Peter Viret.

Peter Viret.

I.

Es ist in der Biographie Farel’s berichtet worden, daß dieser auf einer seiner Reformationsreisen, zu Orbe den jungen Peter Viret sich zum Gehülfen erwarb. Farel’s Schüler und Mitarbeiter, hatte Viret über Lehre und Disciplin dieselben Ansichten und bewies dieselbe Festigkeit, wie sein älterer Freund; doch bewahrte er in manchen Stücken die Selbstständigkeit seines Charakters. So feurig Farel war, so gemäßigt war Viret, und während jener den Bildersturm billigte, war dieser der entschiedene Gegner aller Gewaltthat. Sein Leben bildet eine Reihe ähnlicher Gefahren und Kämpfe, wie dasjenige Farel’s; wie dieser war er zu jedem Opfer für das Evangelium bereit. Er war der einzige Reformator der romanischen Schweiz, der aus dem Lande selber stammte; alle Andern waren französische Flüchtlinge. Er ward geboren im Jahre 1511 zu Orbe im Waadtlande, wo sein Vater das Tuchscheererhandwerk trieb. Zum geistlichen Stande bestimmt, machte er zu Paris classische und theologische Studien, die, nach seinen Werken zu schließen, einen bedeutenden Schatz von Gelehrsamkeit in seinem Gedächtniß zurückließen. Man hat behauptet, er sei schon zu Paris mit Farel zusammengekommen und habe dessen Einfluß erfahren; dies ist aber darum unmöglich, weil Farel bereits 1521 Paris verließ, in einer Zeit, wo der zehnjährige Viret noch nicht auf der Universität sein konnte. Sein inneres Leben ging den nämlichen Gang, wie das seines spätern Freundes; auch für ihn kam eine Krisis, hervorgerufen durch das Lesen lutherischer Bücher. Er erzählt selber, wie diese sein Nachdenken erweckten, wie sein Gewissen fast bis zum Verzweifeln beunruhigt wurde, wie er zuletzt nicht mehr wußte, wohin sich wenden. Er entsagte der Kirche, noch ehe er die Priesterweihe erhalten hatte, und kehrte in seine Vaterstadt zurück. Hier fanden sich schon einige eifrige Freunde des Evangeliums; Viret schloß sich an sie an, seine Zweifel lösten sich und er kam zur Erkenntniß der Wahrheit. Allein schüchtern von Natur wagte es der kaum zwanzigjährige Jüngling nicht, öffentlich aufzutreten; er fürchtete sich „vor der Größe und Schwierigkeit des Predigtamts“. Als jedoch Farel 1531 nach Orbe kam und auf Viret aufmerksam gemacht wurde, drang er so gewaltig in ihn, wie er es bald nachher bei Calvin that, daß er alle seine Bedenklichkeiten überwand und ihn sogleich zum Prediger weihte. Farel irrte sich nicht in dieser Wahl; Viret war ein großer Gewinn für die Reformation; er ward einer ihrer treusten Bekenner und eifrigsten Verkündiger.

Er begann sein Werk im Vaterhause und hatte das Glück, seine Eltern zu bekehren; den 6. Mai 1531 predigte er zum ersten Mal zu Orbe vor öffentlicher Versammlung. Bald folgten andere Jünglinge seinem Beispiel und traten als Zeugen des Evangeliums auf. Von der Berner Regierung beschützt, predigte Viret auch zu Granson, zu Avenches und besonders zu Payerne (Peterlingen), wo er in Privatwohnungen selbst die Sacramente verwaltete. Ueberall traf er, von Seiten der Geistlichkeit und des Pöbels, auf dieselben Schwierigkeiten, wie Farel, und erfuhr dieselben Mißhandlungen; schon 1531 kamen deshalb Berner Abgesandte nach Orbe, um sich darüber zu beklagen. Hier, in seiner Vaterstadt, wirkte er indessen mit großem Segen; schon 1532 theilte er das Abendmal an etwa hundert Personen aus. Er widerlegte öffentlich einen Mönch, der auf rohe Weise über das Verdienst der Werke gepredigt hatte. Nach einer Unterredung mit dem Priester von Payerne (1533), erbot er sich, vor dem Gerichte mit ihm zu erscheinen, um sein Lehren und Thun gegen ihn zu rechtfertigen; es ward eine Sitzung deshalb angesagt, aber den Tag vorher traf ihn der Priester und zerschlug ihn so heftig, daß er wie todt auf der Straße liegen blieb. In einem Schreiben vom 1. Januar 1534 beklagte er sich darüber bei der Berner Regierung. Diese hatte ihn beauftragt, mit Farel und Froment die nach Genf gesandten Boten zu begleiten; er bat nun zugleich, es möchte während seiner Abwesenheit nichts in seiner Sache zu Payerne geschehn, damit ihm die Gegner nicht vorwerfen könnten, er habe sich durch die Flucht der Verhandlung entzogen. Nachdem er von seinen Wunden geheilt war, folgte er Farel nach Genf. Hier ward er dessen unermüdlicher Gehülfe, theilte seine Mühen und Gefahren, aber auch seinen Sieg. Bei dem Vergiftungsversuch gegen Farel, Froment und ihn, aß er allein von dem schädlichen Gericht; er genas zwar wieder, behielt aber sein Leben lang ein unheilbares Siechthum zurück. Das Volk sah in dem zerschlagenen, durch Gift zerrütteten Reformator den Märtyrer einer heiligen Sache; die römische Geistlichkeit, die zu solchen Waffen griff, verrieth ihre geistige Ohnmacht und fiel der Verachtung anheim; Viret selber, statt Haß zu fühlen, blieb wie vorher mäßig und mild gegen die Menschen; nur trat er noch entschiedener dem Irrthum entgegen, der sie zum Morde gegen Andersglaubende verleitete.

Nach der Einführung der Reformation zu Genf ging Viret für eine Zeit lang nach Neuenburg. Was aus der Vorladung nach Payerne wurde, ist unbekannt. Farel, der tüchtige Mitarbeiter bedurfte, sandte einen Boten an Viret, um ihn zurückzuberufen. Er machte sich sofort mit Christoph Fabri auf den Weg. Bei Yverdun trafen sie das, diesen Ort belagernde, Berner Heer, bei dem sich auch Truppen von Lausanne befanden. Einige Lausanner bewogen Viret sie, nach beendigtem Feldzug, in ihre Stadt zu begleiten und unterdessen in dem benachbarten Orbe auf sie zu warten. Diese Gelegenheit in der Hauptstadt des Waadtlandes das Evangelium zu verkündigen, durfte er nicht vorübergehen lassen; Fabri ging allein nach Genf, wo übrigens wenige Monate später, Calvin von Farel zurückgehalten wurde.

Zu Lausanne war die politische und kirchliche Lage ähnlich der zu Genf. Farel hatte schon einen Reformationsversuch gewagt, war aber durch die mächtige, von Freiburg unterstützte Geistlichkeit an weiterm Wirken gehindert worden. Doch waren Keime vorhanden, die nach der Eroberung des Waadtlandes durch Bern zum Gedeihen gelangten. Viret ward nun der eigentliche Reformator von Lausanne. Er predigte in der Barfüßerkirche vor vielem Volk, das, in der ersten Befreiungshitze die Bilder zerschlug. Auf die Klage der Katholischen verordnete der Rath, es sei denen, die das Wort Gottes hören wollen, volle Freiheit gestattet, nur sei verboten, Bilder und Kirchengeräthe zu beschädigen. Wiederholtes Einschreiten der Stiftsherren, des Bischofs, der Freiburger, hielten die Bewegung nicht auf. Im April 1536 ward den Evangelischen auch die Dominikanerkirche überlassen, mit dem Bedeuten, weder Altäre, noch Orgel noch Sonstiges wegzuthun, da Solches Niemanden schade noch hindere das Wort Gottes zu hören.

Die Weigerung einiger Priester zu Thonon, mit Fabri zu disputiren, veranlaßte Bern, auf den 1. October 1536 ein öffentliches Religionsgespräch nach Lausanne auszuschreiben. Da Farel durch Abfassung der Thesen den vorzüglichsten Antheil daran nahm, so ist in seiner Biographie darüber berichtet worden. Dieses Gespräch rechtfertigte vollends die Reformation vor dem Volk, und befestigte das Ansehn Viret’s, der mit Gelehrsamkeit und Gewandtheit die meisten der Thesen vertheidigte. Bereits den 9. October wurden die Bilder aus der Kathedrale entfernt, und den 5. November zugleich der Anschluß an Bern beschworen und die Kirchenverbesserung definitiv eingeführt. Die Berner Regierung ernannte Caroli und Viret zu Predigern; jener erhielt, weil er der ältere und Doctor war, die erste Stelle, doch ward ihm empfohlen, da man ihm nicht ganz traute und er ein Fremder war, sich in schwierigen Vorkommnissen mit Viret zu berathen. Es dauerte nicht lange, so trat der eitle, unstäte Caroli wieder als Gegner auf. Viret’s geistige Ueberlegenheit war ihm zuwider; er fühlte sich beleidigt durch dessen Predigten, in denen er Anspielungen auf sein früheres Leben zu finden vorgab; daher klagte er ihn laut als Unruhstifter an. Während eines Besuches Viret’s bei seinen Genfer Freunden las Caroli auf der Kanzel eine Schrift ab über die Notwendigkeit der Gebete für die Todten, und erklärte, er würde in Zukunft die Zurechtweisungen eines so jungen Menschen wie sein Kollege nicht mehr annehmen. Viret eilte zurück und besprach sich vergebens mit ihm; die Sache kam vor den Rath und nach Bern, welches Boten nach Lausanne schickte; vor diesen und dem herbeigerufenen Calvin sah sich zuletzt Caroli nach langem Hin- und Herreden zum Widerruf genöthigt. Kaum hatte er Abbitte gethan, so erhob er gegen Viret, Farel und Calvin die Anklage, sie seien Arianer, Läugner der Gottheit Christi. Er mußte abermals widerrufen; die drei Reformatoren aber, um öffentlich ihre Ehre zu retten, verlangten die Zusammenberufung einer Synode nach Lausanne. Als diese den 14. Mai 1537 sich versammelte, legte Viret das Bekenntniß ab, „daß der Sohn und der heilige Geist mit dem Vater wahrer, ewiger Gott seien;“ auch Calvin war es leicht, sich und Farel zu vertheidigen, während Caroli leidenschaftlich auf seiner gehässigen, aus der Luft gegriffenen Anklage beharrte. Die Synode erklärte das Bekenntniß der drei Reformatoren für rechtgläubig; Caroli, den man vergebens aufgefordert hatte, Gründe zu bringen, ward als Verläumder aus seinem Amte entlassen. Da er nach Bern appellirte, ward der Streit vor der, Ende Mai in dieser Stadt gehaltenen Synode wiederholt, mit dem nemlichen Erfolg; Synode und Rath erkannten Viret und die Genfer für unschuldig; Caroli, mit den Gerichten bedroht, entfloh, und kehrte schon zu Solothurn zum Katholicismus zurück.

Viret war nun zu Lausanne allein. Auch er bemühte sich die Kirchenzucht einzuführen, traf aber dabei auf eben so viel Widerstand, wie Calvin zu Genf und Farel später zu Neuenburg. Als die beiden Letztern von Genf vertrieben worden, und von Bern aus ein Versuch gemacht werden sollte, ihre Gegner wieder mit ihnen zu versöhnen, erhielt Viret den Auftrag, die Berner Boten zu begleiten; vergebens sprachen sie aber vor dem Genfer Rath, das Verbannungsurtheil wurde bestätigt. Nach dem Umsturz der den Reformatoren feindseligen Partei weigerte sich Calvin zuerst, nach der ihm widerwärtig gewordenen, verwilderten Stadt zurückzukehren; er empfahl Viret, und auf diese Empfehlung hin baten die Genfer die Berner Regierung, ihnen Viret zu überlassen; ungern gewährte ihn diese für eine Frist von sechs Monaten. Als Calvin es hörte, schrieb er an Farel: „Mit großer Freude habe ich erfahren, daß die Genfer Kirche nun Viret besitzt; ich kann jetzt hoffen, daß die Gefahr vorüber ist.“ Zu Genf erkannte jedoch Viret bald die Notwendigkeit, daß Calvin selber zurückkommen müsse; in einem Briefe vom 8. Februar 1541 machte er ihm eine lebhafte Schilderung des in den Gemüthern vorgegangenen Wechsels: man ist der Entzweiung, der leidenschaftlichen Auftritte müde geworden, die Zeit ist gekommen, den Wiederaufbau dieser Kirche zu unternehmen; „versäumst du es, so wird der Herr dich strafen, sein Evangelium verachtet zu haben.“ Dieser Aufruf trug viel dazu bei, Calvin zur Rückkehr zu bewegen; den 19. meldete er dem Rathe seinen Entschluß, nach dem Colloquium von Regensburg wieder nach Genf zu kommen; unterdessen wünschte er ihm Glück, in Viret einen treuen Prediger zu haben. Doch konnte er sich noch nicht der Besorgnisse erwehren; den 1. März schrieb er an Viret aus Ulm: „ich kenne keinen Ort unter dem Himmel, den ich mehr fürchte, als Genf;“ er fühle sich den Schwierigkeiten nicht gewachsen, der Haß der Gegner sei zu groß. Erst im September kam er zurück; er wünschte Viret bei sich zu behalten und schrieb deshalb an die Berner Theologen, im Namen Christi sie bittend, bei dem Rathe dahin zu wirken, daß er ihn lasse; „kann ich ihn haben, so hege ich die schönste Hoffnung für die Zukunft.“ Calvin war über Neuenburg gekommen, wo Farel gerade von den Gegnern der Kirchenzucht heftig bedrängt war. Eine seiner ersten Sorgen zu Genf war, im Namen der Prediger Viret nach Neuenburg zu senden mit einem Schreiben an den Rath und mit dem Auftrage, die kräftigsten Vorstellungen gegen die Ausweisung Farel’s zu machen; er sollte zeigen, daß ein Prediger nur durch die Kirche, die ihn berufen, gesetzlich entlassen werden dürfe, daß aus der Ausführung des gefaßten Beschlusses großes Uebel und Aergerniß entstehn würde, daß übrigens Farel überall hochgeachtet sei und stets das Rechte gethan habe im Werke Gottes. Man hat im Leben Farel’s gesehn, daß diese Vorstellungen, verbunden mit denen anderer Kirchen, den gewünschten Erfolg hatten.

Es war dies Viret’s letzte Arbeit im Dienste der Genfer Kirche. Der Bitten Calvin’s ungeachtet berief ihn Bern nach Lausanne zurück. Mancherlei Kämpfe und Schwierigkeiten erwarteten ihn hier, bald mit den zahlreichen Gegnern der Sittenreform, bald mit den Berner Theologen über einige Kirchengebräuche und den Bann; Calvin wollte zwar, daß er in diesen Dingen nicht nachgäbe, doch ging er nach Bern und verständigte sich mit den Predigern auf eine Weise, die für einige Zeit dem Streit ein Ende machte. Er hatte einen Collegen, über dessen Mangel an Eifer er sich beklagte; die größte Last der kirchlichen Thätigkeit lag auf ihm; zudem war er Lehrer der Theologie an der Schule, welche Bern zu Lausanne gegründet hatte um Prediger für die französisch redende Bevölkerung des Waadtlandes zu bilden; Konrad Geßner hatte hier (1537 bis 1540) die griechischen Klassiker erklärt; Viret legte die Bücher des Neuen Testamentes aus, Johann Himbert lehrte das Hebräische, Johann Rebit war Geßner nachgefolgt. 1538 hatte sich Viret mit Elisabeth Furtaz von Orbe verehelicht; in seinem Hause nahm er junge Leute auf, die die öffentlichen Vorlesungen besuchten und denen er noch außerdem Unterricht gab. Neben diesen Arbeiten fand er noch Muße, nicht nur zu einer weit ausgebreiteten Correspondenz, sondern auch zur Ausarbeitung zahlreicher Schriften; in diesen Jahren gab er catechetische Erklärungen der zehn Gebote und des apostolischen Symbolums, Sendschreiben an Protestanten, die unter Katholiken leben, polemische Tractate über das geistliche Amt und die Sacramente, satirische Dialogen gegen das Fegfeuer, die Messe, das Papstthum heraus. 1545 ging er mit Farel nach Bern im Interesse der verfolgten Waldenser, und nach Basel, um mit Toussaint über den Zustand der Mümpelgarder Kirche zu berathen und ihn, obwohl vergebens, zu bewegen, einen Ruf nach Genf anzunehmen. Als 1546 die Berner eine zweite theologische Lehrstelle zu Lausanne gründeten, wünschte Viret, sie möchten Farel berufen; sie gingen aber nicht darauf ein; in ihrem Widerwillen gegen Calvin’s Grundsätze über das Kirchenregiment warfen sie ihm und seinen Freunden hierarchische Gesinnungen vor; sie sahen nur ungern das Eindringen seiner Lehren in das Waadtland, aus Furcht, ihr Einfluß könne darunter leiden; daher wollten sie nicht, daß neben Viret der noch entschiedener calvinische Farel angestellt würde. Viret selbst wurde ihnen verdächtig; als er, 1546, von einer Reise nach Straßburg zurückkam, beschuldigten sie ihn, die Bucer’sche Ansicht über’s Abendmal angenommen zu haben. Farel und Calvin reisten für ihn nach Zürich, um die Vermittlung der dortigen Theologen für ihn anzusprechen. Die Berner Regierung hatte zwar für Viret’s Redlichkeit die größte Achtung; aber nur nach wiederholten Reisen und Verhandlungen, und nachdem er von den Berner Predigern sehr unfreundlich aufgenommen worden, gelang es ihm, Anfangs 1549, sie durch ein Glaubensbekenntniß, das sie ihm abforderten, zu beschwichtigen. Bald darauf fand zwar der Zürcher Consensus statt; für Viret war er aber von keinem Nutzen, da die Zwingli’schen Berner, weit entfernt, ihn anzunehmen, in ihrer Feindseligkeit gegen die Genfer jetzt noch weiter gingen, als vorher. Viret blieb jedoch in seiner Freundschaft für Calvin unerschüttert; so wie er bei ihm Rath und Hülfe fand in der Bedrängniß, so war er seinerseits unablässig bereit, ihn zu unterstützen. 1548 war er mit Farel mehrmals zu Genf, um Calvin beizustehn in seinem Kampfe gegen die Libertiner. Die Rathsbücher erwähnen der „schönen Ermahnungen“, die Beide an die versammelten Räthe richteten, in der Furcht Gottes zu leben und den Streitigkeiten in der Stadt ein Ende zu machen. Das Jahr darauf fand er einen neuen Freund und den besten Mitarbeiter an Beza, der zu Lausanne als Professor angestellt wurde. Es folgte nun eine ruhigere Zeit, in der es ihm möglich ward, einige größere Werke zu verfassen, unter Anderm einen Dialog über das neueröffnete Tridentiner Concil, den er dem Magistrate seiner Vaterstadt Orbe widmete (11. Mai 1551), wo jedoch erst 1554 die Reformation durch Stimmenmehrheit eingeführt wurde; eine lateinische Schrift über das Amt und die Sacramente, dem Rath von Lausanne gewidmet (1. Juni 1553); eine ähnliche über dieselben Gegenstände, an die Berner Regierung gerichtet (20. Juni 1553); eine geschichtliche Darstellung der Entstehung des Papstthums, mit einer Zuschrift an Jakob von Bonstetten, Statthalter der Grafschaft. Neuenburg (1. Juli 1554). Im Jahr 1552 besuchte ihn der aus Italien geflüchtete Girolamo Zanchi, der seine Predigten bewunderte und Freundschaft mit ihm schloß. In demselben Jahre führte ihn die Sorge für Calvin abermals nach Genf. Johann Trolliet hatte den Reformator angeklagt, in seiner christlichen Institution die Lehre zu behaupten, Gott sei der Urheber des Uebels. Da erschienen Viret und Farel vor dem Rath und erklärten so gründlich die mißverstandene Ansicht ihres Freundes, daß durch öffentlichen Beschluß die Institution als christliches Buch bestätigt wurde. Noch größern Kummer, als diese immer sich erneuernden Angriffe gegen Calvin, machten Viret die Nachrichten, die er damals aus Frankreich erhielt. Fünf junge Franzosen, die zu Lausanne ihre Studien gemacht hatten, waren als Prediger in ihr Vaterland zurückgekehrt und zu Lyon als Ketzer verhaftet und zum Tode verurtheilt worden. Auf Viret’s und Beza’s Betreiben verwandten sich die reformirten Cantone beim König Heinrich II. für die Gefangenen, allein ohne Erfolg. Viret, Farel, Calvin konnten nichts thun, als ihnen Trostbriefe senden; den 16. Mai 1553 erduldeten die Jünglinge heldenmüthig den Feuertod. 1555 erlitten fünf andere Franzosen das nämliche Schicksal zu Chambury; auch an diese richteten Viret und seine Freunde aufmunternde Schreiben.

Für Viret selber bereiteten sich in dieser Zeit gefährliche Stürme vor. 1556 wurden, nach einer Empörung der Libertiner, die Häupter derselben aus Genf vertrieben. Bern, immer feindselig gegen Calvin, nahm sich ihrer an. In dem deßhalb zu Bern geführten Prozeß wurde auch Viret, namentlich von Peter Vandel, als Verläumder und Verräther angeklagt. Zu Lausanne sagte der durchreisende Perrin, einer der Hauptgegner Calvin’s, die schmählichsten Dinge über diesen und Viret; letzterer, behauptete er, sei als schwacher Charakter von Calvin überredet worden, die unschuldigen Libertiner der schwersten Verbrechen zu beschuldigen; er, Perrin, habe die sichersten Zeugnisse in Händen, um dies öffentlich zu beweisen. Die Lausanner nahmen sich vor, ihn bei seiner Rückkehr deßhalb gerichtlich zu belangen. Indessen mußte Viret selber zu Bern erscheinen, wo man, wie Beza an Bullinger schreibt, nicht mehr Rücksicht auf ihn nahm, als wenn er ein ganz unbekannter und solcher Verbrechen fähiger Mensch gewesen wäre. Er vertheidigte sich aber so, daß er nicht weiter belästigt wurde. Dies war nur das Vorspiel der Kämpfe, die nun zwischen ihm und den Bernern ausbrachen. Zu Lausanne herrschte unter einem großen, besonders dem vornehmen Theil der Bevölkerung dieselbe Sittenlosigkeit wie zu Genf; es gab auch da eine Parthei der Liberianer, die sich der Disciplin nicht fügen wollte; und so wie früher die Gegner der Reformation sich auf das katholische Freiburg stützten, so benutzten jetzt die Gegner der Kirchenzucht den Widerwillen Bern’s gegen die Anhänger des Calvin’schen Systems. Viret’s Bestreben war, die nemliche Ordnung einzuführen, wie in der Genfer Kirche, ein Konsistorium mit der Macht zu excommunizireu. Auf seinen Antrag machte der Rath polizeiliche Verordnungen bekannt über Sittenreform; Bern nahm es übel, daß man sich in der Wandt, einem eroberten Lande, solche Freiheiten nahm, und schickte seine eigenen Reglements, um sich darnach zu richten. Da zugleich Bern, so wie überhaupt die ganze deutsche Schweiz, aus nicht unerheblichen Gründen, die Gewalt des Kirchenbannes nicht in die Hände der Prediger legen wollte, so widersprach Viret und es erfolgten lang dauernde Streitigkeiten. 1558 drohte Viret das Abendmal nicht mehr zu reichen, wenn der Bann nicht eingeführt würde; diesmal ersuchte noch Bern den Lausanner Rath, den Reformator zu besänftigen, und dieser gab nach; allein bald brach die Zwietracht von Neuem aus. Trotz des im Jahre 1555 von den Berner Herren erlassenen Befehls, man solle sich alles Disputirens über die Prädestination enthalten, trugen mehrere waadtländische Prediger diese Lehre in ihrem strengsten Sinne vor. Sie wurden abgesetzt; die Lausanner Klasse protestirte; Bern bestand auf der Absetzung und, um dem Disciplinstreite ein Ende zu machen, setzte es in jeder Gemeinde ein Konsistorium ein, mit dem Rechte die Aergernisse zu bestrafen, aber ohne Excommunication. Dagegen bestanden Viret und seine Kollegen hartnäckig auf Letzterer und begehrten zugleich die Freiheit über die Prädestination zu predigen. Aufgebracht über diesen Widerstand, befahl der Berner Rath allen Waadtländer Professoren und Predigern, vor ihm zu erscheinen; sie kamen den 15. August 1558, begehrten eine Disputation und, da diese verweigert wurde, fügten sie sich noch einmal in den Willen der Regierung. Doch nahm die Verstimmung zwischen beiden Theilen täglich zu; schon im September verließ Beza Lausanne um sich in Genf niederzulassen. Viret, der in ihm seine kräftigste Stütze verlor, war höchst mißvergnügt, und ließ sich nur mit Mühe durch Calvin besänftigen, der Beza’s Weggang zu rechtfertigen suchte. Zwar gieng Viret selber schon mit dem Gedanken um aus Lausanne wegzuziehn, wo durch die unaufhörlichen Konflikte mit Bern seine Wirksamkeit gehindert war; allein er wollte seinen Posten nicht freiwillig verlassen. Endlich, den 20. Januar 1559, wurde er mit seinem Kollegen Jakob Valier abgesetzt, nach zweiundzwanzigjährigem Dienst in der Lausanner Kirche. Erst jetzt, da der Reformator selber gefallen war, nahmen auch die Professoren der Lausanner Schule und eine große Anzahl Prediger der Waadt ihre Entlassung. Viret war nicht entmuthigt; den 1. Januar 1560 schrieb er an den Rath und die Gemeinde von Payerne, er täusche sich nicht über die Schwierigkeiten der Reformation, sie sei ein Werk das nicht in einem Tage vollbracht werde, zu dem unser ganzes Leben nicht ausreiche; „daher müssen wir nicht auf das sehen, was Andere thun, sondern auf das was uns obliegt, um treulich unsere Pflicht gegen Gott zu erfüllen, dem allein, und nicht den Menschen, wir Rechenschaft schuldig sind.“ Er ging nach Genf. Den 2. März 1559 ward er als Prediger angestellt und erhielt das Bürgerrecht. Zahlreiche Zuhörer drängten sich zu seinen Predigten, die lebendiger, eindringlicher waren als die Calvin’s. Von dem Rathe in Ehren gehalten, von dem Volke geliebt, an der Seite Calvin’s und Beza’s, hätte er, wie er sagt, keinen andern Aufenthalt mehr gewünscht als Genf. Seine größere Muße benutzte er zur Ueberarbeitung oder neuen Herausgabe mehrerer früherer Schriften, und zur Abfassung einiger neuer, namentlich eines sonderbaren didaktischen Buchs, die christliche Metamorphose betitelt, und eines Traktats über die Lehren vom Amt und von der Kirche, welchen er der Stadt Payerne zueignete, in der Erinnerung, daß er der Erste gewesen der hier das Evangelium gepredigt hatte.

Leider konnte sein Aufenthalt zu Genf nicht von langer Dauer sein. Der Zustand seiner immer noch an den Folgen der Vergiftung leidenden Gesundheit war durch die Mühen und Sorgen der letzten Jahre noch bedenklicher geworden; im März 1557 schrieb Beza an Bullinger, Viret’s kleiner, geschwächter Körper (debilitatum corpusculum) flöße seinen Freunden die größten Besorgnisse ein. Er bedurfte eines mildern Klima’s; da traf es sich, daß mehrere Gemeinden des südlichen Frankreichs, unter Andern Nismes, von Genf Prediger begehrten. Viret verlangte nach Nismes zu gehn; obschon man für ihn die Gefahren der Reise in dem unruhigen Lande fürchtete, gab ihm der Rath einen zweimonatlichen Urlaub zur Wiederherstellung seiner Gesundheit. Den 6. October 1561 kam er an, und ward empfangen „wie ein Bote vom Himmel“, obgleich er in seinem elenden Zustande aussah „wie ein mit Haut überzogenes Gerippe“; selbst Katholiken hatten Mitleid mit ihm und sagten: „was will der arme Mensch in diesem Lande? ist er nur gekommen um sich begraben- zu lassen?“ Schon den zweiten Tag nach seiner Ankunft predigte er; seine Schwäche war aber so groß, daß Viele meinten, er würde vor dem Schluß in Ohnmacht sinken. Doch erholte er sich bald in der mildern Luft. Er ward zum Präsidenten des Konsistoriums ernannt, führte ohne Widerstand die Kirchenzucht ein und hinderte, so viel an ihm war, das Zerstören der Bilder und die gewaltsame Besitznahme der Kirchen. Nach Verlauf der zwei Monate, meldete er an Calvin er könne kaum fort, er dürfe das begonnene Werk nicht verlassen; die Gemeinde erbat und erhielt von dem Genfer Magistrat eine Verlängerung des Urlaubs. Am Weihnachtstage predigte Viret zum ersten Mal in der Münsterkirche; nach der Predigt nahm er öffentlich mehrere angesehene Klosterleute, unter Andern Ludwig von Montcalm, Prior von Milhaud, und die Aebtissin von Tarascon, unter die Gemeinde auf.

Aus den Genfer Rathsprotokollen und aus einem Briefe Calvin’s an Beza geht hervor, daß gegen Ende 1561 Viret für Paris verlangt wurde und daß er die Erlaubniß erhielt bis zum Sommer 1562 dort zu verweilen; der Rathsschreiber machte die naive Bemerkung: „man hofft er werde viel Frucht bringen und dazu beitragen das Parlament zu bekehren.“ Ein sonst zuverlässiger gleichzeitiger Schriftsteller, Pasquier, sagt, er habe in der That um diese Zeit in der Vorstadt St. Marcel gepredigt. Dies ist aber kaum zu glauben. Den Ruf mag er erhalten haben, er folgte ihm aber nicht; den 25. Dezember 1561 predigte er zu Nismes und den 15. Januar 1562 war er gleichfalls in dieser Stadt; zwischen diesen zwei Epochen war in damaliger Zeit eine Reise von Nismes nach Paris und zurück eine Unmöglichkeit.

Den 17. Januar 1562 wurde das sogenannte Januar-Edikt bekannt gemacht, das den Reformirten befahl, den Katholiken die ihnen mit Gewalt genommenen Kirchen zurückzugeben. Schon vor der Publizirung desselben war der Graf von Crussol, mit drei andern Commissarien, nach dem Languedoc geschickt worden, um die Kirchen wieder zu verlangen. Die Prediger der Provinz versammelten sich zu Montpellier, um darüber zu berathen; den 15. Januar richtete Viret ein denkwürdiges Schreiben an sie, in dem er sie aufforderte dem königlichen Befehle Folge zu leisten: „es wäre ein gefährliches Ding, sagte er unter Anderm, wenn es den Völkern gestattet wäre sich die Macht anzumaßen, die, nach göttlicher Ordnung, nur den Königen und den von ihnen eingesetzten Obrigkeiten gebührt. Wir können den Gehorsam nicht verweigern, ohne unsrer Pflicht zuwider zu handeln, ohne die Kirche und alle Gläubigen in große Gefahr zu bringen; unsre Gegner wünschen nichts mehr als unsern Widerstand, durch den wir ihnen Gelegenheit gäben uns anzuklagen; während wir sie durch unsre Unterwerfung zum Schweigen bringen.“ Zu Nismes ließ er die nemlichen Ermahnungen hören; was lag auch daran, da Religionsfreiheit gestattet war, sich in einer Kathedrale oder sonst wo zu versammeln? „Die Hauptsache, sagte Viret, ist uns gelassen, das andere ist nur Nebending.“ Schon den 22. Januar wurden in Nismes die Kirchen zurückgegeben; von nun an fand der Gottesdienst außerhalb der Mauern statt. Den 2. Februar kamen in besagter Stadt siebzig Prediger aus dem Unter-Languedoc zusammen, um sich unter Viret’s Vorsitz über die Ausführung des Edikts zu verständigen; Manchen kam es hart vor sich unterwerfen zu müssen, allein des Reformators Ermahnungen fanden zuletzt auch hier Gehör. Kurz darauf verließ er Nismes, voll Bewunderung über den guten Geist der dort herrschte, über die Bereitwilligkeit der Evangelischen sich den königlichen Befehlen zu fügen, über die Liebe die sie ihm erzeigt hatten, über den Frieden zwischen den beiden Partheien, über die Verträglichkeit der Katholiken, von denen er nie auch nur die geringste Beschimpfung erlitten hatte. Er begab sich nach Montpellier, in der Absicht die dortigen Aerzte zu befragen und dann nach Genf zurückzukehren. Die seit 1559 in dieser Stadt gegründete und rasch aufgeblühte Gemeinde wollte aber den ausgezeichneten Prediger gleichfalls eine Zeit lang behalten. Eine besonders freundliche Aufnahme fand er bei den Aerzten und Professoren der berühmten medizinischen Facultät, unter welchen er treffliche Christen erkannte, „die die natürliche Philosophie mit dem Evangelium zu vereinigen wußten.“ Er nennt Lorenz Tonbert, Feynes, Frial, den Chirurgen Michel Hérouard, der mit Eifer für die Kirche von Montpellier thätig war, den Kanzler Saporta und den Naturhistoriker und Anatomiker Wilhelm Rondelet, die alle ihre Kunst anwandten um seine Gesundheit wiederherzustellen. Obgleich schon den 7. Februar die Kirchen zurückgegeben worden waren und die Gemeinde, zu der, wie man sieht, die gelehrtesten Männer der Universität gehörten, sich nur in einer Behausung am Stadtgraben versammelte, predigte Viret mit soviel Erfolg, daß sich die Zahl der Reformirten schnell und außerordentlich vermehrte; während im Jahr 1560 nur 18 Taufen, und 1561 deren 260 statt gefunden hatten, stieg im Jahr 1562 die Zahl auf 528. Viret’s Wicht zog ihn jedoch nach Genf; seine Familie war dort zurückgeblieben, der Rath hatte ihm seine Besoldung gelassen, Calvin wünschte ihn zurück, die Zeit seines Urlaubs war vorüber. Den 23. März schrieb er an Calvin um sich zu entschuldigen, zwei Ursachen hielten ihn noch in Montpellier zurück, die Kur die er unter den Augen der Aerzte befolgte, und die Unruhen in der Provence, die die Straßen unsicher machten. Die nemlichen Gründe verhinderten ihn auch- dem Ruf der Gemeinde von Toulouse zu folgen, die ihn durch abgesandte Boten eingeladen hatte bei ihr zu predigen. Wenig Tage später kam aber ein anderer Ruf, der so dringend war, daß er ihn nicht abweisen konnte; die Kirche von Lyon begehrte ihn von Genf, und erhielt ihn für zwei Monate. Am Ostertage (29. März) predigte er zum letzten Mal in Montpellier; das Volk behauptete, während seiner Predigt habe man drei Sonnen zugleich am Himmel gesehn.

Bereits Ende April begab sich Viret nach Lyon. Auch hier hatten die Reformirten keine Kirchen mehr; sie versammelten sich ins Geheim in einer der Vorstädte, pflegten aber Abends truppweise und Psalmen singend die Straßen zu durchziehn bis in die innern Theile der Stadt; vergebens mahnte einer der Prediger sie davon ab; trotz der Verbote des Statthalters fuhren sie fort und widerstanden sogar mit den Waffen in der Hand. Als Viret kam, that auch er das Seinige um zur Ruhe zu mahnen; doch erregte seine Ankunft die Geister noch mehr. Der Zudrang zu seinen Predigten war so groß, daß er einst auf öffentlichem Platze predigen mußte; er soll so Viele bekehrt haben, daß Agrippa d’Aubigne. erzählt, Lyon sei eher durch die Zunge Viret’s als durch die Schwerter seiner Bürger gewonnen worden. Diese Worte beziehen sich auf Folgendes.

Nach dem durch das Blutbad von Vassy herbeigeführten Ausbruch des Bürgerkriegs, bemächtigten sich die Hugenotten, den 30. April, durch einen kühnen Handstreich der Stadt Lyon. In ihrer Siegesfreude sandten sie, schon den 3. Mai, ein in enthusiastischen Ausdrücken abgefaßtes Schreiben an den König ab, das ebenso von ihren loyalen Gesinnungen, als von ihrem gänzlichen Verkennen der damaligen Verhältnisse zeugt. Sie meldeten dem Fürsten, daß seine Stadt Lyon nun für Christum gewonnen sei, worüber er, der allerchristlichste König, sich freuen solle; sie hätten keinen neuen Herrn eingesetzt außer dem, zu dem auch er sich bekenne; er sei glücklich zu preisen, daß unter seiner Regierung die Wahrheit sich verbreite, und sei noch jung genug um einst deren Sieg zu sehn; die Gegner und Verfolger, die sich mit Unrecht Christen nennen, werden überwunden werden, so wie sie zu Lyon unterlegen sind; die Lyoner haben die Tyrannei umgestürzt, um sich dem zu übergeben, den sie nach Christo als ihren einzigen rechtmäßigen Herrn erkennen, dem König. Ob Viret an der Abfassung dieses, mit Psalmsprüchen und Liederstrophen angefüllten Schreibens Antheil hatte, wissen wir nicht; wir möchten vielmehr bezweifeln, daß er es billigte. Der Sieg war nicht rein geblieben; es waren in den katholischen Kirchen Gewaltthätigkeiten verübt worden, zu denen selbst einige Prediger das Volk aufgehetzt hatten. Viret suchte lange vergebens zu wehren; nur mit Mühe gelang es ihm die Gemüther zu besänftigen; er meldete es an Calvin, der den 13. Mai an die Prediger schrieb, um ihr Benehmen streng zu mißbilligen. Im Juni sandte das Lyoner Consistorium Boten nach Genf um Viret noch für längere Zeit zu erbitten; er hoffte zwar nicht der Kirche lange mehr dienen zu können, er fühlte sich krank und schwach, und fürchtete bald das Bett nicht mehr zu verlassen; doch machte er, während des neu erhaltenen Urlaubs, fast übermenschliche Anstrengungen, um während der Kriegsnoth und der Pest seine Gemeinde im Glauben aufrecht zu erhalten. Anfangs 1583 stellte diese abermals den Genfern vor, sie könne Viret nicht entbehren; er ward ihr nun für unbestimmte Zeit gestattet. Er nahm es an, „denn der Herr, sagte er, hat mich durch die Erfahrung belehrt, daß es nicht an seinen Dienern steht dahin zu gehn wo sie es wünschen, sondern daß sie ihm folgen sollen wohin er sie ruft.“ Er kam selber nach Genf und dankte dem Magistrat mit gerührten Worten für seine Wohlthaten; „es wurde beschlossen, heißt es im Rathsprotokoll, ihn ehrbar zu entlassen und ihm zu danken, daß er, den Gott gewählt hatte, um das Evangelium in dieser Stadt aufrichten zu helfen, unsrer Kirche mit so viel Nutzen gedient hat, daß das Andenken daran unvergeßlich sein wird; auch ist verordnet worden ihm Alles zu geben was er zur Reise bedarf.“ Nach der Einnahme durch die Hugenotten blieb zu Lyon der katholische Gottesdienst unterbrochen, bis zum Frieden von Amboise, 19. März 1563. Den 15. Juni rückten katholische Truppen in die Stadt; die Messe ward wieder hergestellt, die Mönche erschienen wieder, 1564 zog Carl IX. ein und ließ den Katholiken die Kirchen zurückgeben, welche die Reformirten noch inne hatten. Doch ward der Gottesdienst dieser Letztern noch nicht gestört. Kurz nach der Wiederherstellung des katholischen Cultus im Sommer 1563 wünschte Viret eine Synode zu halten; das Consistorium wandte sich deshalb an den König, der aber unter dem Vorwande der Unruhen seine Bewilligung verweigerte; Viret klagte darüber an Calvin (28. Juli); er sagte, die meisten Prediger seien schon unterwegs, und meinte er hätte vielleicht besser daran gethan keine Erlaubniß zu begehren. Es scheint indessen, daß die Schwierigkeiten gehoben wurden, denn den 10. August trat die Synode zusammen: sie wird als die vierte der französischen National-Synoden gezählt. Viret wurde zum Vorsitzenden (Moderator) und zugleich zum Secretär erwählt; die Versammlung faßte eine Reihe von Beschlüssen, theils um gewisse Punkte der Disziplin genauer zu bestimmen, theils um die Verhältnisse mehrerer Kirchen zu regeln und einigen Predigern Verhaltungsmaßregeln zu geben über schwierige Fälle. Da sich zu Lyon auch eine italienische, meist aus flüchtigen Lucensern bestehende Gemeinde gebildet hatte, schrieb Viret, den 20. September 1563, im Namen des Consistoriums an Zanchi, er möge als Prediger für seine Landsleute kommen, es sei Pflicht die Freiheit zu benutzen die den Protestanten in Frankreich gestattet ist; die meisten der Italiener zu Lyon verstünden zwar französisch, allein sie bedürften eines Predigers ihrer Sprache, sowohl wegen des Unterrichts der Jugend, als weil ein katholischer italienischer Geistlicher heftig gegen die Reformation eiferte. Zanchi, der schon Ende 1561 einen ähnlichen Ruf von Lyon erhalten und abgelehnt hatte, wäre diesmal gerne gekommen, wenn er nicht bereits für Chiavenna zugesagt hätte.

Der Posten zu Lyon war ein äußerst schwieriger; zwar hatte Viret mehrere thätige Collegen; auch fand er Ende 1563 einen längst ihm befreundeten Mitarbeiter an Christoph Fabri, der flüchtig von Vienne herüberkam. Allein die meiste Sorge lag auf ihm, dem Präsidenten des Consistoriums. Die Protestanten waren zahlreich, die Katholischen waren es nicht minder; der durch die Bürgerkriege entbrannte Haß war durch das Friedens – Edikt von Amboise nicht ausgelöscht worden; eifrige Mönche, zumal Jesuiten, bekämpften den Protestantisinus; zudem waren, auf das Edikt sich berufend, dem zufolge Niemand wegen seines Glaubens gestört werden sollte, Sectirer aufgetreten, die die Gemüther entzweiten und der guten Sache manchen Schaden brachten. Schon gleich nach seiner Ankunft zu Lyon hatte Viret sich veranlaßt gesehn, einem sonst trefflichen, gelehrten Mann zu widersprechen. Anfang 1562 war hier ein werkwürdiges, mit vieler Mäßigung geschriebenes Buch erschienen über die Ordnung und Polizei in der christlichen Kirche; *) der Verfasser, Johann Morely, aus Paris, ein nach Genf geflüchteter Hugenott, hatte es Viret gewidmet, nachdem Calvin sich geweigert hatte, das Manuscript durchzusehn. Es entwickelte, in Bezug auf Kirchenregiment, die extremsten demokratischen Grundsätze; die Prediger sollen blos von der Gemeinde gewählt und entlassen werden; selbst über Sitten und Lehre soll nur die Gemeinde richten. Die den 25. April 1562 zu Orleans gehaltene Synode verwarf das Buch, als die Auflösung der Kirche bezweckend. Morely erbot sich, dem Urtheil Farel’s, Calvin’s und Viret’s sich zu unterwerfen; namentlich hoffte er, sich mit Letzterm, den er persönlich hochachtete, verständigen zu können; von ihrem Standpunkte aus konnten aber die Reformatoren seine Tendenzen nicht billigen, und durch Beschluß des Genfer Magistrats (16. September 1563) wurde seine Schrift verboten und öffentlich verbrannt. Eine weit gefährlichere erschien zu Lyon kurz nach dem Frieden von Amboise; sie war anonym und führte den Titel: „Die bürgerliche und militairische Vertheidigung der Unschuldigen und der Kirche Christi;“ da sie den Aufstand gegen die Tyrannen rechtfertigte, erregte sie großes Aufsehn. Der Statthalter, Herr von Soubise, übergab sie Viret, welcher in seinem und seiner Collegen Namen ein Gutachten abgab, in dem er erklärte, sie enthalte falsche, gefährliche, wiedertäuferische Lehren. Sie wurde verboten (11. Juni 1563); der damals zu Lyon anwesende, berühmte Rechtsgelehrte Carl Dumoulin, den man fälschlich im Verdacht hatte, der Verfasser zu sein, wurde gefangen gesetzt, nach wenig Tagen aber wieder frei gelassen. Zu derselben Zeit ungefähr hielt sich der Antitrinitarier Valentino Gentile zu Lyon auf; sein gegen Calvin gerichtetes „Evangelisches Bekenntniß“ erschien hier im Drucke. Er wurde gefänglich eingezogen, redete sich aus und zog, im Sommer 1563, mit Alciati, der wahrscheinlich mit ihm zu Lyon war, nach Polen. Im Juni 1566 kam er wieder nach Gex, wurde jedoch wenige Monate später zu Bern hingerichtet. Ob er unter den Lyoner Italienern einigen Anhang gefunden hatte, vermögen wir nicht zu sagen; indessen fehlten auch unter ihnen die zu Grübeleien geneigten Geister nicht. Im Jahr 1566 traten zwei derselben mit einer mystischen Ansicht vom Abendmal auf; sie behaupteten, in dem Sacrament, so wie es in der Kirche gefeiert wird, sei Christus auf keine Weise gegenwärtig, die Genießenden treten dadurch nicht einmal in geistige Gemeinschaft mit ihm; diese letztere, die geistige, sei zwar die allein wahre, bedürfe aber der äußern Zeichen nicht. An den einen dieser Leute, mit Namen Alamanno, richtete Beza, den 2. Juni, ein längeres Schreiben, um ihm seinen Irrthum zu beweisen. Ein katholischer Schriftsteller des sechszehnten Jahrhunderts sagt, Viret habe mit dem erzbischöflichen Vicar gemeinschaftliche Sache gemacht, um diese, die Lyoner Kirche störenden Ketzer zu unterdrücken; dies heißt wohl nur so viel, daß Beide gleichzeitig auf die Entfernung der zwei Italiener drangen, da diese, wie es scheint, sich sowohl an Katholiken als an Reformirte wandten. Viret hat sich um so wenige r zu irgend etwas mit der katholischen Geistlichkeit verbinden können, da er selber und seine Gemeinde unaufhörlich ihren Anfeindungen ausgesetzt war. Der gelehrte Jesuit Antonio Possevini gab einen italienischen Tractat zu Gunsten der Messe heraus; sein Ordensbruder Edmund Auger, der 1563 die erste Messe zu Lyon wieder feierte und später Beichtvater des Königs Heinrich III. ward, schrieb einen französischen Katechismus, nach der Ordnung des Calvinischen, aus dem er Manches entlehnte, um desto leichter das reformirte Volk irre zu führen. Außerdem wurde auf den Kanzeln heftig gegen die Ketzer gepredigt. Viret, der sich an den großen Erfolg erinnerte, den früher die öffentlichen Religionsgespräche in der Schweiz gehabt hatten, wünschte nun ein ähnliches zu Lyon zu halten; er meinte, „dieses Mittel der Wahrheit den Sieg zu verschaffen, sei besser, als die Menge gegen die Ketzer aufzuhetzen und in Bezug auf die Religion, in der man am meisten einig sein sollte, Feindschaft und Haß zu erregen; nur durch öffentliche Besprechung kann die Sache ohne Schwerdt und Feuer, ohne Mord und Krieg, entschieden werden; und geben wir zugleich unsere gegenseitigen Meinungen durch die Presse kund, so können Alle sich belehren, gerade wie die Richter, wenn sie die Acten eines Prozesses durchgehn.“ Die katholischen Geistlichen weigerten sich aber lange, mit den Geistlichen sowohl öffentlich als in Privat-Unterhaltung zu disputiren. Erst 1565 willigten der Franziskaner Johann Ropitel und der Jesuit Auger ein, mit Viret einige Artikel zu verhandeln, und zwar nur schriftlich. Sie übergaben ihm eine Reihe von Fragen, die sich, in sonderbarer Unordnung, theils auf ganz untergeordnete Dinge, theils auf die Hierarchie, die Taufe und die Excommunication bezogen. In seiner in würdigem Tone gehaltenen Beantwortung führte Viret sämmtliche Artikel auf die allgemeinen evangelischen Grundsätze zurück, und fügte seinerseits zwölf Fragen bei; die vorzüglichsten waren: ist es erlaubt, Zusätze zum Worte Gottes zu machen? wird Gott durch äußere Ceremonien wahrhaft verehrt? kann es nach der Bibel ein einziges sichtbares Oberhaupt der Kirche geben? kann etwas in der Welt geschehn, gutes oder böses, ohne die Vorsehung Gottes? Viret gab das Ganze durch den Druck heraus; ob Ropitel und Auger auf seine Fragen antworteten, ist uns nicht bekannt.

Diese Schrift war nicht die einzige, die Viret zu Lyon veröffentlichte; trotz seiner Körperleiden entwickelte er eine außerordentliche literarische Thätigkeit; zum Theil durch die Angriffe der Gegner veranlaßt, gab er in den Jahren 1563 bis 1565 mehrere seiner bedeutendsten Werke heraus: seine große Christliche Unterweisung, wovon er den ersten Theil der Gemeinde von Nismes (7. Dezember 1563), und den zweiten der von Montpellier (12. Dez. 1563) widmete; einen Tractat über die Gebete der katholischen Geistlichen; drei einander ergänzende Bücher über die Auctorität der heiligen Schrift, die Gewalt der Schlüssel und den über die wahre und die falsche Kirche geführten Streit; die beiden ersten richtete er an die Einwohner Lyon’s beider Bekenntnisse (9. und 12. April 1564), das dritte an die Herzogin Renata von Ferrara (5. April 1565); ferner eine satirische Schrift über die Messe; einen früher schon geschriebenen Tractat über das Interim, den er dem Admiral Coligny zueignete (20. Septbr. 1565); endlich eine Abhandlung über das Abendmal, und eine über die göttliche Vorsehung, das heißt über die von den Katholiken häufig den Reformirten zur Last gelegte Prädestination.

Wann Viret Lyon verließ ist ungewiß; er war daselbst noch den 20. September 1565. Den 4. Oktober erwählte ihn die Neuenburger Klasse an die Stelle des kürzlich verstorbenen Farel; da er nicht annahm, wurde Fabri berufen. Ein königliches Edikt vom 14. Dezember 1563 hatte, unter dem Vorwand den Frieden von Amboise zu interpretiren, das heißt zu beschränken, verboten, in Zukunft ausländische Prediger in Frankreich anzustellen; mehrere Schriftsteller haben behauptet, daß dies Verbot sofort auf Viret angewandt wurde; man sieht jedoch aus Obigem, daß dies nicht der Fall war. Wahrscheinlich benutzten es erst Ende 1565 die Jesuiten, um den wegen seiner Mäßigung und Friedensliebe allgemein geachteten Prediger zu entfernen. Er ging nach Orange, das dem Fürsten Wilhelm von Nassau unterthan war. Von hier berief ihn Johanna von Albret an ihre neue, im Jahr 1566 errichtete Akademie von Orthez, in Bearn. Von nun an verschwindet er beinah aus der Geschichte; seine literarische Thätigkeit hörte auf; vielleicht hinderte ihn zunehmende Kränklichkeit an bedeutendem Wirken; vielleicht begnügte er sich, in dem ganz evangelischen Lande zu keiner Polemik gezwungen, mit dem öffentlichen Lehren der Theologie. Doch ward auch hier noch einmal seine Ruhe gestört. 1569 fielen katholische Truppen unter dem Vicomte von Terride in Bearn ein, bemächtigten sich auch der Stadt Orthez, vertrieben die Professoren, nahmen Viret, den berühmtesten und am meisten gefürchteten, als Gefangenen mit und brachten ihn in ein festes Schloß bei Chabanay. Diese letzte Prüfung dauerte indessen nur kurze Zeit; Orthez wurde von dem Grafen Montgomory wieder mit Sturm genommen; ein anderes Hugenottencorps nahm Chabanay, und schenkte dem Befehlshaber die Freiheit auf sein Versprechen, auch Viret freizulassen. Er wurde zu Orthez wieder eingesetzt, starb aber schon 1571, sechzig Jahre alt, der letztüberlebende des großen Triumvirats, das die Reformation in der romanischen Schweiz und von da aus in Frankreich begründet hatte.

II.

In einem Briefe aus dem Jahre 1549 schrieb Farel an Bullinger: „Gott hat uns Viret gegeben; ich kenne ihn besser als mich selber und bezeuge daß ich nie etwas Anderes in ihm gewahr ward, als wahre aufrichtige Liebe zu Christo und seinem Evangelium, ein demüthiges, liebevolles, nach Frieden strebendes Gemüth; sähe er nicht, daß der Irrthum so Vielen Verderben bringt, und wäre er sich nicht bewußt, von Gott getrieben zu werden, so würde er nie mit Jemanden streiten; im Streiten selbst zeigt er so viel Mäßigung, daß die Gegner, gezwungen die Thatsachen anzuerkennen, nichts Anderes zu thun wissen, als zu behaupten, es sei Alles nur Heuchelei bei ihm.“

Diese einfache Characteristik, deren Wahrheit durch Viret’s ganzes Leben bezeugt ist, dient auch zur Erklärung der Wirkungen die er hervorbrachte, überall wo er für die Reformation thätig war. Während Farel durch sein rasch entzündendes Feuer und Calvin durch die Gewalt seiner Gedanken die Herzen gewannen und die Gegner zum Schweigen brachten, hat Viret’s Persönlichkeit, welche bei eben so viel Festigkeit wie seine zwei Freunde, mehr Milde und einnehmende Sanftmuth besaß, ganz ähnliche Resultate erreicht. Die Mittel, durch die er in der romanischen Schweiz sowie in Südfrankreich gewirkt hat, waren seine Predigten und seine Schriften.

Von seinen Predigten ist leider keine erhalten; sie waren wohl meist improvisirt, wie die Farel’s und Calvin’s; während aber die des Letztern durch Nachschreiber aufbewahrt wurden, hat sich, wie es scheint, für die beiden andern Reformatoren Niemand gefunden, der ihnen einen ähnlichen Dienst geleistet hätte. Nur aus ihren Wirkungen und einigen Zeugnissen von Zeitgenossen kann man auf das Eigenthümliche der Predigten Viret’s schließen. Ein Genfer Chronist sagt, sie seien bei dem Volke in hohem Grade beliebt gewesen; Zanchi, der 1552 Calvin zu St. Gervais und den gerade in Genf anwesenden Viret zu St. Peter predigen hörte, bewunderte des Letztern außerordentliche Beredsamkeit und stellte ihn als Redner höher als Calvin. Beza sagt: „Niemand hat gelehrter gepredigt als Calvin, Niemand kräftiger als Farel, Niemand sanfter als Viret.“ Ohne Zweifel darf man übrigens annehmen, daß sich in den Predigten dieses Letztern die nämlichen Eigenschaften kund gaben, wie in seinen Schriften, die großentheils ebenso improvisirt zu sein scheinen, wie seine öffentlichen Reden; was daher von jenen zu sagen ist, läßt sich auf diese anwenden.

Viret war einer der fruchtbarsten Schriftsteller der Reformationszeit; leider sind seine meist für das Volk bestimmten Werke wenig in die Hände der Gelehrten oder in Bibliotheken gekommen, und daher äußerst selten geworden. Was sie vorzugsweise characterisirt, das ist eine ungewöhnliche klassische und theologische Belesenheit, reiche Einbildungskraft, strenge Logik, verbunden mit Geist und Witz. Die im Ganzen klare Darstellung ist oft weitschweifig und gedehnt; schon frühe, 1546, hatte Calvin diesen Fehler Viret’s getadelt, der eine Folge der Schnelligkeit seines Arbeitens war. Die Sprache ist die des Volkes für das er schreibt, populär und mitunter trivial; er sagt selber: „meine Sprache ist nicht attisch, ich verstehe nichts von Rhetorik, ich verfalle oft in mein Patois zurück;“ er that dies sogar absichtlich, um besser verstanden zu werden. Der Zweck seiner Schriften war Volksunterricht und Polemik; das theologische System hat er weder tiefer begründet noch weiter entwickelt; er ist Schüler Calvin’s und hat sich als solcher begnügt, dessen Theologie für das Volk zu verarbeiten oder gegen den Katholicismus zu vertheidigen. Man kann daher seine Schriften in zwei Hauptklassen eintheilen, in solche, die zur positiven Belehrung der Glieder der reformirten Kirche bestimmt sind, und in solche, die die Bekämpfung katholischer Lehren und Gebräuche zur Absicht haben. Die erstern sind entweder Lehrbücher für Anfänger, oder Ermahnungen in dem Bekenntniß des evangelischen Glaubens festzuhalten.

Die Lehrbücher sind Catechismen in dialogischer Form, in der Methode hie und da abweichend von dem Catechismus Calvin’s. Sie bilden eine progressive Reihe, den verschiedenen Alters- und Bildungsstufen angemessen, von dem ersten Elementar-Unterricht fortschreitend bis zur vollständigen gründlichen Darstellung für Erwachsene. In seinen spätern Jahren, während seines Aufenthalts zu Lyon, brachte Viret diese Schriften nebst einigen andern in eine Sammlung, die er durch mehrere neue Stücke vervollständigte und unter dem Titel herausgab: „Christlicher Unterricht in der Lehre des Gesetzes und des Evangeliums, in der wahren Philosophie und der natürlichen und übernatürlichen Theologie, in der Betrachtung der Abbilder und Werke der Vorsehung in dem Weltall, und in der Geschichte der Erschaffung, des Falls und der Erlösung des Menschengeschlechts.“ Auch dieses große Werk ist in dialogischer Form. Aeußerst selten, ist es in spätern Zeiten wenig beachtet worden, und doch ist es eines der merkwürdigsten Erzeugnisse der reformatorischen Literatur des sechzehnten Jahrhunderts. Das Hauptinteresse besteht nicht sowohl in den theologischen Parthien, als in der Anwendung des Christenthums auf die menschlichen Verhältnisse und in der christlich-philosophischen Weltanschauung. Der Exposition der zehn Gebote, die ein vollständiges Moral-System darstellt, geht eine Ermahnung an alle Obrigkeiten voran über die verschiedenen Regierungsformen, um zu zeigen, daß die drei Hauptformen, Monarchie, Aristokratie und Democratie, an und für sich gleichgültig sind; in jeder kann nach blos menschlicher Willkür regiert werden; wo dies geschieht, tragen die Gesetze das Gepräge der Leidenschaft und es entstehn Uebel aller Art; wo aber das Gesetz Gottes herrscht, da ist es einerlei, welche Form man einführt, jede kann paffen. Der zweite Theil des Werkes enthält die natürliche und die christliche Theologie, eine Art Apologetik des Christenthums, voll tiefer und origineller Gedanken. So groß auch, sagt Viret im Eingang, der Widerstand gegen das Evangelium war, so ist es doch siegreich durch alle Hindernisse hindurchgedrungen und jeder kann jetzt seine Klarheit sehn. Dennoch gibt es noch Viele die blind dafür sind: Unwissende, die es schwer ist dem Aberglauben zu entreißen; Furchtsame, die es nicht wagen sich auszusprechen; Ehrgeizige, die die Wahrheit erkannt haben, aber um hohen Herren zu gefallen, äußerlich katholisch bleiben; daneben auch solche, die, den Vorwand der Religionsstreitigkeiten benutzend, jede Religion für zweifelhaft erklären und keine befolgen; sie nehmen wohl einen Gott an, „nennen sich mit einem neuen Worte Deisten“, geben vor an die Unsterblichkeit der Seele und an eine Vorsehung zu glauben, sehen aber Alles was von Christo erzählt wird, „für Fabeln und Träumereien“ an. Ja, auch völlige Atheisten kommen vor, und zwar gerade unter den scharfsinnigsten, gelehrtesten Köpfen. Um nun namentlich den Deisten und Atheisten entgegen zu arbeiten, und besonders „Philosophen und Aerzte anzuregen, ihre Wissenschaft dem Dienste Gottes zu widmen,“ will Viret zeigen, wie die ganze Schöpfung und speziell der Mensch, „gewöhnlich die kleine Welt (Niorocosmus) genannt,“ Zeugniß ablegt von dem Dasein, der Vorsehung und der Gerechtigkeit Gottes. Er entwickelt diesen Gedanken weitläufig durch die verschiedenen Reiche der Natur hindurch, bei Gelegenheit des Artikels des apostolischen Symbolums über Gott als Schöpfer. Doch verfährt er nicht rein philosophisch, sondern vermischt Bibellehre und Naturbetrachtung mit einander; er argumentirt aus jener, statt sie durch diese zu bestätigen, so daß er auf die, welche die Bibel nicht annahmen, seinen Eindruck verfehlen mußte. Immerhin ist sein Versuch in den Geschöpfen und Natur-Erscheinungen Sinnbilder, Offenbarungen der unsichtbaren Dinge zu finden, geistreich durchgeführt, obgleich seine Naturkenntniß nicht über Aristoteles und Plinius hinausgeht. Bei dem Menschen angekommen, sagt er, er sei ein Abbild der gesammten Schöpfung; er trage von allen Kreaturen etwas an sich, obwohl keine ihm ähnlich ist. Alle Bewegungen (Neigungen) in den Geschöpfen, bewußt oder nicht, kommen von Liebe; dies führt auf die Liebe Gottes zurück, als Urgrund alles Seins. Liebe ist Mittheilung, sie kann nicht unthätig sein; daher die Schöpfung der Welt und besonders des Menschen. Allen Geschöpfen hat Gott etwas von seiner Liebe mitgetheilt, sie spiegeln sie theils ab, theils sind sie vermöge derselben zu einander geneigt; daher die Ordnung und Harmonie der Welt. Aber nicht alle Geschöpfe haben ein Bewußtsein ihrer natürlichen Bewegungen, sondern nur die Engel und die Menschen; diese allein besitzen daher Leben in höherem Sinne; Thiere und Pflanzen haben auch Leben, aber keine Seele; die Steine haben keines, oder man müßte das Wort Leben in allgemeinster Bedeutung nehmen. Hier folgt dann eine genaue Beschreibung der innern und äußern Organe des menschlichen Körpers, nebst den großentheils falschen, damals in der Medizin gangbaren Hypothesen über deren Bestimmung. Mehr Werth als dieser Theil hat Viret’s Beweisführung in Bezug auf die Unsterblichkeit der Seele. Nachdem er zuerst das Fegfeuer und die Seelenwanderung widerlegt, welche letztere „damals Anhänger unter den Philosophen hatte,“ geht er zur Unsterblichkeit über; er erkennt zwar daß die Vernunft sie nicht über allen Zweifel zu erheben vermag, und daß sie wesentlich ein Gegenstand des Glaubens ist, doch gibt er einige, und zwar von den besten philosophischen Argumenten an: man kann auf die Unsterblichkeit schließen aus dem Begriff, den sich der Mensch von unendlicher Fortdauer macht, aus seiner Sehnsucht danach, aus der angebornen Furcht vor Vernichtung, aus der Idee der Gerechtigkeit Gottes, aus dem auf Erden nie befriedigten Streben nach Erkenntnis, und Glückseligkeit. Dieser, das Werk abschließende Abschnitt ist reich an schönen, erhabenen Stellen, in denen Viret eben so groß als Redner wie als christlicher Weiser erscheint. Bevor wir zu einer andern Klasse seiner Werke übergehn, ist noch seine Christliche Metamorphose zu erwähnen, die gewissermaßen seinen Lehrschriften beigezählt werden kann. Das sonderbar scheinende, auch wieder in Gesprächen sich bewegende Buch ist keine Satire, sondern hat einen sehr ernsten Zweck. „Die alten Poeten haben viel von Verwandlungen geredet, besonders Ovidius, der ein ganzes Buch darüber geschrieben hat; dies ist aber Alles nur Lug und Trug; nichts desto weniger ist es ergötzlich, weil der Mensch von Natur Bilder und Dichtung liebt.“ Um nun dem Einfluß der heidnischen Dichter entgegen zu wirken, und die Macht und das Recht der Phantasie anerkennend, unternimmt Viret eine Metamorphose zu schreiben in christlichem Sinn. Im ersten moralisch-religiösen Theil wird gezeigt, wie der Mensch sich durch die Sünde geistig und körperlich verunstaltet, allein durch den Glauben an Christum seine wahre Gestalt wieder herstellt. In den der Verunstaltung gewidmeten Dialogen herrscht eine tiefe Traurigkeit vor, die selbst durch den mitunterlaufenden Scherz durchklingt; in seinen Schmerzen und Aengsten, unter den Kriegen der Fürsten und dem Zwiespalt der Religionen, kommt dem Betrachter das Leben wie „eine elende Farce“ vor; der Mensch scheint sich in Thier verwandeln zu wollen. Seine Seele ist aber nach dem Bilde Gottes geschaffen; in dieses soll sie wieder verwandelt werden, durch die Wiedergeburt. Der Nicht-Christ, der natürliche Mensch ist zwar über das Thier erhaben, ist ihm aber doch zu vergleichen, insofern er die wahre Kenntniß Gottes nicht hat; was den Menschen vom Thiere scheidet, ist die Fähigkeit Gott zu erkennen. Die Thiere haben auch eine Art Vernunft (raison), ja sie sind in ihrer Natur weniger verdorben als der Mensch, sie erfüllen ihre Bestimmung sicherer als dieser die seinige, und können ihm, in diesem Bezuge, als Vorbild dienen. Dies führt zum zweiten Theile: die Schule der Thiere. „Die Philosophen gleichen oft Predigern, die sehr schön reden aber sehr schlecht handeln, und nichts von dem thun, was sie die Andern lehren. Diese Lehrmeister aber (die Thiere), zu denen uns der heilige Geist in der Bibel hinweist, unterrichten uns nicht durch viele Worte, sondern durch ihre That, durch ihr Beispiel.“ Hier folgt dann eine Reihe von Gesprächen, voll origineller Betrachtungen über das Thierleben und oft treffender Anwendungen auf den Menschen, nebst verkehrten, der damaligen Naturhistorie angehörenden Ansichten und weit hergeholten Digressionen. Ameisen und Spinnen sind Lehrer einer guten Haushaltung; Tauben, Schwalben, Hasen, Vorbilder der Familienliebe; Bienen, der Staatswirthschaft und der Arbeitsamkeit, wobei gelegentlich von der Pflicht der Obrigkeiten, den Müßiggang nicht zu dulden, gesprochen, und gegen die Bettelmönche losgefahren wird. Andere Thiere sind in der Kriegskunst geschickt; hier wird von erlaubten und unerlaubten Kriegen geredet, und mit einem Sprung auf den geistigen Krieg der Christen, ihren Feind, ihre Waffen, ihren Heerführer übergegangen. Dann kommen die Künste, die mechanischen und die freien; was jene betrifft, kann man von Bienen und Spinnen lernen; in Bezug auf die freien, besitzen Füchse, Hunde, Raben, u.s.w. eine auffallende „dialektische Kunst“; die Vögel sind Lehrer der Musik; einige Thiere sind „Astrologen“, indem sie die Witterungswechsel verkündigen; Alle sind Aerzte, die sich selber heilen; hieran knüpft sich ein Excurs über die Krankheiten, die Pflichten der Aerzte, und die zu befolgende Diät in der besonders die Thiere Muster sind. Hinsichtlich der moralischen Tugenden ist der Hund Lehrer der Treue, der Löwe der Großmuth, die Taube der Geduld u.s.w. Von da aus schlägt Viret plötzlich einen andern Gedankengang ein, indem er auf das kommt, was den Menschen vom Thier unterscheiden soll: es ist nicht allein die Sprache, denn auch die Thiere haben eine Art Sprache, manche können wirklich sprechen lernen, und viele Menschen sprechen nicht anders als die Thiere, ohne Sinn und Verstand; es ist auch der äußere Gottesdienst nicht allein, denn den Alten zufolge wenden sich der Elephant und der Cynocephalus der Sonne zu, und die Götzendiener machen es nicht besser; endlich ist es nicht einmal die Weissagung, denn Bileams Esel hat geweissagt, und es gibt zahllose falsche Propheten. Der Mensch wird nur wahrer Mensch, wenn das Bild Gottes durch den heiligen Geist wieder in ihm hergestellt wird.

Wir haben uns bei diesem wunderlichen Buche etwas länger aufgehalten, um zu zeigen, wie mächtig Viret von dem Gedanken beherrscht war, Alles auf die christliche Umgestaltung des einzelnen Menschen, so wie der ganzen Gesellschaft zu beziehen, und wie diese stete Präoccupation ihn an dem aesthetischen Ausbau eines Werkes gehindert hat, das viel anziehender und mithin viel lehrreicher geworden wäre, wenn er weniger nüchterne Abschweifungen und polemische Ausfälle darein gemischt hätte. Doch es ist Zeit zu einer andern Gattung seiner Schriften überzugehn, zu den Ermahnungen im evangelischen Bekenntniß zu verharren.

Diese Ermahnungen sind Sendschreiben bald an evangelische Christen, die unter Katholiken wohnten, wo sie der Predigt entbehren mußten und Verfolgung litten, bald angefangene, dem Tod entgegensehende Prediger, bald an solche, die sich rühmten Protestanten zu sein, aber vorgaben, die äußerlichen Gebräuche des Papstthums mitmachen zu können ohne Schaden für ihr Gewissen. Schöne, herrliche Worte kommen in diesen Stücken vor. Viret tadelt die, welche „sich als große Eiferer für das Evangelium erweisen wollen, indem sie, ohne Wahl der Gelegenheit und der Umstände, gegen den katholischen Götzendienst schreien, und statt die Gemüther zu erbauen, nur die Schwachen verwirren und die wahrhaft Gottesfürchtigen in Gefahr bringen. Als Paulus zu Athen war, entbrannte sein Herz in ihm, da er sah, wie die Stadt der Abgötterei ergeben war; er disputirte in der Versammlung mit den Juden, belehrte auf dem Markte das Volk, lief aber nicht durch die Straßen wie ein Wahnsinniger, um, auf eigene Machtvollkommenheit hin, die Bilder umzustürzen und die Tempel zu zerstören.“ Nicht minder sprach sich Viret, sowie auch Calvin, Peter Martyr und Andere es thaten, gegen diejenigen aus, die aus weltlichen Rücksichten, aus Furcht ihr Eigenthum, ihren Einfluß, ihre Aemter, ihre Stellen am Hofe zu verlieren, die damals in Frankreich so oft gehörten Einwände vorbrachten gegen die Notwendigkeit eines offenen Bekenntnisses, oder der Flucht wenn dieses Bekenntniß nicht möglich war. Die Ausflüchte derer, welche behaupteten, die äußern Ceremonien seien an sich gleichgültig, wenn man nur im Herzen der Wahrheit ergeben sei, nannte er mit Recht Sophisterei und Selbstbetrug; wie schwer es auch falle, sagte er, man muß sich von Allem trennen, wenn man die Freiheit des Gewissens nicht hat, und ein Land verlassen, wo diese verweigert wird. Dagegen ermahnte er eine Flüchtlingsgemeinde, die sich in einer lutherischen Stadt niedergelassen hatte (wahrscheinlich die zu Frankfurt), und sich ängstlich beklagte, daß auch andere Gesänge als die Psalmen gesungen und daß beim Abendmal das Brod nicht gebrochen würde, sich an Dingen nicht zu stoßen, durch die die rechte Eintracht nicht gestört werden könne; gastfreundlich an einem Orte aufgenommen, wo sie die Gewalt nicht haben, sollen sie sich fügen und das ihnen Fremdartige in Liebe tragen. Die Bedrückten in Frankreich warnte er vor Gewaltthätigkeit; sie sollen nie zu den Waffen greifen, weder wenn sie von der Obrigkeit verfolgt, noch wenn sie von einem fanatischen Pöbel angegriffen werden; ihre einzigen Waffen sind geistige, und früher oder später verschaffen ihnen diese den Sieg. Den Gefangenen endlich empfahl er standhafte Geduld; so schrieb er 1553 an die zu Lyon zum Tode verurtheilten fünf Lausanner Studenten unter Anderm folgendes: „Erinnert euch an das Wort: ich sende euch wie Schafe unter die Wölfe. Es heißt nicht: ich sende euch wie Wölfe unter die Schafe, noch wie wilde Thiere gegen andere wilde Thiere, sondern wie Schafe unter die Wölfe. Ein seltsames Wort! Welche Siegeshoffnung können Schafe haben wenn sie Wölfe bekämpfen sollen? was Anders können sie erwarten, als zerrissen zu werden? Hier ist aber weder auf die Natur der Schafe, noch auf die der Wölfe zu sehn, sondern auf den, der gesagt hat: ich sende euch; er, der Hirte, ist es, der die Schafe sendet die ihm der Vater gegeben hat, und der will daß ihm keines entrissen werde. Was uns daher von Seiten der Menschen begegnen möge, wir sind zufrieden einen solchen Beschützer zu haben, der nicht ein bloßer Mensch, sondern der ewige Gott selber ist. Deshalb sind wir gewiß, daß wir nicht untergehn; sterbend leben wir, besiegt sind wir Sieger. Bleibt nur fest in euerm Glauben; bekämpft eure Feinde durch ihn, durch Geduld und Gebet. Das sind die Waffen, durch welche von Anfang an die Kirche Gottes über die Gewaltigen der Erde Siegerin geworden ist.“ An diese Schriften schließt sich der Dialog über das Interim an, der für Viret’s eigenen Standpunkt sehr bezeichnend ist. Er schreibt ihn, um die evangelischen Christen von der Notwendigkeit der Mäßigung und des alleinigen Gebrauchs der geistlichen Waffen zu überzeugen; den Titel Interim wählt er, weil er von den in verschiedenen Ländern vorgeschlagenen Mitteln sprechen will, sich bis zur Abschließung einer vollkommenen Einigkeit und Reformation, in Bezug auf die Religion zu verhalten; doch handelt er weniger von diesen Mitteln, als von den Stellungen, die seine Zeitgenossen dem Evangelium gegenüber einnahmen. Er theilt Letztere in Vermittler (moyenneurs), welche durch Concessionen an den Katholicismus die Ruhe für die Protestanten zu erkaufen, oder durch gegenseitiges unmögliches Nachgeben beide Kirchen zu vereinigen suchen; Radikale (transformateurs), die nicht nur die Kirche, sondern auch den Staat von Grund aus umändern wollen; Libertiner, die jede Religion und jede Autorität verachten; Verfolger, die trotz ihres Wüthens ihren Zweck dennoch nicht erreichen; Gemäßigte, die allein den Frieden zu erhalten im Stande sind, weil sie Allen gleichmäßig Gewissensfreiheit zuerkennen. Von sich selbst sagt Viret: „ich war zwar von Natur schon zum Frieden geneigt und habe Zwietracht und Verwirrung gehaßt; allein die Erkenntniß die mir Gott von seinem Worte schenkte und die Erfahrungen die ich machte, haben mich noch mehr dazu getrieben, nach Frieden und Eintracht zu streben und den Ausspruch des Herrn stets vor Augen zu haben: Selig sind die Friedfertigen, denn sie werden Gottes Kinder heißen“.

Weit zahlreicher als diese Schriften, sind Viret’s polemische Traktate; während aber von jenen manche verdienten wieder aus Licht gezogen zu werden, kann man diese fast durchgängig, was die Methode betrifft, als veraltet betrachten; sie haben indessen in mehrfacher Hinsicht ein großes historisches Interesse. Viret’s Polemik läßt die tiefern Grunddogmen unberührt; sie beschäftigt sich ausschließlich mit dem Praktischen, dem in die äußere Erscheinung Tretenden, den kirchlichen Einrichtungen und Anstalten. Der Hauptstreit, sagt er, dreht sich um die Lehren vom geistlichen Amt und von den Sacramenten, und um den Werth der äußern Gebräuche; beide Kirchen haben Prediger, und jede behauptet die ihrigen seien allein die rechten; die eine hat sieben Sacramente, die andere nur zwei, und jede sagt sie lehre in diesem Bezuge die Wahrheit; die eine hat einen reichen, in die Augen fallenden Gottesdienst, während die andere den allereinfachsten hat, und jede gibt vor nur ihre Form sei die ächt christliche. Was soll nun das Volk in diesem Zwiespalte thun? Es gibt nur ein Mittel ihm daraus zu helfen, nemlich die Ansprüche beider Kirchen nach der Bibel zu prüfen, auf das Alterthum zurückzugehn, das heißt auf Christum und die Apostel. Diese Art die Gegenstände der Polemik zu bestimmen offenbart den viel mit dem Volke verkehrenden Mann; man erkennt daraus was die Gemüther damals vorzüglich beschäftigte; war man auch geneigt die Predigt von Christo und dem rechtfertigenden Glauben an ihn anzunehmen, so blieben doch bei Vielen Zweifel zurück über das Recht der neuen Prediger und über die Nothwendigkeit, den hergebrachten, so bequemen Gebräuchen zu entsagen. Viret, der dies oft genug erfahren haben mußte, hatte es sich nun zur Lebensaufgabe gemacht, durch alle Mittel welche ihm seine Gelehrsamkeit, sein Glaube und sein Scharfsinn an die Hand gaben, sowohl die katholische Ansicht über die angegebenen Punkte zu bekämpfen, als die protestantische zu rechtfertigen.

Seine hiehergehörigen Schriften sind theils ernste, gelehrte Abhandlungen, theils witzige Gespräche und Satiren; doch kommen auch in jenen häufig satirische Stellen vor. Unter den gelehrten Traktaten entwickeln mehrere, aus verschiedenen Epochen seines Lebens, die Lehre vom geistlichen Amt; da dieses „aus vier Stücken besteht, der Predigt des Worts, der Verwaltung der Sacramente, der Handhabung der Disziplin, und den Gebeten (Gottesdienst),“ so werden auch diese Gegenstände mehr oder weniger ausführlich bei Gelegenheit des Amtes behandelt. Die Gründe welche Viret anführt, um zu beweisen, daß in den angeführten vier Stücken die katholische Geistlichkeit von dem apostolischen Christenthum abgewichen sei, sind die allgemein bekannten; sie brauchen daher nicht der Länge nach hier aufgezählt zu werden. Eigenthümlich, aber weniger stichhaltig, ist nur die aus der typischen Anwendung der alttestamentlichen Ordnung auf die Kirche genommene Beweisführung, daß die Gewalt der Schlüssel nicht einer besondern Priesterkaste gehöre. Eine eigene Schrift hat zum Zweck, historisch die Entstehung und Ausbildung des Papstthums nachzuweisen, und durch Vergleichung der apostolischen Kirche mit der römischen zu zeigen, wie wenig diese jener entspricht. In einem andern, zur Zeit der Wiedereröffnung des Tridentinischen Concils, 1551, geschriebenen dialogischen Traktat, behandelt er verschiedene auf das Concil bezügliche Fragen. Er stellt den Grundsatz voran, es sei Pflicht jedes Christen den göttlichen Willen zu erforschen durch die Mittel, die Gott selber dazu gegeben hat, nemlich in der heiligen Schrift; das allein verdiene den Namen einer heiligen Inquisition. Viele haben nun aber allerlei Vorwände, um sich der Mühe dieses Forschens zu entheben: das Alter und die große Verbreitung der katholischen Religion, das Ansehn der Vorfahren, der Gehorsam den man der Obrigkeit schuldig ist, der Mangel an Zeit, u. dergl. Nachdem er diese Vorwände mit vielem Geschick widerlegt hat, kommt er zu einem andern damals oft vorgeschützten: „es ist nicht an uns die kirchlichen Fragen zu lösen, wir müssen die Beschlüsse des Concils abwarten.“ Da zeigt er nun, aus der bereits mit der Tridentiner Versammlung gemachten Erfahrung, wie wenig man von ihr zu hoffen habe; überhaupt seien die katholischen Concilien nie so gewesen, daß sich der Christ ihnen unbedingt unterwerfen könne; die Widersprüche in vielen ihrer Beschlüsse beweisen wie wenig ihre Autorität gegründet ist; einem vom Papste präsidirten Concil fehle die nöthige Freiheit; man brauche übrigens eine Kirchenversammlung nicht, denn die Erledigung aller Fragen finde sich hinreichend in der heiligen Schrift.

Bei Bekämpfung der Messe, des Bilder- und Reliquiendienstes, und der andern äußern Gebräuche, bedient sich Viret eines Mittels, das damals sehr wirksam war, obgleich es der historischen Begründung entbehrte; bei der großen Unwissenheit der meisten Priester und Mönche, die von klassischem Alterthum ebenso wenig wußten als von christlicher Theologie und Kirchengeschichte, waren sie jedoch nicht im Stande, ihren gewandten, witzigen Gegner zu widerlegen. Viret bemühte sich nemlich, und nicht blos aus Ironie sondern alles Ernstes, sämmtliche katholische Gebräuche auf heidnische zurückzuführen, um zu zeigen, daß der Katholizismus nichts als ein erneuertes Heidenthum sei. Dies thut er namentlich in Bezug auf die Messe; durch Anwendung einer großen Anzahl von Stellen aus alten Dichtern auf die einzelnen Theile des Meßcanons, auf die Kleidung der Priester, die Zierrathen des Altars, die Gefäße, die Cerimonien, will er zeigen, daß hier nichts Anderes sei als eine das Heilige entweihende, theatralische Vorstellung. Wenn nun auch im katholischen Cultus ein heidnisches Element nicht zu verkennen ist, so ist doch zu viel gesagt, wenn behauptet wird, die Messe sei von den alten Dichtern vorbildlich dargestellt worden, und der ganze katholische Gottesdienst sei weiter nichts als eine Copie des heidnischen Götterdienstes. Bei ihrem Bestreben den Cultus auf die ursprüngliche apostolische Einfachheit zurückzuführen und alles Sinnliche daraus zu entfernen, begreift man jedoch wie die schweizerischen Reformatoren auf den Gedanken kommen konnten, dieses Sinnliche, das jeder Berechtigung im Evangelium entbehrt, sei nur ein der Kirche wieder aufgedrungenes Heidenthum.

Dieser Gedanke zieht sich auch durch sämmtliche satirische Schriften Viret’s hindurch, die indessen nicht blos die Messe zum Gegenstand haben, sondern viele andere Dinge, das Fegefeuer, die Todtengebräuche, das Leben der Geistlichen, die Gelübde, das Mönchsthum, das Ave Maria, den Rosenkranz, das Weihwasser, die Kreuz- und Bilderverehrung, u. s. w. Viret sagt, er halte es. für erlaubt sich über Aberglauben und Irrthum lustig zu machen, zumal da er jedesmal den Ernst der Wahrheit entgegenstelle; die Gesprächsform sei am besten dazu geeignet wegen ihrer Lebendigkeit und freien Bewegung. Auch Calvin, der zu einer Sammlung satirischer Dialogen seines Freundes eine Vorrede schrieb, hat sein Verfahren gebilligt: „es gibt Leute, meint er, die es vorziehen auf angenehme Weise sich belehren zu lassen, statt durch ernste, einfache Darstellung der Wahrheit; daher sind die zu loben, welche die Gabe besitzen, den Leser durch das Vergnügen zu unterrichten das sie ihm verschaffen; diese Gabe besitzt nicht jeder, selbst den Gelehrtesten fehlt sie oft; ja Viele machen nur sich selber lächerlich, durch die Mühe, die sie sich geben Andere zum Lachen bringen zu wollen; wer sich des Witzes bedienen will, muß zweierlei vermeiden: er darf nichts Gezwungenes, weither geholtes vorbringen, und nicht in unschickliches Geschwätz verfallen; zur rechten Zeit, treffend und mit Anmuth den Leser belustigen, das ist kein gemeines Talent; unser Bruder Viret hat es in hohem Grad. Bei Behandlung der eigentlich religiösen Gegenstände ist der Witz nicht am Ort, da geziemt nur hoher Ernst; wo es sich aber darum handelt, abergläubische Gebräuche und Irrthümer aufzudecken, da hat der Witz sein Recht.“ Man sieht aus dieser Erklärung, was auch sonst hinlänglich bestätigt ist, daß der damalige Geschmack weniger delicat war als der jetzige, indem man die derbsten Späße nur für anmuthige, angenehme Unterhaltung hielt. Viret’s Schriften dürfen daher nicht mit dem jetzigen Maßstabe gemessen werden; versetzt man sich auf den Standpunkt seiner Zeit, so ist gewiß, daß er die Satire meisterhaft gehandhabt hat. Auch ist zu bemerken daß er nirgends Personen verspottet, sondern nur die Dinge an sich. In seinen Dialogen vertritt jeder der Redenden einen Charakter, einen Typus geistiger Zustände oder verschiedener Grade christlicher Erkenntniß. Meist treten deren vier auf: ein unwissender, noch in allem Aberglauben befangener Katholik, der die Protestanten mit den damals üblichen Verleumdungen überhäuft; einer, dessen Gewissen im Zweifel ist ob er sich zur alten oder zur neuen Kirche wenden soll; ein dritter, der frei über die Mißbräuche loszieht und die lächerliche Seite derselben hervorhebt; und zuletzt ein ernster, gelehrter Mann, der die Fragen nach dem Worte Gottes entscheidet. Ein ander Mal sind es sechs: ein Mönch, der sich begnügt den Satz zu wiederholen, man müsse mit Ketzern nicht disputiren; ein Pfarrer, der für seine Kirchengebräuche besorgt ist, weil er Nutzen daraus zieht, und sie bestmöglich zu vertheidigen sucht; ein Schulmeister, der dieselben mit Witz und mit Stellen aus Profanscribenten widerlegt; ein Prediger, der aus der Bibel argumentirt; zwei Laien, die belehrt zu sein wünschen und ihre Bedenken vorbringen, der eine gemäßigt und schwankend, der andere schon heftig gegen die Priester eingenommen. Die Dialogen haben sämmtlich bizarre Titel, um die Neugierde zu erregen: Die Alchimie des Fegfeuers, die höllische Kosmographie, die päpstliche Physik, und dergl. – Wortspiele, alte und neue Anekdoten, Stellen aus klassischen Autoren und aus Kirchenvätern, beißende Spottreden und ernste, erbauliche Gespräche bilden den Stoff aller dieser Schriften. . Trotz vieler Digressionen und unnöthig ausgekramter Gelehrsamkeit, kommen ausgezeichnete Stellen vor über die Sitten und den Verfall sowohl der alten Welt als des Papstthums. Das merkwürdigste aber des Buches ist die Freiheit, mit der sich Viret über die gesellschaftlichen Verhältnisse seiner Zeit ausspricht, über die ungerechten Gesetze, die schlechte Verwaltung, die drückenden Abgaben, die Tyrannei der Fürsten, die übermäßigen Privilegien des Adels, die Sittenlosigkeit aller Stände. Der zweite Theil hat es mit der vom Teufel und seinen Dienern beherrschten Welt zu thun, und besonders mit den schwarzen Teufeln, d. h. den Tyrannen und den Verfolgern des Volkes Gottes, und den weißen, d. h. den Heuchlern, sowohl unter Protestanten als unter Katholiken. Diese Herrschaft des bösen Geistes, die Viret bald mit den düstersten Farben, bald mit beißender Ironie ausmalt, ist ein Beweis des hinfälligen Alters der Welt; diese gleicht einem Gebäude das in Trümmer fällt, einem Kranken der unheilbar verloren ist, einem zerbrochenen Topfe, der nicht mehr geflickt werden kann. Und doch gibt es noch einen Helfer, wenn die Welt nur wollte! Weder Kasteiungen noch Beschwörungen können den Teufel austreiben; Christus allein hat die Macht dazu, an ihn muß man sich wenden. Auf die trüben Schilderungen des Verderbens der Welt, folgt dann zum Schluß der Ausdruck der sichern Hoffnung, daß Christo der Sieg bleiben wird.

Fürs Volk schreibend, faßte Viret alle die bisher bezeichneten Werke in französischer Sprache ab. Erst 1553 begann er mehrere derselben auch lateinisch zu überarbeiten, besonders die polemischen über das Amt und die Sakramente, und einige der Ermahnungsschreiben an Protestanten in katholischen Ländern. Als Grund, warum er jene übersetzte, gibt er an, er wolle die Censoren der Sorbonne und in Italien, die einige seiner französischen Schriften verdammt hätten ohne sie gelesen zu haben, nun in den Stand setzen ihn zu verstehen; sein Latein, fügt er ironisch hinzu, sei zwar schlecht und nicht klassisch, aber gerade darum werde es diesen gelehrten Herren geläufiger sein. Das Urtheil das er über sein Latein fällt ist gegründet; es sind schwerfällige Bücher, die weit unter seinen französischen stehn; nur als Curiosum verdient eine Sammlung von Stellen aus einundzwanzig lateinischen Dichtern erwähnt zu werden, in welcher er, mit ebensoviel Geschick als wenig Grund, ein heidnisches Vorbild der gesammten Meßfeier geben will.

Inwiefern sich Viret Verdienste als Bibelerklärer erworben hat, vermögen wir nicht zu sagen; seine Kommentare über das Evangelium Johannis und die Apostelgeschichte sind uns nicht zu Gesicht gekommen.

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