfen Verstand, den E.G. in den heiligen Sachen haben, aus eigenem Hirn viel baß aus dem heiligen Luca verstehen.“

Ueber die Art, wie Jonas sein theologisches Lehramt auffaßte, geben uns zwei von ihm gehaltene academische Festreden Aufschluß. Die erste derselben hielt er am 18, Juni 1533 als Decan der theologischen Facultät, als er in Gegenwart des Churfürsten von Sachsen und vieler anderer fürstlichen Personen einen feierlichen Promotionsact vornahm, bei welchem er an Caspar Cruciger, Johann Bugenhagen und den hamburgischen Superintendenten Johann Aepinus die theologische Doctorwürde ertheilte. Er sprach von den Graden in der Theologie: Der Doctorgrad sei ein öffentliches Zeugniß der Gelehrsamkeit und Frömmigkeit, mit dem man billig sehr sparsam sei. Die Doctorgrade seien eingeführt worden, damit nicht ohne Weiteres Leute als Lehrer der Kirchen zugelassen würden, die nicht vorher geprüft seien. Darum hätte auch Wittenberg die alte Sitte beibehalten, um so viel möglich Ungeprüfte von den Kirchen ferne zu halten und den zum Lehramt Berufenen ein öffentliches Zeugniß ihrer Berufung und Lehre auszustellen. Nie aber sei in der Kirche hierbei strengere Prüfung der Geister mehr geboten gewesen, als eben jetzt, wo der Teufel seine gottlosen Lehren da und dort ausbreite durch Ungelehrte und Neophyten, welche keinen ordentlichen Unterricht empfangen und keine Uebung in theologischen Disputationen gehabt hätten, und die gleich einem Cadmus plötzlich bewaffnet aus der Erde erstehen, die Lehrer werden, ohne Lehrer gehabt zu haben, und ohne Uebung und Erfahrung nichts zu ihrem Amt mitbringen, als Hochmuth und Anmaßung, Ferner hätten diese Grade auch den Nutzen, daß eine solche Auszeichnung nur denen ausgestellt werden dürfe, welche mehrere Jahre hindurch andere Erfahrenere gehört und gesehen hätten, was diese über große und zweifelhafte Fragen urtheilten. Denn wenn man sich aus den Ausspruch Johannis berufe, daß die Salbung lehre, so werde diese Salbung gewiß nicht ohne Unterricht und große Anstrengungen erlangt. „Glaubt Einer mit einem Mal ohne Schule und Uebung durch die Salbung ein Theologe zu werden, wie etwa ein Hirte Hesiod von den Musen durch eines Griffels Geschenk zum Dichter geschlagen worden seyn soll, so ist er in großem Irrthum und versteht nicht, was die Salbung ist. Diese kann vorerst ohne Kenntniß des Worts nicht bestehen; aber wenn man auch schon etwas von dem Wort gekostet hat, so nimmt dasselbe nicht sofort alle Mackeln von der Seele. Plato sagt, ihm scheine der schon glücklich genug, dem es auch nur im Greisenalter glücke, die Lehren der Weisheit und Wahrheit zu fassen. Sagte dieser Weise das von den Dingen, welche der Verstand ergreifen und verstehen kann: wie viel mehr gilt sein Wort von den geistlichen Dingen, welche nur im Kampf und in langer Uebung ergriffen werden.“ Am Schluß seiner Rede hebt Jonas hervor, daß der Doctorgrad nicht zu Reichthümern, Ruhm und Genüssen den Weg öffne, sondern zu den größten Mühen und beschwerlichsten Sorgen, zu Gefahren aller Art, mit denen das Bekenntniß der Wahrheit verknüpft sei. Die zweite der genannten Reden wurde im Jahr 1539 über das Studium der Theologie gehalten. Die Theologie (sagt er) ist diejenige Lehre, durch welche man in der Kirche lehrt und lernt die wahre Erkenntniß der Weisheit und des Willens Gottes. Denn die heilige Schrift, welche wir von den Patriarchen, Propheten und Aposteln erhielten, welche die heiligen Männer Gottes nicht durch eigenen Willen, sondern getrieben vom heiligen Geist uns mittheilten, und welche diese ganze Lehre, die wir Theologie nennen, umfaßt, hat keinen andern Zweck, als uns jene unbegreifliche und unbegrenzte Güte und Barmherzigkeit Gottes erkennen zu lehren, damit wir in diesem Leben zuerst im Wort und in den göttlichen Verheißungen die Erkenntniß der Weisheit und des Willens Gottes durch den Glauben ergreifen und dann in allen Creaturen, im Himmel, auf Erden, im Meer und in dieser ganzen Weltenmaschine, ja selbst in dem wunderbaren Kunstwerk unseres eigenen Körpers jene unermeßliche und unbegrenzte Güte Gottes, die täglichen Wunderwerke und göttliche Allgegenwart und die Größe seiner Werke und seine mannigfaltige Weisheit betrachten, daß er nemlich nicht ein Gott von ferne sei, der sich um uns Menschen nicht bekümmere (wie die Schwäche der durch die Erbsünde verderbten menschlichen Vernunft träumt), sondern ein Gott, der nahe ist. Darum gab Gott von Anfang der Welt sein Wort und die heilige Schrift, damit wir, in der Erkenntniß seines Willens von Tag zu Tag wachsend, uns freuen in Gott, seine Gegenwart in seinen Wunderwerken anbeten, um im Glauben und Geist einen Vorschmack des ewigen Lebens zu empfangen, um aus so vielen Fluchen und Fährlichkeiten des Reiches des Todes und der Hölle hindurchzudringen zur vollkommenen Erkenntniß Gottes, um endlich Gottes selbst, des Lebens, der Herrlichkeit und ewigen Seligkeit theilhaftig zu werden. Das ist jenes höchste Gut, jene wahre und vollkommene Weisheit, nach welcher uns verlangt, jene einzige, völlige Seligkeit, nach welcher die Philosophen und Weisen dieser Welt außer der Schrift forschten. Aber Gott ließ sie weit von Gott abirren auf ihren Wegen. Der wahre Gründer jener Religion und Theologie ist nicht ein Mereur, irgend ein Heroe oder berühmter Weiser, sondern der lebendige und wahre Gott selbst, der Himmel und Erde gegründet hat. Darum ist diese wahre Theologie nicht eine solche Wissenschaft, welche sich bloß auf dieses vergängliche Leben und die Schattengestalt dieser Welt bezöge, wie die Architectur und andere Künste nur auf den Nutzen dieses Lebens abheben und nur von Wenigen erlernt werden; vielmehr sind zu dieser wahren Erkenntniß Gottes alle Menschen geschaffen, und jener göttliche Geist des Menschen, jene feine Structur des menschlichen Körpers und aller Organe und Glieder ist nicht dazu bestimmt, um nur die Künste im Dienste des Werblichen Lebens zu üben, sondern um jene unermeßliche Weisheit und Güte Gottes zu erkennen, sondern um in der Betrachtung der Größe, Fülle und Macht des in ihnen wirkenden Gottes sich in Gott und allen seinen Werken zu freuen und seinen Namen zu preisen, wie Christus selbst bezeugt: Das ist das ewige Leben, daß sie dich, den einzig wahren Gott und den du gesandt hast, Jesum Christum erkennen, das ist jenes Leben, Heil und Seligkeit, darin beruht die ganze Kraft jenes überschwänglichen Trostes und Heils, zu welcher wir Menschen von Gott geschaffen und berufen sind, daß wir in diesem Leben durch das Wort und den heiligen Geist mehr und mehr erleuchtet werden in der wahren Erkenntniß Gottes, daß hier in der Kirche anhebe die Erneurung und Wiederherstellung der verderbten Natur, das Himmelreich und die Gerechtigkeit und das ewige Leben, damit wir einst jenseits uns vollkommen in Gott freuen mit unaussprechlicher Freude und den unbeschreibbaren Strom aller Güte Gottes und die vollkommene Gemeinschaft mit der Gottheit genießen. Beherzigen wir also, daß die Theologie nicht eine solche elende Erkenntniß ist, welche nur diesem zeitlichen Leben Magddienste leistet, wie die übrigen Künste, obschon dieselben, so lange dieses Leben währt, ihren Ruhm haben, sondern jene von oben stammende Weisheit, zu deren Erkenntniß der Mensch von Anfang an geschaffen und mit jenem Geist aus dem Geiste Gottes begabt ist. So verschieden darum die Berufskreise der Menschen sind, sei es daß sie die Rechte oder die Medicin oder das Kriegswesen studiren, sei es daß sie in philosophischer Muße oder im Staatsdienst leben, verbinden sie dieß alles nicht mit der Theologie, so sind sie von ihrem göttlichen und himmlischen Ursprung entartet. Wie wir immer auf dem ungestümen Meer dieses Lebens umherirren, oft auch Schiffbruch leiden, wenn hier Nahrungssorgen, dort Ruhmsucht uns quälen, so gilt es doch in diesem Hafen Ruhe zu finden, und wir haben aufgehört Menschen zu seyn und führen nicht ein menschliches, sondern ein thierisches Leben, sobald uns nicht Anfang, Mittel und Ende alles Menschlichen die Theologie ist. So ist denn keine Beschäftigung des Menschen würdiger, keine Wissenschaft vorzüglicher, als die wahre Erkenntniß Gottes und der Religion. Fragen wir etwa nach dem ersten Studenten und zugleich Doctor der Theologie, so war es Adam, welcher Gott selbst zum Lehrer hatte, welcher vor seinem Fall ein vom heiligen Geist erleuchteter Theolog war, dem es außer Christus keiner zuvorthat. Wäre Adam nicht gefallen, so wären alle Menschen von Natur Theologen gewesen, so wäre die ganze Erde nichts Anderes, als eine weite, zahlreich besuchte, theologische Schule mitten im Paradies, als in einem Garten oder in einer philosophischen Halle, in welcher Schüler säßen und sich ergingen, die die Engel zu Mitschülern, Gott selber zum Lehrer hätten. Alles wäre voll Licht, Leben und unaussprechlicher Freude; nichts wüßte man von jenen Dunkelheiten, traurigen Gedanken und Sorgen der Menschen, wie wir sie jetzt allenthalben gewahr werden. Nachdem aber unsere Stammeltern durch den Betrug des Teufels gefallen sind, ward jene göttliche herrliche Natur des Menschen greulich verderbt, geschwächt und in den Kräften des Körpers und der Seele zerrüttet. Und jene anfängliche Sünde breitete sich weit auf alle Nachkommen Adams aus, so daß jetzt in allen Menschen, ehe sie Christo einverleibt werden, furchtbare Blindheit herrscht, daß sie weder Gott so deutlich erkennen, noch in irgend einem Geschöpf Gottes Nähe und wirksame Gegenwart so sehen mögen, und seit diesem Fall ist die theologische Schule, welche ohne denselben über den ganzen Erdboden ausgebreitet wäre, aus so enge Grenzen beschränkt, daß seit Adam und den Patriarchen die Kirche zu allen Zeiten ein kleines Häuflein war. Denn nach jenem furchtbaren Schaden, den das Menschengeschlecht erlitt, blieben die wahre Erkenntniß Gottes und seines Wortes und die Spuren der paradiesischen Schule nur in Wenigen. Die Theologie ist jene reine Lehre, zu welcher unsere Natur von Anfang an begabt ward, zu welcher wir geschaffen, am Kreuz um hohen Preis erkauft und wiedergewonnen sind, sie ist jene Erkenntniß, durch welche Adam, Abel, Noah, Seth und Andere, während bereits das ganze Menschengeschlecht der Gewalt des Satans unterworfen war, schon in diesem Leben aus dem Reiche des Todes sich herauswanden zum Leben und aus Sünde und Nacht zum Ursprung des Paradieses und himmlischen Reiches. Da es nun keine herrlichere Philosophie noch höhere Weisheit gibt, als Gott und seine Werke zu erkennen, so sollen alle Menschen mit allem Fleiß darnach trachten, daß sie, obschon dieses Leben der Jurisprudenz, Medicin und anderer Künste nicht entbehren kann, doch alle diese Dinge und diese ganze Welt gebrauchen, als gebrauchten sie sie nicht, und ihr ganzes Leben dahin richten, daß sie durch das Studium der wahren Religion und die Uebung des Wortes Gottes zu diesem Ursprung der ersten Schöpfung und des himmlischen Adels zurückkehren. Mag immerhin die Theologie, weil sie auf irdischen Erwerb nicht Jagd macht und jenen Wind und Rauch weltlichen Ruhmes nicht hat, vor den Menschen verachtet seyn: aber welch ein unermeßlicher Schatz ist sie in den Augen Gottes!“ Jonas schließt seinen Vortrag mit einer eindringlichen Ermahnung an die studirende Jugend, die Religion zu ehren und zu lieben und die Theologie, obschon die Theologen Menschen seien, hoch zu achten.

Trotz der vielen Berufsgeschäfte, welche dem Probst in Wittenberg oblagen und die derselbe mit der pünktlichsten Gewissenhaftigkeit erfüllte, fand der fleißige Mann noch Zeit zu schriftstellerischen Arbeiten, mit welchen er den Gang der Reformation in weiteren Kreisen zu fördern bemüht war. Er hatte hierzu unbestreitbar einen inneren Beruf, denn seine Gabe der schriftlichen Darstellung stand hinter der der mündlichen Rede nicht zurück. Mit gleicher Leichtigkeit und Gewandtheit drückte er sich in der lateinischen und deutschen Sprache aus; Melanchthon bekannte, daß ihm Jonas in der Muttersprache an Eleganz weit überlegen sei, und wenn der deutsche Styl des Jonas auch nicht die Reinheit und Kraft des Lutherischen erreicht, so wird er doch auch von keinem der übrigen Reformatoren übertroffen. Vermöge dieser Gewandtheit im Ausdruck eignete er sich auch vorzüglich zum Uebersetzer aus und in beide Sprachen, wie wir unten sehen werden. Uebrigens waren seine Schriften meist Gelegenheitsschriften, zum augenblicklichen Gebrauch gefertigt und darum auch häufig der letzten Feile entbehrend, so daß die Wissenschaft durch dieselben eben keine wesentliche Förderung oder Erweiterung gefunden hat. Seine erste Schrift von Wittenberg aus war gegen den Konstanzer Vicar Johannes Faber gerichtet, gewidmet unter dem 10. August 1523 dem Wilhelm Reyffenstein. Luther hatte den jungen Ehemann aufgefordert, als Vertheidiger der Priesterehe aufzutreten und damit seine eigene Sache zu führen. Mit tiefer Verachtung behandelt er den aufgeblasenen, mit römischen und griechischen Citaten, die er falsch verstehe, um sich werfenden ungelehrten Kämpen des römischen Stuhles, den Luther bloß mit stiller Verachtung strafe, und welchen auch er nicht sowohl widerlegen als ihm seine Anmaßung und Thorheit aufdecken wolle. Faber habe sein dickleibiges Buch im erbärmlichsten Latein geschrieben, und wenn er sich in seinem Briefe an Pabst Hadrian mit Mangel an Zeit entschuldige, so sei ihm zu erwidern, daß ihm nicht Muße, sondern Geist, Styl und alle profane und heilige Bildung abgehe. Nicht auf heidnische Schriftsteller, welche die Ehe schmähen, wolle sich Jonas, gleich seinem Gegner, berufen, sondern auf Gottes Wort. Wenn es heiße: „Gott schuf sie ein Männlein und ein Fräulein“, so folge, daß beide Geschlechter gottgefällig seien, daß weder das Weib den Mann, noch der Mann das Weib verachten dürfe. Darum seien jene Urtheile gottlos: das Weib ist ein nothwendiges Uebel, es gebe nichts Schlimmeres als das Weib u.s.w. Die Verbindung beider sei eine natürliche, von Gott gesetzte: „wie das Feuer brennen, das Wasser feuchten muß, weil beide so geschaffen sind, so muß der Mann nach dem Weib und das Weib nach dem Mann verlangen. Denn das Wort: „Wachset und mehret euch!“ ist nicht ein Gesetz oder eine Vorschrift, sondern ein lebendiges und kräftiges Wort Gottes, ja ein Werk Gottes, das in der Natur zu schaffen und wirken nicht aufhört. So wenig es in meinem Willen steht, sondern ein Werk der Natur und Schöpfung ist, daß ich ein Mann bin, so wenig hängt diese Fortpflanzung und dieser Zug zum Weib von mir ab, sondern ist mir angeboren und von Natur eingeprägt.“ Die größte Zahl der Patriarchen und Gottesmänner seit der Schöpfung der Welt habe darum nicht im Cölibat, sondern in der Ehe gelebt; schon im ersten Buch Mosis sei so viel von den Ehen der Väter, den Verlobten, Frauen, Geburtstagen der Kinder die Rede, daß nur die übertriebene Keuschheit eines Faber davon nichts gelesen habe. Ein Paulus rede von der Keuschheit als einer besonderen seltenen Gabe, die ganze Schrift erlaube die Ehe. Besonders zweckmäßig und dienstlich aber sei gerade die Ehe für die Pfarrherren: „Ist es nemlich zumeist eines Bischofs Pflicht, für die Bedürfnisse Aller zu sorgen, Alle zu trösten und zu berathen, so, gut er kann, so weiß Niemand besser, was die Menschen mit Frau und Kindern, in der Erhaltung und Leitung des Haushaltes, kurz in jenem ganzen heiligen Kreuz der Ehe (welches ihr verläumderischen Heuchler Beschwerden zu nennen pfleget) leiden, als wer es täglich in seinem eigenen Haus erfährt. Ihr Müßiggänger, vollen Bäuche und unreinen Unverheiratheten könnt euch in eurem geistlichen Stande (denn auch Satan ist ein Geist) keine Vorstellung von dem machen, was fromme und rechtschaffene Ehegatten erfahren.“ Die Ehe sei ein großer Segen. „Wunderbar nimmt Gott seine Heiligen und Gläubigen in die Schule, er selbst verbindet die Ehegatten; die meisten Ehen, welche zuerst einige Jahre bitter sind, werden nachher freudenreich. Scheint in der Ehe etwas beschwerlich, so sind daran die fleischlichen Menschen selbst Schuld, welche ohne Glauben und ohne Gott ihre Wahl treffen und die Werke Gottes nicht recht betrachten. Die Ehe ist die allerheiligste Sache, welche gerade um dessen willen, wegen dessen ihr sie fliehet, wegen des damit verbundenen Kreuzes am preiswürdigsten ist. Nicht die Lebensweise von euch faulen und fleischlichen Priestern, sondern die Ehe ist der rechte geistliche Stand. Ihr mästet mit euren Reichthümern und eurem Wohlleben ohne alles Gefühl des Kreuzes in Ruhe die bösen Meister; in der Ehe zieht und bildet Gott durch das tägliche Kreuz zu Glauben und Liebe.“ Der Hauptnutzen der Ehe sei aber die Keuschheit. „Du weißt, daß du ein gutes Geschöpf Gottes besitzest, ein schwaches Gefäß, mit welchem du nach Gottes Willen Nachsicht haben sollst, eine Gehilfin, welcher du gleichfalls helfen und an ihr Liebe üben und sie im Gesetz des Herrn unterweisen sollst. Sie dient dir gleichfalls in Ordnung des Haushalts, in Erziehung der Kinder und ist deines Winkes gewärtig. Du theilst mit dieser theuren Lebensgefährtin Freud und Leid, Tisch und Ruhestätte. Nichts Frohes mag dir begegnen, worüber nicht aus Vieler Munde Gott gedankt wird; nichts Schweres, was du allein trügest. Erfreut dich deine Frau mit Kindern, welche dein Bild auf der Stirne tragen: welchem Kirchlein erbaut sie dir dann innerhalb den Wänden deines Hauses! Welch eine schöne Gelegenheit, ja Notwendigkeit ist dir gegeben, im Schooß deiner Familie dich in Lehre und Ermahnung zu üben, um nachher öffentlich desto mehr Nutzen zu schaffen. Betrachtest du jene Beispiele der Schrift und lässest jene selbsterwählten Heiligkeiten und Einöden außer Acht: welche Klöster und Einsiedeleien, welche Höhlen der Mönche möchtest du diesem ehelichen Leben an die Seite stellen? Solche Kirchen, Schulen und Stiftshütten waren die Familien der Väter, eines Abraham u.s.w. So lehrten jene Männer Gottes in keuscher Umarmung ihre Gattinnen, beim Spielzeug ihre Söhne und Töchter das Evangelium.“ Jonas zeigt dann, was die angebliche Keuschheit der Priester sei: Rom sei ein großes Hurenhaus, die Cardinäle und Prälaten hätten offen und ohne Scheu Buhlerinnen; bei den letzten Reichstagen habe sich dieses gezeigt; von Rom kämen Redensarten wie: Si non caste, tamen caute. Nachdem er noch die mehr als kindischen Beweise seines Gegners mit vieler Ironie abgewiesen hatte, schließt er mit den Worten (Hebr. 13,4.): „Die Ehe soll ehrlich gehalten werden und das Ehebette unbefleckt; die Huren aber und Ehebrecher wird Gott richten.“

Einen noch viel heftigeren Federkrieg, in welchem er nicht allezeit Maaß hielt, führte Jonas in den Jahren 1532 bis 1534 mit dem abtrünnigen Georg Witzel. Dieser 1501 zu Vach in Hessen geboren, war anfänglich im Kloster, verließ aber dasselbe um das Jahr 1521, um in Wittenberg Theologie zu studiren. Sofort betheiligte er sich am Bauernkriege, ward gefangen und zum Tode verurtheilt, jedoch auf Luthers und des Kanzlers Brück Fürsprache begnadigt und von Luthern als Pfarrer zu Niemeck bei Wittenberg angestellt, wo er heirathete. Wegen seiner Hinneigung zu den arianischen Lehren des Campanus und wegen seines ungeordneten Lebenswandels wurde er 1531 zu Bilnitz gefangen gehalten und später aus dem Lande des Churfürsten Friedrich ausgewiesen; er begab sich nach Leipzig, wo er von Herzog Georg in Schutz genommen und als Prediger angestellt wurde. Der Apostate wußte nichts Eiligeres zu thun, als „Aphorismen über gute Werke“ zu schreiben, in welchen er Luthern, dem er das Leben dankte, auf’s Frechste verläumdete. Jonas nahm den so schamlos hingeworfenen Handschuh auf, antwortete dem unwissenden Gegner in zwei Schriften und enthüllte die ganze Charakterlosigkeit desselben aufs Schonungsloseste. Nicht bloß nennt er ihn einen groben Esel, elenden Bachanten, einen Witzling, einen närrischen und unerfahrenen Klügling, einen rechten Witzler und Fürwitzler, einen heiligen Judasjünger und dergl., sondern schreibt auch seine Lebensgeschichte, wie sie ihm von Glaubwürdigen erzählt worden sei: „Von des Görg Witzels Historia ist das die Summa, daß er sein Leben lang je und je ein ehrgeiziger, ruhmrediger, stolzer, neidischer, arglistiger, rottischer, verwegener, unverschämter Heuchler gewesen ist und noch, von dem vermuthlich, daß ihm sein Leben lang ums Herz noch nie ernstlich gewesen sei, daß es um die christlich Religion recht und wohl zustünde, der es auch selbst allezeit gleich viel geachtet hat und noch achtet, was er glaub oder lehre, allein daß er möge Ehre und Nutz davon haben. Solches ist zu vermerken aus allen seinen geübten Händeln. Denn erstlich da das Evangelion bei uns aufgangen und nun genugsam an Tag kommen war, was die päbstische Pfafferei für ein greulich unchristlich Wesen war, und auch er, der Witzel selbst, sich unverholen hören ließ, daß er solchem Greuel um der erkannten Wahrheit willen feind wäre, hat er sich dennoch wider die erkannte Wahrheit zum päbstischen Pfaffen zu Erfurt durch einen Weihbischoff zu Erfurt, welchen er pflegt Fladenbischof zu nennen, schmieren lassen, wiewohl er nichts davon gehalten und zuvor wohl gewußt, wie er den Ehestand verläugnen und in andere päpstliche Greuel willigen mußte. Darnach ward er zu Fach ein Zeit lang Stadtschreiber und hielt Haus, wie man davon (wo es Noth seyn würde) den Papisten von ihrem Heiligen eine lange, löbliche, neue, schöne, reine, züchtige, domstiftmäßige Legenden schreiben, singen und malen kann.“ In dieser Weise erzählt Jonas die schmutzigen Irrfahrten des Mannes, der sich in der Bekämpfung Luthers den Rittersporn verdienen wollte, und verspricht ihm schließlich: „Wenn du aber also die christliche Lehr zu lästern und zu schmähen weiter dir fürnehmen würdest, wollen wir den Papisten wohl noch klärer am Tag anzeigen, was sie an dir und deinesgleichen für treue Freunde und feine Heilige haben, und aus was treuem Herzen du diejenigen, so du zuvor des Antichristi Volk genannt hast, die katholisch Kirch nennest, wiewohl viel unter den Papisten selbst wohl so viel Witze wider Witzeln und Verstand haben, daß sie merken, daß du nicht der Mann kannst seyn, der etwas schaffen kann, sondern eine matte nasse Fliege wider Christum und Dr. Luthern bist.“ Jonas schrieb auch eine Vorrede zu einem Fastnachtsspiel, das Sylvanus Heß auf den Abfall Witzels mit sprudelndem Witze schrieb. Das Spiel führt Witzeln ein, wie er eben in lautem Selbstgespräch mit sich zu Rathe geht, durch Rückkehr zur römischen Kirche seinem Ehrgeiz zu genügen. Seine ihn belauschende Frau hält ihn für wahnsinnig, er beharrt aber auf seinem Vorsatz, koste es was es wolle, eine Celebrität zu werden, und preist einen Erostratus selig, der durch Anzündung des Dianentempels seinen Namen den spätesten Nachkommen bekannt gemacht habe. Aber an Wen soll er sich in dieser Sache wenden? Faber in Konstanz ist zu entfernt; Eck will allein herrschen und fürchtet einen Nebenbuhler; nur Cochläus ist übrig; an ihn will er sich wenden. Seine ihn zurückhaltende Frau heißt er eine Buhlerin. Umsonst mahnt sie ihn an die acht Jahre, seit denen sie rechtmäßig mit ihm zusammenlebe. Witzel wünscht, daß der Wunsch des Diogenes in Erfüllung gegangen wäre, der, als er auf einer Reise eine Frau an einem Baume aufgehängt sah, ausgerufen hatte: Möchten doch alle Bäume solche Früchte tragen! Er citirt orthodoxe Väter, welche erklärt hätten, daß denen, die in der päbstlichen Kirche nach Würden und Ehren strebten, Weib und Schlaf die gefährlichsten Hindernisse seien; nun wolle er entweder König oder Esel sein; darum lasse er seiner Frau die Wahl, daß sie entweder als Concubine bei ihm bleibe und als solche seine Ehre und seinen Reichthum theile, oder das eheliche Band löse und von ihm weggehe. Plötzlich sieht sich Witzel nach Leipzig übersiedelt und wandert zu dem Buchhändler Nicolaus Faber, der sich ganz auf den Verlag von Schriften gegen Luther geworfen hat. Dieser theilt ihm mit, daß Crotus Rubeanus sich eben in der Stadt aufhalte. Zu ihm läßt sich Witzel führen. Crotus verwundert sich hoch über Witzels Metamorphose; umsonst macht er den Hochmüthigen auf die Leichtfertigkeit seines Entschlusses, auf die Gefahren, in die er sich stürze, aufmerksam und warnt ihn vor dem schnöden Undank. Dieser stellt sich einem Erasmus gleich, verspricht, das ganze Lutherthum mit einem Stoß niederzuwerfen, wirft mit barbarischen Worten um sich, kündigt an mit der Lehre von guten Werken den Hauptangriff zu machen und verheißt, alle Lutheraner würden vor seinem Namen scheu und ehrfurchtsvoll verstummen. Erfahren sollten sie, welch einen Mann sie aus Eifersucht hintangesetzt hätten. „Warum, ruft er aus, sollte ich mich nicht der Hoffnung hingeben, unter jenen orthodoxen Vätern der dreimal Größte zu seyn, da doch bei ihnen die Ungelehrtesten sich durch Bekämpfung der lutherischen Lehre in Ansehen gesetzt haben? Von einem Emser wüßte Niemand etwas, hätte er nicht Luthern geschmäht. Was gäbe es ohne Luther Verächtlicheres als Johann Faber, was Obscureres als Eck, was Gemeineres als Cocleus, wenn sie nicht so viele Wagen Schmähreden gegen Luther herbeigeführt hätten!“ In diesem Augenblicke klopft es an der Thüre, Witzel zittert, Cocleus tritt ein. Witzel wirft sich vor ihm auf die Kniee und beichtet ihm seine Sünden: „Ich bekenne dem allmächtigen Gott und der allerheiligsten Jungfrau Maria und allen Heiligen und Euch, trefflicher Herr Doctor, daß ich armer Sünder zu viel in meinem Leben gesündigt habe gegen das Gesetz meines Gottes unseres heiligsten Herrn des Pabsts mit Gedanken, Worten und Werken; insbesondere bekenne ich, daß ich ein Lutheraner war, daß ich mich zu den Bauern hielt, welche alle Priester und Mönche todtschlagen wollten, daß ich gegen das Allerheiligste sündigte, weil ich die Heiligen nicht anrief, die Messe und den Kanon nicht beobachtete, die Horen nicht las, daß ich keine Concubine, sondern eine Frau hatte, daß ich nicht die Asche, die Palmzweige, das Salz, das Wasser, das Feuer, die Fladen und Schinken weihte, wie in der Ostervigilie gewöhnlich ist, ja daß ich oft sagte, ich wollte (mit Verlaub) auf dieß Alles sch…., darum bitte ich Euch, mich zu absolviren und für mich zu beten.“ Cocleus ertheilt ihm sofort die Absolution, verspricht ihn dem Bischof und dem Pabst zu empfehlen, verheißt ihm reiche Präbenden, wenn er gegen die Lutheraner zu Feld ziehe, und eilt fort zum Essen. Hiermit endet das mit beißendem Witz geschriebene Spiel, nachdem Witzel noch versprochen hat, ewig ein Feind der Lutheraner zu bleiben!

Als im Jahr 1529 die Türken Wien belagert hatten, aber unverrichteter Sache wieder abziehen mußten, gab Luther, der diese Nachricht seinen Freunden meldete, um sie zum Dank gegen Gott aufzufordern, seine „Heerpredigt wider den Türken“ heraus, und auch seine Wittenberger Freunde beschäftigten sich damals viel mit dem Türken. Schon Luther hatte die Worte Daniels (7, 21.): „Ihm ist gegeben, daß er wider die Heiligen Gottes ziehe“ auf den Türken bezogen; auch Jonas schrieb ein dem Herrn Philipsen Landgrafen zu Hessen gewidmetes Schriftchen unter dem Titel: „Das siebend Capitel Danielis von des Türken Gotteslästerung und schrecklicher Morderey mit unterricht Justi Jonä“. Er sagt, er wisse in diesen fährlichen sorglichen Läuften und Zeiten, da neulich in den deutschen Landen nicht allein schrecklich Gerücht vom Türken, sondern auch so groß Wütherei mit dem Werk und That fürhanden, keinen gewissern und beständigeren Trost denn Gottes Wort: „derhalben habe ich mit Hilfe und Zuthun Etlicher, die der Historien besser erfahren sind, denn ich bin, aus der heiligen Schrift etliche Sprüche im Deutschen lassen ausgehen, die da lehren, was von dem Türken zu halten sei. Dieselbigen mögen die Christen recht trösten, stärken und wider die größte Macht der Türken, d. i. den Satan gerüstet machen. Denn dieweil wir aus dem Propheten Daniel wissen, daß der Türke seine Wütherei durch seine unredliche Kriege soll treiben wider die Heiligen, so ist er nicht allein unser Feind, sondern vornehmlich Gottes Feind. So mag ein jeder Christ mit David im Psalm sagen: Gott ist mein Schutz und Schild, ich will wohl bleiben. Zum Andern hat mich zu diesem Schreiben bewegt der fährliche Wahn etlicher unerfahrener Leut, die es so leicht achten, meinen, des Türken Reich sei wie andere Fürstenthümer und Herrschaften, die mit ordentlichen Rechten, welche auch Gott lobet und ihm gefallen läßt, gefastet sind, Dieselbigen sollen diese Schriften nun wohl ansehen, daß sie merken mögen, wie eine schreckliche greuliche Sünde das ist, so sie ihnen des Türken Reich gefallen lassen und darein willigen, das bereits von Gott offentlich verurtheilt und verdammt ist.“ Das Türkische Reich werde vom Propheten so ganz schrecklicher Weise abgemalet, daß das Horn ein Maul hatte, welches greuliche Dinge redet, weil im Alcoran nichts dann eitel unverschämt Lügen und greulich Gotteslästerung sei, weil in der türkischen Tyrannei nur Mord, täglich Ehebruch, Hurerei, Rauben, Brennen, unnatürlich Unzucht und alle anderen Laster herrschen. Weiter fragt Jonas: „Warum läßt es aber Gott nach? Er thut, wie er durch den Propheten gesagt hat: Ich will zusehen, ob euer oder mein Wort wahr bleibe. Er hat durch die Propheten gedräuet, daß er alle Gottlosen um Undankbarkeit willen strafen will. Ich halte, daß Gott darum in deutschen Landen hat das Evangelium lassen aufgehen, daß solche Straf ist vorhanden gewesen. Denn wenn Gott hat wollen ein Volk strafen, hat er allezeit zuvor Propheten geschickt, daß er erst etlich errettet, damit sie nicht alle verdürben. Also halt ich, daß jetzund Gott das Evangelium hat lassen aufgehen, damit etlicher Gewissen wider die Türkische Lehr und Irrthum gerüstet und gestärkt würden, und daß sich etliche doch besserten, und der Name Christi nicht ganz untergienge. Denn die christliche Kirche muß ewig bleiben.“ Der frühere Humanist führt bittere Klagen darüber, daß die Reformation ins Stocken gerathen, von der ersten Liebe so bald gewichen worden sei: „Es ist nicht allein keine Gottesfurcht mehr bei ihnen, sondern auch keine äußerliche Zucht, werden der Predigt satt und überdrüssig, verachten ihre Pfarrherrn und Prediger als Gekerich und Koth auf der Gassen und wollten gern sie und das Evangelium mit Füßen treten. Ueber das verachtet Bauer und Bürger alle gute Künste und Lehre; was man schreiet, vermahnet Schulen zu halten zu guter Kinderzucht, lassen sie ihnen alles ;n viel seyn, und will niemand solch nützlich, hohe, nöthige Amt in Gottes Namen erhalten helfen, da sie zuvor ums Bauchs willen alle ihre Güter zugewandt haben.“ In dem Türken sei darum ein schweres Strafgericht Gottes zu erkennen: „Denn es ist eigentlich ein großer Ernst und Grim göttlichs Zorns, daß er mit solcher greulicher Strafe die Welt angreift. Wann er uns mit Pestilenz, Hunger oder dergl. Plagen strafet, so wäre es noch die Vaterruthe; daß er aber den Türken soweit kommen läßt und einbrechen, das er so viel Städte, Dörfer, Pfarrkirchen, christliche Gemein zerreißt, verstöret und zu Boden vertilget, die Prediger erwürget, so viel feines Volks, jung und alt, so viel unschuldiger Wittwen, Waisen, Kinder erwürget und grausamlich ermordet, die besten Leut wegführt und als das Vieh verkauft und zu seinem gotteslästerlichen Glauben zwinget: wie ists da möglich, mit irgend menschlichen Reden oder Worten zu erlangen oder auszureden, wie ein hoher schrecklicher Zorn Gottes das sey.“Auf Melanchthons Rath ließ auch Jonas folgende Uebersetzung drucken: „Ursprung des Türkischen Reichs bis auff den itzigen Solyman durch D. Paulum Jovium Bischoff Nucerin, an Kaiserliche Majestat Carolum V. inn Welscher sprach geschrieben, darnach aus dem Latin F. Bassiaratis verdeutscht durch Justum Jonam. Von der Türken rüstung und Kriechs bestellung vleissiger bericht. Vorrede Phil. Mel.“ Einer späteren Ausgabe schickte Jonas eine Widmung an seinen Freund Hans Honold, Bürger zu Augsburg, mit dem er auf dem dortigen Reichstag bekannt worden war (dd. 1. Januar 1538), voraus, in welcher er schreibt: „Wollt Gott, daß anno 26, vier Jahr vor dem Augsburger Tag zu Rüstung und Rettung wider den Türken nicht allein Rede ergangen, sondern auch That und Werke erfolget wären, so wäre König Ludwig noch bei Leben, so würden die zwei künstliche gegossene Bilder, welche zu Ofen auf dem Schloß gestanden, nicht jetzt zu Constantinopel auf dem Markt stehen. Und wollte Gott, daß anno 21, da auch Kaiser Carolus in eigner Person auf dem Reichstag zu Worms war und Dr. M. Luther das erste Mal des Evangelii halben vor dem ganzen Reich ward vorgestellet, auf flehentlich Bitten und Ansuchen derjenigen, die in höchsten Nöthen waren, auf eine stattliche Rettung ernstlich und auf Weise, wie die Türken eilen, nicht wie wir Deutschen es auf den und noch wohl setzen, beschlossen wäre, so hätte sich Rodis anno 22 hernach so jämmerlich hilflos gelassen, nicht dem Feinde mit unverwindlichem Schaden ergeben dürfen. Ich achte aber, die christlichen Könige und Potentaten werden dem Türken (ob er nicht Geld vermöcht auf Kundschaft zu wenden) noch die Länder und namhaftigsten Städte in Europa contrafeit und in einem ordentlichen Register verzeichnet zuschicken, daß er desto leichter sehen und abrechnen möge, was noch übrig ist zu gewinnen. Wenn hie in diesem Büchlein nichts mehr wäre, denn die einige Historie König Ludwigs, sollten alle Christenmenschen mit so großem Elend der hohen königlichen Person und soviel theuren Adels, welche damals todt blieben, so viel unschuldiges Bluts, das dazumal vergossen, herzlich Mitleiden tragen. Dieses Buch, welches D. Paulus Jovius nicht aus Gassenmährlein, sondern aus wahrhaftigem Bericht vieler hoher Leute, königlicher Legaten, Oratoren, Fürsten und Herren zusammbracht, zeiget an, daß des Türken Macht, Arbeit und Fleiß viel größer ist, denn unerfahrene Leute gedenken, und daß er ein ganz fährlicher, listiger, schädlicher Feind ist, welcher die heilige christliche Religion zu Grund gern vertilgen wollte, alle gute, nützliche Regiment, Ordnung, Ehr und Zucht verwüsten. Einem solchen häßlichen wütherischen Tyrannen und Mordbrenner, welcher also anstecket, daß nicht leichtlich zu löschen und zu dämpfen ist, sind alle christliche Könige, Fürsten und Potentaten aus Pflicht ihres Amts zu widerstehen schuldig. Man gebe diesen ganz fleißigen treuen Warnungen Pauli Jovii Glauben oder nicht, so schreiet das unschuldige Habelsblut in hohen Himmel, so reden die Werk an ihnen selbst. Es sind unschuldige Weiber und Kinder, viel ehrliche Jungfrauen und Frauen mehr denn in einem königlichen Saal und Frauenzimmern, mehr denn in einer gewaltigen Stadt, so köstlich als Wien, Augsburg oder gleich Mailand seyn mag, an Ehr, Leib und Leben, erstlich durch die Türken geschändet, aufs äußerst geplagt, darnach erwürgt, zum Theil gefangen hinweggeführt, denken jetzt alle Stund an uns andere, ob wir steinerne Herzen haben, daß wir ihrer und unser eigenen Fahr so klein achten. Es soll aber vielleicht dieser letzten Zeit die Welt mit allerlei Unglück und Jammer gestrafet werden, darum sind jetzt die Leut in allen Sachen so sorglos und sicher, glauben noch nicht, daß ein Feuer sei, obgleich die Hölle und fliehende Lohe zu allen Fenstern und oberstem Dache ausschlägt, ob auch die Funken in allen Gassen stieben. Ich gedenke noch wohl anno 29, als ich mit Doctor Martino und Ph. Melanchthon zwischen Gotha und Eisenach nach Marburg fuhr, wie auf dem Wege eilend das Geschrei und Gerücht ward, und viel tapfer Leute es noch nicht glauben wollten, daß der Türke in Oesterreich wäre, oder daß es immer möglich seyn könnte, mit so großer Rüstung sich vor Wien finden zu lassen. Es ward von Etlichen auch in Oesterreich die Zeit bis auf die letzte Stunde verlachet, und ich halte, der Türk habe des frühe nüchternen Lachens und Tanzens wohl mehr gesehen, das zuletzt Betrübniß und Weinen bei den Unsern worden und das Lachen an ihn kommen ist. Die löbliche Stadt Wien weiß nun wohl, daß sie nicht papierene Türkenhüte in einem Fastnachtspiel gesehen, sondern daß sie von Solimani Kriegsvolk besucht ist. Es sind Bücher zuvor und hernach geschrieben, welche gewarnet und vermahnet, aber was hilfts? Bei den Unsern ist eitel Sicherheit, als wenn ein Hausvater sähe vor seinen Augen sein eigen Haus brennen und höret darin sein armes Weib und Kinder jämmerlich rufen, und er ließe einen Tisch gegenüber setzen, sähe des Feuers Kurzweil zu und singe an im Schach zu spielen; diesem würde jedermann gönnen, daß er an Leib, Ehre und Gut schach und matt würde, denn es wäre wohl verdienet. Dieser schändlichen fährlichen Sicherheit haben die Päbste zu Rom ein gut Exempel gegeben, denn die LXX oder LXXX durch, seit Constantinopel ist eingenommen, ohne was zuvor geschehen, haben sie mit ihren Bullen allein aus deutschen Landen eine große Anzahl etlicher Tonnen Goldes unter dem Namen der Steuer wider den Türken erschunden und mit rechtem Herzen oder Ernst nicht einen .Heller darauf gewendet, sondern zu Rom schändlich verthan. Alle diejenige, so diese große Untreu der Romanisten hören, werden ihnen wünschen, daß alle Päbste von 80 Jahren her wären des Türkischen Kaisers Capellan oder Basse gewesen, oder gleich Brüder und Verwandte; denn seinen höchsten Bassen und Visiris pfleget der Türke zu lohnen, wie der Teufel seinen Bundsgenossen oder der Henker seinem Knechte. Es wäre auch zu wünschen, daß, so man einen Zug wider den Türken sollte fürnehmen, etwa ein freudiger Fürst mit einem Hauptmann, wie Herr Jörg von Fronsberg war (der dem Pabst wollte eine hänfene Stola um den Hals legen) zufällig den Hof zu Rom besuchte und ließe des Pabsts geraubt Geld zu dem Türkenzuge den ersten Sold für die deutschen Knechte seyn, darnach (wie Tamberlanes den Türken gethan) den jetzigen Pabst als einen Betrüger und Spottvogel wieder spottete, nachdem er Deutschland und viel christliche Länder unter dem Namen des Türken so oft um groß Gold betrogen, und nichts desto weniger Constantinopel, Rodis rc. versäumet, vielleicht seinen heimlichen Bund und Friede mit dem Türken gehabt. Die Papisten samt ihrem Pabst wollen jetzt rein seyn, wollen ihren Mund wischen, und haben nie kein Wasser betrübet. Hie wird aber der Pabst mit seinem Ablaßkram funden mit unzählichem viel Gelds als in Diebstahl und Räuberei, als ein Gotteslästerer, denn alles dieses hat er gethan unter Gottes und der Christenheit Namen, schweige denn den allergrößten Schaden der Seelen und Gewissen. Ich achte aber, D. Jovii Erinnerung und anders sei vergebens, denn in Deutschland haben die hohen Bischöfe und etliche Fürsten jetzt Anderes zu thun, nemlich wie sie die lutherische Lehre dämpfen und das heilige Papisten- und Domherrn-Leben, den schändlichen Müßiggang (welchen kein Türke auch, um großen Lohn einen Tag gerne treiben würde) als der christlichen Kirchen höchsten Gottesdienst vertheidigen. Wenn nun der türkische Kaiser, welcher nun den Sultan gedämpfet, Alcairo gewaltig inne hat, ein gewaltiger Herrscher Asiens ist und Tag und Nacht in Arbeit ist, sein Reich zu mehren, der rothe König in der Karten wäre, so wäre er in einem Jahr, ja wohl in einem Tag oft zu schlagen. Aber dies Büchlein Jovii zeiget an, daß der Türke auch ein Kriegsmann ist und vielleicht auch Geschütz und Büchsen gedenkt zu brauchen; darum sollen alle Gottesfürchtigen fleißig Gott bitten, daß er Gnade gebe, damit die Unsern nicht zu hart und lang schlafen. Wir mögen wohl aufhören, diese Feinde gering zu achten, denn die Türken lernen dennoch auch so viel, daß sie die Eisen an den Spießen fürkehren; so weiß auch jedermann, daß man mit Büchsenpulver nicht Häuser bauet.“

Besonderes Verdienst erwarb sich Jonas durch seine Uebersetzungen, mit denen er die Schriften Luthers und Melanchthons immer weiteren Kreisen zugänglich zu machen bemüht war. Er übersetzte nicht dem Wort, aber dem Sinn nach vollkommen getreu, und je tiefer er selbst in Geist und Redeweise genannter Männer eingedrungen war, desto leichter lesen sich seine Uebersetzungen, als wären sie Originalwerke. Daß ein im Denken so selbstständiger und über ein so reiches Maasz des Wissens verfügender Mann wie Jonas so viele Zeit und Mühe auf Uebersetzung dieser Schriften verwenden mochte, ist ein Zeugniß der tiefen Hochachtung, welche er vor Luther und Melanchthon hegte, und ein Beweis der demüthigen Liebe, in welcher er nicht das Seine suchte, sondern das, was des Nächsten ist.

6. Jonas‘ Betheiligung am Ausbau der evangelischen Kirche Deutschlands.

Jonas ward zu allen wichtigeren reformatorischen Verhandlungen von Luther und Melanchthon zugezogen. Beide wußten seine praktische Geschäftskenntniß und seine feine Lebensklugheit hoch zu schätzen, und es wurde fast kein Geschäft von einiger Bedeutung ohne seinen Rath und seine Mitwirkung unternommen. Besonders kam ihm hierbei sein früheres Studium der Rechte zu Statten, indem es ihn befähigte, hauptsächlich in solchen Verrichtungen, bei welchen eine Berührung mit Rechtsverhältnissen stattfand, mit Einsicht und Geschick zu arbeiten. Seine mit Klugheit gepaarte Energie und seine aller Härte baare persönliche Würde machten ihn besonders geeignet zu solchen Geschäften, wo Streitigkeiten auszugleichen und neue Einrichtungen durchzuführen waren. Die Vermittlerrolle zwischen Carlstadt und Luther gelang ihm zwar nicht; um so entschlossener und thätiger bewährte er sich in dem Sacramentstreit. Bucer hatte sich im Jahre 1526 an Jonas um Befürwortung seiner Vergleichvorschläge gewendet. Jonas antwortete am 24. Juni 1526, er wünschte sehr, der „Friedenbringer“ zu seyn, wenn irgend wie mit gutem Gewissen Eintracht gestiftet werden könnte: „denn diese Zerwürfnisse sind ein großes Aergerniß in den Kirchen Deutschlands, denen eben erst solch eine besondere Offenbarung des Evangeliums zu Theil ward, und ich fürchte, durch diese Secten leide das reine Wort und Evangelium größeren Schaden, als man jetzt glaubt. Durch keine körperlichen Verfolgungen, durch keine Drohungen, Schreckungen, Kerker und Schwerter hätte der Satan der Sache des Evangeliums so schaden können, als diese allenthalben ausgestreuten Samen der Secten und Parteiungen schaden. Wahrlich, seine Gedanken sind schlau berechnet. Warum wir aber dennoch die angebotenen Friedensbedingungen nicht annehmen konnten, habt ihr theils mündlich von Caselius, theils durch unsere Briefe vernommen. In ihnen findet ihr auch unsere Ansicht über das heilige Abendmahl einfach und aufrichtig verzeichnet. Das Gleiche antworteten wir auch den Brüdern in Zürich und den Andern, die in ihre Meinung so verliebt sind, daß sie sich nicht herausfinden. Was mein Privatgewissen betrifft, so habe ich sorgfältig Oecolampads und Zwingli’s Schriften über die Eucharistie, so viel ihrer sind, gelesen, auch einige Blätter von Krautewald und Schwenkfeld; ich finde darin gute und plausible Meinungen, wie sie auch Andern, die über die Sache nachdenken, in den Sinn kommen möchten, aber ich sehe nichts Sicheres, worauf man sich, sobald man von dem einfältigen Wortlaut abweicht, verlassen könnte. Ich weiß auch nicht, ob Alle, die in dieser Lehre die Fülle ihres Wissens so hoch rühmen, ihrer Sache so gewiß sind. Wenn ihr aber auch sonst denselben Christus, dieselbe Weise der Rechtfertigung mit uns lehret, wie können wir ohne Heuchelei zu diesem eurem Dogma schweigen oder die Augen zudrücken, während wir behaupten, die Worte seien einfach, wie sie lauten, zu verstehen? Nur die Lehre verdammen wir, nicht die Schlangenzungen der Verläumder machen sie uns verdächtig, auch haben wir dabei keinerlei Ansehen der Person, sondern würden diese Lehre, wenn sie auch von diesem oder jenem der Unseren gelehrt würde, ebenso verwerfen. Im Uebrigen haben wir Oecolampad, Zwingli, dich und Capito, Hedio und die Uebrigen wegen ihrer großen Belesenheit in heiligen und profanen Schriften als Brüder stets geliebt und thun es heute noch, und möchte doch, sei es durch persönliches Zusammenkommen oder auf andere schickliche Wege, eine Verständigung erfolgen. Ich würde nicht anstehen, all das Meinige und mich selbst daran zu geben, wenn nur ein guter Friede zu Stande käme. Du preisest in deinem Schriftchen die Schwere des Kreuzes, welches auf Zwingli und Oecolampad laste. Ich gebe zu, daß das geduldige Leiden ein Zeichen des Apostolats ist; aber Jene sind nicht die Einzigen, welche Gott mit Kreuz heimsucht. Wie viele Fromme haben, noch ehe der Streit über die Eucharistie ausbrach, standhaft für Christus den Tod erlitten! Welch ein großer Anführer der Sacramentirer (Carlstadt) ist jetzt bereits abgefallen und froh, hier im Verborgenen zu seyn! Du weißt aber auch, daß Luther, was das Kreuz betrifft, kein Neuling ist, er, der beim Beginn des Evangeliums allein sein Haupt den Gefahren entgegenstellte und noch heutigen Tags von den Mächtigen nicht wohl gelitten ist.“ Jonas Wunsch in Betreff einer mündlichen Besprechung ging zwar in Erfüllung, nicht so die Hoffnung, welche er darauf baute. Gegen Ende Septembers 1529 machte sich Luther in Begleitung von Melanchthon, Jonas und Cruciger über Erfurt, Gotha und Eisenach nach Marburg aus, wo sie am 30. September Vormittags eintrafen. Jonas selbst berichtet in einem merkwürdigen Brief an Reiffenstein von dem Gang des dortigen Gesprächs und dem Eindruck, den dasselbe auf ihn machte: „Wir kamen am zweiten Tag nach Michaelis nach Marburg und wurden mit aller Gastfreundschaft und wahrhaft königlich von dem Landgrafen Hessens aufgenommen. Eine sehr bequeme Wohnung war uns zuerst in der Stadt zugedacht, aber aus gewissen Gründen änderte der Hessische Heros seine Anordnung und nahm uns alle in seiner Burg in Wohnung und an Tisch gastfreundlich auf. Solche Ehre wurde in diesen Wäldern nicht nur den Wissenschaften und Musen, sondern auch dem wahren Gott und Christo, dessen Wort wir predigen, erzeigt. Am sechsten Tag nach Michaelis besprachen sich auf fürstlichen Befehl die Häupter besonders, Luther mit Oecolampad, Melanchthon mit Zwingli. Aber so ward keine Einigung erzielt. Am folgenden Tag begann das eigentliche Gespräch, wiewohl nicht geradezu ein öffentliches, doch in Gegenwart des Fürsten, der Hofleute und ersten Räthe Hessens und derer, welche die Antagonisten von beiden Seiten in ihrem Gefolge hatten. Von der einen Partei erschienen Zwingli, Oecolampad, Bucer, Hedio und Jacob Sturm, der Straßburger Rathsherr, ein bedeutender Mann, Ulrich Funk und Rudolph Frey, die Rathsherren von Zürich und Basel; von der andern Partei Luther, Melanchthon, Eberhard von Than, der Eisenacher Präfect, ich Jonas, Caspar Cruciger und die übrigen. Vor dem Fürsten saßen alle Hofleute, an einen Tisch setzten sich jene Vier: Luther, Melanchthon, Zwingli, Oecolampad. Als es zum Gespräch kam und von beiden Seiten schon die Fragen gestellt waren, verweilte Oecolampad fast zwei Tage bei dem Satz, Christus habe einen wahrhaftigen Körper und sei im Himmel, kein Körper könne aber zugleich an mehreren Orten sein. Zum Andern hielt er sich so lang beim sechsten Capitel Johannis, vom geistlichen Essen des Fleischs und Trinken des Bluts auf, daß er das Gleiche nur mit andern Worten immer wieder sagte. Luther gestand nicht zu, daß die einfachen und klaren Worte Christi von dem Abendmahl mit Gewalt oder List verdreht werden. Darob waren die Gegner sehr mißstimmt und wollten beinahe im Aerger Urlaub von dem Fürsten nehmen. Ueber diesen sehr heftigen Streit mündlich, oder schreibe ich dir von Wittenberg aus. Am Sonntag nach Michaelis kehrte man zum Gespräch zurück mit Hoffnung einer Concordie, doch zog sich die Disputation bis gegen Abend hin. Endlich trennte man sich, indem die Gegner aus ihrem Irrthum mit aller Hartnäckigkeit bestanden, und wir nicht minder eifrig die Wahrheit vertheidigten. Ich weiß nicht, ob man sich jetzt noch auf irgend eine Concordie in Betreff des Sacraments zwischen uns Hoffnung machen darf. Heute am Montag sucht der Fürst noch durch Vermittlung seiner Räthe und Gelehrten nach einem Weg irgend eines Syncretismus; aber über das Sacrament wird man sich nicht einigen. Gerne möchte ich dich mündlich sprechen, damit du mein Urtheil über die Personen höretest: Zwingli hat etwas Bäurisches und Anmaßendes; Oecolampad ist von seltener Gutmüthigkeit und Sanftmuth, Hedio besitzt eine nicht geringere Freundlichkeit und Treuherzigkeit; Bucer hat die Schlauheit eines Fuchs und wendet Klugheit und Schärfe des Verstandes übel an. Kein Zweifel, Alle sind gelehrt, und gegen sie sind die Papisten für nichts zu achten. Aber Zwingli scheint sich ohne Begabung in die Wissenschaften vertieft zu haben. Der stets anwesende Fürst war der aufmerksamste Zuhörer und soll offen ausgerufen haben: Jetzt will ich lieber den einfachen Worten Christi glauben als den scharfen menschlichen Gedanken. Doch die Sache steht ganz in Gottes Händen …. Bucer redete auch in längerem Gespräch Vieles mit mir über die Artikel der Dreieinigkeit, der Erbsünde u.s.w. Wir verständigten uns mit Ausnahme der Eucharistie.“ Unverrichteter Dinge verließen die Wittenberger am 5. October Marburg. Daß übrigens Jonas ein klares Bewußtseyn mit Luther darüber theilte, daß sie nicht bloß die Lehre vom Abendmahl von den Zwinglianern scheide, geht aus einer Aeußerung hervor, die uns Melanchthon von ihm aufbewahrt hat. Als über Tisch in Marburg von dem Zwinglischen Staat die Rede war, bemerkte Jonas: „Wenn sie der Bauren Biret haben reformiret, so wollen sie darnach des Fürsten Marder Schauben auch reformiren, darnach die Pferde und das Regiment.“ Das Mißtrauen, welches Jonas gegen Bucers Vermittlungsvorschläge hegte, bekundet sich auch noch in einem Schreiben, das er im Jahr 1531 an die Augsburger Prediger, Dr. Johann Frosch und Dr. Stephan Agricola richtete, aus welchem zugleich seine große Friedensliebe hervorleuchtet. Er schreibt: „Ich kann auf eure nächste Briefe nicht genugsam antworten vor andern Geschäften, aber doch wollen wir euch dieweile nicht ungetrost lassen in dieser wichtigen und tapferen Sache, das Sacrament betreffend, da dann nicht eine geringe Gefahr des Gewissens an liegt. Der Bucer bekennt in seinem Schreiben, daß der wahrhafte Leib Christi sei wahrhaftig zugegen im Nachtmahl, und wiewohl er zu einer Speise der Seele und nicht des Bauches gegeben wird, so sei er doch nit allein der Seele zugegen, sondern werde auch äußerlich gegeben in den Mund der Gläubigen und Ungläubigen. Das sind seine eigene Worte. Vom Oecolampadio verheisset er auch desgleichen. Wir hören ihre Wort und lesen sie und verhoffen daneben aus denselben alles Gutes; ihre Herzen aber und innerliche Gedanken konnten wir nicht erkennen. Als viel aber doch ein Mensch gänzlich kann anzeigen, ersehen und verstehen, ja auch ein geistlich Mensch, dazu der Luther selbst oder wir und Andere, die nit gar unverständlich sind, so ist man noch nie näher kommen zum Wege einer beständigen Einigkeit. Darum schreibet auch Bucer an einem Orte: es war eine gute Hoffnung und ists auch noch, daß aus diesen Anfängen eine Staffel werde zu einer beständigen Einigkeit, welche, auf daß sie bald geschehe, bitten wir Christum fleißig. Ihr sollt aber wissen, daß dieweile keine offentliche Schrift wird ausgehen von unserer Concordi mit ihnen, sondern man wird die Sache also walten lassen, in guter Hoffnung, sie werden eine solche große Sache daweile auf beiden Theilen dem Gebet der Frommen befehlen. Wann Christus diese Sache will glücklich schicken, so wird ers wohl thun, er wird die Herzen und den Willen der Lehrer und Zuhörer also wenden, daß sie frei recht strafen und einfältig am Lichte weiter werden bekennen die Wahrheit. Daneben aber ist vonnöthen, daß man mit diesen, bei welchen eine gute Hoffnung zu gewarten ist, nit scharf und unfreundlich handle. Man hat viel Dinge zu hart und zu bitter erhitzt und beider Theil Disputirens geredt und geschrieben, wie denn sie von Fleischfressen und viel andere Dinge mehr ganz häßlich und gleich ganz lästerlich gemeinlich ausgeschrieben haben. Bucer und die Andern wollten nun, daß solche ungeschickte Reden würden sein gemächlich und nicht genöthigt oder schnell aus der ungeschickten Menschen Herzen gezogen, welche dann oft nur zu ihnen allein Wohlgefallen gehabt haben und nicht geachtet, was die andern Argument inhielten oder wo sie sich hinziehen. Wir hoffen, daß endlich Bucers Meinung sei, und daß der Mann ernstlich begehr ein Concordi, welche aber nicht so schnell oder so leichtlich kann gemacht oder angerichtet werden, als schnell und leichtlich sie aus beider Theil Zank zertrennt ist worden. Derhalben, allerliebsten Brüder, acht ich, daß euch auch solches selbst zu hoffen oder doch auch nicht zu verzweifeln sei an dieser Sache, und daneben ist zu bitten, daß Christus, welcher mehr thun kann dann wir Begehren oder Gedenken haben mögen, diese Einigkeit zum Ende wolle bringen. Mit den Andern aber (die nicht so stark gelehrt und so scharf verständig sein, als Bucer ist) als mit dem Meislin und eurem Michell, welcher Augsburg forchtsam und erschrocken verlassen hat aus Furcht des Kaisers, handlet klüglich und nehmt nichts Gewisses mit ihnen an, beschließet auch nichts mit ihnen, ihr habt denn zuvor Dr. Luthers Rath darinnen oder gewissere Zeugnuß, oder daß ihr öffentliche Schrift sehet der Concordi. Wo euch aber jemand zwingen wollte mit ihnen zur verwickelten und finstern Concordi, so handelet weislich; Christus wird euch eingeben, was zu thun sei; dieser, der die höchste Weisheit ist, wird niemand betrügen, auch niemand laichen. Mich wundert, daß Dr. Gerion also verkehrt ist worden.“ Jonas bezeugte fortan ein besonderes Interesse für die Augsburger Gemeinde; als im Juli 1535 ihre Abgeordneten Dr. Gerion und Huber in Wittenberg waren, sich bei Luther für ihre vom Sacramentstreit noch immer beunruhigte Kirche Rath zu holen, dachte Jonas daran, selbst nach Augsburg abzureisen, um so lange dort die Verhältnisse zu ordnen, als wegen der in Wittenberg ausgebrochenen Pest die Vorlesungen ausgesetzt werden mußten. Ebenso hoffte er noch immer aus den Abschluß einer völligen Concordie, und unterschrieb die Concordienformel vom Jahr 1536. Als Bucer im November 1538 nach Wittenberg zu diesem Zwecke kam, äußerte sich Jonas sehr an. erkennend über denselben. Bei aller Strenge, mit welcher er selbst an der lutherischen Abendmahlslehre festhielt, lernte er über die Andersdenkenden milder urtheilen und mit der Liebe die Schroffheit des Systems bedecken.

Von hoher Bedeutung für den Gang der Verhandlungen während des Augsburger Reichtags und für die Abfassung der Augsburger Confession war der Antheil unseres Jonas. Zwar wollte der gegen Jonas feindselig gesinnte sächsische Kanzler Brück in dieser wie fast in jeder andern Hinsicht Jenem alles Verdienst streitig machen, indem er in einem Brief vom 13. Juli 1544 an den Churfürsten bemerkte, daß Jonas nach Augsburg „wahrlich mehr pro forma mitgenommen worden, denn daß er etwas gearbeitet oder gethan hätte, dergleichen auch ein oder zweimal nach Schmalkalden“: aber Melanchthons und seine eigenen Briefe aus Augsburg bezeugen, wie eifrig Jonas mit Rath und That seinem Freunde Melanchthon zur Seite stand. Jonas war eben auf der Kirchenvisitation abwesend, als er durch Melanchthon am 14. März von dem Befehl des Churfürsten unterrichtet wurde, der Luthern, Melanchthon und Jonas auf den Sonntag Judica nach Torgau beschied, um von hier aus über Coburg, wo Luther zurückblieb, zum Reichstage in Augsburg aufzubrechen. Am 2. Mai traf der Churfürst mit seinen Begleitern als der erste der erwarteten protestantischen Fürsten in Augsburg ein. Von Weimar aus hatte Jonas am 9. April seinem Freund Lange geschrieben: „Es werden, wie du weißt, die wichtigsten Angelegenheit verhandelt, welche durch keine menschliche Weisheit geordnet oder bereinigt werden mögen. Jetzt gilt es, zum Herrn im Himmel zu schreien mehr als je, daß er sein Schiff in diesem stürmischen Meer leite und führe. Sicher wird er die Gebete der Frommen erhören. Ich befehle darum diese Sache der Fürbitte eurer Kirche. Der Satan, zweifle nicht, wird Alles versuchen.“ Erst am 15. Juni zog der Kaiser in der Reichsstadt ein. Melanchthon hatte von seinem Fürsten den Auftrag erhalten, die von ihm vorzulegende Schrift auszuarbeiten. Er bezeugt selbst, daß er sich über alle Artikel dieser Confession mit den zu Augsburg gegenwärtigen Theologen (außer Jonas: Spalatin, Amsdorf, Brenz und Schnepf) besprochen habe; ganz besonders verhandelte er darüber mit Jonas, der ihm am Innigsten befreundet war und in vielen Stücken die Stelle des abwesenden Luther vertrat. Namentlich war es Jonas, welcher den oft niedergeschlagenen und ängstlichen Philippus aufrichtete und ihm Muth zusprach; auch vermittelte er häufig die Correspondenz mit Luther. Die vom Kanzler Brück in deutscher Sprache geschriebene Vorrede der Augsburgischen Confession übersetzte er ins Lateinische Am 29. Juni übersandte er an Luther ausführlichen Bericht über die Verlesung der Confession und fährt dann fort: „Ich habe jetzt die Gesichtszüge des Kaisers näher betrachtet, als vor zehn Jahren in Worms: er hat ein eines Fürsten durchaus würdiges Aussehen, den Ausdruck der Milde, des Adels, vor Allem angeborener Freundlichkeit. Von einem der ersten Räthe ließ ich mir erzählen, so oft König Ferdinand etwas Hartes und Heftiges sage, tadle ihn der Kaiser mit den Worten: den Königen ziemt Mäßigung und Milde! Der Kaiser ließ sich unsere Confession in italienische und französische Sprache übersetzen. .. Der Kanzler und wir Andern gaben den Fürsten den Rath, den Kaiser selbst aufzusuchen, ihm die Summe der Lehre kurz mitzutheilen und anzugeben, worin sie nachgeben könnten, worin nicht. Philippus schreibt Vergleichsartikel, welche wir hier berathen werden und die auch dir zur Durchsicht oder eigenen Aufsetzung zugeschickt werden sollen. Was meine Ansicht betrifft, so bitte ich dich, mein theuerster Vater, um Jesu Christi willen, daß du wohl Alles überlegest, denn es handelt sich um etwas überaus Wichtiges. Du bist ja der Wagen und Lenker Israels, dich hat Gott vor Andern herrlich begabt. Philippus geht mit bester Absicht in dieser Sache vorsichtig und bedächtig zu Werke und wünscht, daß man möglichst Vieles dem gemeinen Frieden nachsetze. Unlängst stritten wir uns etwas über die Gewalt und Jurisdiction der Bischöfe, was ich dir ins Ohr sage. Hier solltest du rathen, damit nicht die ganze Nachwelt darunter leide und unser Gewissen beschwert werde. Ich wollt auch, daß alles das nachgelassen würde, wodurch man Christo nichts vergibt; aber ich zweifle nicht, das Christus durch deinen Mund, durch welchen er auch gepredigt ward, offenbaren wird, was zu thun sei. Schreibe so oft als möglich an Melanchthon, denn er ist der gemeinen Wohlfahrt halben manchmal über die Maaßen traurig. Wir ermahnen ihn, den Psalter vor sich zu nehmen und in fremden, nicht in eigenen Worten mit Gott über eine so wichtige Sache zu reden; aber er wird seines Trübsinns nicht Meister.“ Wir verdanken dieser Mahnung einen der gewaltigsten Trostbriefe. Luther, den die Verlesung der Augsburger Confession vor Kaiser und Reich zum innigsten Dank gegen Gott stimmte, tröstete seinen Philippum mit der Versicherung, daß er sich schon in größeren Aengsten befunden habe, in denen er durch das Wort eines Bruders, bald durch Pomerani, bald durch Melanchthons, bald durch Jona Wort getröstet worden sei; so solle er denn jetzt auch seinen Zuspruch hören; mit großer Demuth vergleicht er sich mit seinem Freunde: „In eigenen Kämpfen bin ich schwächer, du aber stärker; dagegen in gemeinen Dingen bist du, wie ich in eigenen, und ich bin in gemeinen Dingen wie du in eigenen.“ Glaubensstark ruft er aus: Fallen wir, so fällt Christus mit; und immerhin mag er fallen, ich will lieber mit Christo fallen als mit dem Kaiser stehen! – Am gleichen Tag, an welchem Jonas obigen Brief an Luther schrieb, gab er auch in Gemeinschaft mit Johann Rurek, Erhard Schnepf und Heinrich Bock ein Bedenken an seine Fürsten ab, diese möchten den Kaiser persönlich ansuchen und ihm summarischen Bericht erstatten, unter welchen Bedingungen eine Concordie allein möglich sei, und in welchen Artikeln man nichts nachlassen noch weichen könnte; denn es sei zu besorgen, „daß dieser hohe, große Handel, die christlich Religion und Glauben belangend, werde von etlichen des Gegentheils nicht dermaßen angesehen, bewogen und in den Stücken wichtig geachtet, da er an ihm selbst am Wichtigsten ist; und wenn es die Wege erreichte, daß man Mittel und Maß der Vereinigung und Concordien suchen sollte, möchten vielleicht die Widersacher oder Unterhändler mit erbietlichen Reden und Widerreden, wie in anderen weltlichen Händeln, wollen diese Sache fürnehmen, dadurch dann nur viel Zeit verliefe.“ Als später die Frage aufgeworfen wurde, ob man nicht, um möglichst die Hand zur Verständigung zu bieten, die Privatmessen, auf welche die Päbstlichen besonderen Werth legten, unter gewissen Modificationen zulassen könnte, war es Jonas, der sich am Nachdrücklichsten dagegen aussprach). Er erklärte, sie könnten und dürften mit gutem Gewissen nicht rathen noch willigen, daß die Privat- oder Winkelmessen wieder eingeführt würden, denn es gebe kein ander Stück in dieser ganzen Sache, das der Teufel so öffentlich zu Abgötterei, zu Krämer und Geiz mehr mißbrauche; die Papisten wollten die Messe nur um des Genusses willen, die Messe müßte den Namen haben, im Grunde aber sei es nichts Anderes denn Geld, Ehrgeiz und Bauch! Mit trüben Erwartungen, aber glaubensstarkem Muth schied Jonas von Augsburg, indem er aus die vorgeschlagenen Mittel eines friedlichen Abschieds sein Bedenken am 13. September dahin stellte, daß dieselben unbedingt abzulehnen seien: „Dieweil man in allerlei Wege um gemeines Friedens und Liebe willen der Mütigkeit und Gelindigkeit sich geflissen und doch befindet, daß vom Gegentheil eitel List, gefährliche Tücke und Griffe gebraucht werden, unsere Lehre, welche doch gewiß recht ist, unterzudrücken, zu Schanden zu machen und alle Ding dahin zu richten, daß die papistischen Mißbrauch einzeln sollen einreißen und diese Lehre und christliche Gottesdienst untergehen, sehen wir nun klar vor Augen, daß wir nit mit Schwachen, sondern Feinden der Lehre und des Evangelii zu schaffen haben. Ob wir solches nun wohl zuvor gewußt, nachdem ihr Viele vom Gegentheil um dieser Lehre willen die Leut aus ihren Landen verjagt und getödtet, so wissen wir es doch nun noch klarer und habens so oftermals diesen Reichstag erfahren, daß wir vor Gott desto weniger Entschuldigung haben. Bisher haben wir das Wort Pauli braucht: So viel es möglich, lebt mit allen Menschen in Friede; das haben wir aufs Mannigfältigste in alle Wege, die möglich gewest, versucht. Nun befinden wir, daß es uns gehet, ich will sagen, daß dieser Sache auf dem Reichstag gehet, wie es Christo selbst gieng, daß man ihn auf allen Seiten mit List suchet, und wollen uns in Reden sahen, daß sie zu rühmen und zu schreien haben wider die Lehre. So wissen wir nun, wie der Herr Christus sagt, man solle sich hüten vor dem Sauerteige der Pharisäer; da meint er nit allein ihre falsche Lehre, sondern alle ihre Heuchelwort, die ungesäuert und nit rein seyn. Paulus zu den Galatern am 2. sagt, da er falsche Brüder vor sich gehabt, die da ihn auch genau suchten der Lehre und Freiheit halben habe er Titum nit beschnitten und nit auch dazumal in etwas weichen wollen: so sagt er auch in der andern Epistel zu den Korinthiern am 11., er fleißige sich aufs Höchste in allen Dingen alle Ursachen abzuhauen denen, die da Ursachen suchten, daß sie rühmen möchten, sie wären wie Paulus, d. i. den Widersachern, welche da suchten Ursachen zu rühmen, sie lehreten auch Christum, so sie doch den nit lehreten. Nun suchen unsere Widersacher uns viel genauer und gefährlicher, wollen da hinaus, daß sie rühmen mögen sich unseres Consensus oder auch (wie sie davon unter sich tractiren) unserer Revocation. So wissen wir darüber, daß uns der heilige Geist vor solchen Leuten gar treulich warnet im 56. Psalmen, da er sagt: Ihr Mund ist glätter denn Butter und haben doch Anderes im Sinn; Ihr werdet seyn gelinder denn Oel, und sind doch bloße Schwerter. So sollen wir nun (wie allweg in diesen großen Sachen von Nöthen) doch nun sonderlich bitten, daß wir freudig handeln mögen ohne Scheu, wie auch Paulus zu den Ephesern am letzten Cap. sagt; denn daß man bisher gelinde gehandelt, haben wir in Liebe gethan, in Hoffnung des Friedens. Nun merken wir aber aus allen Umständen und vielen Anzeigungen, daß sie diese Lehre sonst im ganzen Reiche, wo sie noch nit angenommen, zu dämpfen und unterzudrücken gedenken und alle ihre Anschläge dahin gehen, diese Lehre zu Schanden zu machen und zu verunglimpfen.“

Nachdem Jonas im August 1534 mit Luthern in Dessau einen Besuch gemacht und dort namentlich mit dem Fürsten Georg sehr vertraulich verkehrt hatte, finden wir ihn im Jahr 1536 in Naumburg, wo wiederholt fruchtlose Versuche gemacht worden waren, der evangelischen Lehre öffentliche Anerkennung zu verschaffen. Sein Aufenthalt daselbst dauerte von Ostern bis in den Herbst. Er hatte hier einen sehr heftigen Widerstand von Seiten des Bischofs und der „epicureischen Priester“ zu überwinden, doch gelang ihm das Werk unter dem Schutz des Churfürsten von Sachsen. Luther hatte ihm den Hieronymus Weller zum Gehilfen mitgegeben, aber da dessen schwache Stimme in der großen St. Wenceslaikirche nicht durchdrang, so kehrte er bald wieder zurück, so daß die ganze Arbeitslast auf Jonas allein lag. Das von Jonas begonnene Werk wurde durch den im folgenden Jahr zum Pfarrherrn und Superintendenten an die Naumburgsche Stadtkirche berufenen Nicolaus Medler vollendet. Im Jahr 1537 wohnte Jonas dem Convente zu Schmalkalden bei und unterschrieb die Schmalkaldischen Artikel; im folgenden Jahre finden wir ihn auf dem Convent der Evangelischen zu Frankfurt. Auf dem Rückwege von demselben besuchte er seine alten Freunde in Erfurt und predigte in der dortigen Peterskirche.

Als Herzog Heinrich von Sachsen in den Jahren 1537 und 38, noch bei Lebzeiten seines Bruders Georg, in seinem damaligen kleinen Landesantheile die Reformation einführte, waren Jonas und Spalatin hierbei vorzüglich thätig, und diese Wirksamkeit erweiterte sich, als Herzog Heinrich, nach Georgs Tode, Regent des ganzen Albertinischen Sachsens wurde und dieses Land der lang entbehrten Reformation öffnete. Am Pfingstfeste, den 25. Mai 1539. hielt Jonas für den durch schnelles Erkranken verhinderten Luther in der Nicolaikirche zu Leipzig über das Festevangelium die Morgenpredigt, mit welcher der evangelische Gottesdienst daselbst eröffnet wurde. Zum ersten Mal wurde der Cultus in deutscher Sprache gehalten: Luthers deutsche Lieder wurden vor und nach der Predigt gesungen, die Gebete in derselben Sprache verlesen. Als am folgenden Tag Luther mit seinem Churfürsten und dem Herzog Heinrich von Leipzig abreiste, blieb Jonas mit Cruciger, Myconius, Pfeffinger und dem Wittenberges Diaconus Loy zurück, um das begonnene Werk ferner zu unterstützen. Jonas wurde mit Spalatin an die Spitze der aus fünf Mitgliedern bestehenden Visitationscommission des meißnischen Landes gestellt, welche am 20. Juli ihre Reise antrat, zunächst nach Pirna. Mit Würde und Herzlichkeit ermahnte er die Versammelten zu dankbarer Annahme der neuen Kirchenordnung; aber schon auf ihrer ersten Station sollten die Visitatoren gewahr werden, aus welch niedriger Bildungsstufe die Geistlichen des Bezirks stünden, und wie sie sich zwar bereit erklärten, der neuen Ordnung nachzukommen, aber über die Pflichten eines evangelischen Predigers sich noch gar nicht belehrt hätten. Die Visitatoren baten daher noch von Pirna aus den Herzog, sofort zum Druck von 1500 Exemplaren von Luthers „Taufbüchlein“ und „Unterricht an die Pfarrherrn im Churfürstenthum zu Sachsen“ Befehl zu ertheilen, was auch geschah. Von Pirna ging die Reise nach Lengenfeld, Annaberg, Chemnitz, Penig, Pegau, Leipzig, Wurzen, Oschatz, Döbeln, Lommatsch, Seußlitz, Hayn und von da nach Dresden. Ueber das Resultat der Visitation äußert sich Jonas am Ende des Jahres 1539 in einem Briefe an den Churfürsten, welchen dieser dem Herzog Heinrich mit eigenem Handschreiben zuschickte, um ihn von der Notwendigkeit der Ergreifung noch ernsterer Maßregeln zu überzeugen. Jonas schreibt: „Ich hab billig Scheu, E.Ch.F.G. so oft mit Schriften zu bemühen, aber die große hohe Noth der unbestellten Kirchen auf so viel hundert Pfarreien, da viel tausend Seelen zu versorgen sind, welche noch alle unter bösen Papisten täglich klagen und schreien, dringet mich zu suppliciren und zu schreiben. In meinen nächsten Schriften ist all mein Bitten dahin gericht gewest, daß E.Ch.F.G. wollen fördern helfen, damit die andere Visitation in Meißen, so solche hohe Noth vorhanden, nit länger verzogen werde. Dieses ist noch D. Spalatinus und mein und der andern Allen, so Gelegenheit der armen Kirchen und Pfarrern gesehen, einig Wunsch, Flehen und Bitten, denn ohne große, merklich, trefflich Schaden und Aergerniß kann es nit abgehen, daß so viel hundert Papisten-Pfarrer da sitzen gesammlet, Pabstes Hefe und Grundsuppe aus allen Ländern, und sind ihr Lehren und Leben nichts verhört noch examinirt, werden durch den Verzug nur in ihrem Muthwillen gestärkt. Und haben sich ihrer viel auch allbereit hören lassen, sie hätten gemeint, der Platzregen der Visitation würde stärker gewesen seyn, aber es wäre dennoch, so sie in ihrer Ruhe gelassen, ein leidlich Uebergang gewesen. Und wer auf seinem Gewissen die Last so vieler Pfarren und Seelsorger Versäumniß tragen sollt, dem wäre besser, daß er todt wäre, und wenn ich morgen sollt nach Gottes Willen von hinnen scheiden oder sterben, so wüßte ich nit anders zu sagen, denn daß aus vielen hochwichtigsten großen wirklichen Ursachen aufs Höchste vonnöthen, sonderlich jetzund, so an vielen Orten die Sterbensläuft drohen, die andere Visitation förderlich vorzunehmen, und wollt, es würden Leute dazu verordnet, die hundertmal dazu geschickter seyn möchten, denn wir drei, so von Ch.F.G. dazu gegeben. Es ist ein groß Expectation gewesen von dieser Kirchenbestellung. Es hat mir auch Capito aus Straßburg geschrieben, welche Briefe zu Dresden mir zukommen, daß viel Gottfürchtige sich freuen, daß in dem Fürstenthum das Evangelium gepredigt werde. Sollten nun im Anfang groß und viel Aergerniß fürfallen, wäre fast schädlich und brächte groß Aergerniß.“ Auch Creutziger hätte von den Pfarrern um Leipzig geschrieben, daß man sich über die Dorfpfarrer hoch beschwere, daß sie weder deutsch taufen noch Communion halten wollten, auch viel großen vorgefaßten Muthwillen treiben. Ebenso schreibe Justus Menius über die Thüringer Visitation, es sei nicht zu glauben, wie viel barsch und grob ungelehrte Leute sie auf den Pfarren hin und wieder gefunden hätten, ungelehrte, grobe Gesellen und dazu erzgroße Bösewichte und verzweifelt arge Buben, unter 200 kaum zehn, die nicht in öffentlicher Fornication gesessen hätten und noch säßen. Unter diesen Umständen sei eine neue Visitation dringend geboten. Wirklich kam zu Anfang des Jahres 1540 eine zweite Visitation zu Stande, welche bis 1542 dauerte; Jonas nahm an ihr keinen Antheil: wir sehen ihn sofort auf einem neuen Arbeitsfelde, noch schwieriger und mühevoller als das, welches er eben verlassen hatte.

Doch erwarb sich Jonas ein bleibendes Verdienst um das Reformationswerk in den sächsischen Landen durch Abfassung einer „Kirchenordnung (Agenda) für die Diener der Kirchen in Herzog Heinrichen zu Sachsen Fürstenthum“ welche in weiten Kreisen Eingang und Nachahmung fand und bei der zweiten Visitation an alle Pfarrer vertheilt wurde. Besonders eingeschärft wurden denselben die Worte in der Vorrede: „Wollet auch, liebe Herren und Brüder, zu einem Anfange, bis Gott weiter Gnade verleihet, in euren Pfarren, Aemtern und Diensten dieser einfältigen und doch in göttlicher Schrift wohl begründeten Ordnung und Form anstatt der papistischen Agende einträchtiglich gebrauchen. Das soll Jedermann wissen, daß diese Kirchenordnung also gestellt ist, nicht der Meinung, als müßte es aus Noth Alles ebenso gehalten werden, wie bisher unter dem Pabstthum die Gewissen mit Menschenleben und Geboten verstrickt sind, sondern allein darum, daß die einfältigen Pfarrherren eine Form und Weise hätten, wie sie sich in ihrem Amte und Handlung der heiligen Sacramente halten mögen, damit Niemand gewehret noch benommen, wer es für sich selbst besser weiß zu machen. Doch sollen auch andere Pfarrherrn und Prediger vermahnt seyn, daß sie sich wollten mit den Andern, so viel möglich, gleichförmig und einträchtig halten.“ Ein hochherziger evangelischer Geist durchweht diese Kirchenordnung, wir theilen aus ihr die Worte mit, mit welchen sie den Unterschied zwischen einem evangelischen und einem papistischen Pfarrer hervorhebt: „Es ist recht geredet, wie die Collect lautet (so die Papisten oft selbst gebraucht): Deus cui servire regnare est: denn welcher Pfarrherr treulich den Namen und die Gnade Christi prediget, die Tauf und Sacrament in rechtem Brauch reichet, der ist freilich alle Stunde ein gewaltig Siegmann, ein König und Herrscher über die große Macht und schreckliches Reich des Satans, der thut alle Stunde dem Feinde Schaden und vermehret das Reich Christi, wie auch der 68. Psalm die Apostel und Pfarrherrn Könige der Heerschaaren nennet. Es liegt ein treuer Seelsorger alle Stunde zu Felde im Heer des Herrn Zebaoth, bewacht, errettet und schützt seine Pfarrkinder wider allerlei List, Verrätherei, wider so starken Streit und Sturm des Teufels, und ist ein Pfarrherramt nicht ein Müßiggang oder Scherzwesen, wie denn Paulus Timotheum einen Streiter und Kriegsmann Christi nennet. Aber davon wissen die Papisten eben so viel als ein Rind. Denn ein recht Papist ist nichts anders denn ein Bauchdiener, der gar nichts darnach fraget, ob er zehn, zwanzig Jahr in einer ganzen Stadt drei, vier tausend Seelen versäumet, ja ob er in Städten, Dörfern drei, vier Pfarren auf einmal habe und unzählig viel arme Seelen und Gewissen jämmerlich trostlos lasse, welche er weder lehren, trösten, noch unterrichten kann; seine Sorge ist nicht Seelsorge, sondern Korn- und Mehlsorge. Seine beste Kunst ist, daß er sein Zinsregister lese und macht wohl das ganze Jahr keine Feder naß, denn wenn er auf Michaelis und Martini in das Register schreibt. Ein recht natürlich Papist ist ein solch lästerlich Unmensch, daß er beides verlacht, spottet und verachtet, es sei Recht, Religion oder ihr eigen erfunden Schein, allerlei Satzung, es sei Pabst oder Evangelium; denn man weiß noch wohl, wie die Papisten ihre eigene Winkelmesse spotteten: Ist Geld und Präsenz vorhanden (sprachen sie), so wachsen uns die Messen im Leib, wie den Hühnern die Eier; item wie sie ihre eigene Horas canonicas verlachten: Nicht viel Geld oder Korn habe ich, sprach einer zum Andern, aber gewiß Retardat und ungebetete Vesper und Metten habe ich etlich Boden voll! Welche nun solche rohe böse Leut sind, daß sie die Religion verachten, schmähen und spotten dürfen, die sind auch gewißlich aller ander böser lästerlicher Untugend, aller Sünde und Schande voll, und das ist gewißlich nichts guts, sondern eitel satanisch Gedanken und Werk, und sonderlich von Gottes Wahrheit, von dem Evangelio spöttlich reden ist zwar ein solch löblich Kunst, da der Teufel oberster Meister ist, welches diejenigen, so an Gott verzagen und dem Satan sich ganz ergeben haben, am besten können. Was Gott der Herr für göttlich stark Werk bei dem Evangelio auch zu unserer Zeit thut und gethan hat, das sehen dieselbigen verherten Papisten und mögen es mit Händen greifen und tasten; wollen sie aber nicht destoweniger arme Strohhälmer mit brennenden Feuer scherzen, so wird sie Gott auch wohl finden und der Herr Christus, welcher gewiß in den Pfarren, da das Evangelium und die Sacramente rein gehen, oberster Seelhirt, Pfarrherr, Bischof, Täufer und Sacramentreicher ist. Paulus der Apostel warnet mit großem Ernst wohl höher und größer Leut, denn die papistischen Dorfpfarrer sind, daß sie sich nicht an Gott verbrennen, 2. Cor. 13.: Suchet ihr denn (sagt er), daß ihr einmal gewahr werdet deß, der in mir redet, nemlich Christus; als sollt er sagen: Wagets nicht zu hoch, Gott ist euch zu stark, ihr seid Menschen, er ist Gott. Wir aber und alle Gottfürchtige sollen nicht so klein achten das Predigtamt, sondern sollen wissen, daß eine jegliche recht bestellte Pfarre (wenn es auch das geringste Dörflein wäre) des lebendigen wahren Gottes Haus und Saal ist, da Gott und viel tausend Engel (welche auch Dorfpfarrer And der geringsten Christen hüten, Pfarrherrn mit sind) wandeln und wohnen; und wo das heilige Evangelium in eine Stadt oder Dorf kommt und den Satan und Pabst austreibt, sollen wir uns von Herzen freuen, daß wir diese Stücke wieder rein haben: Evangelium, Tauf, Sacrament, Absolution u.s.w. Denn wo diese Stück sind, da ist wiederum das Paradies angefangen, da ist das Himmelreich, wie Christus selbst sagt. Wie herrlich preiset David Gottes Haus, wo Gott wahrhaftig eine Pfarre anrichtet, und da er durch sein Wort wohne. Man sehe, wie herrliche Werk Gott der Herr wirket, wo eine Pfarre oder Kirch angehet; wo das Wort des Herrn Jesu, wo die Tauf ist, da gibt er bald den heiligen Geist, da thut er bald den ganzen Himmel auf, thut Wunderwerk, gibt Weisheit, Geist, Zungen und Sprache, Freudigkeit zu predigen, macht das Evangelium endlich zu Ehren, den Satan zu Schanden, fasset die Pfarren, Predigtstühl und das Himmelreich in eine Haushaltung, in eine Oeconomia, wie denn auch die Schrift Pfarrherrn Oeconomos nennet, d, i. Haushalter über die geistlichen und himmlischen Schätze.“

Nicht minder einflußreich und bedeutungsvoll wirkte Jonas für die Gestalt und Rechtsverfassung der evangelisch-lutherischen Kirche durch sein im Jahr 1538 abgefaßtes Bedenken der Consistorien halben (mitgetheilt in Richters Geschichte der evangelischen Kirchenverfassung in Deutschland, S. 82 ff.). Der Churfürst hatte von den Wittenbergern ein Gutachten hierüber eingefordert und diese hatten ihr rechtskundigstes Mitglied mit der Arbeit betraut. Je mehr alle Hoffnung auf eine Ausgleichung mit den Autoritäten der römischen Kirche schwand, desto dringender schien eine feste Ordnung und Gestaltung der protestantischen Kirchenverhältnisse geboten, wie denn schon die Schmalkaldischen Artikel die Errichtung von Ehegerichten der Kirche forderten, während andererseits die Aufsicht der Visitatoren gegenüber der Zuchtlosigkeit des Volkes sich als unzureichend erwiesen hatte. Jonas lieferte sein Gutachten mit meisterhafter Umsicht und Klarheit. In demselben wies er zuerst die Notwendigkeit der fraglichen Einrichtung nach: es sei zu besorgen, daß nach Abstellung etlicher Mißbrauche desto leichter Aergernisse vorfallen, viel Untugend und Muthwille von ungezogenen groben Leuten mit Verachtung, Lästerung der Religion, mit Unzucht und Ehebruch vorgenommen werden; die Ehehändel, auch die Streitigkeiten der Kirchen und Pfarrer bedürften ein eigenes Forum, hierzu sollten Consistoria errichtet werden, welche l) Fleiß darauf zu verwenden hätte, damit die Pfarrer und Diener des Evangelii dem göttlichen Wort gemäß und auch einträchtiglich, gleichförmig lehren, daß sie fleißig die heilige Schrift studiren und die reine christliche Lehre dem Volk treulich vortragen, aller Rotten, Secten, verdächtiger Bücher und Lehre sich enthalten; 2) ein Einsehen hätten, damit die Priester, Pfarrer, Prediger, Seelsorger, Diaconen, Kirchendiener und Custor, mit unsträflichem christlichen Leben neben der Lehre sich erzeigen, nicht in ärgerlicher Uneinigkeit, Neid, Haß, Zank unter sich selbst, nicht mit Diebstahl, Ehebruch, Schwelgerei, anderen Lastern sich berüchtiget finden lassen; 3) sämmtliche Ehefragen erledigen, öffentliche Sittenzucht üben und Kirchenzucht im engeren Sinn gegen Sabbathschänder, Sacraments- und Religionsverächter; 4) über gleichmäßige Ceremonien bei Austheilung der Sacramente, bei Begräbnissen u.s.w. wachen; 5) Kirchenvermögen und Kirchenbauwesen handhaben und 6) die Besetzung der erledigten Pfarrstellen leiten. Ueber die Errichtung dieser neuen Kirchenbehörde lautet das Bedenken, „daß die Consistoria an vier Orten der Lande und Fürstenthümer müßten aufgerichtet werden, und in einem jeglichen soll ein Commissarius seyn (wie man den nennen wollt), und derselbige müßte ein wohlgeschickter Mann seyn, gelehrt in Jure und auch in der heiligen Schrift, derselbige soll die Jurisdiktion haben und unter sich zwei geschickte Notarien oder Schreiber, welche alle beide, oder je Einer aus ihnen auch gelehrt sei, daß dieselbigen zu Zeiten die Sachen verhören und erwägen können. Dieser Judex muß Gewalt und Macht haben, die Parten zu citiren, die Sachen zu verhören, zu strafen und exequiren, und in schweren Sachen hätte er sich alle Zeit Raths bei der Universität Wittenberg oder andern gelehrten Theologis oder Juristen zu belernen.“ Als in Kirchensachen zu gebrauchende Strafen werden genannt: „Excommunicatio oder Bann, nit um Geldsachen, sondern gemäß der heiligen Schrift, Strafe am Leibe, sofern wie vor Alters gegen Kirchenpersonen gebraucht; Geldstrafe und gebührlich Gefängniß.“ Der Bann soll nie ohne Vorwissen des Judicis Consistorii ausgesprochen und in der Kirche durch den Pfarrer oder Prediger über den Verbannten verkündigt werden. Hierbei wird bemerkt: „Dieser Artikel wird wohl bei Etlichen Bedenken haben, werden es dafür achten, man wolle den Bann wieder aufrichten; was ist aber das gesagt? Christliche Zucht zu erhalten ist der rechte christliche Bann gegründet in der Schrift, wie Paulus zu den Corinthern schreibet, wie D. Martinus auch gedenkt in der Visitation Büchlein; der christliche Bann, auch welcher nit um Gelds willen oder aus Leichtfertigkeit, sondern der Schrift gemäß durch Bedenken und zeitlich Rathschlag wird fürgenommen, ist nicht abgethan; der Apostel Ordnung auch und Schrift hat kein Creatur abzuthun; die Welt hat ihr diese Freiheit selbst angenommen, eine christliche Kirche aber kann bei einem rohen zaumlosen Leben nit bestehen. Mit den Excommunicaten oder Verbanneten solls also gehalten werden: Sie sollten in allerlei Gemein und Kirchen ausgeschlossen seyn und nirgends zugelassen werden, denn allein zu der Predigt; es sollt ihnen versagt werden das heilig Sacrament, item bei der Tauf Gevater zu stehen, oder so der Excommunicandus ein Prediger oder Priester, die Sacramenttaufe zu reichen; item er sollt nit begraben werden mit Gesänge oder Ceremonien oder auf gemeinen Gottesacker, sondern aufs Feld; zudem sollt der Bann ein bürgerlich Straf mit sich bringen, als suspensionem ab officio, item auf ein Zeit lang Absonderung vom Rathstuhl, item Verbietung seines Handwerks, seiner Nahrung. Denn der Bann ist in der Kirche alle Zeit unter den höchsten Strafen gewesen, wie die heilige Schrift 1. Cor. 5. anzeiget und diejenigen als vor Gott verflucht zu achten, welche durch berathschlaget und beschlossen Urtheil der Kirchen aus genugsamen Ursachen kraft göttlichs Schrifts und Worts verbannet werden. Darum soll der Bann oder Excommunicatio nit vor ein gering Ding geachtet werden; derhalben sollt der Bann auch darneben ein bürgerliche Straf, als Verbietung des Handwerks auf ein Zeit oder dergl. mit sich bringen.“ Excommunicirt sollen aber werden: 1) die, welche rottische, verführisch Dogmata und Lehre führeten und davon sich nit wollten abweisen lassen; 2) die, so nach geschehener Verwarnung in Ehebruch, Hurerei, Wucher verharren und sich nicht bessern; 3) welche ihr Vater und Mutter schlagen und mit der That unseligen, item die so an ihre Priester, Pfarrer, Prediger, Seelsorger, Diacon, Kirchendiener mit Raufen und Schlagen Hand anlegen; 4) alle Gotteslästerer; 5) die, welche etwa unter der heiligen Communion, unter der Predigt oder zur Zeit der Psalmodey in der Kirche aus Muthwillen Trotz Leichtfertigkeit getrieben, den Prediger geschmähet, item die etliche Wochen, Monat oder Jahr aus Verachtung in keine Kirchen oder Predigt gegangen; 6) welche mit Zauberei und verdächtigem Segen umgehen, meineidig und ihres Eids Pflicht Verächter befunden. Für jedes Consistorium soll ein Kerker gebaut werden, die kirchlichen Vergehungen darin zu bestrafen. Insbesondere sollen die Consistorialrichter jährlich die unter ihnen stehenden Schulen durch die Notarien und etliche Gelehrte besuchen und visitiren lassen und Achtung darauf geben, daß in Erziehung der Jugend aller höchste Fleiß fürgewendet werde.

Der Churfürst nahm diese Vorschläge in Betreff einer Consistorialverfassung im Wesentlichen an und befahl, den Justus Jonas nebst M. Eisleben und den Juristen D. Goldstein und Monner mit Verwaltung der Kirchensachen gemäß den obigen Vorschlägen zu beauftragen. Doch verzögerte sich die Ausfertigung des Auftrags bis 1539, die wirkliche Ausführung bis 1542, als Jonas nicht mehr in Wittenberg war. Kurze Zeit vor seiner Uebersiedlung nach Halle war diesem auch noch die Ehre zu Theil geworden, zum Hofmeister des späteren Herzogs Johann Friedrichs des Mittleren bestellt zu werden. Ehe wir ihm nach Halle folgen, verdient noch ein Brief mitgetheilt zu werden, den Jonas am 5. December 1539 an den Churfürsten zu Brandenburg, Markgrafen Joachim den Andern schrieb.

Der genannte Fürst beabsichtigte dem Reformationswerk in der Mark Brandenburg den Schluß zu geben durch Aufstellung einer festen evangelischen Kirchenordnung, deren erster Entwurf den Wittenbergern zugeschickt wurde, damit sie ihr Gutachten darüber abgäben. Je schwankender bisher dieses Fürsten Stellung zur Reformation gewesen war, desto mehr galt es, ihn in seinem Entschluß zu bestärken, und das versuchte Jonas mit seinem Schreiben. Es lautet: „Gnädigster Churfürst und Herr. Nachdem Paulus sagt 1. Cor. 7: Das Wesen dieser Welt vergehet, und so der Apostel Johannes in seiner ersten Epistel 2. sagt: Die Welt vergehet mit der Lust, wer aber den Willen Gottes thut, der bleibet in Ewigkeit; so auch Gottes unendliche Güte so reich und überschwänglich ist, daß er alle Menschen ohne vorgehende Verdienst aus lauter Barmherzigkeit, Dankbare und Undankbare, durch sein Wort läßt rufen zu Gottes Reich, also daß nach diesem ungewissen sterblichen Leben erst ihr recht Leben, derjenigen, so Gottes Wort glauben, soll angehen, und Gott dieß Leben für die vergängliche Blüth und Blätter, jenes zukünftig Leben aber für den Apfel und rechte Frucht achtet, sollt es wohl also seyn, daß Jedermann fleißig vor allen Dingen solch Gottesreich und ewig Leben sucht, aber aufs wenigste nicht verachtet und sollt unser eigen Sterblichkeit und Gebrechlichkeit (wie E.C.F.G. in Ihr Vorrede auch gedenken) verinnern, daß wir vor allen Dingen höchsten Fleiß thäten, Gott und den rechten Weg zum ewigen unsterblichen Leben recht zu erkennen. Aber da sehen wir, was die Erbsünde vor Schaden gethan; in der Welt gehen andere Sachen vor, Gott muß mit feinem Reich allenthalben der letzte seyn. Gott vermahnet wohl treulich in Propheten, als Esajä 55: Alle, die ihr durstig seid, kommt zum Wasser, kommt her und kauft ohne Geld umsonst Wein und Milch; item: Suchet den Herrn, weil er zu finden ist, rufet ihn an, weil er nahe ist; item im 24. Psalm vermahnet er sonderlich die Könige und Fürsten, daß sie Gottes Wort wollen annehmen, item den König der Gloriä nit lassen vor der Thür stehen; denn die Land und Königreich, Fürstenthümer nennet er Thore. Aber die Welt läßt ihrer Art nach ihre Sachen, Reichthümer, Ehr, Gut rc. das Erste seyn, achtet für einen großen Schaden, bei Menschen Unwillen zu verdienen oder Menschen zu verzornen; da eilet sie, lauft und rennet, das Zeitliche nicht zu versäumen. Ums Himmelreich dringet sie sich nicht so emsig und meinet ohngeboten Gottes Reich und Gnade zu versäumen oder Gott zu verzornen sei nit Schade. Darum ist das ein groß reich Gnade, Wem Gott gibt hier aus Erden sein Wort, Willen und den rechten wahren Gottesdienst zu erkennen und also hier in den Kirchen in das Paradies und Himmelreich wiederum zu kommen durch Christum. Denn da sagt der Psalm: Die Welt freuet sich, wann sie Ehr, Gut, Herrlichkeit, alles genug hat; aber wohl dem Volk (sagt David), deß der Herr ein Gott ist: denn das Königreich oder Land oder der Mensch, der den rechten Gott erkannt hat, dem ist ewig geholfen. Denn wer den wahren Gott und Christum hat, der hat ewig Trost, ewige Seligkeit, Himmel und Paradies wiederum, allein daß noch auf Erden nicht alles offenbaret ist, und wartets in Hoffnung. Denn wir Menschen sind zu viel höheren Gütern geschaffen, denn Silber und Gold ist. Darum sagt Paulus 1. Cor. 1: Ihr seid reich in allerlei Weisheit an allerlei Gabe, also daß euch nichts mangelt. Ja darum ist viel ein großer Schatz, wo Gott einem Land das Evangelium gibt, denn wenn er da plötzlich viel reich Bergwerk ließ angehen, wie auch Christus das Himmelreich einem Schatz oder Bergwerk in der Erden verborgen vergleicht. Derhalb gnädiger Churfürst und Herr, sind wir hoch von Herzen erfreut, daß E.C.F.G. in Ihren Landen und Churfürstenthümern die Lehre des Evangelii angenommen und die Thür dem Herrn Christo aufgethan haben, wollen Gott den Herrn treulich helfen bitten, daß er seinen reichen Segen und Gnade dazu wolle verleihen. Ich hab auch in Unterthänigkeit mit Fleiß gelesen die ganze Vorrede E.C.F.G., auch die Summa des Ausschreibens von der Lehre vom alten und neuen Testament, von der Buße, von der christlichen Beicht, von dem heiligen Ehestande, vom Gesetz und Evangelio, vom Kreuz und Leiden, von christlichen Geboten, vom freien Willen, von christlicher Freiheit, was da belangen thut etliche wenig Artikel vom heiligen Sacrament zu den Kranken über die Gaß zu tragen, item die Ceremonien am Ostern und Pfingstabend: wird Doctor M. Lutherus E.C.F.G. ein Bedenken schreiben, das wir mit ihm unterredet und mit ihm eins sind, und was ich zu den ganz löblichen Sachen in Unterthänigkeit nach all meinem höchsten Vermögen zu dienen vermag, soll E.C.F.G. willige Diener an uns allezeit finden. E.C.F.G. wolle der Herr Christus stärken an Leib und Seel, ihrem Land und Leuten reiche Gnade verleihen. Amen.“

Nichts, was die evangelische Sache betraf, achtete sich Jonas fremd, wie auch Luther und Melanchthon zu dem Herzen und der Einsicht ihres Freundes solches Vertrauen trugen, daß sie keine Frage von irgend welcher Bedeutung ohne seinen Rath beantworteten, keine wichtigere Verhandlung ohne seine Theilnahme vornahmen. Sein Einfluß aus das Werk und den Gang der Reformation war ein sehr großer und segensreicher; keine Mühe und Arbeit dünkte ihm zu groß und schwer, wo es die Ehre seines Herrn und das Heil seiner Brüder galt.

7. Der Pfarrer und Superintendent in Halle.

„Eine wunderbare Fügung Gottes!“ ruft Jonas in einem Briefe, in welchem er seinem Herzensfreunde Myconius von seiner neuen Wirksamkeit Kunde gibt, aus: „drei Tage vor meiner Abreise nach Halle hatte ich noch keine Ahnung davon!“

Halle, die zweite Hauptstadt des damaligen Erzstifts Magdeburg, war der Sitz einer zahlreichen Geistlichkeit in Stiften und Klöstern und zur Zeit der Reformation die gewöhnliche Residenz des größten geistlichen Fürsten Deutschlands, Albrechts von Brandenburg, Churfürsten von Mainz, Cardinals und Erzbischofs von Magdeburg. Dieser Fürst, der einen Erasmus als den Hersteller der Theologie begrüßt und einen Hutten an seinem Hofe aufgenommen und nur wider Willen von demselben ausgeschlossen hatte, der sich rühmte, ein Freund und Beförderer der Künste und Wissenschaften zu sein, hatte sich gleichwohl nicht entblödet, den Ablaßkram in seinen besonderen Schutz zu nehmen, weil ihm, der in Folge seines prunkvollen Lebens stets in Geldverlegenheiten lebte, die Hälfte der in seinen Provinzen eingehenden Ablaßgelder zugesagt war. Da die Reformation zuerst dem Unfug des Ablasses entgegentrat und ihn darum an seiner verwundbarsten Seite antastete, an seinem Beutel, so war er ein erklärter Gegner derselben, so wenig er sich die vielfachen Mißstände päbstlicher Herrschaft verbarg.

Allmählig lernte er sich in das Unvermeidliche schicken; er sagte: „Was in unserer Gewalt nicht steht, weder zu wehren noch zu erlauben, das müssen wir mit Geduld wider unseren Willen geschehen lassen“; und tröstete sich damit, daß auch Kaiser und Pabst nicht im Stande seien, der Sache Einhalt zu thun. Stillschweigend hatte er seinen Unterthanen Religionsfreiheit gewährt: nur in seiner Residenz Halle setzte er eine Ehre darein, dem Eindringen der Reformation einen Damm entgegenzustellen. Hier beabsichtigte er eine Anstalt zu gründen, welche gegen die Reformation und besonders gegen die benachbarte Universität Wittenberg ein römisches Bollwerk bilden sollte. Das neue Stift sollte nicht bloß den Ablaß wieder in Aufnahme bringen und mit seinem reichen Reliquienschatz locken, sondern es sollte auch mit demselben eine Universität verknüpft werden, an welcher der jeweilige Stiftsprobst die Stelle des Kanzlers, die Capitularen aber die hauptsächlichsten Lehrämter bekleiden sollten. Aber der Mensch denkt, und Gott lenkt! Der vom Cardinal zum Probst des neuen Stifts bestimmte Nicolaus Demuth, bisher Probst des Neuwerksklosters, verließ 1522 sein Kloster, nahm die evangelische Lehre an und wandte sich nach Sachsen; der Pfarrer der neuen Stiftskirche, Georg Winkler aus Bischofswerda, begann seit 1524 in evangelischem Geiste zu predigen, schaffte eine Ceremonie nach der andern ab, theilte das Abendmahl in beiderlei Gestalt aus und trat endlich sogar in den Ehestand. Schnell wurden Luthers Schriften in Halle verbreitet, und das Evangelium schlug tiefe Wurzeln in der Stadt. Tief gekränkt und getäuscht forderte der Cardinal im Jahr 1527 den Stiftsprediger Winkler nach Aschaffenburg vor sich zur Verantwortung. Dieser wurde zwar gnädig entlassen, aber auf seiner Rückreise meuchlings ermordet. Die öffentliche Meinung gab dem Cardinal Schuld an diesem Mord. Luther schrieb aus dieser Veranlassung im September 1527 einen Trostbrief an die Christen zu Halle und wünschte, daß Magister Georgen Blut „ein göttlicher Same werde, also daß anstatt eines ermordeten Georgen hundert andere rechte Prediger aufkommen, die dem Satan tausendmal mehr Schadens und Leids thun, denn der einige Mann gethan hat; und weil er nicht Einen hat wollen leiden noch hören, daß er müsse viel und aber viel leiden, hören und sehen; gleichwie dem Pabst auch geschehen ist durch Johannes Hussen Blut, welchen er nicht mocht in einem Winkel lassen mucken, und muß ihn nun lassen in aller Welt schreien, bis daß ihm Rom selbst und schier die ganze Welt zu eng worden ist, und ist dennoch kein Aufhören da.“ Einen tiefen Eindruck auf die Bürger zu Halle machte ebenso das im gleichen Jahr erfolgte tragische Ende von Dr. Johann Krause. Dieser war Cardinal Albrechts Rath, und hatte gleichwohl das Abendmahl unter beiderlei Gestalt empfangen. Während er sich auf einer Reise befand, halte seine Frau Zwillinge geboren und war mit diesen gestorben. Bei der Nachricht hiervon überkam den Wittwer Schwermuth: er wollte nicht mehr in seinem Hause schlafen, sondern übernachtete bei guten Freunden. Mittlerweile erließ der Cardinal einen Befehl von Mainz aus an die zurückgelassenen Hof- und Regierungsräthe, daß Niemandem das Sacrament unter beiderlei Gestalt zu gestatten sei. Die übrigen Räthe erlaubten sich hiergegen Vorstellungen, sie könnten solches nicht recht heißen, weil Christus das Abendmahl unter beiderlei Gestalt eingesetzt; aber Krause, der sich vor seines Herrn Ungnade fürchtete, gab seine Stimme dahin, daß die Communion unter einerlei Gestalt recht wäre, ,empfing auch acht Tage vor Allerheiligen das Abendmahl nach römischem Ritus, ward aber darob noch schwermüthiger, so daß Viele zu ihm kamen, ihn zu trösten. Er nahm aber keinen Trost an, sondern antwortete, er habe Christum verläugnet, der verläugne ihn nun auch vor seinem himmlischen Vater, er sei verdammt und verloren. Darauf verfaßte er sein Testament und ging in sein Haus; acht Tage darauf aber, am 1. November, als sein Bedienter am frühen Morgen vor sein Schlafzimmer, darin er allein gelegen und Niemand bei sich leiden wollen, gekommen und gefragt, ob er etwas verlange, er aber darauf mit Nein geantwortet, und auf Jenes fernere Frage, ob ihm etwas fehle, gerufen: „Ja, allzuviel!“ so rief der Diener seine Töchter. Wie diese vor die Kammer traten und auf ihr Rufen keine Antwort erhielten, ward die Thüre mit Gewalt geöffnet, Krause aber todt in seinem Bett gefunden. Die gerichtliche Untersuchung erwies, daß er sich die Kehle abgeschnitten, drei Stiche in den Hals, drei ins Herz und einen in den Unterleib gegeben hatte! Der Fall erregte nicht nur in Halle, sondern auch auswärts großen Schrecken. Luther schreibt am 17. März 1531 an die Bürgermeister und Richter zu Frauenstein, um sie zu ermahnen, trotz der äußeren Gewalt beim Genuß der beiden Gestalten des Sacraments zu bleiben: „Es bewegt mich hart und oft das Exempel Dr. Krausen zu Halle. Und da Gott für sei, ihr solltet wider euer Gewissen hierin handeln (wiewohl keine Sünde zu gross ist, wenn sie geschehen, Gott will sie vergeben), möchte euch allzu schwere Anfechtung und große Reue ankommen, und wäre dann kein Trost fürhanden, weil ihr des Worts beraubt!“ Nach einer Andeutung Luthers in einem Brief an Jonas (10. Dec. 1527) hätte Krause auch an der Ermordung Winklers Theil gehabt! Der Cardinal ließ sich freilich dadurch nicht irre machen; am Liebsten hätte er das Vermögen des Selbstmörders sich angeeignet, doch mußte er sich mit tausend Gulden, welche die Kinder des Unglücklichen ihm herauszahlten, begnügen. Im Uebrigen fuhr er in seiner Verfolgung fort. Luther schrieb am 26. April 1529 an die Christen zu Halle: „Ich höre, wie euer Tyrann, so bisher sich ausgeheuchelt hat, nun fort frei öffentlich herausfähret zu wüthen und euch allen gebeut, das Sacrament zu dieser Zeit allein der einen Gestalt nach alter löblicher (wie ers deutet) Gewohnheit zu nehmen, so er doch sein und wohl weiß, daß es wider die klare Wort und Einsatzung Christi gehandelt ist, und sich noch nicht fürchtet oder scheuet an dem gräulichen Fall und Geschicht Dr. Krausens.“

Luthers Mahnungen fanden ein williges Gehör. Das Evangelium faßte, namentlich während der mehrjährigen Abwesenheit des Cardinals, immer festeren Fuß in der Stadt Halle. Um so aufgebrachter war dieser, als er gegen die Osterzeit des Jahres 1531 wieder in seine Residenz kam. Sofort forderte er durch ein Mandat Jedermann zu der gewöhnlichen Ostercommunion auf, die er mit eigener Hand zu reichen versprach. Der Rath der Stadt ließ ihm durch eine Deputation zur Ankunft Glück wünschen und überreichte ihm einen vergoldeten silbernen Becher, darin 400 Goldgulden lagen. Der verschuldete Cardinal nahm das Geschenk gnädigst an, forderte aber, daß der Rath mit Betheiligung an der Ostercommunion der Bürgerschaft ein gutes Beispiel gebe, sich der am Palmsonntag bevorstehenden Procession anschließe und sechs stattliche ansehnliche Bürger bestelle, welche den Himmel über der Monstranz trügen. Der Rath, in sich selbst uneins, vereinigte sich endlich zu der Antwort: Es wolle der Cardinal ihr gnädiger Herr seyn und bleiben, sie wollten in allen äußerlichen und billigen Sachen ihm unterthänigsten Gehorsam leisten, wollten auch verschaffen, daß von allen Rathspersonen, Bürgern und Einwohnern dem Befehl gehorsamt würde; wann aber etliche in der österlichen Zeit von der Communion bleiben würden, möchte er es nicht ungnädig aufnehmen, indem es Gewissenssachen wären, wozu sie sich noch nicht genugsam resolviren könnten. Der Cardinal ließ aber erwidern: Welcher sich nicht bequemen würde, den könne er für keinen gehorsamen Unterthanen halten, er beschwere damit sein Gewissen. Wirklich kam eine stattliche Procession am Palmsonntag aus dem neuen Stift auf den Marktplatz, wo alle Pfarrer, Capläne und Schüler aus der Stadt versammelt und ein schönes Haus aufgerichtet war, in welchem ein Crucifix stand. Nach den gebräuchlichen Gesängen bliesen die Stadtpfeifer vom Rathhaus das Gloria Laus ab, während der Cardinal vor dem Crucifix einen Fußfall that und sich vor demselben platt auf die Erde legte, zwei Meßpfaffen aber mit langen Rohren auf den Erzbischof zuschlugen und dabei sangen: Ich schlage den Hirten, und die Schafe werden sich zerstreuen. Ein Hallknecht konnte sich bei dieser Ceremonie nicht enthalten, laut zu rufen: „Mit einem Flegel; das Rohr ist viel zu leicht!“ Die Charwoche ging mit den üblichen Ceremonien ruhig zu Ende, als aber der Cardinal am Ostermontag das Hochamt in der Stiftskirche hielt, war zwar der ganze Rath zugegen, acht bis zehn Personen vom Rath und ihren Dienern aber gingen nicht zur Communion. Das vermerkte der Erzbischof höchst ungnädig; auf seinen Befehl wurden drei Rathsmeister aus dem Rath gestoßen. Auf die glatten Worte folgten harte; aber die einen hatten so wenig Erfolg als die andern. Selbst unter den Rathsgliedern war die evangelische Richtung so stark vertreten, daß im Jahr 1533 bei der Rathswahl die sonst übliche Messe vom heiligen Geist unterlassen und dagegen verordnet wurde, ein gemein Gebet um eine glückliche Wahl zu thun. Da die Neugewählten dem Erzbischof nicht zusagten, strich er abermals sechs derselben von der Liste, um sie durch Altgläubige ersetzen zu lassen. Die Bürgerschaft, welche für den evangelischen Glauben in der Stadt keine Nahrung fand, zog schaarenweise in die benachbarten Mannsfeldischen und Chursächsischen Gemeinden zur Predigt und Communion. Der Cardinal schritt jetzt zur Gewalt und verordnete, die Neuerer aus der Stadt zu weisen. Diese fügten sich; die Verwendung, welche der Churfürst von Sachsen und Fürst Wolfgang zu Anhalt den Vertriebenen angedeihen ließ, hatte keinen Erfolg; das Auslaufen der Hallischen Bürger in benachbarte Orte zu Anhörung Lutherischer Predigten und Empfang des Nachtmahls unter beiderlei Gestalt wurde bei Gefängniß und anderen schweren Strafen verboten, dagegen vor Ostern 1535 der Befehl von allen Kanzeln verlesen, auch von Haus zu Haus angesagt, daß sich Jedermann zur Ostercommunion mit Beichten geschickt mache und sich bei derselben einfinde. – Alles umsonst; das Feuer ließ sich durch solche Verbote und Drohungen nicht löschen; alle Maßnahmen des Cardinals waren nur Oel ins Feuer. Da die öffentliche Predigt des Evangeliums in Halle nicht gestattet war, versammelten sich die Bürger in Privathäusern, und die geistlichen Gesänge Luthers verbreiteten sich so schnell und allgemein, daß nicht bloß die Evangelischen, sondern selbst die Katholischen sie sangen! Bis zum Jahr 1541 blieb also der passive Widerstand, genährt und gesteigert dadurch, daß er in andern Städten des Erzbisthums bereits den Erzbischof zur Nachgiebigkeit gezwungen hatte. Schon war fast die ganze Stadt, Wenige ausgenommen, der Lehre des Evangelii zugethan; im Jahr 1540 hatte der Erzbischof seinen letzten unmächtigen Befehl erlassen, in welchem er verbieten wollte, daß keine neuen Bücher und Schriften feil geboten oder sonst nach Halle gebracht werden ohne vorgängige Gutheißung des Officials, daß die von Luther und seinem Anhang gefertigten und gedruckten neuen Gesänge weder in der Kirche noch sonst gesungen werden, dagegen sollte mit Fleiß darauf gesehen werden, daß das Volk unter der Messe und Predigt nicht auf dem Markt stehe, noch auf die Pfingstwiese spaziere, sondern in die Kirchen gehe. Einen Anlaß zu energischem Auftreten gab endlich der Stadt Halle die auf dem Landtag von Calbe gestellte Forderung von 500,000 fl. zur Tilgung der Schulden des Cardinals, dazu Halle 22,000 fl. beitragen sollte. Die Bürgerschaft knüpfte die Ausbezahlung dieser außerordentlichen Steuer an die Bedingung, daß der Stadt dieselbe Freiheit zugestanden würde, wie sie in Religionssachen schon andere Städte des Erzbisthums hätten. Nach Ausgleichung einiger Differenzen zwischen dem ängstlichen und bedächtlichen Rath und der glaubensstarken, am Ende einer langen Geduld angelangten Bürgerschaft begab sich eine aus beiden zusammengesetzte Deputation nach Leipzig, um von dort Dr. Johann Pfeffinger oder einen andern tüchtigen evangelischen Geistlichen für Halle zu gewinnen. Auf dem Wege wurde zwar die Deputation von einigen Reitern des Amtmanns zu Giebichenstein überfallen, doch nur geschreckt. Dr. Pfeffinger ward durch diesen Zwischenfall abgeschreckt, obgleich er anfänglich eingewilligt hatte; „aber Gott (bemerkt Spalatin in seinen Annalen), in dessen Hand alle Dinge stehen, hats bald und leichtlich dahin gerichtet, daß die von Halle dennoch, wider des Teufels Dank, das liebe Evangelion überkommen haben.“ Wahrend nämlich in Halle die Stimmung der Bürgerschaft eine immer erbittertere wurde und in Aufruhr auszubrechen drohte, ward – von Wem, ob von jenen Deputirten oder von andern Bürgern, ist unbekannt – Justus Jonas berufen, der muthig und unerschrocken sich auf den Weg machte und am 14. April 1541 am Gründonnerstag spät Abends, begleitet von seinem Landsmann M. Andreas Poach, in Halle eintraf. Beide nahmen ihr Absteigequartier bei D. Milden am Alten Markt, der mit im Ausschuß aus der Moritzpfarre war. Der unerwartete Besuch dieser Prediger erfüllte die Bürgerschaft mit Muth und Freude, den Rath mit banger Sorge. Doch mußte dieser zu Verhütung eines Aufruhrs eine gute Miene machen, ließ die Wittenberger am Charfreitag Morgen durch zwei Deputirte bewillkommnen und lud sie zu sich auf das Rathhaus ein. Hier wurden sie Namens des Raths und der ganzen Gemeinde ersucht, ihnen bis Pfingsten das Wort Gottes zu predigen, das wolle der Rath und Gemeine mit hohem Fleiß wissen zu vergleichen. Die Bitte wurde gewährt: gleich am Charfreitag um drei Uhr Mittags hielt Jonas die erste Predigt in der damals neu erbauten Kirche zu U. L. Frauen, die zweite am Osterabend und darnach alle Feiertage zwei. Schon am Morgen des Ostertags erhielt zwar der Rath eine Schrift vom Cardinal-Erzbischof mit großen Drohungen, aber „Gott der Allmächtige (sagt Spalatin) ist mächtig genug, die von Halle bei seinem lieben Evangelion und seine eigene Sache wider den Teufel und alle seine Diener gewaltiglich zu erhalten, wie denn Gott von Anbeginn je und je herrlich gethan und bewiesen hat. Aber gottlob, Gott hat das selig Gedeihen zu seinem lieben Gnadenwort zu Halle bald im Anfang gegeben, daß man auch kurz darnach das Hochwürdig Sacrament unter beider Gestalt nach Christi Einsetzung zu Halle gereicht und empfangen hat“. Jonas begann im Bunde mit Ausschuß und Gemeinde, nicht selten im Widerspruch mit dem Rathe, die durchgreifende Veränderung. Der Cardinal mußte erleben, daß seine Residenz, welche er zu einer Burg des Katholicismus zu machen gedacht, zu seinen Feinden überging. Unfähig Widerstand zu leisten, wollte er es doch nicht mit eigenen Augen ansehen: er verließ die Stadt mit dem Rest seiner Kleinodien und verlegte seine Hofhaltung nach seinem besser katholischen Stifte Mainz.

Die kühne Glaubensthat des Jonas erregte im protestantischen Heerlager die freudigste Theilnahme; von verschiedenen Seiten liefen in Halle Briefe ein voll Ermunterung und Trostes. Myconius konnte es nicht unterlassen, von seinem Krankenlager aus seinem Freunde Jonas Muth zuzusprechen; er schrieb ihm (Mittwoch nach Cantate 1541): „Ich werde nicht sterben, sondern leben und die Werke des Herrn verkündigen, und unter anderm auch dieses, daß er Euch, mein hochgelehrter und geliebter Herr Doctor Jonas, mitten in das Lager seiner allergrimmigsten Feinde gesandt, auf daß Ihr den starken Gewappneten aus seinem Raube vertreiben und Christo seine Gefangenen wieder zurückbringen solltet. Gewiß sehe ich nun recht, was das sei, daß Abraham den gefangenen Loth erlöset hat, und daß die Helden Davids unter allen Männern im Lande die tapfersten sind, welche aus dem Brunnen zu Bethlehem, da diese Stadt von den Philistern belagert war, dem David frisch Wasser gebracht haben. Fahre fort, Herr Jesu, über den alten hoffährtigen Feind zu triumphiren. Auch Ihr, mein theurer Jonas, fahret fort, die Kriege des Herrn zu führen. Ich bitte Euch, daß Ihr mir doch von dem Stand Eures Kampfes, und was Ihr Euch von dieser Stadt für Hoffnung macht, ausführlich, wie Ihr sonsten pflegtet, schreibet. Ich habe gute Hoffnung, ja ich weiß gewiß, daß der Satan wegen des getödteten M. Acotigii werde gestraft werden.“

Jonas mochte solches Freundeszuspruchs wohl bedürftig sein. Er berichtete an Myconius: „Als ich, vom ganzen Rath und der Haller Gemeinde berufen, hier das Evangelium zwei Wochen gepredigt hatte, schickte der Coadjutor Johann Albert zu mir und ließ mir befehlen, schleunigst die Stadt zu verlassen. So wurde mir unwürdigem Stubenheisser der Apostel die höchste Ehre erzeigt. Ich antwortete aber mit schuldiger Ehrerbietung, daß ich und die Haller in politischen Dingen in Allem gehorchen würden, in der Sache Gottes und so vieler tausend Seelen aber müsse man Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ Gleich im Anfang kam es auf dem Rathhaus zwischen Rath und Ausschuß zu sehr heftigen Auftritten. Der anwesende Syndicus D. Goßmann, zäh am Alten hängend, vergaß sich in seinem Eifer so weit, daß er während der Sitzung ein Fenster aufriß und in den Rathhaushof hinausschrie: „Zeter, Zeter, schlaget an die Sturmglocke, lasset die Gemeine zusammenfordern!“ Es mußte ihm die Thüre gewiesen werden. Hierüber grämte sich der ehrgeizige Mann so schwer, daß er bald darauf in Irrsinn verfiel und in einem Anfall von Raserei starb. An seine Stelle wurde der bisherige Wittenberger Professor der Rechte, D. Chilian Goldstein, zum Syndicus erwählt und an ihm gewann Jonas einen sehr eifrigen und entschlossenen Mitarbeiter in der Reformirung Halle’s. Jonas war wohl nur in der Absicht eines kurzen Aufenthaltes nach Halle gekommen, aber bald überzeugte er sich selbst, daß unter den gegebenen vielfachen Verwickelungen die Durchführung des begonnenen Werkes eine längere Zeit beanspruche, und die Bürger erachteten die längere Gegenwart des ihnen geliehenen Wittenberger Probstes für unentbehrlich. So verpflichtete sich denn Jonas nach eingeholter Erlaubniß des Churfürsten von Sachsen, drei Jahre seine Dienste Halle zu widmen. Da er mithin in Halle noch keine bleibende Stelle übernahm, so legte er auch sein Amt in Wittenberg nicht nieder und bezog fortwährend die Einkünfte seiner dortigen Probstei. In Halle fungirte er unterdessen als Pfarrer und Superintendent; Poach wurde Archidiaconus, und der erst nur zur Aushilfe von Naumburg gesandte Benedict Schumann ward bald als Diaconus in Halle angestellt. Erst galt es der Reihe nach die Kirchen in Halle für den evangelischen Gottesdienst zu erobern. Die Marienkirche faßte die Menge der Zuhörer nicht, während andererseits der in den andern Kirchen noch fortdauernde römische Ritus Aergerniß erregte. Gegen Ende des Jahres 1541 setzte es der Rath durch, daß die Ulrichskirche gleichfalls den Evangelischen eingeräumt wurde: Jonas weihte sie am ersten Weihnachtsfeiertage zu ihrer neuen Bestimmung ein, und Schumann wurde als erster Pfarrer an ihr angestellt. Gleichzeitig sollte das tief verfallene Schulwesen gehoben werden, wozu der Rath einen tüchtigen Schulmeister in der Person des M. Emericus Sulvius gewann. Für die damalige Zeit große Besoldungen wurden den Predigern ausgeworfen. Noch war die dritte Pfarrkirche zu St. Moritz im Besitz der Dominicaner- Mönche, welche samt den Franciscanern noch die einzigen übrigen Mönche in der Stadt waren und der Reformation jeden nur möglichen Widerstand entgegensetzten. Sie schmähten und lästerten in ihren Predigten auf die evangelische Lehre, drängten sich ungerufen zu den Kranken ein, ihnen das Abendmahl unter einerlei Gestalt zu reichen, hielten Privatmessen und Communion und suchten den Dr. Jonas und die anderen lutherischen Geistlichen auf jede Weise zu kränken. Jonas übergab am 15. Januar 1542 dem Rath ein schriftliches Bedenken über die Frage: Ob die Klöster zu Halle abzuschaffen oder nicht? Er erklärt in demselben: „Nachdem der allmächtige Gott viele arme bekümmerte Herzen in der Kirche und Stadt Halle erhöret und ihnen gnädiglich wunderbar vorm Jahre plötzlich zu der reinen Lehre des Evangelii Prediger gesandt und gegeben, also daß nun ein ganzes Jahr und drüber das Evangelion in dieser Gemeine gepredigt; so auch das Gebet der lieben andern umliegenden Kirchen und Gemeinden, so treulich der Kirchen zu Halle beigestanden, daß Gott der Herr merklich seine Gnade in dieser Kirchen erzeiget, allen Widerstand gehindert, viel von denen, so auf dem Gegentheil gewest, durch die Predigt herzugebracht: wollte gerne aus täglicher Vermahnung der Prediger ein ehrbarer Rath, Gott dem Herrn dieser seiner verliehenen Gnade zur Dankbarkeit, die Kirche zu Halle vor falscher Lehre und Gottesdienst allerlei Abgötterei ganz rein gemacht wissen. So nun die übrigen zwei Klöster und was auch noch Baalsdienst vorhanden, dieß ganze Jahr durch mit ihren falschen Lehren, gottlosen Ceremonien und Predigen dieser Wahrheit Gottes widerstrebet und vielfältig Gotteslästerung ausgestreuet, da Doctor Jonas und die Prediger als in dieser Stadt, da viel Hallvolk ist, um Friedens willen haben müssen gemacht thun und Geduld tragen, haben doch viel Gottfürchtiger aus des ehrwürdigen Herrn Vaters Dr. Martini letzten Büchern von der Kirchen und auch wider Herzog Heinrichen von Braunschweig aus dem Buche Philippi Melanchthonis, welches Titel hat, daß die Fürsten und Obrigkeiten aus Gottes Befehl schuldig seyn, Abgötterei abzuthun, so viel Bericht empfangen, daß sie wohl wissen, daß ein christlicher Magistrat und Obrigkeit schuldig, falschen Gottesdienst, welcher ohne Gottes Wort und Befehl eingerissen, abzuthun; sie wissen auch, daß der Mönche und Klöster Wesen viele abgöttische Mißbrauche in sich begreift und ganz wider die Lehre von Christo ist. Hier ist aber die Frage, wie es in dieser Stadt Halle mit Grund und solchem Fuge möchte abgeschaffet werden, damit des Bischofs Räthe nicht möchten sagen, man habe den Sachen zu viel gethan.“ In 26 Punkten erörtert nun Jonas die Frage sowohl in dogmatischer als kirchenrechtlicher Hinsicht. Von den Mönchen Halle’s sagt er, sie hätten sich wie die letzte Hefe aus zwei und drei Fürstenthümern in der Stadt gesammelt, seien verhärtete, verstockte, unbußfertige Götzendiener, die sich auch mit der Sünde wider den heiligen Geist hoch beschweren, so daß keine Buße oder Besserung bei ihnen zu gewarten, sie lästern in ihren Predigten ohn Unterlaß die Bibel Dr. Martini, sagen, es sei eine gefälschte teuflische Bibel, sie lehren, daß die Evangelischen im Sacrament den Teufel empfahen, und drohen immerfort, es solle nicht lang währen, es solle bald aus seyn. In den großen Reichsstädten habe man auch zu keiner christlichen gewissen Kirchenbestellung kommen mögen, bevor man den Mönchen ihren Kram eingelegt und sie mit einem Zaum gefaßt habe; darum achte er den Antrag des Ausschusses ganz gerechtfertigt, wie es denn auch zu Förderung des rechten Gottesdienstes und Abschaffung der Greuel sehr nutz wäre, solche Kirche, da die Papisten eine Synagog und Zuflucht hätten, welche ein Nest sey der Papisterey und aller Pabstmißbräuche, zum Predigtamt zu opfern.

Der Rath war für bedächtliches Zuwarten und das von Luther, Melanchthon und Bugenhagen über diesen Punkt ausgestellte Gutachten gab ihm Beifall. Er erklärte, daß er zwar gern sehen würde, wenn die Klöster aufgehoben werden könnten, da aber an ihrem Unfug die Gemeinde nicht Theil nehme, die evangelischen Prediger ihn straften, und zu hoffen wäre, daß, wenn bei einer neugepflanzten Kirche etwas gemach und säuberlich verfahren, viele Dinge von selbst fallen, und die Religion dadurch mehr gefördert als gehindert werden würde, so müßte man thun, als ob eine Judensynagoge oder türkische Moschee zu dulden wäre. Da auch überdieß sich der bei Weitem größte Theil der Bürger und Einwohner zur evangelischen Lehre bekenne und nur noch wenige vereinzelte Personen sich bei der Messe und den andern Ceremonien einfänden, so wäre des Raths Meinung, daß man mit Verjagung der Mönche und Sperrung der Klöster noch eine kleine Zeit inne hielte; jedoch, wie man zu Magdeburg gethan, ein öffentliches Mandat anschlüge und der Bürgerschaft untersagte, die Predigten in den Klöstern zu besuchen und sich von den Mönchen das Sacrament unter einerlei Gestalt reichen zu lassen. Doch ging der Rath schon Mittwochs nach dem Palmtag einen Schritt weiter, indem er den Mönchen in den Klöstern andeuten ließ, sie möchten sich der Reichung des Sacraments unter einerlei Gestalt enthalten, weil sie vorher auch nicht befugt gewesen, das Sacrament auszutheilen. Als der erzbischöfliche Hof hierin einen Eingriff in die ihm allein zustehende Jurisdiction rügte, ließ der Rath den Bürgern durch die Stadtknechte von Haus zu Haus verbieten, die Klosterkirchen zu besuchen und das Abendmahl darin zu empfangen. Die Moritzkirche wurde indessen nach eingeholtem Rath der Wittenberger Theologen doch von den Evangelischen in Besitz genommen, und auch in ihr hielt Jonas am 26. August 1542 die erste evangelische Predigt, worauf am folgenden Tag der für sie bestimmte Pfarrer Matthias Wankel seinen Einzug hielt und am 3. September in ihr erstmals das Abendmahl unter beiderlei Gestalt austheilte. Hierüber waren die Dominicaner, welche die Moritzkirche als ein ihnen vom Cardinal verliehenes Eigenthum ansahen, so empört, daß Einer derselben, Dr. Sebastian genannt, am 1. September auf Jonas mit einer Axt losging und ihm den Kopf spalten wollte.

Nachdem die drei Stadtkirchen für die Predigt des Evangeliums gewonnen waren, dachte Jonas darauf, durch Abfassung einer Kirchenordnung der neuen Gemeinde festere Formen und Normen zu geben. Er legte dabei die von ihm 1539 für den Landesantheil des Herzogs Heinrich von Sachsen verfaßte Kirchenordnung, unter Berücksichtigung der bei der zweiten kursächsischen Visitation 1533 aufgestellten Wittenbergischen Kirchenordnung, zu Grunde. Der nicht in Druck gegebene Entwurf wurde von Luthern revidirt und später, aber erst nach Jonas‘ Abgang von Halle, weiter ausgeführt und in dieser Gestalt bis in unsere Zeit herein beobachtet. War hierdurch der innere Bestand der Gemeinde gesichert, so ward ihr nach außen, namentlich gegen den Grimm des Erzbischofs Schutz gewährt durch engeren Anschluß an den Churfürsten von Sachsen. Mit diesem schloß Halle unter dem Vorwande burggräflicher Gerechtigkeit ein geheimes Bündniß. In dem am 6. November 1542 der „Gemeinheit der Stadt Halle“ ausgestellten Schutzbrief versprach sich der Churfürst, sie gegen Jedermann, selbst gegen die Erzbischöfe zu schützen, wogegen sich die Stadt verpflichtete, dem Churfürsten und seinen Nachkommen ein jährliches erbliches Schutzgeld von tausend Gulden zu zahlen. So hatte sich der Zustand der Gemeinde glücklich gestaltet; nur die Klöster Halle’s waren unserem Jonas ein Dorn im Auge; sie blieben eine Eiterbeule, welche der Stadt noch zu schaffen machen sollte.

Unterdessen war auch die Zeit abgelaufen, auf welche Jonas von Wittenberg den Hallern geliehen war, und im Jahr 1544 wurde die Rückkehr des Probstes begehrt. Die Stadt Halle aber wünschte, den ihr so theuren Reformator zu behalten, und auch Jonas wurde das Scheiden von seinem hoffnungsreichen Arbeitsfelde schwer. Andererseits kam ihn aber auch eine gänzliche Lossagung von Wittenberg hart an; er wollte nicht jegliches Band mit der Stadt, in welcher seine theuersten und treuesten Freunde wohnten, gelöst sehen. Er reiste nach Wittenberg, und Luther übernahm die Vermittlung beim Churfürsten, indem er an denselben am 8. November 1544 schrieb: „ Nu D. Jonas nicht wohl kann ohn Fahr und Schaden der Kirchen zu Halle sich wegbegeben, ists gar nicht zu rathen, daß er sollte Halle lassen; Ursache, daß der böse Wurm zu Mänz noch lebt, der doch gleichwohl in Sorgen stehen muß, so lange D. Jonas zu Halle ist, welcher ihm den Anhang genommen und mehr thut, denn dem bösen Wurm zu leiden ist. Aber da liegts, weil E.K.F.G. sich gnädiglich vernehmen lassen, daß, wo es seine Gelegenheit sei, zu Halle bleiben möge und E.K.F.G. ihm jährlich auf acht oder neun Jahre reichen wollen lassen 140 fl., oder wie mein lieber Herr D. Brück an E.K.F.G. schreibet, auch D. Jonas gegenwärtig anzeigen wird. Ist darauf solches Erbietens, daß er wolle die Probstei oder Lectur lassen, mit diesem Bescheid, wo E.K.F.G. wollten gnädiglich, wie er begehrt, solche hundert und wie gesagt Anzahl Gulden die acht, neun Jahre lassen reichen. Er will auch (welches ich gern vernommen) gleichwol sich lassen rufen und brauchen als eine Person der Facultät in Theologia, zu Dienst nicht allein E.K.F.G. sondern auch der Universität, so oft man sein bedürfen würde, denn er sich nicht will von der Universität gesondert achten, welches ich acht, die zu Hall (als ich merk) ganz gern werden vergünnen. Demnach ist meine unterthänige Bitte, E.K.F.G. wollen sich hierin gnädiglich finden lassen, denn er auch nun der alten Diener Einer ist, beide in Kirchen und Schulen, und solches und mehres würdig ist, wer weiß, wo es Gott wird wieder hereinbringen. Es wachsen ihm die Kinder daher, und ist allerlei zu bedenken.“ Am 13. November rescribirte der Churfürst: Jonas solle der Probstei Einkommen und Gerechtigkeit gänzlich abtreten und alle dazu gehörigen Urkunden und Register an die Universität abliefern, auch von dem Einkommen des laufenden Jahres 50 fl. an dieselbe auszahlen, und so sollen die Probstei-Einkünfte forthin durch die Universitätsprocuratur verwaltet werden; dagegen solle ihm die Universität lebenslang jährlich hundert Gulden, von Michaelis 1545 anfänglich, auszahlen lassen, und Jonas nichts desto weniger für ein Gliedmaß der Universität gehalten werden; der Churfürst aber wolle daraus Bedacht nehmen, die Lection, welche Jonas gehabt, in andere Wege zu bestellen. Jonas erhielt nun unter dem 11. December 1544 einen förmlichen Bestallungsbrief von der Stadt Halle, welcher also lautete:

„Wir Rathmänner, Meister der Innungen und Gemeinheit der Stadt Halle bekennen kraft dieser Schrift für uns und unsere Nachkommen, Nachdem der Ehrwürdige, achtbare und hochgelahrte Herr Justus Jonas, der heiligen Schrift Doctor, uns und gemeiner Stadt nunmehr bis in das vierte Jahr das göttliche heilsame Wort, aus sonderlicher Schickung Gottes, des Allmächtigen, treulich, rein und lauter, an Statt eines Seelsorgers und Superattendenten in Unser Lieben Frauen Kirche allhier geprediget, auch jetzund von uns und einem Ausschuß von wegen der Gemeine, durch einen ordentlichen Beruf und Vocation zu einem ordentlichen perpetuirlichen Seelsorger und Superattendenten wiederum aufs Neue erfordert und vociret. Und aber gemeldeter Herr Doctor sich hierin nach angekündigter Vocation, auch darauf vorgenommener Handlung christlich und gutwillig hat finden und vernehmen lassen, laut seines hergegebenen Reverses: So thun wir auch dem Allen zu mehrer Stärke und Bekräftigung hiemit berührten Ern Doctor zu einem perpetuirlichen Seelsorger und Superattendenten unserer Kirchen allhier aufnehmen, willigen, geraden und zusagen für uns und unsere Nachkommen demselben dargegen dreihundert Floren aus der Kämmerei dieses Rathhauses für seine Besoldung, neben einer Behausung, dieselbige solche Zeit über seines Lebens zu bewohnen, unverzüglich folgen zu lassen, zu reichen und zu geben. Ungezweifelt, gedachter Herr Doctor werde sich in Verwaltung solches seines Seelsorger-, Pfarr- und Superattendenten-Amts dermaßen mit zweien wöchentlichen Predigten, auch mit Lesen der heiligen Schrift in der Woche Ein Mal, auch sonst in Anrichtung christlicher Ceremonien, und was dieser Sachen mehr anhängig seyn mag, unnachlässig, treulich und fleißig zu verhalten wissen, wie solches der Kirche allenthalben am Nützlichsten und gelegen sein will. Und insonderheit willigen und ordnen wir, daß obwohl gedachter Herr Doctor seine vornehmliche Bestellung und Amt hat zu der Kirche zu Unser Lieben Frauen: so soll er doch nichts destoweniger die andern beiden Kirchen zu St. Ulrich und Mauritii als ein Superattendent in fleißigem Befehl haben, darauf sonderliche Achtung zu geben, daß rechtschaffen Gebet, auch Gleichförmigkeit der Lehre und äußerlichen Ceremonien gehalten; und soll auch hinfürder keine Kirchenperson zum Pfarr- oder Diaconat-Amte angenommen werden, ohne eines Ehrbaren Raths, des Herrn Superintendenten, der Pfarrherrn solcher Kirchen, auch der Kirchenväter und Achtmänner Vorwissen und Verwilligung. Würden je zuweilen wichtige Artikel, so in Religionssachen zu verändern und in eine Besserung zu bringen sein, vorfallen, so soll gedachter Herr Superintendens dasselbige an einen Ehrbaren Rath erstlich gelangen lassen, damit davon allerseits desto fleißiger gerathschlaget und folgends, was man sich entschließt, vollführet werde, und ein jedes Theil, E. E. Rath und Superintendens sollen freundlicher und christlicher Untersagung, Berichts und Gegenberichts, dadurch desto besser Einigkeit zu erhalten, unbeschwert sein.“

So war es denn Jonas vergönnt, das mit so günstigem Erfolg in Halle begonnene Werk weiter fortzusetzen, ohne damit die Verbindung mit Wittenberg aufgeben zu müssen. Von dort her holte er sich auch des Oefteren Rath, seiner Gemeinde Zuspruch. Mit welch väterlicher Liebe und Sorgfalt Luther der von seinem Freunde erbauten Gemeinde Halle zugethan blieb, bezeugt u. A. sein Brief an dieselbe vom 7. Mai 1545: „Ich habe mich mit meinem lieben Herrn und Freunde D. Jonas allerlei, sonderlich von Kirchensachen beredet und von ihm ganz fröhlich vernommen, wie eure Kirche zu Halle fast zugenommen und wohl stehe im Segen des heiligen Geistes, daß sich das Volk sehr wohl hält, und die Lehrer unter einander Ein Herz und Einen Mund haben, auch der Rath dem Evangelio geneigt. Der barmherzige Gott und Vater aller Freuden und Einigkeit wolle solchen seinen gnädigen Segen bei euch mehren und erhalten und sein angefangen Werk in euch vollbringen bis auf jenen Tag! Es ist eine große Gnade und Kleinod, wo eine Stadt einträchtiglich singen kann den Psalm: Siehe, wie fein und lieblich ists, daß Brüder einträchtig bei einander wohnen! Denn ich täglich wohl erfahre leider, wie seltsam solche Gabe in den Städten und auf dem Lande sei. Derohalben ichs nicht habe lassen können, euch solche meine Freude anzuzeigen und auch zu beten und zu vermahnen, wie St, Paulus die zu Thessalonich, daß ihr so fortfahret und immer stärker werdet. Denn wir wissen, daß uns der Satan feind ist und solches Gotteswerk in uns nicht leiden kann, sonderlich schleicht umher und sucht, wen er verschlingen möge, wie St. Peter sagt. Darum ists wohl noth, wacker zu seyn und zu beten, daß wir nicht von ihm übereilet werden. Denn uns ist nicht unbewußt, was er im Sinne hat; so hat er bei euch noch großen Raum, als auf der Moritzburg und zu Aschenburg (Aschaffenburg), neben andern, also daß er auch jetzt zwei Nonnen hat eingesegnet oder eingeflucht. (Gott wolle die Seelen wieder erlösen, Amen.) Daran er sich beweiset, was er gern mehr thäte. Darauf habe ich meinen lieben Herrn Doctor Jonas fleißig gebeten, daß er die Kirche, Rath, Prediger und Schule ja desto fleißiger also beisammen halte, auf daß ihr mit ernstem, einträchtigem, starkem Gebet und Glauben dem Teufel widerstehen möget, ob er was Weiteres fürnehmen würde, als er freilich ohn Unterlaß gedenket; wie ich denn weiß, daß Doctor Jonas solches neben euch bisher treulich gethan hat und fürder thun wird. Befehle euch hiemit die Prediger, Kirchendiener und Schulen in eure christliche Liebe: sonderlich Doctor Jonas, welchen ihr wisset, daß wir ihn ungern von uns ließen, und ich für mich noch selbst gerne ihn um mich wissen wollte. Sie sind theuer, solche treue, reine, feste Prediger, das erfahren wir täglich. Gott achtet sie selbst theuer, wie er spricht: wenig sind der Arbeiter, und St. Paulus: hier findet sichs, wer treu erfunden werde. Daher befiehlt er auch, sie in zwiesältiger Ehren zu haben und zu erkennen, daß sie Gottes große, sonderliche Geschenke sind, damit es die Welt verehret, zur ewigen Seligkeit, als Ps. 68 singet: Er hat Güter den Menschen gegeben. Nicht viel geringere Gabe ist es, daß euch Gott ein solch Herz dazu gegeben hat, daß ihr sie berufen, lieb und werth habet und im Herzen ehret. An vielen Orten werden sie sehr unwerth gehalten und verursachet sich hinwegzuwenden, darzu auch gedrungen zu fliehen. Darnach sehen sie dann allzuspät, was sie gethan haben, nach dem Sprüchwort: ich weiß wohl, was ich habe, ich weiß aber nicht, was ich kriege. Denn ändern ist leicht; bessern aber ist mißlich. Der Vater unseres Herrn Jesu Christi stärke euch wider alle Bosheit des Satans und behüte euch vor allem seinem listigen Anlauf, gebe euch auch einmal zeitlich Gemach und Friede von dem bösen tückischen Fleisch und Blut, Amen.“ Mehrmals kam Luther im Jahre 1545 nach Halle und nahm sein Absteigequartier stets bei Jonas. Am 4. August traf er von Merseburg aus in Halle ein und predigte am folgenden Tag in der Marienkirche, obschon er im Eingang dieser Predigt bemerkte, daß es gottlob ohne Noth sei, daß er zu Halle predige, da sie reichlich und genugsam versorget wären mit gelehrten, fleißigen und guten Predigern, die ihnen Gottes Wort lauter und rein predigten. Der Rath übergab damals dem willkommenen Gast einen goldenen Becher als Ehrengabe. Zu Anfang Octobers holte Luther Jonam in Halle ab, und ebenso im December abermals, damit dieser ihn auf der Reise nach Mannsfeld begleite und bei der Schlichtung der dortigen Streitigkeiten unterstütze. Auf der Rückreise von dort predigte Luther nochmals am 6. Januar 1546 in Halle. Diese Stadt schien recht eigentlich eine Filialgemeinde Luthers und Wittenbergs geworden zu sein.

Am 24. September 1545 war zu Aschaffenburg der Cardinal Albrecht gestorben; der Rath zu Halle erachtete es sofort für geboten, durch seine Prediger das Volk nachdrücklich zu warnen, daß niemand sich unterstehen solle, mit der That oder unschicklich etwas dieser Zeit wider die Mißbräuche und Abgötterei der Klöster vorzunehmen; denn man hatte längst nur den Tod des Cardinals abgewartet, um mit den letzten Ueberresten des Pabstthums, den Klöstern aufzuräumen. Der bisherige Statthalter und Coadjutor Johann Albert (der lahme Bischof genannt) ward in den Bisthümern Magdeburg und Halberstadt zum Nachfolger Albrechts erwählt; aber die Stadt Halle verweigerte ihm die Erbhuldigung, wenn er nicht vorher ihren gerechten Beschwerden abhelfen und ihnen ihre Religionsfreiheit verbürgen wollte. Daraus entwickelten sich langwierige Streitigkeiten, deren schiedsrichterliche Beilegung endlich von beiden Theilen dem Churfürsten von Sachsen übertragen ward. Es wurde ein Tag auf Montag nach Lätare zu Wittenberg angesetzt, und zu demselben hatten schon einige Zeit vorher Jonas und die übrigen Pfarrer zu Halle ein Bedenken an den Rath aufgesetzt: „was auf dem wittenbergischen Convent Mit dem neuen Erzbischofe, Markgraf Johann Albrecht, sonderlich wegen Abschaffung der Klöster zu verhandeln“. Denn vor allem wollte man der Mönche los werden. Der Rath wird daran erinnert, was seine Prediger von den „abgöttischen Speluncis latronum, gotteslästerischen Bethaven und cavernis Scorpionum“, wie es Ezechiel und die anderen Propheten nennen, sammt ihren Zuhörern und fast in die zwölftausend Pfarrkindern samt der unschuldigen frommen Jugend hätten leiden müssen und noch leiden, was für auch ein Aergerniß nicht allein zu Halle, sondern auch den umliegenden Orten solche letzte Hefe und Grundsuppe der Mönche und Nonnen, so sich zu Halle gesammlet, zu großem Hinderniß des Evangelii gewesen. Die Mönche hätten sich diese fünf Jahre her als die rechten caynischen, allerbittersten, giftigsten und verstockte Feinde der reinen Lehre erzeigt, nenneten den heiligen Gottesmann Luther fortwährend einen Teufelsketzer, verdammten die Augsburger Confession und Apologie, riefen in ihren Predigtstühlen die evangelischen Stände mit greulichen Lästerworten als Ketzer aus und thäten großen Schaden. Umsonst hätten sie auf den Kanzeln den Rath, und ganze Kirche vermahnet, wider solche bittere Ottern und Schlangen zu beten, umsonst Luther sie gebeten, sie wollten des Ungeziefers und Krötengerecks los werden; es wäre jetzt an der Zeit, daß der Rath Muth faßte und die närrische, schäbichte und lausichte Mönch zur Stadt ausjagte. Unlängst erst habe es sich zugetragen, daß ein Oelmüller, der eine lange Zeit in ihre Predigten gegangen, auf seinem Sterbebett sich wieder von Gottes Wahrheit zur Papisterei und Teufelslüge abgewandt habe; ebenso sei ein armes Weib, das nicht wohl bei Sinnen, durch ihre alten Hexen und Weiber überredet worden, daß sie, wenn sie das Sacrament wieder papistisch brauchte, gesund werden und zu ihrer Vernunft kommen sollte. Da nun die Gotteslästerung der Mönche und Klöster so groß sei, auch die Klöster mit allen Kirchengebäuden und Zugehör nicht dem Erzbischof, der sie nicht gestiftet, auch nichts dazu gegeben, sondern dem Rath, der Bürgerschaft und der ganzen Gemeinde zu Halle gehörten, so habe der Rath Fug und Macht, solche Baaliten in ihren der Stadt Halle Gebäuden, Klöstern und Häusern nicht zu herbergen. Insbesondere macht das Gutachten aufmerksam, wie die bischöfliche Jurisdiction allenthalben die Handhabung guter christlicher Ordnung hemme: „Weil auch wir Prediger in Ehesachen viel Anlaufens haben, und das neben dem Predigtamt in keinem Weg mögen oder können abwarten, hänget alles, was zuvor zur geistlichen Jurisdiction gehört, ohne Ordnung und unbestellt, und da ist kein Commissarius, der nach dem Evangelio Einsehen habe, auch kein Befehlhaber des Bischofs, der in dieser Stadt Halle oder aus dem Lande unbillig von einander Laufen der Eheleute, Ehebruch, Hurerei, Wucher und andere öffentliche Sünden und Laster christlicher Weise ernstlich strafet; darüber wächst der Ungehorsam und Muthwill, so haben wir Prediger keinen Gerichtszwang, in den Dingen eine endliche Verschaffung zu thun: derhalben hoch und groß vonnöthen, nachdem die Predigt und Lehre des Evangelii im Stift gehet, und die Leute sich nach Pabstrecht nicht wollen richten lassen, daß ein christlich Consistorium angerichtet würde und den Leuten in Ehesachen und dergleichen negotiis nach dem Evangelio würde geholfen.“ Am Schluß erklären die Prediger, daß sie, wenn solche Abgötterei länger neben dem Evangelio getrieben würde, heftiger und geschwinder denn zuvor dawider lehren müßten, ja den Rath des Churfürsten zu Sachsen ansuchen würden! Der am 20. April 1546 zu Stande gekommene Wittenbergische Vergleich befreite zwar Halle nicht von den Mönchen, doch wurde der ärgste Polterer, Dr. Metz, dadurch von der Pfarre beseitigt, vor Allem aber der Stadt ihre Religionsfreiheit und das Recht der Besetzung der Pfarreien bestätigt. Jonas hat nicht das geringste Verdienst an diesem günstigen Ausgang der Verhandlungen. Doch sollte die Stadt sich nicht lange dieser Errungenschaften in Frieden erfreuen dürfen: der Schmalkadische Krieg brachte über sie und ihre Prediger schwere Drangsale herein.

8. Luthers Tod und der Schmalkaldische Krieg.

Nachdem Luther am l7. Januar 1546 seine letzte Predigt in Wittenberg gehalten, machte er sich am 23. Januar mit seinen drei Söhnen auf den Weg nach Eisleben und kam am 25. Morgens in Halle an, wo er bei Jonas zur Herberge lag. Ueber Tisch brachte er seinem Wirth einen Trunk mit dem Spruch:

Luther, selber ein Glas, dem gläsernen Jonas ein Glas beut, Daß sie beide gedenken, sie sei’n dem zerbrechlichen Glas gleich!

Drei Tage mußte er in Halle bleiben, aufgehalten durch den Austritt des Wassers, oder, wie er darüber scherzend seiner Hausfrau schrieb, durch eine ihm begegnende große Wiedertäuferin mit Wasserwogen und großen Eisschollen, die das Land bedeckt und ihn mit der Wiedertaufe bedroht habe. Diesem Aufenthalt hatte Halle eine der gewaltigsten Predigten, welche Luther in der Frauenkirche über Apostelg. 9, 1 – 10. hielt, zu danken. Auch dieses Mal sollte Jonas Luthern begleiten. Als sie am 28. Januar von Halle aus auf einem Kahn übers Wasser fuhren, mahnte das wilde Element Luthern an die Gefahr, und er sprach zu seinem Begleiter: „Lieber Dr. Jonas, wäre das dem Teufel nicht ein sein Wohlgefallen, wenn ich Dr. Martinus mit dreien Söhnen und Euch in dem Wasser ersöff?“ Doch sollten die Ströme die Gottesmänner nicht ersäufen: sie kamen wohlbehalten, wenn auch Luther sehr schwach und angegriffen, in Eisleben an und konnten nach längeren Verhandlungen beide am 16. Februar einen Friedensvertrag zwischen den beiden Brüdern unterzeichnen. Trotz seiner Schwachheit hatte Luther noch viermal in Eisleben gepredigt; auch Jonas war einige Zeit leidend, wie Luther an seine Käthe schreibt: „Dr. Jonas wollt gern einen bösen Schenkel haben, daß er sich an eine Laden ohngefähr gestoßen: so groß ist der Neid in Leuten, daß er mir nicht wollt gönnen allein einen bösen Schenkel zu haben.“ Jonas betrachtete es Zeit Lebens als eine besondere Gnade Gottes, daß er diese drei Wochen, die Luther in Eisleben war, stündlich um ihn sein und mit seinem Vater letzen durfte. In frischem dankbarem Gedächtniß blieben ihm die letzten Reden seines Meisters, welche er später in Gemeinschaft mit M. Michael Coelius, dem Prediger zu Mannsfeld, sammelte und herausgab. Am Morgen des 18. Februar sollte er am Sterbebette des Mannes Gottes stehen, Zeuge des letzten Ja, welches Luther ihm auf seine Frage antwortete: „Verehrter Vater, wollet ihr auf Christum und die Lehre, wie ihr die gepredigt, beständig sterben?“ Tief ergriffen theilte er eine Stunde nachher den seligen Heimgang des Reformators dem Churfürsten mit und erhielt von diesem den Befehl, mit der Leiche gen Wittenberg zu fahren. Am 21. Februar Mittags 2 Uhr wurde die Leiche in die Hauptpfarrkirche zu St. Andreas getragen; sobald dieselbe ins Chor gesetzt war, hielt Jonas unter heißen Thränen eine Predigt über 1. Thessal. 4, 13 ff., in welcher er zuerst von der Person und den herrlichen Gaben Luthers, dann von der Auferstehung der Todten handelte, und schließlich zu bedenken gab, daß der Tod des hohen Propheten werde gewißlich etwas Großes hinter sich haben: „denn ehe zwei Jahre wegkommen, werden wirs wohl erfahren, und vor andern Papisten, Domherrn, Pfaffen, Mönch und Nonnen, welche, ob sie sich wohl des Todes und Absterben Dr. M. Luther freuen, so wird er doch große Kraft hinter sich lassen, sie werden nach etlichen Jahren wünschen, daß Dr. Luther noch lebete, dem wollten sie nun gerne gehorchen und würden ihn, wenn sie könnten, wieder aus der Erden graben, aber es wird zu lange geharret seyn.“ Weiter zeigte er, wie man aus der heiligen Schrift und den Chroniken sehe, daß allemal, wenn die Zeiten am bösesten gewesen, so hätten zuvor die höchsten Propheten und Männer Gottes gelebt, und nach ihrem Tode sei allezeit eine große, greuliche Strafe gefolgt. So werde gewiß auch nach Luthers Tode eine greuliche Strafe folgen über Deutschland, wenn es sich nicht bessere. Jonas gab nun der ehrwürdigen Leiche von Eisleben bis Wittenberg das Geleite, hier seinen Schmerz mit dem der Freunde theilend und das Loos dessen beneidend, dem es vergönnt war, vor dem Unglück hinweggerafft zu werden. Eine tiefinnige Sehnsucht nach dem hochverehrten Freunde und der Wiedervereinigung mit ihm durchzieht den Lebensabend unseres Jonas; immer wieder schaut er rückwärts in die seligen Tage, die er an Luthers Seite verleben durfte, immer wieder schaut er hinaus auf den Tag, an welchem, wie er in seiner Leichenpredigt gesagt hatte, auch Luther mit den in Christo Entschlafenen auferstehen werde, „unser lieber Vater mit dem Leibe, Angesichte, Händen, Füßen, die er gehabt, und wie wir ihn hie gesehen haben, mit dem seligen Munde, da er nun neunundzwanzig ganzer Jahre deutschem Lande Gottes Wort rein gepredigt hat, doch mit einem hellen clarificirten Leibe, der da wird leuchten wie die Sonne, davon Christus sagt Matth. 13. und Daniel der Prophet am 12. Kapitel: Die Lehrer werden leuchten wie des Himmels Glanz und die, so viel zur Gerechtigkeit weisen, wie die Sternen immer und ewiglich. Weil nun Dr. Martinus ein großer Lehrer gewesen und ihrer viel viel zur Gerechtigkeit gewiesen, wird er auch einen schönen hellen Glanz vor Andern haben, wie wirs, ob Gott will, sehen werden.“

Eine schwere Zeit brach für Jonas mit Luthers Tode herein; auch ihm war mit Dr. Martinus das feste Steuer seines Lebens entsunken. Der Schmalkaldische Krieg brach aus, und Herzog Moritz, dem der Kaiser auch den Schutz der beiden Bisthümer Magdeburg und Halberstadt aufgetragen hatte, bediente sich dieses Befehls zum Vorwande, die Stadt Halle, deren enge Verbindung mit dem Churfürsten Johann Friedrich ihm bekannt war, im November 1546 zu besetzen und sehr hart zu behandeln. Jonas hing mit der treusten Ergebung an seinem schwer bedrängten Churfürsten; als er ihm am 27. October 1546 einige Exemplare seiner Auslegung des 20. Psalms übersandte, versicherte er denselben, daß in den Kirchen zu Halle täglich ohne Unterlaß mit höchstem Fleiß das christliche Volk, sonderlich die unschuldige Jugend vermahnt werde, daß sie ernstlich im Glauben, im Namen Jesu Christi zu Gott rufen wolle, daß er dem Churfürsten und allen mitverwandten protestirenden Ständen „wider den Antichristen zu Rom, wider die große Untreu Caroli V. hispanisches Diocletiani“ Stärke wolle verleihen, Glück, Heil und wunderbaren Sieg vom Himmel. Jonas setzt hinzu: „Auch befinden wir aus Vorlegung der Achte und Bannes, daß Kaiser Carol in der Litanei auszulassen ist und im Credo bei und neben Pilato zu setzen.“ Ein Mann, der eine solche Sprache führte, konnte von Herzog Moritz nicht geduldet werden: er verlangte, daß Dr. Justus Jonas und der Syndicus D. Chilian Goldstein innerhalb vier Tagen aus der Stadt hinweggeschafft würden, und daß man auf einen andern Pfarrherrn und Syndicus denke; das würde der Stadt bei dem Kaiser zu Gnaden gereichen. Umsonst bat der Rath für Jonas, den Herzog Moritz von Person kenne, den des Herzogs Vater verschiedene Jahre in Visitationssachen gebraucht habe, der seines Standes, Wesens und Geschicklichkeit wegen bei männiglichem in gutem Namen und Ehren sei, von dem sie sich auch nicht zu erinnern wüßten, daß derselbe den Kaiser oder Herzog sollte verunehret, viel weniger gemeiner Kirchen Regiment und Frieden gehindert und nicht gepflanzt haben. Der Herzog, von dem persönlichen Feind Jonä, Dr. Türk gestachelt, beharrte auf seiner Forderung und gestattete den Gebannten nur eine zehntägige Frist zur Bestellung ihrer nothwendigen Angelegenheiten. In Nacht und Kälte reiste Jonas mit Frau und Kindern heimlich nach Eisleben und hielt sich dann zu Mannsfeld auf. Hier empfing er ein Schreiben seines treuergebenen Freundes Medler von Braunschweig, der ihm die Stelle eines Superintendenten in Hildesheim, wenigstens auf so lange anbot, bis er von Halle zurückgerufen werde Doch schon wenige Tage nach diesem Briefe besetzte der Churfürst von Sachsen Halle (1. Januar 1547) und versprach, die Stadt „bei allen ihren Privilegien, Freiheiten und Gerechtigkeiten zu schützen und zu handhaben und gnädiglich bleiben zu lassen, den D. Jonas und D. Goldstein zurückzurufen und in ihre Aemter wieder einzusetzen, ingleichen für die Auslieferung der Geißeln Sorge zu tragen.“ Wirklich kehrten die beiden Vertriebenen am 9. Januar nach Halle zurück und traten ihre Aemter wieder an. Es ward sogar unserem Jonas die Freude zu Theil, in dieser Zeit der Noth die Reformation noch in den Halleschen Vorstädten Neumarkt und Glauchau einzuführen. Doch das Kriegsglück verließ bald den Churfürsten: sobald Jonas Nachricht von der Schlacht bei Mühlberg und des Churfürsten Gefangenschaft bekommen, flüchtete er in seine Vaterstadt Nordhausen, da die vornehmsten Rathsherrn ihm riethen, sich der ersten Hitze des Zorns des Siegers zu entziehen. Hören wir, wie Jonas selbst seine Erlebnisse dem Herzog Albrecht von Preußen in einem Briefe vom Mai 1549 schildert: „Bei den schrecklichen Drohungen und Gefahren, die von der Zügellosigkeit, Grausamkeit und soldatischen Frechheit der Spanier über uns schwebten, sah ich mich gezwungen, ohne meine Habseligkeiten und mein Hauswesen zuvor etwas ordnen zu können, in Zeit einer Stunde meine schwangere und gefährlich krank gewesene Frau, zwei ganz kleine Kinder, drei Töchter auf zwei Bauerwagen zu setzen und unter Furcht und Angst in aller Eile mit Frau und sieben Kindern von dannen zu ziehen. Wegen der großen und vielfachen Gefahren wäre es wohl nothwendig gewesen, Nebenwege einzuschlagen oder auch zur Nachtzeit und auf Waldwegen unsere Reise fortzusetzen; allein die Schwäche meiner Frau und der Kinder ließ dieß nicht zu. Ich begab mich von Halle an den Harz, wo die edlen Grafen von Mannsfeld den Flüchtling mit großer Freundlichkeit und Gastfreiheit aufnahmen. Als Demosthenes sich in Kalauria im Exil befand, bestieg er, wie er schreibt, täglich das Dach des Tempels, zu dem er sich geflüchtet, und sah mit unverwandtem Blicke und mit angstvoller Sehnsucht und Liebe zu seinem Vaterland nach der Gegend hin, wo Athen lag. Diesen heftigen Sehnsuchtsdrang, ich muß es bekennen, habe auch ich in meiner Verbannung erfahren. In meiner Vaterstadt Nordhausen, wohin sich damals auch Philipp Melanchthon geflüchtet, durfte ich wegen der Gefahren, die mich bis dorthin verfolgten, es nicht wagen, mich öffentlich zu zeigen, sondern hielt mich bei einem Bürger in einem Garten und abgelegnem Gartenhäuschen einen ganzen Monat hindurch verborgen. Nicht lange nachher, als es durch Gerüchte in Sachsen bekannt ward, daß ich von meiner Kirche in Halle vertrieben sei und mich in meiner Vaterstadt Nordhausen verborgen aufhalte, berief mich der Rath von Hildesheim durch ein öffentliches Schreiben, um dort das Evangelium zu predigen. Man nahm mich in Hildesheim mit großer Freundlichkeit auf und so verweilte ich in Sachsen gegen neun oder zehn Monate.“

Es war der treue Melanchthon, durch welchen diese zweite Berufung zu der im Jahr 1542 von Bugenhagen gegründeten Gemeinde Hildesheim vermittelt wurde. Er schrieb am 1. Juni 1547 an Laurentius Moller, den ersten Rector der evangelischen Andreasschule daselbst, ihm anzuzeigen, daß Jonas jetzt geneigt wäre, die Leitung der kirchlichen Angelegenheiten in Hildesheim zu übernehmen, wenn der Magistrat der Stadt ihn dazu beriefe. Der Ruf traf Jonas, als er eben in Weimar sich aufhielt, und im Laufe des Monats Juli war er bereits in die neue Stelle eingetreten. Freund Medler hatte ihm gerathen, da er doch wohl bald wieder abberufen würde, seine Frau und Kinder nicht eher zu sich kommen zu lassen, als bis er von Halle weitere Nachricht eingezogen hätte. Gleichwohl berichtet eine alte Handschrift im rathhäuslichen Archiv zu Hildesheim, daß Jonas am 14. Juli mit seinem ganzen zahlreichen Hausstand daselbst angekommen und feierlich eingeholt worden sei. Offenbar war die Bestimmung des Jonas in Hildesheim nur eine vorübergehende: der eigentliche Superintendent daselbst war Jodocus Isermann, ein braver aber schwacher Mann, den schwierigen Verhältnissen der Gemeinde, in welcher innere Streitigkeiten ausgebrochen waren, nicht gewachsen. Isermann selbst hatte die Berufung des Jonas gewünscht, damit derselbe das Kirchenwesen in Ordnung bringe. Jonas löste die ihm gestellte Aufgabe mit vielem Geschick; er predigte fleißig in der Kirche zum heiligen Kreuz und hielt daselbst auch erbauliche Vorträge über die Briefe Pauli an die Epheser und Galater, einige ausgewählte Psalmen und den Propheten Jeremias. Da aber seine Stellung eine außerordentliche war, so scheint er auch keinen festen Gehalt gehabt zu haben und litt unter Nahrungssorgen; Freund A. Corvinus sandte ihm von dem Seinigen drei Scheffel Waizen nach Hildesheim zum Gruß. Auch die übrigen Geistlichen der Stadt benahmen sich nicht sonderlich freundlich gegen den ihnen aufgedrungenen Flüchtling, während diesem die Lebensweise „in diesen schauerlichen Wäldern“ nur gar nicht behagte. Außerdem quälte ihn das Heimweh, durch fast tägliche Briefe seiner Freunde in Halle stets aufs Neue wach gerufen; er schreibt: „ich hatte in der Zeit große Sehnsucht nach meinem zahlreichen Auditorium und nach meiner Bibliothek.“ Fürsten und Theologen verwandten sich bei dem Churfürsten Moritz, und so hoffte Jonas von Tag zu Tag aus Rückberufung zu der Gemeinde, welcher er sich verpflichtet erachtete, weil er sich ihr auf seine ganze Lebenszeit zum Dienst versprochen hatte. Schon im October und dann wieder im December fragte er bei seinem Freund Lange an, ob er er nicht nach den Christfeiertagen einige Zeit in Erfurt zubringen könnte als Gast, da er aus gewissen Gründen Halle näher kommen möchte. Unaufgehellt bleibt immerhin die schnelle Abreise Jonas von Hildesheim. Es wird erzählt: „Als Jonas die eilfte Lection aus der Epistel an die Galater las, kam sein Famulus und sagte ihm etwas von dem öffentlich verlesenen Buche Interim ins Ohr, worauf er alsobald aufstund und sprach: Ihr Herren, ich befehle euch Gotte und der Kirche! ging darauf weg und zum Thore hinaus, nachdem man ihn drei Vierteljahr auf gemeine Kosten wohl verpfleget und gehalten hatte.“ Da aber das Interim erst im Mai veröffentlicht wurde, während Jonas schon vor Ostern wieder in Halle war, so klingt die ganze Erzählung um so mythischer, als sie auch dem furchtlosen und unerschrockenen Charakter, den Jonas allenthalben an den Tag legte, ganz und gar nicht entspräche. Gegen Ende Februar 1548 finden wir Jonam in Nordhausen, wohin ihm Melanchthon den von Churfürst Moritz unter dem 13. März ausgestellten Geleitbrief übersandte. Dieser gewährte zwar dem Flüchtling Sicherheit zur Reise, enthielt aber auch den kränkenden Zusatz: „doch daß Jonas sich wiederum gleitlich und gebührlich halte, treulich und ohne Gefährde.“ Noch ehe Jonas diesen Geleitsbrief empfangen, hatte er seinen Freund Johann Spangenberg nach Halle geschickt, um mündlich mit dem Rath in seinen Angelegenheiten zu verhandeln und demselben den Schaden, welchen der Verbannte an Geld und Gesundheit erlitten, vorzuhalten. Es ward ihm der Bescheid, daß die Rathsherrn selbst ihren Superintendenten schmerzlich vermißten und nichts mehr wünschten, als ihn wieder zu sehen und zu hören, wie sie auch hofften, daß das bald geschehen könnte; sie ließen aber Jonam bitten, wie sie ihm dieses erst in den letzten Tagen geschrieben, daß er einen kleinen Verzug geduldig hinehme. Eine weitere Antwort, namentlich auch Angabe der Gründe, warum die Rückkehr nicht sofort erfolgen könnte, vermochte Spangenberg nicht auszuwirken.

Auf Grund des empfangenen Geleitsbriefes wagte es nun Jonas, aus freien Stücken nach Halle zurückzukehren. Er traf in der Fastenzeit 1548 in der Stadt ein, ließ den Rath um eine Unterredung bitten, die ihm Freitags nach Ostern gewährt wurde, und stellte in derselben vor, daß er aus bekannten Ursachen vor drei Vierteljahren hätte aus der Stadt fliehen müssen, nun aber durch die Fürsprache des Fürsten Georg von Anhalt und Philipp Melanchthons vom Churfürsten Moritz einen Schutzbrief erhalten habe, den er vorzeigte, und auf diesen wieder hierher gekommen sei, sein Amt aufs Neue anzutreten. Der Rath war über dieses plötzliche Kommen des Superintendenten mehr überrascht als erfreut. Er trug Bedenken, den Antrag sofort anzunehmen und bat Jonam, sich noch einige Zeit zu gedulden, bis es mit größerer Sicherheit geschehen könnte. Er konnte dieß um so eher, weil das Predigtamt durch M. Sebastian Boetius würdig besorgt war, während der Name Jonas bei den Kaiserlichen durch die Verläumdungen der Mönche besonders verhaßt geworden war. Jonas selbst deutet dieß in dem schon erwähnten Schreiben an Herzog Albrecht an: „Der Rath hatte fast den ganzen Sommer hindurch einige seiner vornehmsten Rathsmänner als Gesandte zu Augsburg beim Kaiser. Dort führten einige einflußreiche Hofleute des Kaisers bei den erwähnten Gesandten solche Beschwerden gegen mich (denn am Kaiserhofe haben die Mönche meinen Namen sehr verhaßt gemacht), daß die Hallenser aus Furcht mir befahlen oder mich ersuchten, meine Predigten einzustellen, damit die Stadt durch solche heftige Anklage nicht noch größeren Unwillen auf sich lade. So groß ist die Trübsal dieser Zeit, daß die Diener der Kirche überall um so härter geprüft werden, je eifriger sie in ihrem Amte sind. Ich wenigstens, der ich vor sieben Jahren zur Zeit des Cardinals mich so vielen Gefahren unterzogen und unter den schwierigsten Kämpfen mit größter Mühe den ersten Samen des Evangelium hier ausgestreut, habe nun schon dieses ganze Jahr hindurch, gleichsam mitten in meiner Kirche exilirt, nicht mehr gepredigt.“ Je schwieriger die Lage der Stadt im Sommer des Jahres 1548 wurde, desto mehr mögen wir begreifen, wie der Rath mit aller Vorsicht verfuhr, wie schwer aber auch einem Jonas das ihm auferlegte Schweigen zu tragen war. Der Kaiser setzte auf dem Reichstage zu Augsburg durch ein Diplom vom 12. Juli 1548 den Erzbischof Johann Albrecht in seine beiden Stifte wieder ein, und am 24. August hielt derselbe seinen Einzug in Halle. Er brachte einen Schwarm von Mönchen mit, denen er das fast leer gewordene Dominicaner- und besonders das Barfüßer-Kloster einräumen und sogleich in den Schloß- und Kloster-Kirchen den katholischen Gottesdienst wieder herstellen ließ. Gleich am Tage nach seiner Wiederkunft hatte er von dem nach Halle ausgeschriebenen Landtag die Anerkennung und Vollziehung des Interims gefordert, doch dieses wurde abgeschlagen, und Jonas konnte berichten (15. December 1549): „Was unsere Kirche zu Halle belangt, so ist gottlob in derselben in Lehre, Kirchenämtern und Ceremonien nichts geändert, sondern dieselbigen stehen allenthalben (jetzo nach kaiserlicher Majestät Abzug, welches nun schier drei Jahre sind), wie sie zuvor vor neun Jahren durch mich und meine Gehilfen vermittelst göttlicher Gnade angerichtet worden, nur daß ich mit dem Predigtamte aufgehalten werde durch heimliche List der Papisten und die Geschwindigkeit des Satans. Diese Zeit durch, nemlich ein ganzes Jahr und Dreiviertel, haben etliche Fürsten und Herren Bitten für mich gethan bei dem Erzbischof, unserem gnädigen Herrn, aber seine F. G. haben die rechte endliche Antwort aufgeschoben bis auf die Ankunft des Churfürsten zu Brandenburg, welcher Verzug mir sehr beschwerlich ist. Doch hat sich ein ehrbarer Rath erboten, er wolle allen höchsten Fleiß anwenden bei erwähntem Churfürsten, daß ich wieder in mein Predigtamt gesetzt werden möchte.“ Aus dieser Aeußerung geht hervor, daß der Rath damals sein ihm nach dem Wittenberger Vertrag zustehendes Recht, die Pfarrämter ausschließlich zu besehen, gegen den Erzbischof nicht zu handhaben wagte; die städtischen Behörden vermieden sorgfältig Alles, was den Unwillen des Erzbischofs noch steigern konnte, und beschränkten sich möglichst auf passiven Widerstand und das System des Zauderns. An König Christian III. schreibt Jonas am 19. September 1549: „Was da belanget die Disputation von der Religionssache und von dem Buche Interim, wiewohl mancherlei Rede, Schrifte in die Länder ausgebreitet werden, und sonderlich in weitgelegenem Königreiche und Lande allerlei wird ruchbar gemacht, auch oft weitläuftig fürgebracht: So sieht man doch noch öffentlich Gottes gnädige Werke, Schutz und Beistand, daß hier zu Halle (so doch die kais. Maj. hie gewesen) gehet noch gottlob die reine Lehre, der rechte wahrhaftige Brauch der Sacrament, wie es vor acht Jahren ordentlich, rein und christlich gangen, da ich erst bin ander kommen, und ob wohl etliche Mönche einzeln wieder eingeschlichen, so gibt ihnen niemands Almosen, haben keinen Enthalt, man hält dafür, werden in ihnen selbst verdorren.“ Ueber das Interim sprach sich Jonas sehr streng aus, es sei voller falschen Lehren und schlauer Sophismen, an König Christian III. schreibt er: „Es hat ein gelehrter Arzt Joannes Ruellius Parisiensis anno Dni. 36 dem König zu Frankreich ein Buch zugeschrieben von Kräutern, Wurzeln, Gewächs der Erden, nach Aristoteli und Plinio, da er unter andern lib. 2. cap. 12. anzeigt, daß ein Kraut von Art (Alandkraut und Wurzel) gleich, das nennen die alten Gärtner und Bauren Schlangenkraut, und wann ein Schlang zerhacket oder an Stück gehauen sei, wer alsdann die Art dieses Krauts wisse, der könne die Schlangen wieder ganz machen, daß sie vom Kraut zusammenwächst. Also versuchen jetzt viel Bischöfe, die vertilget und zerhauen Schlangen, den Pabst, wieder zu flicken und die zerrissene Stück wieder zusammen zu bringen; aber wir wollen zu Gott hoffen, sie sollen, wie fleißig sie suchen, das Kraut nit finden.“

Es war eine harte schwere Geduldsprobe, welche Jonas auferlegt war: in der Pfarrwohnung zu leben und doch vom Predigtstuhl ausgeschlossen zu sein; von den übrigen Pfarrherren als der rechtmäßige Superintendent angesehen zu werden, und doch selbst am köstlichsten Theil seines Amtes verkürzt zu sein; die laufenden Geschäfte zu besorgen, aber seinen Namen als den eines Geächteten, nicht dazu geben zu dürfen. Wie es scheint, versuchte ihn seine Lage auch zum Mißtrauen gegen seine Amtsbrüder. Zwar rühmt er in einem Schreiben an Herzog Albrecht vom 15. December 1549: „Mit dem neuen Prediger leben wir andern, die wir auf nächste Ostern in das zehnte Jahr allhier gewesen und wie ich sonderlich die erste Gefährlichkeit, Sorge und Bürde getragen haben, in guter christlicher Einigkeit; so ist derselbe M. Sebastianus ein gelehrter, ehrlicher, junger Mann“; aber in einem Brief des folgenden Jahres an Weller bemerkt er: „Noch bin ich mitten in meiner Kirche vom Predigtstuhl verbannt. M. Johann Spangenberg schlief am 13. Juni im Herrn ein. So treten wir Aelteren vom Schauplatz dieses Lebens ab; die Jüngeren können unsern Tod kaum erwarten. Sie nehmen uns bei lebendigem Leib Amt und Würde weg.“ Schon am 17. Mai 1549 hatte Antonius Otho unserem Jonas gerathen, „die ungesalzenen Salzmacher“ zu verlassen und ihre eigenen Wege gehen zu lassen; gleichwohl hielt er bis in die Mitte des Jahres 1551 in Halle aus, denn es ist ganz ungegründet, wenn erzählt wird, Jonas habe sich schon 1548 oder 1549 nach Weimar und Jena begeben, um an letzterem Orte die neue errichtete Universität einrichten zu helfen, wenn es so verstanden wird, als hätte er in einer der gedachten Städte seinen bleibenden Wohnsitz aufgeschlagen; dagegen läßt sich von selbst voraussetzen, daß Jonas als ein erfahrener und gelehrter Mann von den Söhnen Johann Friedrichs des Aelteren bei diesem wichtigen Geschäfte zu Rathe gezogen worden ist und vielleicht auf kürzere Zeit sich, persönlicher Berathung wegen, bei ihnen aufgehalten hat. Sein eigentlicher Wohnsitz blieb Halle, bis er in der Mitte des Jahres 1551, des langen und aussichtslosen Wartens müde, einen Ruf des Herzogs Johann Ernst von Sachsen (Bruders des geborenen Churfürsten Johann Friedrichs des Aelteren) als Superintendent und Hofprediger zu Coburg annahm. Auch dieser Entschluß scheint das Werk eines Augenblicks gewesen zu sein, wenn er ihm auch immerhin nahe gelegt wurde durch die alte Anhänglichkeit an das sächsisch-ernestinische Fürstenhaus, mit dem er immer in Verbindung geblieben war. Er selbst schreibt an Melanchthon: „Ueber meine Albernheiten und meine wahrhaft albernen Verirrungen, daß ich ohne deinen und des Fürsten Georg Rath einzuholen, mich hieher auf eine Zeit lang begab, will ich mündlich mit dir reden.“ Wenn auch Jonas noch immer nicht alle Hoffnung auf eine Rückkehr nach Halle schwinden lassen wollte, so ward doch factisch von nun an das Band gelöst, welches ihn mit einer Gemeinde verknüpfte, welcher er die besten Jahre seines Mannesalters gewidmet hatte, und von welcher er auch bezeugen durfte, daß er nicht umsonst bei ihr gearbeitet habe!

9. Wanderleben und Heimgang.

„Ich bin nun ein alter Mann, nehme ab und ein alter Gesell“ – hatte Jonas an Melanchthon geschrieben; um so härter war das Loos, sich in dieser Zeit abnehmender Kraft noch in die neuen Verhältnisse eines neuen Wirkungskreises einzuleben; doch ward ihm das Glück, daß er wirken durfte, so lange es Tag für ihn war. Im Juli 1551 war er bereits in Coburg eingetroffen und die Stadt hatte dem ehrwürdigen Superintendenten eine Ehrengabe von fünf Floren und drei Pfund Münze zum Willkommgruß überreicht. Bald nach seiner Ankunft sollte er ein entscheidendes Wort in dem Osiandrischen Streit von der Rechtfertigung mitreden. Herzog Albrecht, um die Zerwürfnisse seines Landes beizulegen, hatte wie andere evangelische Herren, so auch die beiden regierenden Fürsten zu Henneberg ersucht, daß sie über Osianders Bekenntniß ihrer Theologen Bedenken und Einigungsvorschläge stellen lassen sollten. Die Fürsten communicirten, daher mit Herzog Johann Ernst von Sachsen, daß er Dr. Just Jonassen erlauben möchte, hierin den Hennebergschen Theologen beiräthig zu sein. Das von ihnen verfaßte Gutachten ist datirt vom 5. December 1551. J. Jonas hatte auch die „Censurae der fürstlich sächsischen Theologen zu Weimar und Coburg auf die Bekenntnisse des Andreas Osiandri von der Rechtfertigung des Glaubens“ (Erfurt 1522) mit unterschrieben, worin Osiander hart mitgenommen wurde: er sei ein schäumend hauend Schwein, durch welches der Satan, was er vorher weder durchs Schwert, noch Feder, noch Scepter, noch Flegel habe zuwege bringen können, in dem schönen Weinberg des Herrn jetzt mit geschmücktem, geschwindem Alfanz auszurichten, gründlich zu verwühlen und zu zertreten im Sinn habe. Die Münchener Staatsbibliothek besitzt unter dem Titel „D. Justus Jonas über Osiander“ ein Gutachten, das wohl eben bei dieser Veranlassung von Jonas aufgesetzt wurde, und das wir im Folgenden mittheilen:

„Was belanget D. A. Osiandri Schrift, da er seinem Buch Confession oder Bekhenntnusse einen prächtigen Titel gemacht: von dem ainigen mittler Jesu Christo und Iustificatione fidei, ist hoch von Nöthen, daß man die Geister prüfe, ob sie aus Gott seien. Denn des heiligen Geistes Rede und Lehre, beide in Propheten, Evangelien und Aposteln, ist klar, gewiß, einfältig, rein, unverworren und deutlich, und sonderlich Symbola, darin die Apostel und Väter nit einzelne subtile dunkle Paradoxa, sondern das ganze Corpus und Summa christlicher Lehr gefaßt haben mit so klaren hellen gewissen Worten, daß, wann auch alle Teufel mit allen ihren geschwinden satanischen Listen ein Wort wollten verdunkeln, verdrehen oder verwirren, doch wider die natürliche Art das nit vermöchten. Und wann das nit wäre, so hätte der Satan mit seiner subtilen Schalkheit, tausendkünstlicher List, und auch etliche harte stolze Carlstadianische Geister lang großen Schaden gethan und uns abgeführt von der reinen gewissen Wahrheit und Einfalt, die da ist in Christo Jesu. Gott weiß, daß wir Andrea Osiandro Guts gunnen und wollten wohl wünschen, er hätte bei Leben Dr. Martini, den er den Löwen nennet, wie recht und billig ist, oft zu Wittenberg sein Predigt und Lection gehört; hätte er der Apostel Exempel nach mit Philippo und andern Kirchen conferirt, ja er hätte den rechten Mann, den Leon gehört, wie unser etliche 25 Jahr, auch Vitus Theodorus viel Jahr mit ihm umgangen, er würde der apostolischen gesunden reinen einfältigen Lehr Anhänger seyn und auf gewissen Füßen gehen, nit also in sublimitate sermonum, wie es Paulus nennet, daher in Wolken fliegen und daher fahren mit vollem Segel, Sicherheit und Vertrauen auf sein Vermugen, sondern wie der Leu Dr. Lutherus gethan, sich demüthig neben den Oechsichen und Eselein neben der Krippe zu Betlehem niederlegen, dem vom Stamm Juda die Ehren thun, daß er, Osiander, alles Brüllen wohl lassen würde. Gott ist unser Zeug, wiewohl noch jetzund viel Prediger und Gelehrten zerstreuet sind und jetzund zu Wittenberg oder in andern Universitäten nit bei einander sind: doch so viel ich nit allein etlicher fürnehmsten Gelehrten, sondern auch gemeine fromme christliche Herzen gehört habe von Osiandri Büchern oder Lehr reden oder urtheilen, sagen ihr viel sehr christenliche Leut, dieser Mann rede und schreibe aus hochfahrendem, eigenem, aufgeblasenem Gemüth und Geist mit Fleiß sophistisch aufs geschwindeste, daß eine verwirrete Sophisterei an der andern hange, und subtil auf andere Weis mit andern Worten, dann die Symbola, der Aposteln Geschrift lauten, und sei nit wohl möglich, einen einigen Menschen aus seiner Lehr zu trösten oder zu lehren; wie ein trefflicher Mann gesagt, daß er mit adverbiis und participiis ihm allenthalben Schlupflöcher machte; item es sei ein sophistisch Zweifelsknote, eine Verwirrung und verdrehets alle Zeit mit Bedacht an das ander geknüpft. Darin er auch mehr suchet, daß man sich solle seiner Geschwindigkeit, Kunst verwundern, dann daß er frommer Pfarrkinder arme betrübte Herzen und Gewissen die edle guldene Kunst lehre, wie sie in schweren Anfechtungen, Bangen und Nöthen einen hellen, klaren, aus Gottes Wort gewissen lebendigen Trost haben mögen. In Summa, die obscuritas und sophistica perplexitas, obgleich andere Leut auch Hirn und Kopf haben, Osiandri gespitzte Lehr verstehen, tauge in der Kirche nit. In dieser letzten Zeit, kurz vor dem jüngsten Tag, suchen die armen bekümmerten Herzen nit einen Lehrer, der mit hohen Subtilitäten daher prange und pralle, sondern der dem Löwen nach, Dr. Luthero, die gröbliche greifliche Abgötter des Pabsts vollends helf stürzen, der die gesunde Lehr und Reinheit und Einfalt der Simbole und des Catechismi in der Kirchen helf erhalten, und hie an diesem Oertlein nehmen wir den Spruch (Joh. 5.) an, welchen Osiander auf seine Confession hat drucken lassen: Wie könntet ihr glauben, die ihr Ehr unter einander suchet. In Summa, wenn tausend Menschen bei einander wären, rechte Christen, betrübte Herzen, und man würde sie fragen, wann sie in Todesnöthen oder letzte Stund kämen, ob sie lieber Dr. Osiandri Lehr wollten hören und auf derselben Trost bauen, oder auf der einfältigen Catechismus und Symbole Lehre, so würden sie alle sagen: der Prediger Osiander darf noch eines Superpredigers darauf. Ach, saget uns nicht von der hohen unbegreiflichen Einwohnung des Vaters, Sohns und heiligen Geists, saget mir, wie Paulus redet Rom. 8., wie der Sohn uns geschenkt sei und wie mit und in dem Sohne Christo Paradies, Himmelreich herniederbracht; ach sagt mir, wie durch das Blut Christi und seinen Gehorsam bis in Tod des Kreuzes Gott uns versühnet ist; ach saget mir, wie der Leu Dr.Martinus diese 30 Jahr allezeit vor Kindern, Maiden, Knechten, Kindlein geprediget und gelehret hat in der Hauspostillen, daß die Herzen nit rein werden denn durch den Glauben. Lieber Gott, was zeicht sich dann Osiander, so er diese ganze dreyßig Jahr nit vierzehn Tag mit dem Dr. Luthero sich unterredet, daß er wollt in die Schulen und Kirchen, zuwider der edlen Confession und Apologia, zuwider den locis communibus, nun ausstreichen eine Lehre, die neue dogmata (als daß Unterschied sei zwischen der Erlösung und Justification) einführet, und wann Einer, der ein Christ wäre und Christo und der Kirchen Gutes gönnet, nit auf jüdisch heimlich Christum und die Apostel hasset, und bei sich spüret ein scharf Ingenium, als Plato und Aristoteles gehabt, sollt er sich doch herunterlassen. Wann man die christlich Lehr sollte mit den neuen Worten geben und die Wort Christi also verdrehen, wann die wesentliche Einwohnung gegründet wäre, so hätte der Apostel Paulus wohl noch eines Ananias bedurft, noch eines neuen Gamalielis und ein neu Offenbarung in dritten Himmel, ehe er Osiandri ungewondliche Theologia gelernt hätte; und zu feiner Zeit wollen wir wohl von der Entwohnung weiter unsern Verstand anzeigen, wie die vielen Spruch in Johanne 14.17. zu verstehen, daß ich in euch sei und ihr in mir, item: Wir wollen zu ihm kommen und Wohnung bei ihm machen. St. Paulus sagt, ein Bischof soll seyn geschickt zu lehren, nit allein subtilis, sublimis. retoricator oder listiger Sophist. Er, Osiander selbst weiß, geschickt zu lernen ist; der ist aber recht geschickt zu lernen, der gewiß und einfältig bleibet bei den Worten der Sumbolorum, unwankelbar bleibet bei dem Typo doctrinae. den die Apostel brauchen, der nicht philosophische oder menschliche Gedanken einführt, daß er nit unter der Zahl sei deren, die viel schreiben, rufen und lehren und doch niemands Gewissen trösten, wie der Unterschied wohl zu sehen gewesen, als unter dem Pabstum ward aus, Scoto, Thoma, Sententiis viel Geschwätz und subtil Disputation fürgebracht, es blieben aber die Herzen und Gewissen trostlos und ungelehrt. Da aber Gott erweckt einen Mann, der potens war in biblicis scripturis, gewiß einherging nach der reinen, gesunden Apostellehr, da bekannten alle fromme Herzen, nun wären sie der Wahrheit erst recht berichtet, und klagten alle Rechtgelehrte, was das für eine heillose Theologia gewesen, da Sophisten allein ihre scharfe Hirn hätten beweisen wollen, und Symbola noch die Wort Christi nicht ausgelegt. Wann Osiander anstatt Dr. Martini die nächsten 30 Jahr mit seiner dunklen Lehr war auf der Bahn gewesen und sonst niemands anders, es würde auch die Lehr von der Gnad Christi nit so weit von vielen tausend Menschen erkannt seyn. Es steht Osiander nit wohl an und thut auch wider sein Conscienz und Gewissen, daß er fürwahr weiß, daß Dr. M. Luther (welchen er billig den Leonem und Ducem doctrinae nennet) in dem letzten großen Commentario der Epistel zu den Galatern, in der großen Dominicalpostillen, in der Hauspostillen ein fein klar hell rein einfältig apostolische Lehr wie ein rein Quellbrunnen fürträgt, welche alle christliche Hausväter, Hausmütter verstehen, können, aus welcher viele verwirrte betrübte Herzen und Gewissen sich aus den Stricken des Pabstums gearbeitet und zu der hellen einfältigen göttlichen Wahrheit bekehret, daß er nichts desto weniger schreiet und mit sophistischer List sich rühmet, seine Lehr sei derselben gleichförmig und stimme mit derselben überein, so etliche Brüder, gelehrte Leut zu Nürnberg, auch in Borussia D. Joachim Morlein sich genug gegen Osiandro in christlicher Lieb erzeigt und ihm ganz deutlich angezeigt, daß nit so sei. Item es ist auch nicht nach christlicher Liebe gehandelt, daß über dieß alles aus Joh. 13. u. 17. Leo Lutherus schreibt, daß Christus in Glaubigen sei und wohne und wir in ihm, daß er da einzelne verstückte und abgekürzte Locos aus Lutheri scriptis gezwacket und dahin beuget, dehnet und strecket, wie es ihm zu seiner Sache am dienstlichsten, hat gleichwohl gänzlich im Sinn, die Leut nit auf Lutherum oder Philippum, welche diese 30 Jahr mit ihrer seligen Lehr die ganze Christenheit getröstet, sondern aus sein neu ungewöhnlich tupum doctrinae zu ziehen. Es kann Osiander vor Gott und mit gutem Gewissen nit sagen, daß er selbst, da der Leo Dr. Martin noch lebet, große Lust zu ihm gehabt oder sich beflissen, mit ihm gleichförmig zu lernen. Ich kanns vor Gott reden, daß Lutherus oft von Osiandern geklaget mit diesen Worten: der Kopf muß immer ein Eigenes und etwas Neues haben. So scheint das wirklich an ihm selbst, daß er diese 30 Jahr cursus Lutheri nie kein Mal gen Wittenberg kommen, auch allzeit Vito Dieterich, Michael Retingo und vielen Andern entgegen gewest und sie gehasset, die ihn freundlich vermahneten, er sollte conferiren mit etlichen piis eruditis zu Wittenberg und an andern Kirchen und Gymnasiis, und noch heutiges Tags in dieser seiner Confession klagt er, man rühme etliche Leut, als wären sie vom Himmel gefallen, und sagt spottlich: Ja wohl vom Himmel gefallen! Ob nun Jemands, der zu der spinosen Sophisterei Lust hat, fraget, was ich von Osiandri Confession von der Hauptsach halte, so sage ich klar heraus, daß Osiandri Lehr, so etlich fremde Lehr und Irrthum in sich begreift, als kein Unterschied der Erlösung und Justification, nit zu leiden, und daß sie Doctoris Martini Lehr nit gleichförmig ist, wie der gedruckte Zettel Rettingers auch zum Theil anzeiget, und ob etliche Artikel dahin gepoliert und gehobelt werden, daß sie sollten Lutheri Lehr ganz gleich seyn, so ist doch eine solche dunkliche Lehr in der Kirche schädlich, welche treue Pfarrherrn wohl erfahren würden, die da Confession und Apologia würden liegen lassen und mit den neuen Worten Osiandri Lehr de Iustificatione sollten fürtragen. Der Satan suchet, daß viel tausend Herzen wieder in Zweifel sollten geführt werden, nit wissen wo ein oder aus und wie sie daran wären, da sie Gott vor behüte. – Was den Haupthandel belangt, mögen hie wohl alle Pfarrer und fromme Christen, auch die Catechismuskinder fürtreten, Osiandro in das Angesicht sagen: Lieber D. Osiander, woher bringet ihr die Lehr, daß lustitia des Menschen oder armen Sünders soll seyn die Gerechtigkeit, durch welche Gott der Vater, Sohn und heiliger Geist absolute außer der Menschwerdung Christi gerecht sind, so Paulus, Petrus und alle Apostel uns weisen auf Christum, der um unsertwillen hat die Gestalt eines Knechts an sich genommen, auf seine Striemen und Wunden, auf das theure Blut am Holz für uns vergossen, Wer hat euch geheißen, daß Ihr uns in abyssum divinitatis in Himmel weisen sollet? So fahret hin zu Osiander und schwinget euch plötzlich über Cherubim und Seraphim über alle Himmel, vergesset der armen Krippen in Ephrata. – Item wie kommt Osiander mit der neuen unerhörten Lehr her, daß Christus Gottes Sohn durch sein Leiden und Sterben mit Gott seinem himmlischen Vater gehandelt hat, welches vor 1500 Jahren und länger geschehen, da wir noch nit geboren gewesen seyn, darum kann es eigentlich zu reden nicht unsere Rechtfertigung gewesen seyn noch genannt werden, sondern nur unsere Erlösung? Wann hie St. Paulus und Reverendus Lutherus aus dem Grab erweckt wider den wunderlichen Geist Osiander würden und beide mit lauter Stimm schrieen, wie Paulus 1. Cor. 16. sagt: So jemand den Herrn Christum nit lieb hat, der sei Anathema! item Gal. 1: So jemands ein ander Evangelium predigt, dann ihr gehört habt, und wenn es ein Engel vom Himmel wäre, der sei verflucht: so geschähe ihm nit Unrecht. Denn daß man so groß grundlos Meer der Gnaden, die unerforschlichen Schätz der Gnad Christi (Ephes. 3. Gal. 3.) will mit Quarten und Nöslen messen, in 5 oder 15 Jahren schließen, das stinket von pharisäischem Sauerteig und will aus dem Reich Christi, welches ein Meer von Gnaden ist, ein verdruckende Eimern und aus den königlichen Schätzen Christi einen bettelichen Partegkhensack machen. Die Papisten als Eccius, Cochleus rc. haben auch von der reichen Gnaden Christi einen dürftigen bettelischen Gedanken gehabt, lehren und predigen, der Herr Christus habe mit seinem Leiden und Blut allein genug gethan für die Erbsünd, aber wir für unsere Sünde müßten genug thun und bezahlen mit unserem Verdienst und guten Werken. So fern ist demnach Osiander mit seiner hohen Seraphischen Speculation, daß er gar nahend gleich worden dem gröbsten greiflichsten Irrthum der Papisten. Er Osiander bekennet selbst, daß wir, auch die wir hernach geboren sind, erlöst seien von Gottes Zorn und Vermaledeiung, und sagt gleichwohl: wir sind nit gerecht. Also sollen die hochstiegenden Geister anlaufen und von hohen Klippen und Felsen ihrer verträumeten Gedanken den Hals stürzen, aber ja mit ihren harten stolzen Köpfen sich redlich stoßen. Ein Kind von zehn Jahren, das seinen Katechismum wohl gefasset hat, könnte hie den Seraphinum Osiandrum zur Schul führen und lehren. Wer durchs Blut Christi und praemio illo magno erlöst ist, ist der nit geheiliget, samt Christo auferweckt, versetzt in ein himmlisch Wesen, wo Erlösung ist vom ewigen Fluch von Adam ererbet, ist da nit Heiligkeit, Gerechtigkeit, Kindschaft Gottes? Aber das Gleichniß von dem leibeigenen Knecht, welches er wie eine fremde Wurz und seltsam ägyptische Zwiebel aus der Türkei vielleicht mitbracht hat, gefället mir so wohl wie einem jungen Bauernknecht die Hahnenfeder auf dem Hut. Wenn aber des leibeigenen Knechts Kinder frei sind und frei geboren werden, so sind sie auch nit mehr der Verbrechung und Sünd schuldig, darum ihre Eltern in die Straf der Servitud kommen sind, sondern sind nun auch der Sünden los und gerecht. Aber hie wollen wir Osiandrum zu den Jurisconsultis weisen, die haben große Disputation de servis und würden dieses Gleichniß in diesen großen Sachen zu gebrauchen lachen. So die Erlösung vor 1500 Jahren geschehen nicht auch unsere Gerechtigkeit ist, die wir hernach geboren sind, so müsset auch der Segen Abrahä, davon Genes. 22., anders auf die Heiden kommen und ein ander Gestalt haben gegen den Heiden, die zukünftig werden der Verheißung glauben, dann gegen Abraham. So sagt aber der Apostel zu den Galatern, wie auch die Wort Gottes in der Verheißung lauten, daß diejenigen, so des Glaubens sind, werden gesegnet mit dem glaubigen Abraham gewiß und eigentlich mit einem einerlei Segen und auf einerlei Weis. Und hat die Meinung gar nit, daß Abraham samt denen, die mit ihm lebten, vor sich sollte erlöset und gerecht durch den Glauben der Verheißung werden, und die Nachkommen allein erlöst seyn, das Osiander allein seraphisch oder wohl affisch gedenkt; allein der Unterschied ist zwischen uns Heiden und Abraham, daß Abraham und die Seinen durch einen gewissen festen Glauben an die Verheißung vom künftigen Christo und heiligen Samen glaubet haben, wir aber denselbigen, der aus Abrahams und Davids Samen allbereit vor 1500 Jahren kommen ist. – Wir Andern, die wir mit Vito Theodoro den Leuen Lutherum haben 25 Jahr her hören lesen, predigen offentlich und im Hause und sind 30 Jahr mit ihm umgangen, gegenwärtig und durch Schriften und Episteln, der wir noch wohl ein hundert zu zeigen wissen, wollen so hoch nit fahren, sondern ein wenig niedriger fliegen, im Catechismo bleiben und sagen, christliche Gerechtigkeit, welche nit im verborgenen abysso divinitatis verborgen liegt, sondern die befohlen ist zu predigen, welche Gott hat offenbart durch das Ministerium und Apostelamt, ist die Gerechtigkeit, die uns zugerechnet wird, wenn wir glauben, daß der Sohn Gottes wahrer Gott und Mensch für unsere Sünd ist geopfert und Lösegeld worden am Holze und ist auferstanden um unserer Gerechtigkeit willen. Und außerhalb dem Jesu Christo, welcher Davids Samen wahrer Gott und Mensch ist, soll man oder kann nit allein kein Gerechtigkeit, sondern auch kein Gott finden. Wenn Osiander in loco iustificationis so klar, deutlich, herzlich, tröstlich, so ganz reichlich durch ganze Postillen und groß lang Homilien, auch wie der Leu Luther von der Humiliation filii redet und darnach etliche subtile Schulacumina de Idiomatibus oder von unzertrennlichem göttlichem Wesen mit einführte, so möchte man es dafür achten, es wäre ihm ernst, mit den Symbolis Luthero gleichförmig zu lehren. Aber er thut, gleich als war er der Menschheit Christi entgegen, und wollte gern, daß er Gottes Sohn nit dürft einen Menschen nennen. – Zum Andern führt Osiander viel Sprüch in der Schrift ein und auch viel dicta Lutheri, daß Christus durch den Glauben in uns wohne wesentlich. Wann Osiander allenthalben von der Wohnung Gottes bei uns redet, wie die klaren Wort der Schrift lauten, und wie Lutherus, so kenneten die Schäflein des Hirten Stimm wohl. Wie kommts aber, daß Athanasius in Symbolo nit auch dergl. Wort gebraucht hat und Paulus zu den Römern? Wer aber lehren will, der rede doch wie Andere, wie Propheten und Apostel; will er aber nit lehren, sondern drometen und etwas Ungewisses drometen, so habe er seine Lust für sich. Ich hab einmal einen ganzen Tisch einen Prediger hören von zehn Personen rühmen: Ey der NN. predigt trefflich hoch gewaltig Ding; da ich fragte: Wovon redet er denn? antworteten sie mir: Unser keiner konnt etwas vernehmen, aber die Gelehrten werden es wohl vernommen haben! So könnte der Pabst der Prediger viel überkommen, die kann er wohl leiden, hätte sie auch in Dr. Luthers Red gern gelitten, dann er hätt lieber gehabt solche ungelenke Elephanten, dann einen solchen hartigen Leuen, wie ihn Osiander selbst nennet. – Auf dieses Mal wollen wir allein nach unserm einfältigen doch christlichen Verstand etliche fürnehmste Stücke vorlegen, damit man sehe, daß sein Osiandri Lehre nit rein sei. Die Worte Joh. 14.: Wir wollen kommen und wollen eine Wohnung bei ihm machen, verstehen andere Leut auch, und etliche betrübte Herzen haben sie vielleicht besser erfahren, dann viel hochfliegende Geister. Wann Osiander gleich noch so viel Sprüch und noch so viel dicta Lutheri anzöge von der Wohnung, daß Gott wesentlich in uns wohnet: so ist er doch damit nit einstimmig und gleichformig der Lehr Lutheri. Die Sprüche Joh. 17.: Auf daß sie eins seien, gleichwie wir es sind, Ich in ihnen und du in mir; item: Auf daß die Liebe, damit du mich liebest, sei in ihnen und sie in mir rc. – diese Worte Christi haben alte und neue christliche Lehrer also verstanden, nit von Einwohnung des hohen göttlichen Geistes, sondern daß ich in ihnen sei und sie in mir, verstehen viel alte und wir also: daß du in ihnen kräftig seiest durch deinen göttlichen Geist, Stärkung, Erleuchtung und Wahrheit. Was da belanget den Locum Joh. 14.: Wir wollen zu ihm kommen und Wohnung bei ihm machen: aus diesem Spruch kann ein jeglicher Christ in allen hohen schrecklichen Anfechtungen des Satans diesen gewissen starken reichen Trost fassen, daß Gott nit fern von uns, sondern ganz nahe bei uns sei und bei uns wohne. Wir Christen dürfen nicht gedenken, wie wir wollen in Himmel steigen, wir seien hie, dort, jenseits des Meers, an welchem Ort auf Erden, doch wo wir sind, sind wir im Himmelreich. Solchen großen Schatz und Reichthum himmlischer Güter haben wir hie auf Erden im Wort und füllens durch den Glauben im Herzen und haben empfangen primitias arrabonum spiritus Christi, nondum plenitudinem; aber im künftigen Leben wird endlich folgen vollkommlich ewig Licht, Leben, vollkommliche Gemeinschaft göttlicher Schätze an Leib und Seel. Dann daß Gott bei uns wohne auf Erden, heißt anders nicht, dann daß der Anfang göttlicher Weisheit, göttlicher Stärk wider den Sathan, item Anfang göttliches Lichts und Lebens in uns sei durchs Wort und Glauben, und daß alles, was wir thun, gehen, stehen, trinken, essen, arbeiten, jeder in seiner Vocation, daß solches Gott gefalle. Das ist ja ein Himmelreich und Wohnung Gottes auf Erden, wenn wir nur könnten hie den Schatz als groß achten und so groß halten, als reichlich wir den durchs Wort haben, welchen die gottlose Welt, so das Wort mit Füßen tritt, nit hat. Darum aller Christen Herzen sollen die herrlichen Tempel seyn und Wohnung, da immer Gott will wirken und wohnen. Also reden von diesem Spruch alle alte Lehrer und brauchen das Wort wesentlich nit. Dieses ist auch die rechte Lehr und dieses gibt die Erfahrung aller frommen Christenherzen, und die Apostel reden mit diesen Worten, wie angezeigt, nit auf Osiandrisch, daß Gott hie auf Erden mit seinem ganzen unzertrennlichen göttlichen Wesen sollt in uns wohnen. Ein einfältiges Gleichniß kann seyn: Die Sonne wirket kräftiglich in unsern Leibern; ist darum die Sonne mit ihrem ganzen Wesen nit in allen Creaturen? Item durch die Luft haben wir Athem und Leben, und ist in uns allen, bei und durch uns alle, darum ist aber der ganz Luft und Wind des Himmels mit seinem ganzen Wesen nit in uns. – Von Osiandri Buch geht dieses Wort gemein: Ich höre wohl Christum nennen, ich weiß nit, was es ist; wir mochten auch wohl hören, wozu es Nutz seyn soll und wozu es dienen soll in du Kirchen oder Trost der Gewissen, daß Osiander lehret, daß Gott mit seinem göttlichen majestätischen Wesen ganz in den Gläubigen wohne. – In Summa, hiemit zu beschließen: Nachdem Osiander gar und ganz vom Typo dictrinae weichet und etwas eigenes und neues gedenkt einzuführen, darin doch viel fährliche, verdeckte, verwickelte Sophisterei innen ist, und solche würde gereichen zu Bestürzung, Betrübung, Verwirrung, auch Verführung vieler tausend Seelen und Gewissen, so auch daraus folgen wollte Zerrüttung der wohlgeführten reinen hellen nützlichen klaren Lehr in der Confession, Apologia und in communibus vorgetragen: Es ist ein große, schreckliche audacia. großer Trutz und freche Kühnheit. So Osiander anno 30 zu Augsburg dabei selbst gewesen, dazumal nichts gesagt, nicht widersprochen, sondern mit seiner Kirche sich unterschrieben, so er auch bei Leben Lutheri und Viti Theodori so geschwiegen, nun erst durfte hoffen, die edle reine Lehr, welche nun 30 ganzer Jahr in starkem Lauf mit Kraft gangen, bei welcher sich Gott oft hat sehen lassen, soll um seines neuen dunklen Buchs willen im hohen Artikel de iustificatione ganz umgekehrt, und so viel tausend Kirchen verändert werden. Es ist aber fährlich gewagt. Ehe würde sich Gott mit einem öffentlichen starken Werk sehen lassen, ehe so viel Kirchen jämmerlich sollten betrübt und irre gemacht werden. Auf dieses Mal wollen wir es dabei bleiben lassen, und wir für uns und unsere Conscienz und Gewissen wollen in unseren Kirchen und Schulen Catecheseos diese dunkle Lehr aus obenangezeigten Ursachen, und daß Dr. Martinus Vito Theodoro so viel von Osiandro geklagt, nicht dulden noch leiden; so wir die Bibel so klar haben und Reverendi Doctoris, auch vieler anderer gelehrter Leut Schrift und Bücher. Was etlich Schuldisputationes belangt de idiomatibus rc., darüber Osiander meinet Meister zu seyn und Vielen vor den Augen einen Rauch zu machen gedenkt, wird auch Zeit geben, daß ihm nothdürftiglich geantwortet werden soll. Wiewohl Osiander viel innige, gelehrte, gottfürchtige Leut stolziglich und hochfährtig verachtet, nennet sie unzeitige Doctores, selbgewachsene Theologos und seiner harten bösen Wort mildt ist, so wollen wir doch mit unsern Kirchen viel Gottfürchtige, und wie es Osiander eindunket, viel albern jungen discipulos Lutheri geben Simplitianos, Vitus Theodorus, M. Rotingos, unter welchen eine solche Kirche angerichtet werde wie zu Lutheri und Viti Theodori Zeiten. Will der liebe Gott darüber Gabrieles und Raphaeles vom Himmel schicken, die erst vom Osiandro studiren, wie Gott in Weisheit und Stärk wirke und wie die Gottheit in allen Christen leibhaftig wohne, so doch Paulus von dem einigen Christo sagt, da er sagt, der schwache gekreuzigte Christus sei unser Stärk und Weisheit, da wollen wir dem lieben Gott kein Maasz setzen. Wir halten aber dafür, daß Gott dieselbige Lehr Lutheri, welche in großer Schwachheit ein Anfang gehabt und den großen Alpen und Felsen des Pabstums einen großen Stoß gethan, (da etliche Hochfahrende dem Pabst nicht ein Wachslichtlein in seiner Kirchen umgestoßen) werde bei seinem reinen Wort fest halten und in dieser letzten Zeit sanam doctrinam und das Evangelium, welches ist das Wort ewigen Heils und Trosts, erhalten.“

Wir sehen, mit welch männlicher Kraft Jonas vor den Riß der Kirche stand, mit welchem Ernst und mit welcher Satire er jede Abweichung vom lutherischen Lehrbegriff abwehrte. Auch nach Außen war seine Wirksamkeit noch nicht abgeschlossen. Im Jahr 1552 wandte sich die Stadt Regensburg an Herzog Johann Ernst mit der Bitte, er möchte dem Jonas gestatten, für einige Zeit zu ihnen zu kommen, um ihre in Folge des Interims verwirrten kirchlichen Angelegenheiten wieder in Ordnung zu bringen. Der Fürst genehmigte es gern, und Jonas, obgleich kränkelnd, brachte in Zeit von zehn Wochen das schwierige Geschäft, bei welchem ihm ganz freie Hand gelassen wurde, zu allgemeiner Zufriedenheit zu Stande. Im folgenden Jahre begab er sich noch einmal nach Regensburg, wie seine daselbst am Osterfest über die vierzig Tage nach der Auferstehung gehaltene Predigt zeigt. Jonas ließ dieselbe drucken; ein Auszug derselben mag uns eine Probe seiner lieblichen ansprechenden Predigtweise geben. Er widmete dieselbe den Söhnen seines am 7. Februar 1553 gestorbenen Fürsten mit folgenden Worten: „Diesem Ort oder Loco in der heiligen Schrift (da der Evangelist Lucas mit ganz kurzen Worten in zwei oder drei Versen großer, hoher, himmlischer Sachen gedenkt) ist geschehen wie der Nägelein-Blumen, welcher so gar viel Autores nicht gedacht haben noch gedenken, also daß sie auch ihren Namen nicht gewußt), welches doch die lieblichste schönste Blume von Farbe, Gestalt und Geruch, die trefflichste Kaiserin unter allen Blumen, Gewächsen und dergl. ist. Durch etliche Fleißige ist sie neulich erst genannt und erkannt worden, nemlich Betonicum altile, und derselbige Farb, Nägelingeruch aufs höchste gelobt und gepreiset. Also obwohl dieser Locus ein sonderlich edle Blume ist in der ganzen heiligen Schrift (wie der Herr Christus das ewige unsterbliche Leben hienieden auf Erden angefangen) und derhalben wohl werth, daß er fleißig ausgelegt und an Tag gegeben wäre, so ist doch seiner bei wenig Lehrern gedacht. Bei unsern Zeiten aber haben D. Dr. M. Lutherus und D. Philippus in Predigten und Schriften fleißig deß gedacht, welches mir Ursach geben, nächst verschienen Osterfest, daß ich, da ich in der löblichen Reichsstadt Regensburg gewesen, ein Osterpredigt davon gethan. Und nachdem diese gegenwärtige Zeiten jetzo bei unserem Leben so geschwinde sorgliche Läufte und so mancherlei Unruhen geben, daß einem jeglichen Gottförchtigen wohl in jenes recht selig Leben und besser Herberg verlangen möcht, hab ich bei diesem schönen Text die Gottförchtigen erinnern wollen, wie die lieben heiligen Väter, Propheten und Apostel so wenig auf dies vergänglich Leben gebaut und getrauet haben, so doch die Welt und viel römisch päbstisch Epicuräer das ewige ganz in Wind schlagen und alles auf das zeitliche setzen. So nun diese Historia (Ap. Gesch. l.) und Predigt von derselben allen Gottförchtigen gar einen reichen seligen Trost von dem ewigen künftigen unvergänglichen Leben geben mag, hab ich in diesem meinem schwachen Alter jetzo (so ich fast 62 Jahr und das graue Haupt erlanget) diese Text von der künftigen ewigen Herberg und Leben desto lieber für mich genommen. Und so wir neulich nicht ohne große hohe Schmerzen mit ganz betrübtem Gemüth erfahren, daß nach seligem Abschied aus dieser Welt der durchleuchtigsten hochgeborenen Fürstin Sybillen, der durchleuchtigst hochgeborene Fürst, Herr Johanns Friedrich der Aeltere, geborne Churfürst, nicht lang hernach, nemlich Sonnabend nach Oculi, 3. März 53, von dieser elenden Welt, von diesem elenden, jämmerlichen zeitlichen Leben seliglich abgeschieden, das wir nach dem Fleisch wohl nicht ohne heiße Thränen, schmerzlich Weinen, Betrübniß gefasset, aber als Christen uns auch billig trösten sollen, daß hochgemeldter löblichster Churfürst nicht allein bei seinem Leben mit so ganz christlicher unbeweglicher hochrühmlicher Beständigkeit bei allen Nachkommen, Posterität, und in höchster Fährlichkeit und fürstehendem Kreuz das heilig Evangelion und die Wahrheit Gottes bekannt, sondern auch in freudigem Bekenntniß des Evangelii und der wahren Religion Christi bis an seinen letzten Odem beharret und fröhlich selig gestorben: Hab ich ganz demüthig E.F.G. zu Trost diesen Sermon vollends ausgemacht und unter E.F.G. hochlöblich Namen in Druck geben. Dann nachdem alle Kirchen Christi in ganz Germanien, ja auch in allen andern Nationen der trefflichen großen Beständigkeit und sonst viel hoher fürstlicher Tugend halben ein sonderlich unterthänig groß Vertrauen zu hochgemeldtem Churfürsten gehabt, sind ohn Zweifel viel tausend frommer christlicher Herzen, die sich samt E.F.G. und uns in diesen gewiß letzten elenden Zeiten herzlich freuen, daß sie diesen theuren Christen und diesen hochlöblichen Onesiphorum, welcher bei der reinen Lehre Christi und der Aposteln doch je als ein tapfer treuer Held, unerschrocken Ritter Christi aufs Höchste festgehalten, in der ewigen Kirchen und in dem rechten Weissenberg und Hierusalem werden fröhlich in ewiger Herrlichkeit wiedersehen, und dem Exempel aller glaubigen Herzen nach, wie Paulus sagt, daß die Kirche Christi von ihren Schlafenden soll eine ungezweifelte starke Hoffnung haben des fröhlichen Wiederzusammenkommens. wollen E.F.G. auch ihr hoch Bekummerniß, heftig Klagen und Weinen nunmehr Christo zu Gehorsam und Ehren lassen fallen und linder werden.“

Aus der Predigt selbst heben wir Nachfolgendes heraus: „Diese vierzig Tage sind die wunderbarsten 40 Tage oder sechs Wochen gewesen, die je auf Erden kommen sind. Da haben wir je ein klar herrlich Zeugniß wider die Epicureische Säue und verrüthe Weltkinder, welche kein künftig Leben glauben, daß hie auf Erden unser lieber Herr Christus das himmlische ewige Wesen angefangen, da er in seinem unsterblichen verklärten Leibe (inmaßen wie er jetzt oben im Himmel auf dem Thron der Majestät sitzt) den Aposteln sechs ganze Wochen gepredigt hat vom Reiche Gottes. Das werden gar trefliche, hohe, fröhliche, himmlische Predigten gewesen seyn. Es ist kein trefflicher Synodus, kein höher Concilium von Anbeginn der Welt niemals auf Erden geschehen. – Was nun belanget diese selige wunderbare 40 Tage, in welchen der Herr sich lebendig erzeigt seinen Aposteln, ob auch etlich mehr Patriarchen und Propheten nach seiner Auferstehung von Todten auferstanden und also bei diesem Gespräch gewesen, schreibet Matthäus (27): da der Herr Christus am Kreuz gestorben, da haben sich die Gräber aufgethan und sind aufgestanden viel Leiber der Heiligen, die da geschlafen, und sind herfürgangen nach seiner Auferstehung aus den Gräbern und sind gesehen worden in der heiligen Stadt Jerusalem und Vielen erschienen. Diese Heiligen, so mit ihren Leibern auferstanden, halten etliche Lehrer (wie auch der Text klar von Heiligen d. i. nicht von wenigsten Heiligen stimmet), daß es gewesen sind die höchsten heiligsten fürnehmsten Väter und Patriarchen von Anbeginn der Schöpfung, als nemlich Adam, Seth, Enos, Kenan, Mahaleel, Jared, Henoch, Methusalah, Lamech, Noha, Abraham, Isaac, Jacob, item Eva, Sara, Rebecca, Rachel, andere dergleichen heilige Matronen. Und dieser Meinung, daß diese die Heiligen sind, so von Todten mit ihren Leibern aus den Gräbern gangen, ist auch Reverendus D. Dr. Martinus und Dr. Philipp Melanchton in vielen ihren Schriften und Trostreden, so sie vom Osterfest an Tag geben haben, wie Er, Melanchton, auch meldet, daß diese Versammlung der hohen heiligen Väter und Propheten mit dem Herrn gen Himmel gefahren, wie denn dieß Gespräch der 40 Tag ohn Gegenwärtigkeit der heiligen Engel nicht gewesen ist. Wann nun gleich dies Gespräch allein mit den Aposteln, Maria und den andern gehalten wäre die langwährend liebliche Zeit, nemlich 40 Tag, so wäre es doch und ist ein Anfang des ewigen himmlischen Lebens und Wesens gewesen, dergleichen in der ganzen heiligen Schrift an keinem andern Ort so klar gemeldet wird. Ach lieber Gott, wann wir den Einfältigen ein Gleichniß oder Exempel geben, so wird es desto lieblicher und klärer. Wie manch fromm gottförchtig Herz fünde man wohl, wann es möglich wäre, daß S. Augustinus oder Doctor M. Luther vom Tode aufstünde, und ein solch gottförchtig Mensch sollt nicht allein 40 Tag, sondern nur ein Stündlein mit ihm reden, es gäbe alle sein Gut darum. Was viel mehr und höher wird dieß vor ein herzlich Freud und Wonne, freudenreiche Gespräche gewesen seyn, da der Sohn Gottes Jesus Christus mit den Aposteln, mit welchen er auf Erden umgangen, vor ihnen Mirakel gethan, nach seinem Leiden und Auferstehung freundlicher, süßer und lieblicher geredet hat, denn kein menschlich Herz mit allen Gedanken erlangen oder begreifen kann. Man steht und erfähret, was es vor eine Brunst, herzlich, lieblich Freud und Wonne ist, wann hie auf Erden in diesem vergänglichen Leben Vater und Sohn oder gute Freunde ein Zeit von einander gewesen und doch darnach einander wiedersehen. Was wird dann dieß vor eine Freude gewesen seyn, da die lieben Jünger, Apostel und die lieben Patriarchen den Messiam und Heiland im Anfang seines ewigen Reichs gesehen, auf welches Zukunft sie so emsig gewartet. Gott der Herr hat gewollt, daß dieses allein sollt ein Anfang seyn des ewigen himmlischen Wesens, dadurch er allein seinen lieben Aposteln so klar gepredigt vom Reiche Gottes, wie er dann aufm Berge Thabor auch ihnen eine besondere Offenbarung gibt; vor die andern ganzen Kirchen sollte dies gespart werden in das künftige ewige Leben, da alle Glaubigen und alle heilige Kinder Gottes in der ewigen himmlischen Kirchen und ewiger Seligkeit das Reich Gottes vollkommlich erkennen sollen und den Herrn Christum in Ewigkeit mit unaussprechlicher und herrlicher Freude sehen und hören; darum gedenken dieses Gesprächs die Apostel nicht so klar in ihren Episteln…. Welcher Redner oder Prediger unter der Sonnen will nun ausreden, was in diesem Synodo, heiliger fürtrefflicher Versammlung der Herr Christus mit Adam geredet, mit der hohen trefflichen Matrone Eva, mit Maria der hochgelobten Jungfrauen. Dann von geringen Dingen, von Gold oder Silber, sind nicht ihre Reden gewesen, sondern von dem hohen unbegreiflichen Werk der Erlösung nach Adams Fall des ganzen menschlichen Geschlechts. Dann fast werden die Reden gleich gewesen den lieblichen herrlichen Gesprächen Mariä und Elisabeth Luc. 2., da Elisabeth spricht: Selig bistu, welche du geglaubet hast, in dir wird erfüllt werden rc. Und die liebe hohe Matron Eva wird auch zu Maria gesagt haben: Von wannen kommet mir das erst nach 4000 Jahren, daß nun die Mutter meines Herrn mir zu sehen und zu reden kommt. Wer kann mit Gedanken oder Worten erlangen, wie liebliche Rede die heiligen Apostel mit den Patriarchen und Propheten gehabt, wie Sara, Rachel, dergleichen heilige Weiber diese 40 Tag mit Moria und den Aposteln von den hohen Sachen freundlich geredet, und wie Maria und die Aposteln sie wiederum gefraget, freundlich lieblich Antwort empfangen. Und zeigen also diese 40 Tag an, daß im Neuen Testament oder Evangelio ganz klar ohne alle Verdeckung oder Dunkelheit nicht allein die Lehre ist herfürbracht, durch welche angezeigt wird das künftig Leben und Auferstehung aller Todten, sondern daß auch diese große Sachen auf Erden hienieden in der Kirche angefangen, und daß also der rechte, fröhliche, lebendige Anfang des künftigen neuen ewigen Lebens, darin himmlische vollkommene Weisheit, neue himmlische Licht und klar Gotteserkenntniß, vollkommene Gerechtigkeit ohne alle Sünde, Tod, ohne Krankheit, ohne Gebrechen oder Schwachheit seyn wird, da auch vollkommene Gegenwärtigkeit nicht zweier oder dreier, sondern aller heiligen Engel seyn wird, offenbaret den Aposteln und der andern Versammlung, so dazumal aus wunderbarem Rath Gottes haben sollen dabei seyn, und ist ihnen klar vor die Augen gesetzt, daß der Herr Christus auferstanden von den Todten sich 40 ganze Tage hat lebendig sehen lassen und viel hohe Patriarchen und Propheten nach seiner Urstendt auch von Todten erweckt sind. – Christus sagt Joh. 14: In meines Vaters Hause sind viel Wohnungen. Ungläubige weltliche Herzen, die zu hart kleben an dieser Welt und am gegenwärtigen vergänglichen armen Leben, verlassen nicht gern Marmor, köstliche, vergülte Gebäu, liebliche Lustgärten, Schlösser, Häuser und Wohnung auf Erden, und auch noch wohl schwache Christen sorgen und zweifeln, ob sie auch so liebliche lustige Wohnung werden haben im Himmel. Aber Christen, deren Glaub mit Trübsal, Kreuz, Anfechtung geübet ist, und die, so die Schwachheit und mancherlei Fahr dieses Lebens erkennen, wissen wohl, daß wir unendlich besser Wohnung werden nach der Auferstehung haben, wie St. Paulus sagt, daß alles, was immer Menschenhand machen kann, alles, was von Perlen, Gold, Rubin, Smaragden, Purpur, Sammet, Seiden kann zugerichtet werden, wird den Wohnungen nicht zu vergleichen seyn, und werden die allerköstlichsten besten Schlösser auf Erden köttiche Schwalbennester dagegen zu achten seyn. Darum nennet auch Petrus seinen eigenen Leib und alle Wohnungen, da wir auf Erden innen wohnen, Hütten: dann wie eine Hütte, von Mayen oder grünen Reisern gemacht, in dreien Tagen verwelkt und verdorret, also sind diese Wohnungen und Marmor, beste Schlösser und Häuser auf Erden. – Wann wir nun reden von dem ewigen Leben im Himmel, pflegen etlich Unerfahrene zu fragen, ob wir auch in jenem künftigen Leben einander kennen werden in so unzählicher Menge der Menschen, ob wir auch mit einander reden werden. Das sind Fragen, die man kindische Fragen mag nennen. Wann wir die Schrift fleißig lesen, so sagt Paulus, es werde eine überwichtige Herrlichkeit an uns, und Petrus, es werde eine unaussprechliche sehr herrliche Freude seyn. Darum hats kein Zweifel, daß alles, was wir in dieser Welt gehabt, Verstand, Rede, Sprache, werden wir viel vollkommlicher in jenem seligen ewigen Leben haben. Item so sagt S. Petrus: Wir werden uns freuen mit unaussprechlicher, herrlicher, himmlischer Freude. Was wäre es, wenn wir einander nicht kenneten? Mit einander nicht redeten? So wäre das vorige sterbliche Leben besser gewesen, denn das im Himmel. Zu dem zeugen es je die 40 Tag, da der Herr Christus aufs freundlichste, lieblichste hat mit den Jüngern geredet. Inmaßen wie unsere Leiber werden verklärt, werden viel leichter und herrlicher seyn (die Gerechten werden leuchten wie die Sonne) dann im vorigen sterblichen Leben: also werden auch alle Gaben an Leib und Seel viel vollkommener seyn, Vernunft, Verstand, Gedanken, Sinne, Wille am Menschen wird durch Erleuchtung des heiligen Geistes neue himmlische Kraft haben und Licht, viel stärker, lichter, klärerund heller seyn, dann am schärfesten, weisesten Menschen auf Erden gewest ist. Also werden wir einander kennen, und wie dies Gespräch der 40 Tage genugsam zeuget, wird im himmlischen ewigen Leben der höchsten Freude und Süßigkeit eine seyn, daß wir nicht allein Adam, Seth, Noha von der Schöpfung und andern Werken Gottes werden reden hören, sondern werden auch in der ewigen Kirchendes herzlichen freudenreichen neuen Jerusalem in der seligen unbegreiflichen Versammlung, ja in der ganzen seligen unendlichen Ewigkeit (die weder mit Stunden noch Jahren gemessen wird) werden wir hören die himmlische göttliche Weisheit unsers lieben Herrn Jesu Christi, des einigen Sohnes Gottes, und dieselbige herzliche allerfreudenreichste Gespräch mit den Patriarchen und Propheten werden alsdann auch da seyn. – In Summa, die edel Creatur Mensch, die nächst nach den heiligen Engeln die höchst ist, ist von Gott geschaffen vollkommlich Gott zu erkennen und alle Creaturen, die unterm Himmel sind, aus Erden und im Meer begriffen sind, alle Vögel in der Luft, alle Thier auf Erden, alle Fisch im Meer und Wassern, alle Bäume, Kräuter, Früchte, Gewächse, allen edlen süßen Saft, alle edle Gestein, und dadurch Gott zu loben; das ist keinem Menschen in diesem Leben möglich. Darum ist ein ander Leben vorhanden, da Gott und seine unzählige Gaben, die Creaturen, vollkommlich werden erkannt werden, und die Herzen von Frieden überfließen und von Gottes Lieb und Lob brennen, vollkommlich erleuchtet seyn, wie vom ewigen Leben Christus der Herr und Daniel sagen: die Gerechten werden leuchten lieblich wie die Sonne und Sterne in dem unendlichen wahrhaftigen Leben und Ewigkeit. Darum wird es gar ein hoch Erleuchtung seyn, welche in diesem armen schwachen Leben nit zu fassen und zu begreifen ist. Dieses gegenwärtige Leben ist wie Blätter an den Bäumen und wie die Blüth, wann die Bäume im Lenz blühen. Das ewig Leben aber ist wie die vollkommen reifen Pomarantzken, wie vollkommene Aepfel und edle Fruchte. Die höchste Lust und Freude auf Erden, in König- und Fürstenhöfen, item am Geburtstag unserer Kinder, am Brauttag und hochzeitlich Freud ist alles nichts und Kinderspiel gegen dem künftigen Leben, deß wir hoffen. Etliche Menschen, welche kindische und schwache Gedanken haben von diesen hohen himmlischen, ewigen und jetzt unsichtbaren Sachen, fragen, ob wir auch in jenem Leben essen und trinken werden. Denen ist leicht zu antworten, daß der Herr Christus mit den Aposteln nach der Auferstehung gegessen und getrunken hat. Aber es sind die Fragen zu gering gegen den hohen himmlischen Freuden. Spricht man doch von vielen Sachen auf Erden, es möge ein Mensch so froh werden, daß er vor Freuden nicht essen oder trinken könne. Darum können wir in diesem Leben nicht erlangen vollkommlich, wie es an ihm selbst ist. Die Scholastici Doctores haben auch geschrieben und gelehret, daß die Speise, so Christus nach der Auferstehung habe genossen, sei ein verklärter Leib wie im Feuer verzehrt und nicht natürlich Weg gangen. Das ist auch ein Gedank, aber gleichwohl unnöthig, denn jenes Leben wird keine Schwachheit, kein Mangel oder Gebrechlichkeit haben, und wie es seyn wird, können wir auf Erden vollkommen nit begreifen, wir sollen uns aber darnach herzlich sehnen, wie Paulus sagt, daß das Sterbliche verschlungen werde vom Leben. – Wenn nun unerfahrene und weltliche Menschen, so sich um die Bibel und Schrift wenig kümmern, aus ihrer menschlichen Vernunft fragen und kindisch reden von den hohen Sachen, ja fragen, ob wir auch essen, trinken werden in jenem Leben, ob und in der Ewigkeit die Zeit auch wird lang dünken, ist gleich, als wenn ein klein Kindlein von dreien, vier Jahren seine fromme Eltern fragt: Lieber Vater, liebe Mutter, wenn ich groß werde und alsdann in Ehestand lebe, wie ihr, item im Bürgermeisteramt u.s.w., werde ich dann auch so schöne Tockenpuppen und Schoossteinlein haben, wie ich jetzund habe? Oder als wenn ein junger König oder Fürst, welcher in seiner jüngsten Kindheit hölzerne Stecken für Pferde braucht, sprach zu seinen Eltern: Herr Vater, wenn ich nun erwachse und auch Fürst und regierender Herr dieses Landes seyn werde, werde ich dann auch solche hölzerne Rosse und Hengste haben mit schön gemalten vergülten Zäumen und Gebissen, wie ich jetzund habe? Wenn auch ein Epicureer, der in dieser Welt Lüsten ersoffen, nichts hoffet auf die herrlichen künftigen ewigen Schätze und achtet allein das, was auf Erden bekannt ist, das vergänglich und zeitlich ist, schlägt in Wind das Künftig, ist gleich als wenn ein Schwein reden könnt und spräche: Von der hohen Könige und des Kaisers Tische halte ich nichts und von allen guldenen Kleinoden, von Malmaster u.s.w. das darauf ist; Eichel und Trabern sind mir bekannt, die sind auf Kaisers Tisch nicht.“

Das Hofleben behagte unserem Jonas nur gar nichts; er ging nach dem Tod des alten Herzogs Johann Ernst (9. Februar 1553) eine Zeit lang nach Jena, um der neugegründeten Universität seine Dienste zu widmen; aber schon am 23. August 1553 verließ er Jena wieder, und siedelte nach Eisfeld an der Werra über, dort die Stelle eines ersten Pfarrers und Superintendenten der fränkischen Kirchen im Fürstenthum Coburg anzutreten. Am 27. August, als dem 13. Sonntag nach Trinitatis, hielt er zu Eisfeld seine erste Predigt, welche zwei Stunden lang währte. Es wird dieses als etwas Besonderes erwähnt, da Jonas sonst, nach dem Vorgang Luthers, nur kurz zu predigen pflegte. Das Kirchen- und Schulwesen der ihm übertragenen Ephorie lag sehr im Argen; es zu heben bot Jonas seine letzten Kräfte auf, wie er namentlich auf Bildung und Anstellung tüchtiger Schulmänner Bedacht nahm. Uebrigens war er bereits durch Alter und Krankheit so entkräftet, daß ihm zu seiner Erleichterung die Verwaltung der Pfarreinkünfte abgenommen und durch zwei dazu verordnete Rathspersonen besorgt werden mußte. Jonas sorgte für Errichtung eines Consistoriums, das aus drei Theologen, drei Juristen und drei vom Adel zusammengesetzt war, doch schon stand der letzte ihm ersehnte Umzug bevor: im Jahr 1555 verfiel er in eine schwere Krankheit, in welcher der im guten Kampf des Glaubens ergraute Veteran seines Herrn noch in einen heißen Schmelzofen geworfen wurde. Sein Gemüth ward von harten Anfechtungen, ähnlich denen, welche er früher von Luther beschrieben, umdüstert, Zweifel nagten an ihm, Todesfurcht peinigte ihn. Die Tröstungen, welche der Zuspruch seiner Amtsbrüder ihm darreichte, fruchteten nichts; nur einige Sprüche der Bibel, welche er sich von seinem Famulus mit lauter Stimme vorlesen ließ, beruhigten und stärkten seine von den Bächen Belials umrauschte Seele. Es war ihm vergönnt, sich noch auf seinem Schmerzenslager zum Frieden durchzuringen. Im festen Vertrauen auf die Gnade Gottes in Christo wiederholte er öfters mit heiterem Gemüth den Spruch: In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen; betete: Herr Jesu Christe, in deine Hände befehl ich mein Seelchen, du hast mich erlöset! und entschlief sanft und stille gegen die neunte Abendstunde des 9. Octobers 1555 in den Armen seiner Gattin. Es hatte sich der Wunsch erfüllt, welchen er 30 Jahre zuvor in einer Predigt über den 42. Psalm ausgedrückt hatte: „Wollt Gott, daß ich zur Zeit meines Todes diesen Text wohl könnt zu Herzen führen und dabei bleiben: Was betrübst, du dich, meine Seele? Harre auf Gott, denn ich werde ihm noch danken, daß er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist.“ In Eisfeld, wo er seinen Lauf beschlossen, ward auch das Pilgerkleid zur Erde bestattet. Ein hinter dem Altar der dortigen Gottesackerkirche aufgerichteter Stein enthält außer dem Wappen des Justus Jonas die Inschrift: „ Hier ruht der müde Leib des Justus Jonas, Doctors der heiligen Gotteslehre, welcher seine fromme Seele in seines Erlösers Christi Hände befohlen, nachdem er seinen Lauf in Ausbreitung der wahren Lehre vom Sohne Gottes vollbracht, und sowohl dieser Eisfeldischen, als auch vielen andern Kirchen ihre dem christlichen Glauben gemäße Einrichtung gegeben.“

10. Familienleben und Rückblick.

Es lohnt sich wohl der Mühe, den Mann, der rastlos und eifrig bis in den Tod nach außen gewirkt hat, auch in seinem Hause zu beobachten, wie er in demselben als Priester waltet und als Kreuzträger seines eigenen Willen opfert. Am 9. Februar 1522 hatte Jonas ein eigenes Hauswesen gegründet und die Jungfrau Katharina, die Tochter eines alten Sächsischen Kriegers, des Erich Falke, heimgeführt. Die Ehe war eine überaus innige und glückliche. Wie Luthers Frau wurde auch die von Jonas gemeinhin Käthe genannt; einmal nennt sie Luther scherzend des Jonas vicistive. Weil es in der ersten Zeit schien, als ob die Ehe kinderlos sein würde, ward Jonas scherzweise von den Wittenberger Freunden die Jungfrau genannt; doch befreite Käthe ihren Herrn bald von diesem Spottnamen: sie gab ihrem Gatten sechs Kinder und starb an der Geburt des siebenten. Als sie im Jahr 1530, während Jonas in Augsburg war, einer Niederkunft entgegensah und trotz der Beschwerden ihres Zustandes einen Brief voll Muth und Hoffnung durch Luthers Hand an ihren Gemahl schickte, belobte sie Luther in einem eigenen Brief vom 24. April 1530 und schrieb ihr: „Ich hoffe, Gott werde von des Leibes Last gnädiglich enthelfen, und wollt Gott, daß ein Paar würde. Ich gedenke aber, es werde ein Töchterlein seyn, die machen sich so seltsam, sperren sich, und muß ihnen ein groß Haus zu enge seyn; gleichwie die Mütter auch thun, die einem armen Mann auch die Welt zu enge machen.“ Die beiden Käthen waren Namens- und Geistesschwestern und liebten sich wie ihre Herren thaten. Beide Häuser waren innig mit einander verbunden, Freud und Leid treulich mit einander theilend. Als Jonas nach seiner Ueberstedlung nach Halle nur kurze Briefe an Luthern schrieb, beschwerte sich dieser bei der „ehrsamen, tugendsamen Frauen Katherin Docterschen Jonischen, Probstin zu Wittenberg,“ seiner „günstigen Freundin und lieben Gevaterin,“ und schrieb (26. März 1542). „Freundliche liebe Frau Doctorin, ich bitte ganz demüthig, wollet euren lieben Herrn Doctor Jonas vermahnen, daß er nur nicht so oft Draubriefe schreiben wollte, denn ich sie nicht gerne habe, sondern wollte das Drauen einmal erzeigen. Denn so lauten seine Briefe: „Ich will bald schreiben; ich will bald mehr schreiben; ich will euch seltsam Ding schreiben. Wenn er nichts anders schreiben will, so lasse er das auch anstehen!“ In jähem Sturz brach das Glück dieser Ehe zusammen: die treue Gattin starb zu Halle am 22. December 1542. Hören wir, wie Jonas sein tieferschüttertes Herz seinem Freunde Melanchthon ausschüttet: „Geschieden ist von den Lebendigen meines Lebens Gefährtin, Trost und bestes Theil, und wie ihr ganzes Leben Freundlichkelt, Reinheit, Anmuth und süße Bescheidenheit, so hauchte sie auch friedlich aus unter meinen bittern Seufzern und heißen Thränen, nachdem sie mich noch mit ihrer Stimme voll Liebe und Treue angredet: „Herr Doctor, ich brächt euch gern ein Frucht. Ich weiß, Ihr habt Kinder lieb. Weinet nicht, es gefällt dem Herrn Christo also wohl. Ich danke euch aller Treu. Hab ich euch zu Zeiten verzornet, vergebt mirs!“„ Du glaubst nicht, mein Philipp, wie mich in dieser Trauer der Blick auf meine Kleinen niederdrückt. Nur die Sophiola und Elsula habe ich beruhigt; sie wissen jetzt den Schlag und sagen, die Mutter sei im Himmel; aber Joachimulus und Katharinula glauben, ihre kranke Mutter sei in einem Wagen zu Doctor Martin gefahren, um dort von den Aerzten geheilt zu werden. Oft aber fragen sie mich, bald bei Tisch, bald bei Nacht, wenn ich schlafe: Wann kehrt denn die Mutter mit Herrn Doctor Martin zurück? Vielleicht kommt sie morgen? Ich sehe, wie stark schon bei Kindern das Ahnungsvermögen ist. Der kleine Joachim rief mir gestern morgen beim Aufstehen mit lauter Stimme zu: Vater, in dieser Stunde eben hat die Mutter mit mir geredet. Was sagte sie? fragte ich. Sie sagte, sie werde nie mehr zu uns zurückkehren, denn sie sei bei dem Herrn Christo im Himmel.“ Das Kind hatte dieses Ahnungsvermögen von seinem Vater geerbt. Ueber die Art, wie einst Melanchthon unserem Jonas den Tod seiner ältesten Tochter verkündigte, besitzen wir folgende Nachricht: „Als Melanchthon mit Jona von Hause verreiset und ihm unterdessen Botschaft kommen, daß D. Jonä älteste Tochter gestorben, hat ers dem Vater verhehlet und gefragt: was ihm des Nachts geträumet? Darauf denn Jonas geantwortet, ihm habe geträumet, daß er nach Haus kommen und von allen seinen Kindern empfangen worden, nur von der ältesten Tochter nicht. Da denn Philippus versetzet, sie würde ihn auch in diesem Leben nicht wieder empfangen, dieweil sie selig entschlafen.“ Den erstgeborenen Sohn dieser Ehe, Johannes, verlor Jonas schon als dreijährigen Knaben an der Pest. Der zweite Sohn, der des Vaters Namen Justus erhielt, wurde am 3. December 1525 geboren, der einzige Sohn dieser Ehe, der das männliche Alter erreicht zu haben scheint, und der, wie wir unten hören werden, dem Vater vielen Kummer bereitete. Der im Jahre 1527 geborene Sohn starb schon nach zwei Jahren; ein im April 1530 geborener Sohn Friedrich ertrank am 1. September 1542 beim Baden in der Saale, unfern Halle. Auch einen Sohn Paul hatte Jonas aus erster Ehe, von dem aber nur der Geburtstag angegeben ist: 6. December. Die älteste Tochter war ihm noch in Wittenberg gestorben; die zweite, Sophie, verheirathete sich 1549 zu Halle an einen M. Caspar Wilhelm.

Jonas mußte im Blick auf sein Hauswesen und auf sein Kinderhäuflein, dessen Erziehung der Vielbeschäftigte und im Amt von Haus oft Abwesende nicht leisten konnte, an eine zweite Verehelichung denken, und er that dieses so frühzeitig, daß Luther ihn am 4. Mai 1543 warnen mußte, nicht zu sehr zu eilen. „Um keinen Preis, mein Jonas, möchte ich deine Verheirathung oder irgend etwas, das dir frommt, hindern; nur eine Verzögerung rieth ich mit Rücksicht auf das Gerede der Leute, welche Alles, was wir thun, immer zum Schlimmsten auslegen. Kann auch dieser Haß nichts schaden, so ist es doch, wie Cato die Kinder lehrt, hart, ihn allezeit und ohne Grund zu tragen. Fühlst du dich so stark, daß du, wenn es geschehen, alle Geschwätze und Ohrenbläsereien aller Teufel und Anderer für nichts achten kannst, so schreite im Namen des Herrn voran und verschiebe nicht. Das Mädchen wurde mir auch von Andern sehr gelobt. Gebe Gott, daß sie den Tugenden deiner früheren vortrefflichen Katharina, deren Gedächtniß im Segen bleibt, gleich komme und sie noch übertreffe. Mögen die Kinder die Stiefmutter und diese die Stiefkinder lieben und die Wunden der Waisen geheilt werden, was sie thun wird, wenn sie diejenige ist, als welche sie mir gepriesen wird.“ Jonas, den wir als denjenigen kennen lernten, dem alles Warten schwer fällt, zauderte nicht und verheirathete sich schon im Junius 1543 wieder mit einer Magdalene, deren Geschlechtsname nicht bekannt ist. Er schreibt an Vitus Theodorns: „Ich habe dem Papst und seinen Gesetzen zum Trotz mich zum zweiten Mal verheirathet mit einem Mädchen von 22 Jahren, einer Philosophin und in der Bibel Dr. Luthers gelehrten Theologin, denn schon zweimal hat sie die deutsche Bibel Luthers durchgelesen. So erzogen sie ihre Eltern. Solch ein Durst nach dem Evangelium herrschte zu Halle unter der Verfolgung des Bischofs, daß Mädchen und Frauen die Reden der Propheten und Gedichte der Psalmen auswendig lernten.“ Luther übersandte dem Freunde ein Hochzeitsgeschenk; er bittet ihn, es zu entschuldigen, daß es nicht reichlicher ausfalle, aber Jonas kenne ja seine Armuth und wisse, daß er Schulden habe, und daß die fast täglichen Hochzeiten von Bekannten ihn ganz aussaugen. Zugleich schreibt er (18. Juni 1543): „ Wir kämpfen für dich hier gegen die bösen Zungen vielleicht eifriger als du vielleicht selbst. Das Richten hat kein Maß noch Ziel. Aber Christus sagt: Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet, und so werden sie denn auch in Wahrheit gerichtet. Denn während sie den Splitter im fremden Auge richten, tragen sie einen Balken im eigenen Auge und werden zum Spott der Teufel, zum Gelächter der Engel. Wir sagen ihnen frei ins Gesicht: Wenn zehn Huren hier wären, die viel Studenten mit Franzosen verderbten, so richtet und grollt hier Niemand, Alle sind Fische, höchst nachsichtige Richter oder gar Vertheidiger, wenn die Hälfte der Bürgerschaft durch Ehebruch, Wucher, Diebstahl, Betrug und Raub zu Grunde geht, so richtet Niemand; fast Alle lachen oder thun das Gleiche. Es ist ein verdrießlich Ding um die Welt. So schlagen wir Gewalt mit Gewalt zurück,“ Auch diese Ehe war mit mehreren Kindern, darunter mit Zwillingen gesegnet. Die arme Frau hatte die Drangsale des Kriegs und die Entbehrungen der Verbannung durchzumachen und starb schon am 10. Juli 1549. Jonas schreibt an König Christian m. (19. Sept. 1549): „Vor acht Tagen ist mir mein liebstes Weib und eheliche Gesellin Magdalena, mit welcher mir Gott zwei Söhne, Martinum und Philippum, geben, mit der ich in das siebente Jahr in ehelicher Liebe und Treu aller Einigkeit gelebt, durch den Willen Gottes plötzlich an dem Tisch unter der Mahlzeit an der Apoplexia verstorben, ihres Alters 27 Jahre.“ Zum dritten Male verheirathete sich Jonas in der ersten Hälfte des Jahres 1550 mit Margaretha Farnröderin aus Naumburg, die ihn überlebte, von der er aber, wie es scheint, keine Kinder hatte. Von dem Schicksal seiner Kinder, deren sechs bis sieben ihn überlebten, ist nichts bekannt, außer dem seines zweiten Sohnes erster Ehe, welcher den Vornamen des Vaters führte. Dieser Sohn besaß ausgezeichnete Talente; sein Vater hatte ihn schon in einem Alter von fünf Jahren in die Universitätsmatrikel eingeschrieben; ehe er vierzehn Jahre alt war, erhielt er die erste akademische Würde eines Baccalaureus. Bei seiner Uebersiedlung nach Halle brachte der Vater den Sohn in das Haus Melanchthons, der an dem talentvollen Jüngling seine große Freude hatte und ihm schon 1539 die neue Ausgabe seiner Syntaxis widmete. Während aber dem jungen Mann, der in Wittenberg die Rechte studirte, von allen Seiten Lob gespendet wurde, erstarkte bei ihm ein ungezügelter Stolz und Ehrgeiz, in dem er öfter gesagt haben soll, er hätte der Sohn eines Königes und nicht eines Pfaffen sein müssen. Schon während seiner Studienjahre liebte er es, den großen Herrn zu spielen und einen Aufwand zu machen, der nicht im Verhältniß zu den bescheidenen Einnahmen des Vaters stand. Gegen diesen zeigte er sich trotzig und lieblos; als er im Jahre 1553 ohne sicheres Einkommen heirathete, streckte ihm der Vater 400 Thaler vor, um deren Rückzahlung sich der entartete Sohn natürlich nicht kümmerte. Er wollte von seinem Vater nur Geld, zeigte diesem in jeder Weise seine Mißachtung, so daß der betagte Vater in tiefem Leid über diesen Sohn in die Grube fuhr. Der zu den schönsten Hoffnungen in seiner Jugend berechtigende Sohn aber nahm ein schlimmes Ende: er wurde den 28. Juni 1567 zu Kopenhagen enthauptet. Als er das Blutgerüst bestieg, soll er die Worte gesagt haben:

Quid iuvat innumeros scire atque evolvere casus,
Si facienda fugis, si fugienda facis!

worauf aber der Professor und Doctor der Theologie Nicolaus Hamming, der ihm den letzten geistlichen Beistand geleistet, sogleich erwiderte:

At iuvat innumeros scire atque evolvere casus,
Si facienda facis, si fugienda fugis!

Neben diesem Unglück eines ungerathenen Sohnes lastete auf Jonas schwer die Schlechtigkeit eines Bruders Berthold in Erfurt. Er schreibt im Jahre 1542 an Lange: „Der bös gottlos Mensch (Gott vergeb es ihm) hat mich wölfisch umgangen, hintergangen und lactirt mit guten Worten, er wollte meine Kinder zu Erben machen; ich hätt wohl sonst mit Recht ihn ermahnen wollen, daß vier oder fünfhundert Gulden Werth wäre von meinem Weinberg, den er 15 oder 16 Jahr innen gehabt, vom Haus, vom zinnernen Geräthe, das ich da gelassen. Ich hab ihm und meiner Schwester Kindern genug geschenkt, ich kann meinen Kindern nit Alles verschenken. Es ist je wahr, hätt ich mich des giftigen, großer Untreu des treulosen Herzen versehen, ich hätt das Meine vorlängst meinen Kindern durch Forderung eingemahnt haben.“ Der Bruder starb ohne Testament, und die übrigen Erben wollten unserem Jonas selbst den schuldigen Erbtheil streitig machen. Jonas, der auf seinem wohlgegründeten Recht bestand, kam dadurch in das Gerede, als wäre er habsüchtig, geizig, ungerecht, und seine Feinde in Erfurt beuteten diesen Fall zu ihren Gunsten aus. Selbst Freund Lange mißkannte einen Augenblick die redliche Absicht des Jonas – er rieth diesem zum Nachgeben: „Lieber Herr Gevater, kommet von der Sache und vertraget die Sache; ein Theil der Erben sind arm; macht es, daß ihr es verantworten könnt!“ Jonas erwiderte: „Was macht bei dieser Rechtssache die Armuth der Andern? Ich darf auch nicht grausam meine Kinder dessen berauben, was ihnen von Gott gehört, da die Erben niemals einen Heller dem Berthold gaben, wahrend ich ihm Vieles abtrat. Soll meinen armen Vettern geholfen werden, so sollen sie der Hilf aus meiner Hand gewarten, nicht also mich mit Schanden, Schaden und Schimpf vom Erbe ausschließen.“ Wie bei seiner Wiederverehelichung zeigte Jonas auch in diesem Fall seine ruhige Unabhängigkeit vom Urtheil der Welt im Vertrauen auf sein gutes Gewissen. Hatte er doch den Erfurtern seine Uneigennützigkeit genugsam dadurch bewiesen, daß er von dem Tage an, an welchem er nach Wittenberg übersiedelte, von feinem Canonicat in Erfurt nichts mehr bezog; er selbst wollte schon damals auf die Stelle ganz verzichten, aber Dr. Lange hatte ihm gerathen, die Stelle selbst nicht aufzugeben, da er sich mit der Hoffnung trug, Jonas würde bald wieder nach Erfurt zurückkommen. Später hatte dieser bestimmt erklärt, er wolle den eitlen Namen eines Lectors nicht mehr haben; ja, da diese Lection mit dem Götzentempel verbunden sei, wolle er keine Gemeinschaft haben mit den gottlosen Canonikern, wie sie sich nenneten, obgleich sie von allem Canon der Wahrheit und Frömmigkeit entfernt seien. Im Jahr 1547 mußte aber Jonas hören, wie seine Feinde in Erfurt ausbreiteten, er habe noch die Lection, während Jene die Stelle nur nicht wieder besetzen wollten, um unterdessen die Einkünfte derselben unter sich zu theilen und zu verzehren. Sofort schrieb Jonas an den Rath und an die Universität, um die „Bäuche“ zu nöthigen, einen andern Lector zu wählen, damit die Einkünfte nicht länger verschleudert würden und die Thiere verzehrten, was denen gebührt, die in der Kirche arbeiten.“ Bei der zahlreichen Familie und den vielen Reisen, welche Jonas zu machen genöthigt war, reichte sein Einkommen nur spärlich trotz der Einfachheit, welche in seinem Hause herrschte, und welche der Hausvater seinen eigenen Bedürfnissen vorgezeichnet hatte. Von seiner Uebersiedlung nach Halle mit Familie schreibt er an Lange, er habe 250 Fl. und mehr von dem Seinigen dazu aufgewendet! Seit seinem Exil aber hatte er wiederholt mit Nahrungssorgen zu kämpfen; im Mai 1549 schreibt er darüber an Herzog Albrecht: „Ich habe durch die zwei früheren Exile über 400 Gulden Schaden erlitten. Dann haben die Hussaren auch meinen Weinberg bei Wittenberg verwüstet. Neulich habe ich eine Tochter ausgestattet. Ich bin daher genöthigt gewesen, bei Freunden Geld aufzunehmen. Wenn mich nun bei meinem zunehmenden Alter eine Krankheit überfiele, und ich vielleicht aus diesem Leben scheiden müßte, so würden meine zurückgelassenen kleinen Kinder mit großer Dürftigkeit zu kämpfen haben.“ In den Kriegsjahren blieb auch die von Wittenberg ausgeworfene Besoldung ganz aus, so daß Jonas genöthigt war zu betteln. Zwar Herzog Albrecht antwortete ihm auf sein Bitten nicht; aber König Christian III. sandte dem verdienten unglücklichen Mann am Schluß des Jahres 1549 erst 50 und dann wieder 40 Goldfloren, und im Jahr 1554 folgte abermals eine gnädigste Verehrung von 30 Thalern. So fehlten unserem Jonas auch im Hause nicht die Glaubensproben, aber auch die Zeugnisse göttlicher Durchhilfe nicht.

Jonas selbst war von schwächlicher Leibesbeschaffenheit und hatte insbesondere während seines Wittenberger Aufenthaltes viel von? Stein zu leiden. Als er einst von mancherlei Anfechtungen erzählte, damit die Gottesfürchtigen geplagt würden, sagte ihm Luther: „Man muß Patienz und Geduld haben und beten, denn wenn es Alles nach unserem Willen ginge, so würden wir faul und zu wilden Thieren, wie den Romanisten geschehen ist. Darum ist das heilige Kreuz und Anfechtung die beste Arznei, die uns dienet zu viel Guts und wider viel Böses; wie Euer Calculus und Stein, Dr. Jona, der macht Euch munter und sorgfältig, ist Euch nützer denn zehen Kuckes.“ In Halle blieb dieser böse Geist glücklich aus; aber die ununterbrochenen Arbeiten und Sorgen machten Jonas frühzeitig altern, je weniger er bei denselben sich schonen und pflegen konnte. Daneben drangen auch häufig geistige Anfechtungen auf ihn ein, wie er 1540 an Myconius schreibt: „Ich bitte dich, herzlieber Friederich, bete eifrig für mich, denn seit die Krankheit von mir gewichen, werde ich von Anfechtungen heimgesucht, und in meiner Thorheit und meinem Unglauben befürchte ich, daß der Quell und das Meer des Lebens Jesus Christus, mein Gott, mein geschwächtes und zerstoßenes natürliches Leben nicht wieder aufrichten könne, und vergesse, daß wir Gläser sind und unsern Schatz tragen in irdenen Gefässen, welche der Töpfer nach seinem Willen zerstoßen, zerbrechen und wiederherstellen kann. Mögen immerhin Fieber, Stein, Ohnmacht und Podagra Herzogthümer des Teufels seyn, wie der Tod selbst der Thron seiner Macht und seines Reiches ist, so werden wir doch leben, so lange Christus will, und auch todt im Leben und Licht bleiben.“

Jonas sollte es recht oft in seinem Leben erfahren: Gehts der Natur zuwider, so gehts, wie Gott es will! In der Schule des Kreuzes wurde der von Natur feurig auflodernde Eliahjünger zur Nachfolge des Sanftmüthigen und Demüthigen gezogen, der Humanist, der sich selbst gegürtet hatte, von einem Stärkeren gegürtet, der den Diener des Evangeliums führte, wohin er nicht wollte. Johann Lindener, der nachdem er Capellan des Städtleins Gedern gewesen war, zu Anfang des Jahres 1550 von den Edlen von Schömberg zum Pfarramt Frankstem durch Jonas Empfehlung berufen wurde, hat auf einem fliegenden Blatt, das in der Münchener Staatsbibliothek aufbewahrt wird, einzelne Charakterzüge des Mannes aufgezeichnet, an welchem er mit der dankbarsten Verehrung hing. Er erzählt: Als Jonas einst mit mir auf einem Wagen nach Weimar fuhr, kamen wir an dem Schloß des gefangenen Churfürsten Johann vorüber. Jonas ließ halten und ging sehr traurig über das Mißgeschick dieses Fürsten auf und ab. Ein Mädchen, das eben in der Nähe eine Heerde weidete, stimmte zufällig das Lied an: Gott der Vater wohn uns bei rc. Jonas ging auf das Kind zu und sprach: Sing mehr, liebes Töchterlein, sing mehr, du weißest nicht, daß du jetzt einen solchen großen Doctorem Theologiä tröstest! und zu Lindener sagte er: Das Maidlein trost mich jetzt nicht ein wenig! Als bei einer andern Gelegenheit Jonas sehr trübsinnig neben Lindener auf und ab ging, fragte ihn dieser: Warum seid Ihr so niedergeschlagen? Jonas entgegnete: Ich bewege schauerliche Gedanken in meinem Herzen. Lindener fuhr fort: Steht nicht im 38. Psalmen geschrieben: Ich bin zu Leiden gemacht? Da erheiterte sich das Gesicht des Doctors und er sprach: Mein Herr Johannes, das ist mir wahrlich noch nie in den Sinn gekommen; ich sage Euch großen Dank für diesen Euren Zuspruch; weil ich diesen Trost erhalten habe, so wollen wir an diesem Abend unsere Häupter erheben. Still in sich gekehrt saß ein anderes Mal Jonas Lindener gegenüber dem Tisch. Plötzlich bricht er sein langes Stillschweigen, ergreift ein mit Wein gefülltes Glas und spricht, indem er es Lindener zutrinkt: Wollen wir nicht einmal reden? Dieser entgegnet: Wenn ich einen halben Tag schweig, so schweigt Ihr einen ganzen. Außwendig, sagte Jonas, schweig ich, inwendig schreit mein Herz sebr genug. Oft habe Jonas das Lied vor sich hin gesungen: „Der Narr wollt mich betrügen, Er meint, ich wär ein Kind,“ und habe gesagt: Dies Lied ist wohl gemacht, es gefiel dem Doctor Martin wohl!

Unter den vielen Trübsalen, durch welche Jonas gehen mußte, durfte er insbesondere die Wahrheit des Wortes Sirachs erfahren: Ein treuer Freund ist ein Trost de? Lebens; wer Gott fürchtet, der kriegt solchen Freund! Unter den vielen Freunden, welche mit Jonas Liebe um Liebe tauschten, nahmen Luther und Melanchthon die erste Stelle ein. Zu Ersterem zog ihn schon die Gleichheit des Naturells, noch mehr die tiefste Ehrfurcht und Dankbarkeit, welche er gegen den „des Handwerks hochberühmten und von Gott hochberufenen Prediger und Lehrmeister“ hegte. Luthers Lehre und Person waren ihm so innig mit einander verwoben, daß ihm jeder Angriff auf die eine auch als ein Angriff auf die andere galt, daß seine auf Ueberzeugung gegründete Treue zu Luthers Lehre noch gestählt wurde durch seine Anhänglichkeit an dessen Person. Sehr angelegen ließ er sich die Verbreitung der Schriften Luthers sein. Als er im Jahr e 1533 hörte, daß Graf Ludwig von Oettingen „aus sonder gutem christlichen Bedenken“ beabsichtige, Doctor Martini Bücher in acht ordentliche Tomos drucken zu lassen und eine ehrliche Steuer und Zulag dazu zu thun, schrieb er dem Grafen, daß er sich ganz willig und bereit finden lassen wollte, wenn er nach seinem geringen Vermögen etwas Diensts dazu leisten möchte. Luther hatte stets eine besondere Vorliebe für Jonas, und dieser erkannte lebhaft, daß mit Luthers Hingang sein besserer Theil zu Grabe getragen werde. Jonas fühlte sich im eigentlichsten Sinn als einen Waisen an Luthers Leiche. An Veit Dieterich schrieb er am 9. März 1546: „Seitdem ich nach Halle als Bote des Evangeliums gesandt bin, flehte ich oft in heißem Gebet zu Christus, er möchte mir Luthern als Beistand an mein Sterbebett geben. Aber dem Herrn gefiel es, daß ich Unwürdiger drei Wochen hindurch in Eisleben die letzten heiligen Reden des Mannes hören und nicht sowohl dem Todeskampf als dem Abschied des aus diesem elenden zu einem weit besseren Leben auswandernden Luther anwohnen durfte.“ An Melanchthon schrieb Jonas am 17. März 1546: „Tag und Nacht verfolgt mich heißes Heimweh nach dem Mann Gottes, dem treuesten Freund und liebendsten Vater, von dem ich jetzt erst fühle, wie er mir durch dieses lange Zusammenleben von 25 Jahren (denn ich rechne die mir so harten Tage und Jahre des Aufenthalts in Halle mit) ins innerste Herz hinein gewachsen war. Bei Tag rede ich noch mit ihm fort und breche dann in bittere Thränen aus; bei Nacht unterhalte ich mich mit dem Mann Gottes im Traum, glaube noch seine Leiche zu begleiten und weine im Schlafe laut auf.“ Auch dem König Christian rühmt es Jonas als eine besondere Gnade Gottes, daß er habe drei ganze Wochen vor Luthers seligem Tod mit dem lieben Vater über Tisch gegessen, in einer Kammer geschlafen, alle Abend ihn zu Bett bracht, mit Reichung seiner lieben Apostelhand (mit welcher so viel gute Bücher geschrieben) alle Abend gut Nacht von ihm empfangen und am letzten Tag der dreier Wochen bei seligem Beschluß seines Endes und letzter Stunde gewesen sei, habe sein des lieben Vaters seliges Bekenntniß gehört, das ich nit vor einen großen Schatz entbehren wollt.“ Wie oft riefen sich später Jonas und Veit Dieterich in ihren Briefen die seligen Wittenberger Tage ins Gedächtniß, in tiefem Leid und brennender Sehnsucht nach Wiedervereinigung! Um Luthers willen gereute es Jonas niemals, mit dem ehemaligen kalten Freunde Erasmus gebrochen zu haben; hatte er auch Anfangs Luthern gegen Erasmus milder zu stimmen gesucht, und von dem „feinen ehrwürdigen Alten“ gesprochen, so lernte er denselben doch bald durchschauen als einen wölfischen und mit pelasgischer List verfahrenden Greisen.

Ueberaus freundlich und beglich war auch der Freundschaftsbund zwischen Melanchthon und Jonas. Dieser nennet Jenen den theuersten Besitz, welchen er habe, heißt den leidenden Freund essen und trinken, damit dessen Schlaf wiederkehre; schlafen soll er nicht bloß für sich, sondern für Alle; im Interesse des Ganzen solle er seiner Gesundheit pflegen und wieder rüstig und gesund werden. Scherzend beauftragt ihn Jonas, an seine Gattin Grüße zu bestellen, doch soll er nicht vergessen, daß Küsse ein nur für die Kinder vorbehaltener Artikel seien! Mit den meisten Reformatoren, namentlich mit Myconius, mit Camerarius, welcher dem Jonas seinen Theodericus gewidmet hatte, mit H. Weller und A. stand er im freundschaftlichsten Verkehr; an Melanchthon ist der letzte uns von seiner Hand erhaltene Brief geschrieben.

Unter den Wittenberger Theologen nimmt Jonas nach den beiden Heroen Luther und Melanchthon unbedingt die erste Stelle ein, Vielseitige Gelehrsamkeit, tiefes Eindringen in Geist und Buchstaben der heiligen Schrift, ein selten großes praktisches Geschick und organisatorisches Talent, entschlossener Muth gepaart mit strengem Rechtsgefühl, glühender Feuereifer für die Sache des Evangeliums, gedämpft durch demüthige Selbsterkenntniß, Geduld in Trübsal und unverwandte Hoffnung auf endliche Erlösung sind die hervorstechenden Züge seines Wirkens. Er war ein treuer Haushalter über Gottes Geheimnisse. Mir Recht stehen um eine alte Abbildung Jona die Reime, in welche auch wir sein Bild schließen:

Dieser Doctor der heil’gen Schrift
Hat genommen dem Feind sein Gift,
Damit er die Heerd Christi hat beschmissen,
Den Weinberg Gottes gern hätt zerrissen,
Hat er gewehrt mit hohem Fleiß,
Lebt nun mit Gott im Paradeiß.

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