Leo Juda

Leo Juda

1. Leo im Elsaß und in Basel, 1482-1519.

Die Zeit der Vorbereitung.

Als der bedeutendste unter den Kampfgenossen Zwingli’s und dann auch an Bullinger’s Seite erscheint ein Mann, der, obwohl klein in seinen eigenen Augen, einen hohen Rang einnimmt unter den Vätern und Begründern der evangelisch-reformirten Kirche. Es ist der Jugendfreund Zwingli’s, Leo Judä. Wie in dem hellen Bergkrystall, der aus den Schlünden des Hochgebirgs zu Tage gefördert wird, sehen wir Lauterkeit und Festigkeit in ihm vereinigt.

Das Licht der Welt erblickte Leo im Jahre 1482 zu Gemar, einem Städtchen der Herren von Rappoltstein im Elsaß, als Sohn des dortigen Pfarrers Johannes Jud. Seine Mutter, mit welcher dieser nach damaliger Sitte der besseren Priester in bleibender Verbindung lebte, war Elsa Hochfängin, die uns als eine sehr verständige und gottselige Christin geschildert wird. Sie gehörte einem angesehenen Geschlechte Solothurn’s an; ein naher Blutsfreund von ihr, welcher mit den Ihrigen in mehrfacher Verbindung blieb, war der Solothurnische Rathsherr Hans Heinrich Winkeli, der 1499 als Fähnrich an dem glorreichen Siege der Schweizer über den schwäbischen Bund bei Dornach Theil nahm, dann als Landvogt dieses Schloß bezog, später aber, nachdem er eine Reihe von Ehrenstellen in seiner Vaterstadt bekleidet hatte, um des Evangeliums willen ein Vertriebener wurde und seinen Wohnsitz in Basel nahm. Die Familie des Vaters stammte aus dem nahe bei Gemar gelegenen Rapperschwyl (Rappoltsweiler, heut zu Tage Ribeauviller, dem Geburtsorte des berühmten Theologen Philipp Jakob Spener). Der Großvater Jakob Jud, der daselbst lebte, genoß als vorzüglicher Wundarzt durch ganz Elsaß eines großen Rufes. Er hatte mehrere Söhne. Einer derselben Namens Matthäus ward Magister und zog mit den im Elsaß hochangesehenen Johannitern nach Rhodus, das um jene Zeit von den Türken hart bedroht war; er starb daselbst im Jahre 1488, nachdem er im Kampfe wider die Ungläubigen tapfer gestritten hatte. Johannes, der Vater unsers Leo, der sich den Studien widmete, erlangte ebenfalls die Magisterwürde. Für seine Tüchtigkeit mag wohl zeugen, daß er in späteren Jahren von der Pfarrstelle in Gemar an die zu Rappoltsweiler befördert wurde; lange Zeit lag er indeß am Podagra darnieder.

Von dem Familiennamen Judä oder Jud bemerkt der Sohn Leo’s in den Lebensnachrichten über seinen Vater: „Es hat wohl Manchen fremd bedünkt, daß ein Christ soll heißen Jud; Viele haben ihn für einen gebornen und getauften Juden ausgegeben und verschrieen, besonders die Papisten, oder für eines getauften Juden Sohn. Nun möcht es wohl sein, daß vielleicht seine Vorfahren wären Juden gewesen, vom Judenthum abgestanden und Christen geworden, besonders weil dort im Elsaß viele Juden wohnen. Wäre dem also, so haben wir uns dieses Namens und Standes gar nicht zu schämen, sondern löblich und ehrlich (ehrbar) ist es, von dem leiblichen Stamme Abraham’s erboren zu sein, noch ehrlicher aber und nützlicher, ein geistliches Kind Abraham’s zu sein und zu werden.“ 1)

In der von Leo’s Heimath nicht weit entfernten Reichsstadt Schlettstadt befand sich eine berühmte, für jene Zeit ausgezeichnete Schule, die den „Brüdern vom gemeinsamen Leben“ ihr Aufblühen verdankte. Dorthin wurde Leo gesandt. Eben stand die Schule unter der trefflichen Leitung Graft Hofmann’s von Udenheim, Crato genannt, der die hergebrachten Lehrbücher mit Geist und Umsicht benutzte, durch Sanftmuth die Herzen seiner Zöglinge zu gewinnen, Frohsinn mit Ernst rechtzeitig zu verbinden wußte. Er liebte die Dichtkunst. Nicht nur zum Eifer für die klassischen Studien, auch zur rechten Würdigung des kirchlichen Alterthums suchte er seine Schüler anzufeuern, besonders aber zu der Lauterkeit des Sinnes, welche ihn selbst beseelte und von der sein ganzes Leben Zeugniß gab. Eindringlich warnte er vor den Unsitten der Zeit. „Wenn Ihr“, schrieb er noch zu Ende August’s 1501 an seine Zöglinge, „einst nicht mehr in der Schule seid, so hütet euch vor dem Laster und vornehmlich Ihr, die Ihr Priester werden wollt, vor dem Laster der Unzucht. Lieber wollte ich, daß Ihr ewig Laien bliebet, als daß Ihr unkeusche Priester würdet! Ich flehe zum barmherzigen Gott, daß er Euch gnädig sei, damit ich nicht dereinst einen von Euch diesem Laster ergeben sehen müsse.“ Mit Wimpheling, dem Erzieher des berühmten Straßburger Stättmeisters Jakob Sturm, dem Freunde des ausgezeichneten Predigers Geiler von Kaisersberg, und mit anderen Männern, welche Innigkeit des Gemüthes mit geistiger Regsamkeit verbanden, stand Crato auf vertrautem Fuße. Schon 1501 ereilte ihn der Tod; er zählte erst ein und fünfzig Jahre. Dankbare Schüler, die kaiserlichen Räthe Villinger und Spiegel, später entschiedene Gegner der evangelischen Lehre, setzten ihm ein einfach würdiges Denkmal.

Es läßt sich nicht zweifeln, daß Leo für sein ganzes Geistes- und Gemüthsleben in dieser Schule zu Schlettstadt bedeutende Eindrücke empfing. Auch knüpfte sich an den Besuch derselben manche Bekanntschaft von bleibendem Werthe. Der berühmte Humanist Beatus Rhenanus, des Erasmus besonderer Freund, war ebenfalls Crato’s Zögling, sowie der damals noch sehr junge Martin Bucer und Johann Sapidus (Witz), unter dessen Leitung in der Folge (um 1517) die Zahl der Schüler in Schlettstadt auf neunhundert anstieg. Außerdem sind als Schulgenossen Leo’s, mit denen dieser auch späterhin freundschaftliche Verbindung unterhielt, noch zu nennen: Paul Volz, der nachherige Abt des Klosters Hugshofen im nahe gelegenen Weilerthale, ein Mann von inniger Herzensfrömmigkeit und tiefem Gemüthe, der 1526 Alles dahin gab um des Evangeliums willen und in ächter Demuth fortan dem Herrn allein diente; sodann: Johann Adelphi (oder Adelphus, Adolf), der sich der Medizin zuwandte (die auch schon Crato’s Lieblingsstudium in seinen Freistunden war) und Stadtarzt in Schaffhausen wurde, daneben aber um Verbreitung edler Geistesbildung und christlicher Wahrheit sich sehr verdient machte, wie denn hie und da in jenen Zeiten das Interesse für Theologie und Medizin sich gepaart findet.

Auch Leo Judä neigte sich eine Zeit lang zur Arzneiwissenschaft und zu der damals von ihr noch nicht getrennten Pharmacie. In Basel, wohin er sich nun begab, brachte er zwei Jahre bei einem Apotheker zu; doch studierte er daneben und hörte einige Vorlesungen. Schon im Herbste 1499 finden wir ihn in die Liste der Studierenden eingetragen. War bis dahin zwar bereits ein guter Grund zu seiner wissenschaftlichen und sittlichen Bildung gelegt worden, aber noch in einer gewissen Dämmerung, von der aus gar verschiedene Lebensrichtungen eingeschlagen werden konnten, so sollte ihm nun hier eine Morgenröthe aufgehen, deren Glanz ihm nie mehr erlosch. Hier fand er den nur wenig jüngern Ulrich Zwingli und schloß mit ihm den festen Freundesbund, der für sein ganzes Leben so folgenreich ward. Gemeinsam saßen sie zu den Füßen des Thomas Wittenbach (aus Biel in der Schweiz gebürtig), der mit tüchtigen Kenntnissen ausgestattet im Jahre 1505 nach Basel kam von Tübingen her, wo er zuerst studiert und dann gelehrt hatte. Er brachte ein neues Licht. Zwar führte auch er nach der damals noch feststehenden Sitte seine Schüler durch die öden Steppen der mittelalterlichen, das Papstthum und alle seine Mißbildungen schützenden Schulweisheit (Scholastik), so daß er späterhin selbst ihnen klagte, so viele Zeit seines Lebens habe er unnütz damit vergeudet. Aber er wies sie doch auf Besseres. Muthvoll wagte er in seinen Vorträgen manche Punkte der papistischen Lehre anzugreifen, besonders betreffend den Ablaß, die Sakramente, die Mönchsgelübde; ja er disputirte öffentlich wider den Ablaß. In diesem Sinne erklärte er namentlich auch die Epistel St. Pauli an die Römer. Er ahnte was kommen werde. Nicht mehr ferne, sagte er nach Leo’s Zeugniß zu den Jünglingen öfter, sei die Zeit, da diese Schultheologie weichen müsse und die alte christliche Lehre, wie sie von den Kirchenvätern aus der heiligen Schrift geschöpft worden, wieder hergestellt werde. Mit besonderer Hochachtung reden daher beide, Leo sowohl als Zwingli, auch später von ihm. „Wittenbach, sagt Leo, war ein Mann von ausgezeichneter Gelehrsamkeit in verschiedenen Zweigen der Wissenschaft, so daß er unter die vorzüglichsten Gelehrten jener Zeit gerechnet, ja als ein Phönix bewundert und selbst angestaunt wurde. Alles, setzt er hinzu, was wir von gründlicher Wissenschaft uns erworben, haben wir aus ihm geschöpft; wir haben es gänzlich ihm zu verdanken. Er streute gleichsam die Samenkörner der wahren Religion in unsere Herzen.“ Und Zwingli bezeugt, dieser Lehrer sei’s gewesen, durch dessen Unterricht die Erkenntniß zuerst ihm aufgegangen, daß Jesus Christus uns vom Vater zur Gerechtigkeit gemacht und sein Tod die einzige Bezahlung sei für unsere Sünden. Dauerte es auch mehr als ein Jahrzehend, bis jene von Wittenbach geahnte Zeit herein brach, war ihm selbst nur eine beschränkte Mitwirkung dabei vergönnt, und mußte freilich jeder seiner Schüler aus all den Umhüllungen, unter denen die Wahrheit fast begraben lag, selbst sich zum Lichte hindurch ringen, so hatten diese doch von ihm einen mächtigen Anstoß empfangen zum fortgesetzten emsigen Studium der alten Kirchenlehrer und der von diesen als entscheidende Richtschnur anerkannten und über Alles hochgehaltenen heiligen Schrift. Wir wissen, wie emsig Zwingli sich bemühte darin fortzuschreiten und dürfen aus den Erfolgen schließen, daß sein Freund und Gefährte Leo, von demselben Eifer beseelt, es ebenfalls daran nicht fehlen ließ.

Wie Zwingli während dieser Studienjahre in Basel ein Lehramt an der St. Martinsschule versah und so seinen Unterhalt fand, bekleidete Leo Judä die Stelle eines Diakons zu St. Theodor in Klein-Basel. Er erwarb sich auch gleich Zwingli die Magisterwürde.

Neben ihren Studien und Arbeiten vereinte die beiden Freunde ihre gemeinsame Liebe zur Musik; sie erheiterte ihnen auf’s lieblichste die Stunden ihrer Erholung.

Doch es schlug auch diesen Jugendfreunden die Stunde der Trennung und zwar einer Trennung auf viele Jahre hinaus. Lange Zeit sollten sie dem Raume nach sich ferne bleiben, da ein Jeder von ihnen die jugendlichen Kräfte zunächst seiner Heimathgegend zu widmen hatte. Wie Zwingli zu Glarus, so wurde Leo Judä Pfarrer zu St. Pilt (St. Hippolyte), einem nicht unbedeutenden Städtchen unweit seines Geburtsortes, damals den Herzogen von Lothringen unterthan. „Da war er lieb und verrühmt seiner Lehre und Kunst halb.“ Als ein Zeugniß von der Achtung und Liebe, die er hier genoß, wird uns angeführt, daß er im Jahre 1517 nach dem Hinschied des regierenden Herren von Rappoltstein, des achtzigjährigen Maximilian II. (Schmaßmanns II.), welcher 1483 die Pilgerfahrt nach Jerusalem gemacht hatte, auf besonderes Verlangen der Hinterlassenen nach Rappoltsweiler berufen wurde, um die Begräbnißpredigt zu halten, mit dem Bemerken, er werde dadurch den Gnädigen Herren und allem Volk einen großen Gefallen thun.

Auch Leo gehörte zu dem großen Bunde derer, die der kommenden Tage harreten und unterdessen sich beflissen, in der Stille dem Herrn ein gerüstetes Volk zu bereiten, bis auch zu ihm die hellen Klänge des von neuem erschallenden Evangeliums drangen, die hie und da im Elsaß alsbald vielfältigen Anklang fanden. Was wünschte er sehnlicher, als daß auch seinem lieben Elsaß, an dem er so innig hing, die köstliche Segnung zuströmen möchte. Und doch war es ihm nicht beschieden, hier dafür mitzuwirken, wo damals freilich noch so wenig Aussicht auf’s Gelingen vorhanden, vielmehr offenbar war, daß vorerst von anderen günstigeren Punkten her die gewaltigen Wogen der erneuten Gotteserkenntniß in dem großen Geisteskampfe stärker, ja fast unwiderstehlich heranbrausen müßten. An einen dieser Lichtpunkte ward unser Leo ehrenvoll berufen durch ein mächtiges Freundeswort. Doch sollte, was er in St. Pilt gepflanzt hatte, nicht alsbald gänzlich untergehen, sondern noch, wie wir später sehen werden, für eine Weile einen treuen Gärtner finden, der die zarten Keime pflegte.

2. Leo in Einsiedeln, 1519-1523.

Beginn seines reformatorischen Wirkens.

Das berühmte Gotteshaus Maria Einsiedeln, in der erhabenen Gebirgswelt des Kantons Schwyz gelegen, war damals wie noch jetzt ein von allen Seiten, auch vom Elsaß her viel besuchter Wallfahrtsort. Sah man doch einst auch den gefeierten Prediger Geiler von Kaisersberg an der Spitze eines langen Zuges von Straßburgern dorthin pilgern. Dieser Ort, von welchem man nach menschlicher Einsicht am wenigsten es erwarten durfte, hatte Leo’s Jugendfreunde Ulrich Zwingli seit 1516 eine willkommene Stätte für sein rüstiges Vorwärtsstreben dargeboten, ganz geeignet, um da Tausenden und Tausenden die Augen zu öffnen für das Licht des Evangeliums. Und nun, da Zwingli um dieser seiner evangelischen Predigt willen im Dezember 1518 nach Zürich, dem damaligen Vororte der Schweiz, als erster Pfarrer am Großmünster berufen ward, ersah er sich Leo Judä zu seinem Nachfolger als denjenigen, den er für den Tüchtigsten hielt, um in Einsiedeln das von ihm Begonnene fortzusetzen. Schon am 17. Dezember schrieb er an Leo nach St. Pilt in seinem treuherzigen Tone: da er der alten, innigen Freundschaft stets gedenke, liege ihm nichts mehr am Herzen als was Leo zum Besten diene, so sehr daß er, sobald er vernommen, es sei ihm etwas Unerwünschtes widerfahren, auf der Stelle habe anfangen müssen darüber nachzusinnen, wie seine Lage könne verbessert werden. Da er nun wisse, wie Leo seiner Begabung oder Naturanlage nach (obwohl auswärts geboren) zu den Schweizern sich hingezogen fühle, dabei eine mehr als gewöhnliche wissenschaftliche Bildung besitze, namentlich aber eine Treue ähnlich der Cato’s, so glaube er, die Stelle eigne sich ganz für Leo und werde auch ihm selbst genehm sein. Der Stellvertreter des Abtes Herr Theobald von Geroldseck, Administrator des Klosters, habe nach seiner Geneigtheit gegen Zwingli, ihn beauftragt, dies Schreiben an Leo zu richten um ihn herzuberufen. „Jetzt also, fährt Zwingli fort, jetzt bietet sich dir der Anlaß dar, dich ins Schweizerland zu begeben, ja mitten unter die Schwyzer zu treten und zwar in höchst ehrenvoller Stellung. Denn komm nur (und zwar auf Kosten des Herrn), und alle deine Wünsche werden erfüllt werden. Nicht wenig liegt in meiner Hand und ich werde wie bis dahin zu deinem Besten wirken. Ich habe dich nämlich hinsichtlich deiner Schriftkenntniß empfohlen, als einen würdigen Pfleger dieser unbekannten und wahrhaft heiligen Schriften und als jenen schlichten, besonnenen Leo, der mir von Grund aus aufs genaueste bekannt sei. Dies hat so auf den Herrn Administrator gewirkt, daß er ein brennendes Verlangen hat vor allen andern Sterblichen dich zu bekommen. Drum ergreif diese günstige Gelegenheit beim Schöpfe! denn von hinten kannst du (nach dem lateinischen Spruchwort) die kahle nicht fassen. Das Volk, dem du hier vorzustehen hast, ist einfach und hört, da ich nun den Weg geebnet, gerne Christum verkündigen; der Unterhalt ist reichlich, der Herr nicht besonders gelehrt, aber er liebt die Wissenschaften und schätzt die Gelehrten über Alles. Ueberdies werde ich nicht weiter als sechs Stunden von dir entfernt sein, und so wirst du auch meinen Umgang nicht entbehren müssen. Laß dich doch bewegen, mein inniggeliebter Leo, durch diese meine eilfertigen aber von Herzen gehenden Zeilen; steig, wie gesagt auf des Herrn Kosten, zu uns herüber! Ich weiß, es wird dich nicht gereuen. Und hast du Alles dir wohl überlegt – so lebe wohl!“

Wir sehen hier klar, welches die Eigenschaften waren, die Leo in Zwingli’s Augen ganz besonders geeignet erscheinen ließen, an jener wichtigen Stätte sein Nachfolger zu werden. Es war die beachtenswerthe Vereinigung von elsässischer Milde und Gemüthlichkeit mit schweizerischer Tapferkeit und Festigkeit, die wir, wohl in Folge glücklicher Verschmelzung der elterlichen Nationalitäten, bei Leo antreffen. Zwingli ging in der That nicht fehl, da er in ihm einen solchen Ausländer zu erkennen glaubte, der ganz für die Schweiz passe. Nicht zu übersehen ist auch, daß es ein Landsmann von Leo war, der ihn nach Einsiedeln berufen ließ, jener Geroldseck, der bei dem hoch angestiegenen Alter des Abtes Alles daselbst leitete, der Urheber der reformatorischen Richtung des vielberühmten Gotteshauses war, der auch Zwingli dahin gezogen hatte und desselben steter Freund und Gönner blieb ungeachtet all der äußeren Nachtheile, welche für jene Stätte mit der Rückkehr zum reineren Evangelium verknüpft sein mußten. Aus dem Elsaß war dieser Freiherr Theobald von Hohengeroldseck und Sulz nach Einsiedeln gekommen; im Elsaß lebten seine Brüder, deren einer Namens Gangolf in der Folge als kaiserlicher Landvogt an der Spitze der Regierung des obern Elsaßes stand.

Worin jenes Unangenehme bestand, was unserm Leo in seinem Heimathlande zugestoßen, läßt sich nicht näher angeben. Kurz, Leo folgte dem Rufe. Doch verstrich noch ein Halbjahr bis zu seinem Abgange. Herzlich nahm er Abschied von seiner Mutter und Schwester, von denen jene auch fernerhin nicht abließ öfter ihn mit Muttertreue vor Spiel, vor Weibern und vor schlimmer Gesellschaft zu warnen, indeß schon im folgenden Jahre unter anhaltendem Gebete gottselig und geduldig verschied, bis zum letzten Augenblicke bei voller Besinnung, indem sie ihn sterbend noch durch seine Schwester Clara (die sich mit Jakob Schmid zu Bergheim verehelichte) bitten ließ, „er solle sie doch sich lassen empfohlen sein in seinen Aemtern und allezeit zu Gott für sie beten.

Am 24. Juni des Jahres 1519 reiste er aus seiner Heimath ab und langte zu Pferde nach sechs Tagen in Einsiedeln an, wobei er sich so einrichtete, daß er den Sonntag in Dornach bei seinem Vetter dem Landvogt Winkeli und den Feiertag St. Peter und Paul bei Zwingli in Zürich verbrachte. Von der Reise und dem erfreulichen Anfang seines Aufenthaltes in Einsiedeln gibt er den Seinigen in kurzen Zügen ein anschauliches Bild, indem er ihnen schreibt: „Meinen freundlichen Gruß, allerherzliebste Mutter und Schwester! Ich laß euch wissen, daß es mir durch Gottes Gnade gar wohl geht und daß ich frisch und gesund bin, auch daß mich mein Herr der Abt sehr lieb hat und mir mehr Zucht, Freundschaft und Ehre erweist, als ich verdienen mag Noch liegt das Faß mit meinen Sachen zu Basel in dem Kaufhaus und mangle ich der Kleider und Bücher gar übel. Ich schicke dir hier gar ein hübsch Paternoster (Unservater) des würdigen Vaters Martin Luthers, eines Augustiners zu Wittenberg; das predige ich jetzt zu Einsiedeln und das lies mit Fleiß; denn es gar gut und nützlich ist und eitel rechter Grund aus heiliger Schrift. In künftigen Zeiten will ich dir etwas mehr schicken, auch einen Glarner Zieger möchte ich dir zukommen lassen, wofern ich Fuhre finde. .. und wenn ich kann zuverlässige Botschaft haben, will ich dir Geld senden. Schreib mir, wie es euch gehe zu Berken (Bergheim). Grüße mir meine herzliebe Schwester und sag ihr, sie solle doch fromm und bieder sein. Grüße mir auch Herrn Diebolt, Herrn Simon und wer nach mir frägt. Nur noch dies: Gott erhalte euch Alle gesund!“

Hier in Einsiedeln fand Leo die schönste Gelegenheit an dem großen Gotteswerke Theil zu nehmen, das so lange schon von der Christenheit ersehnt worden und nun eben mit Allgewalt in Nord und Süd die Gemüther der deutschen Nation erfaßte und bewegte, an der Herstellung der gesunkenen Kirche durch die freie Predigt des Evangeliums. Hatte Zwingli schon muthvoll begonnen, wiewohl noch mit großer Schonung der im Glauben Schwachen, so durfte Leo es wagen, noch unumwundener gegen all den Wahnglauben aufzutreten, der sich in Bezug auf Ablaß, auf Wallfahrten, Gelübde, Vergabungen, auf das Fegfeuer, die Anrufung der Maria und die Verehrung ihres Bildes eingeschlichen und hier gerade so lange genährt worden war. Ganz bezeichnend ist für Leo’s Verkündigung des lauteren Evangeliums, daß er sie anhob mit dem Gebete des Herrn nach der schriftmäßigen Auslegung Luthers, die wenige Wochen zuvor zu Basel in einer neuen Ausgabe erschienen war und von der, wie bekannt, in Zürich die Hörer seines Zwingli gar nicht anders glauben wollten, als daß er (Zwingli) ihr Verfasser sei, da sie ihn kurz vorher bei seinen Predigten über das Evangelium St. Matthäi ganz in demselben Sinne predigen gehört hatten. Es ist uns ein recht klarer Beweis davon, wie Leo völlig in Einem Sinn und Geist arbeitete mit den beiden großen Heerführern in dem Kampfe für das Evangelium. Um zu begreifen, was er seiner Mutter sagen wollte mit den Worten: „das predige ich jetzt,“ wie dadurch weder der Frische noch der Selbstthätigkeit und Selbstständigkeit des Predigers Eintrag geschehen mußte, mag man sich nur an die Gewohnheit des vielbewunderten Geiler von Kaisersberg (gestorben 1510), des ersten Predigers seiner Zeit, erinnern, öfter bald geistliche bald weltliche Schriften seinen Predigten zu Grunde zu legen und darüber zu predigen.

Auch zu eigener Fortbildung, zur Vertiefung und Befestigung in der Erkenntniß der christlichen Wahrheit und zu wissenschaftlicher Thätigkeit bot sich in Einsiedeln für Leo willkommener Anlaß. Da war ein Kreis von strebsamen Männern theils Mönche theils namentlich seine Amtsgenossen, die Weltpriester M. Franz Zink, M. Johannes Oechslin (auch Bovillus oder Taureolus genannt, später Leo’s Nachfolger in Einsiedeln), Rudolf Baltenschweiler rc., welche, schon durch Zwingli angeregt, sammt dem Administrator bemüht waren in den alten Sprachen sich zu üben, die alten Kirchenväter, die rechten Zeugen der ursprünglichen, reineren christlichen Lehre, einen Hieronymus, Augustinus, Ambrosius, Chrysostomus gemeinsam ernstlich zu studieren, um den wahren Sinn der heil. Schriften immer mehr zu ergründen, und es gerne annahmen, daß Leo ihnen wissenschaftliche Vorlesungen darüber hielt. In diesem Kreise wurden die eben erscheinenden Schriften eines Erasmus und Reuchlin, an deren Geisteserzeugnissen Leo sich schon bisher gebildet hatte, sowie die Luthers mit größter Begierde gelesen und stets einläßlich und angelegentlich besprochen und beurtheilt. Auch bei Tische unterredete sich Leo öfter mit von Geroldseck über schwierige Lehrpunkte; der greise Abt Konrad von Rechberg merkte auf und hörte gerne zu, wiewohl er sonst dem Waidwerk und Ritterleben mehr als dem Mönchsthum und den Studien ergeben und gewohnt war, Alles seinem Stellvertreter zu überlassen; dann fuhr er etwa mit dem Ausrufe dazwischen: „Ich thät euch in euer Disputiren! Ich werd‘ an meinem letzten End und stets zu Gott mit dem heil. David sagen: O Herr, erbarm dich mein nach deiner großen Barmherzigkeit, und: Herr, geh nicht ins Gericht mit deinem Knechte! und allen anderen Dingen frag ich gar nichts nach.“

Leo seiner Seits begnügte sich nicht damit, mündlich die Botschaft des Heiles zu verkündigen; vielmehr befliß er sich, auch dadurch Andere in der Erkenntniß der Wahrheit zu fördern, daß er eine Reihe der trefflichsten Schriften, die so eben lateinisch erschienen, in seine Muttersprache übertrug und in deutscher Uebersetzung ans Tageslicht treten ließ. Dahin gehört Luthers Tractat: „Was der Glaube sei und ein wahrhaft christliches Leben.“ In seiner Widmung an die Nonnen unweit Einsiedeln, deren Pfarrer er war, schreibt er: „Ich habe mich bisher dessen beflissen, liebe Schwestern, daß ich euch wohl unterweise und lehre zu leben in wahrem Vertrauen auf Gott und inbrünstiger Liebe zum Nächsten, damit ihr abgezogen werdet von vielen Irrungen und Umschweifen, wodurch die Menschen nicht Seligkeit erlangen, sondern daran gehindert werden. Und damit ihr dies desto besser thun könnt, hab ich euch nicht allein mit Worten ermahnt, sondern euch viele hübsche, nützliche und fruchtbare Büchlein in Deutsch gegeben, damit ihr durch Lesen derselben desto besser erlernen möchtet, worin wahre Frömmigkeit und Seligkeit des Menschen bestehe.“ In derselben liebevollen Absicht habe er nun zu ihrer Förderung dieses köstliche Büchlein aus dem Lateinischen übersetzt: „Hier, fährt er fort, lernet ihr Gott, euch selbst und den Nebenmenschen erkennen, hierin findet ihr, was Christus sei, was das Leben, was der Tod, was Sünde, was Gnade, was Verdammniß, was da sei Seligkeit, was der Glaube, was die Liebe, kurz was da sei ein wahres Christenleben; darum, meine lieben Schwestern in Christo, leset dies mit allem Fleiße; dies schenk ich euch; ich habe weder Silber noch Gold; was ich aber von Gott empfangen habe, das theile ich euch mit. Ich bin der Hoffnung, so ihr dieses Büchlein mit Fleiß und Ernst leset und behaltet, wird euch in Kurzem euer Leben verändert und wahrhaft geistlich werden, nicht bloß im äußerlichen Scheine und der Kleidung, sondern in allen Werken, Worten, Sitten und Uebungen Gott der Herr verleihe euch christliche Liebe und Eintracht! Bittet Gott für mich armen Sünder, daß er mir Gnade und Stärke verleihe, sein heiliges Evangelium zu fördern!“

Mit derselben Bescheidenheit und Herzlichkeit widmet er (1520) seine Uebersetzung von Erasmus Auslegung des ersten Psalms dem ehrsamen, frommen Martin Ibech, Landammann des Kantons Schwyz, welcher an der Spitze derjenigen Regierung stand, die als Kastvogt des Klosters Einsiedeln von großer Bedeutung und damals dem Evangelium keineswegs abhold war. Nicht besser, sagt er auch bei diesem Anlaß, glaube er als ein Priester sich ihm (dem Landammann) dankbar erzeigen zu können, als durch Darreichung geistlicher Gaben, wie denn gerade in dieser Schrift an zwei Vorbildern Seligkeit und Unseligkeit trefflich dargestellt sei. „Doch alle Frucht, die ihr aus diesem Büchlein empfanget, müßt ihr Gott dem Herrn zuschreiben und dem, der dies erstlich in Latein verfaßt hat. Gott der Herr geb euch Gesundheit Leibes und Gemüthes!“

Ebenso lehnt er gar demüthig alle Anerkennung von sich ab in seinem Vorworte (von 1521) zu des Erasmus Unterweisung eines christlichen Fürsten, die er auf Antrieb des treueifrigen Theobald von Geroldseck übersetzte, weil es (wie er mit tiefem Bedauern sagen müsse) wenige deutsche Fürsten und Vorgesetzte gebe, die der lateinischen Sprache kundig seien, und doch der verborgene reiche Schatz, den Erasmus aus dem ganzen Alterthum zusammen getragen, vielen von ihnen von großem Nutzen sein müßte. Hier werde nämlich Alles aufgezeigt, was dazu diene, um als ein frommer Christ mit Ehren und christlich zu regieren. Während Erasmus dem jungen Karl V. die Schrift gewidmet habe, „jetzt erwähltem römischen Könige, unseren, allergnädigsten Herren, in welchem schon damals solche Fünklein der Ehrbarkeit und edler Art hervor schimmerten, die zu den schönsten Hoffnungen berechtigten,“ eignet Leo seine Uebertragung dem Bruder seines Gönners, dem Freiherrn Gangolf von Geroldseck zu, dem es beschieden war dereinst (seit 1533) als Landvogt, an der Spitze der östreichischen Regierung zu Ensisheim, in der Beherrschung seines Heimathlandes den obersten Rang einzunehmen. Er bittet ihn herzlich die kleine Gabe, die er aus seiner Armuth darbiete, huldvoll anzunehmen.

Auch „die Klage des Friedens“ gab Leo, offenbar zum Frommen der kriegerischen Welt, die ihn umgab, (1521) deutsch heraus, eine Schrift, in der Erasmus den Frieden redend einführt, wie er erstlich die Vortheile herzählt, die er mit sich bringe, dann sich darüber beklagt, wie er überall unter den Völkern, selbst von den (scholastischen) Theologen, verachtet, vertrieben und verstoßen sei, und endlich zeigt, wie er von der christlichen Religion durchaus gefordert werde. Leo entbietet allen Lesern seinen Gruß zuvor und christliche Liebe. „Weil dermalen“, sagt er, „die ganze Welt zu Aufruhr und Krieg geneigt ist und Wenige sind, die den Frieden lieb haben und beschirmen, daher denn viel Schaden und Uebel, großes Verderben und Vergießen des Christenblutes erfolgt, Viele zu Wittwen und Waffen gemacht werden, was dann kläglich und erbärmlich ist zu hören, geschweige denn zu sehen und zu leiden, unter denen besonders, welche sich ja Christen nennen dem nach, der ein Fürst des Friedens heißt und ist: so bin ich durch die Bitten des Abtes (Wolfgang Joner) zu Kappel bewogen worden, dies Buch in’s Deutsche zu übertragen, durch welches, wie ich hoffe, Viele gebessert und zum Frieden gereizt werden mögen.“ Er entschuldigt sich noch, daß er Frankreich nicht so hoch gelobt, wie einst Erasmus gethan; dies habe ihn nicht nöthig bedünkt, indem ohnehin ihrer Etliche in ihrem Nutzen mehr Liebe dazu haben, als dem gemeinen Nutzen gut sei.

Wir sehen hier Leo, gleich Zwingli und andern seiner Freunde, bemüht, die Herzen abzulenken von den so unseligen Söldnerkriegen („Reislaufen“ genannt), die immer drohender am Marke des Volkes zehrten.

Noch näher aber dem Alles bewegenden reformatorischen Wirken liegen seine damals schon einzeln erscheinenden Uebersetzungen der sinnvollen, zu jener Zeit sehr nützlichen Umschreibungen paulinischer Briefe, welche Erasmus allmälig heraus gab, sowie eben desselben: „Klage Jesu zu dem Menschen, der aus eigenem Muthwillen verdammt wird“, ein liebliches Gedicht, das Leo (1522) auch in Versen wiedergab. Der Herr spricht:

„Sagt an, ihr Menschen allgemein,
Die ihr doch habt von mir allein,
Daß reichlich ausfließt alles Gut,
So Himmel und Erd einschließen thut:
Was blendt euch? was bethört euch so,
Daß ihr das suchet anderswo,
Und nit in mir, der ich der Bronn
Und Ursprung bin, der euch auch gonn‘,
Ja gegentrag‘ euch Solches frei,
Damit euch kein Entschulden sei:
Was habt ihr Arbeit, groß‘ Unruh‘,
Kein Fried‘, kein‘ stete Freud‘ dazu?
Was ficht euch an? was Muthwills Lust?
Was B’gierd‘ habt ihr? hangt an umsust (umsonst)
Dem Schatten und dem falschen Wahn,
Da euch kein Nutz mag draus entstahn,
So ich allein die Seligkeit
Und wahres Heil euch hab‘ bereit?
Ein freudenreicher Freund bin ich
Und dazu stet, theil‘ selber mich
Und, was ich hab‘, mit meinem Fründ (Freund).
Wie? daß man doch so Wenig‘ findt,
Die solcher Freundschaft stellen nach,
So ich aus Gunst, vergebens doch
Mein’s Reichthums Schatz geb‘ jedermann Und niemand unbegabet lan (lasse)?
Ich bin die Straß‘ und Weg allein,
Der alle Menschen gleich gemein
Zum Himmel führ‘; warum geh’n dann
So wenig Leut‘ auf dieser Bahn?
Die ewig‘ Wahrheit ich selbst bin,
Die allen Falsch und Trug treibt hin;
Wie ist das Volk denn so verblendt,
Daß mich so gar jetzt niemand kennt;
Wie sind die Menschen so bethort (bethört),
Daß sie nit glauben Gottes Wort?
Mein‘ Zusag‘ ich gar treulich halt‘,
Und hab‘ deß Macht und volle G’walt;
Wie sind denn das so thöricht‘ Leut‘,
Die mir mißtrauen allezeit?

G’neigt bin ich mit Erbärmd‘ gen dir,
Wie? daß du doch nit fliehst zu mir,
Als zu einer sichern freien Statt,
Da Sünd‘ und Schuld Verzeihung hat?
Darum, o Mensch, verläßst du mich,
Und führt in Tod dein‘ Blindheit dich,
Gib mir nit Schuld, klag mich nit an!
Du hast’s dir selbst muthwillig g’than;
Durch mich ist gar ganz nichts versumt (versäumt).
Wirst du verdammt, dasselb‘ das kumt (kommt)
Von deiner Bosheit, Muthwill groß;
Die Schuld auf keinen Andern stoß.
Denn was ist noch vorhand, das ich
Nit hab‘ gethan? Bericht‘ deß mich!
So nun dein Herz ist härter viel
Als Marmorstein, und dich nit will
Bewegen solch inbrünstige Lieb‘,
Die ich so überfließend üb‘
Allzeit gen dir, und dir mein‘ Güt‘
Nit weichen (erweichen) mag dein hartes G’müth;
So dich nit reizt gewisser Lohn,
Den ich dir dort bereitet schon;
So dich kein‘ Furcht der Hölle schreckt,
So dich kein‘ Scham, kein‘ Ehr‘ erweckt,
Ja, so dies All’s dich härter nur
Und noch verstockter macht, wodur (wodurch)
Ein Stahel (Stahl) und ein harter Stein
In Stücke wind‘ zerspalten klein;
Was soll ich dann mehr brauchen Kunst?
Was soll ich väterlicher Gunst
Gen dir erzeigen fürder meh (mehr),
So du dich in das ew’ge Weh
Ganz willig und mit Muthwill gibst,
In dem du immer und ewig blibst (bleibst)?
Denn daß ich dich zur Seligkeit,
Die ich euch Allen hab‘ bereit’t,
Woll‘ zwingen wider deinen Will,
Ist meiner G’rechtigkeit zu viel,
So leidet’s Billigkeit gar nicht,
Auch all‘ Vernunft dawider sicht.“

Auf Zwingli machte dieses Gedicht, wie er es um’s Jahr 1514 bei einem Besuche zu Basel lateinisch las, einen solchen Eindruck, daß er neun Jahre später bezeugt, er sei dadurch zu der Einsicht und zu dem festen Glauben gekommen, daß wir keines andern Mittlers bedürfen als Christi allein und keine Hülfe zu suchen haben bei der Kreatur, da er doch die Quelle alles Guten sei, ein Heiland, Trost und Schutz der Seele.

Durch alles das, was wir hier an Leo wahrnehmen, durch all seine Emsigkeit und Innigkeit, mit der er vorwärts drang auf dem von Zwingli eingeschlagenen Wege, sehen wir völlig bestätigt, was ein junger Freund von ihm, Namens Johann Liechtenburger, beim Beginne seines Wirkens in Einsiedeln bezeugt, da er ihn als einen Zwingli ganz Ergebenen bezeichnet, als ein kleines Männchen, das aber an Heldenmuth keinem nachstehe, in welchem vielmehr Alles, was man zum Lobe eines Biedermannes sagen könne, reichlich, ja in überfließendem Maße sich finde.

3. Leo’s Erwählung zum Pfarrer am St. Peter in Zürich.

Weitere Schritte im Reformationswerke.

Wir können uns daher nicht verwundern, daß Zwingli unter den stets schwerern Anfechtungen, die er bei der fortgehenden Verkündigung der einfachen christlichen Wahrheit erfahren mußte, wünschte, gerade Leo als Mitarbeiter in seiner Nähe zu haben, um durch ihn verstärkt desto eher in Zürich der Reformation zum Durchbruch zu verhelfen. Eine willkommene Gelegenheit bot sich hierzu dar, als der betagte Pfarrer Röschli zu St. Peter, der an Kenntnissen arm und der Erneuerung der Kirche ohnehin nicht günstig war, sich entschloß sein Amt nieder zu legen. Ohne etwas Näheres zu melden, schrieb Zwingli am 22. Mai 1522 in beliebter Kürze seinem Leo nach Einsiedeln: „Liebreicher Leo, künftigen Sonntag liest ein Mönch von Rüti (einem Kloster im Kanton Zürich) im St. Peter seine erste Messe. Da scheint es mir gerathen, daß Du die Predigt haltest. Komm also am Sonnabend zu mir, damit Du am folgenden Morgen früh vor dem Volke predigen kannst. Dies wird unser Vorhaben trefflich fördern. Wir müssen nämlich bisweilen etwas thun, was wir durchaus nicht mögen, damit, was wir am liebsten mögen, dereinst erfolge. Lebe wohl! Kommen wir zusammen, so werden wir viel mit einander zu besprechen haben.“

Leo kam; er predigte etliche Male. Der kleine Mann mit der hellen, wohlklingenden Stimme, der lebhaften Gesichtsfarbe, dem gedrungenen Körperbau, dem festen, entschiedenen Ausdrucke in seinen Gesichtszügen gefiel so wohl, daß die gesammte Kirchgemeinde von St. Peter, der von Alters her das unbedingte Wahlrecht zustand, um Pfingsten (1522) ihn zu ihrem Pfarrer erwählte; doch sollte er erst im nächsten Februar sein Amt antreten. „Er war ein kurzer Mann,“ sagt ein Zürcher jener Zeit von ihm, „aber ganz gleich im Lehren wie Zwingli; nur daß er eine zahme wiewohl verständliche Aussprache hatte.“ Wie Zwingli selbst von ihm dachte, erhellt aus einem Schreiben an Myconius vom 26. August 1522, worin er diesem, nach seiner Welse Scherz mit Ernst paarend, sagt: „Bald wird auch der Löwe mit der gewaltigen Stimme und dem nach Gerechtigkeit dürstenden Herzen da sein, zwar klein von Person, aber voll Heldenmuthes.“

Zunächst bewährte Leo diesen Muth dadurch, daß er einer von jenen zehn Priestern war, die bei dem schon begonnenen Kampfe es wagten, gemeinsam mit Zwingli eine gewaltig ernste Bittschrift (datirt Einsiedeln, 2. Juli 1522) mit Unterzeichnung ihrer Namen an den Bischof von Konstanz zu richten und ein freundliches Ansuchen an die eidgenössischen Regierungen zu erlassen, worin sie dringend bitten, man solle sich nicht wider das heilige Evangelium verhetzen lassen, als ob dasselbe etwas Neues oder Ungebührliches wäre, und ihren festen Entschluß erklären, nichts Anderes zu predigen als die göttliche Wahrheit gemäß den heiligen Schriften; da ferner nichts der reinen Lehre hinderlicher sei als ärgerliches Leben der Prediger, so bitten sie in aller Demuth, daß dem heuchlerischen Blendwerk priesterlicher Ehelosigkeit möchte ein Ende gemacht und ihnen die züchtige Ehe gestattet werden. Gleichzeitig übersetzte Leo Luther’s Schrift „von den Mönchsgelübden,“ worin dieser sich für deren Ungültigkeit erklärt, ins Deutsche; auch diese Uebersetzung übersandte man dem Bischof von Konstanz; ihr Inhalt setzte alles Volk in Erstaunen.

Sodann finden wir Leo mit Zwingli vereint im September 1522 bei dem hohen Feste der Engelweihe, das, gestützt auf die Sage, die Wallfahrtskapelle daselbst sei nicht von Priestern, sondern von Engeln, ja von Christo selbst und seinen Aposteln geweiht worden, unter dem Zulaufe einer ungeheuren Volksmenge mehrere Tage hindurch gefeiert zu werden pflegt. Da es Sitte war, für diesen Anlaß ausgezeichnete Prediger von anderwärts herbeizuziehen, berief der Administrator Zwingli dazu nebst dem Comthur Schmid von Küßnacht (bei Zürich). Nun hatten diese sammt Leo hier den erwünschtesten Anlaß bei dieser Festfeier den vielen Tausenden aus allerlei Volksstämmen, die von nah und fern herbei gekommen, mit dem klaren Gottesworte entgegen zu leuchten und aus dem lautern Evangelium ihnen den rechten Trost der Versöhnung zu spenden. Es läßt sich kaum denken, wie belebt jene Tage in Einsiedeln waren für den ganzen Kranz der hier sich zusammen findenden evangelisch gesinnten Männer, welche die steigende Größe des gewaltigen Kampfes wohl vor sich sahen, aber dennoch entschlossen waren ihn durchzukämpfen, erfüllt von der Zuversicht, daß keine menschliche Gewalt Gottes Wort zu erdrücken noch seinen Fortgang zu hintertreiben vermöge. Und dabei beharrten sie auch ungeachtet all der Lockungen, mit denen man damals von Seiten des Papstes ihnen gar freundlich entgegen kam.

Doch binnen weniger Monate kam für Leo die Stunde des Scheidens von den Freunden zu Einsiedeln; nachdem zu seinem Nachfolger im Predigtamte Johannes Oechslin (Bovillus), für die wissenschaftlichen Vorträge aber Oswald Myconius aus Luzern bestellt war.

4. Die ersten Jahre in Zürich.

Leo als Mitstreiter Zwingli’s bei der Herstellung der Kirche.

Leo traf in einer Zeit großer Aufregung in Zürich ein, als der Widerspruch gegen Zwingli schon mit Macht sich erhob und Zwingli, vom Bischof von Konstanz und dessen Generalvikar Faber bereits angefeindet, die heftigsten Schmähungen auszustehen hatte, insbesondere von Seiten der Mönche in ihren Predigten. Ein entscheidender Schritt, um Gelegenheit zu bekommen sich zu rechtfertigen, war für ihn äußerst wünschenswerth. Allein der kleine Rath hielt sich unentschieden zwischen beiden Parteien und schien jedes Eingreifen sorgfältig zu vermeiden. Hie und da kam es vor, daß ehrbare Bürger entrüstet über solche Schmachreden den Predigern ins Angesicht widersprachen. Gerade dies schien das Mittel, um den Rath dazu zu nöthigen, daß er Zwingli und seine Gegner einander gegenüber stelle und solcher Maßen dem Schelten ein Ende mache. Doch der Rath begnügte sich jenen Bürgern Verweise zu ertheilen, sie zu Frieden und Ruhe zu ermahnen, ließ auch einige verhaften. Nun war Zwingli freilich das Feld eröffnet, seinen Tadel über diese Maßnahmen öffentlich auszusprechen, aber wie scharf er dies auch that, es erfolgte weiter nichts. Wollte man die Sache weiter treiben, so mußte es mit aller Vorsicht und Behutsamkeit geschehen. Da erst, erzählt Zwingli in einem Briefe an Oekolampad, ging Leo in die Predigt des Priors der Augustiner, (der seiner Zeit der berühmteste Prediger Zürich’s war,) und als dieser in gewohnter Weise sein altes Gewäsche vorbrachte, indem er die eigene Genugthuung für die Sünden anpries, fiel er ihm im allerfreundlichsten Ton in die Rede und sprach: „O, hört doch ein wenig, ehrwürdiger Pater Prior!“ und gleich hernach: „Und ihr wackern Bürger, bleibt ganz ruhig; ich will nichts Anderes, als was einem christlichen Herzen geziemet.“ Beinahe wäre es zu schlimmen Auftritten gekommen, denn es waren handfeste Leute da, die sofort auf Leo eindrangen, um ihn für seine Keckheit zu züchtigen; doch waren auch Andere zugegen, die ihn in Schutz nahmen und so lief Alles glücklich ab. Dieser Vorfall aber vermochte, nach Zwingli’s eigenem Zeugniß, den großen Rath seinem steten Andringen gemäß zur Veranstaltung einer Verhandlung, bei der beide Parteien öffentlich sollten vernommen werden, nämlich des ersten Religionsgespräches (Disputation) in Zürich, welches am 29. Januar des Jahres 1523 Statt fand und zum Siege der Reformation so viel beitrug, ja selbst als der erste bedeutende Sieg der Reformation zu bezeichnen ist. Wollen wir jenen gewagten Schritt Leo’s richtig beurtheilen, dem Zwingli auch nach Jahren noch vollen Beifall zollte, so ist nicht zu übersehen, daß die Predigt damals im Gottesdienste nicht die hohe Stellung einnahm, die ihr allmälig erst in Folge der Reformation wieder zu Theil ward. Aehnliches geschah in jenen Zeiten öfter. Ueberdies kam es auch vor, daß Mönche bei ihren Predigten sich Einreden machen ließen durch Zuhörer, die sie selbst dazu bestellten. Immerhin wird dies Verfahren Leo’s seine Entschuldigung oder auch Rechtfertigung nur darin finden, daß außerordentliche Verwicklungen dazu nöthigen können den Knoten gleichsam zu zerhauen, wofern er sich sonst nicht lösen will, und daß es eben damals galt, durch all das hemmende Gestrüpp hindurch dem Evangelium Bahn zu brechen.

Nur Weniges war es, was Leo zu jenem Religionsgespräche vom Januar 1523 beitrug, das hauptsächlich die Anrufung der Heiligen betraf und insgemein zwischen Zwingli und dem bischöflichen Generalvikar geführt wurde. Was er aber dabei sprach, ist ganz geeignet uns seine Gesinnung in hellem Licht recht klar zu zeigen; er benutzte nämlich den Anlaß dazu, vor dem großen Rathe und der ganzen zahlreichen Versammlung in Bezug auf das Pfarramt in Zürich, das er nach drei Tagen (am 2. Februar) antreten sollte, einige einleitende Worte zu sprechen, um kund zu geben, in welchem Sinne er dasselbe zu führen vorhabe: „Gnädige, fürsichtige, ehrsame, liebe Herren“, sprach er, „ich bin von euch, meinen Herren, hier zu Zürich angenommen, vielleicht ungeschickt, zu einem Leutpriester und Pfarrer, euch das Wort Gottes, das Evangelium Christi, zu verkünden, deß ich mich, so weit mir die Gnade Gottes behülflich sein und der Geist Gottes Beistand thun wird, in alle Wege befleißen will nach meinem besten Vermögen. Nun aber, da bisher viele Menschensatzungen, die aus langer Gewohnheit in der Kirche gehalten werden, sich mit dem Evangelium vermischen, daß sie oft gepredigt und geboten werden, als ob sie dem Evangelium gleich zu halten wären; so sage ich jetzt, daß ich solcher menschlicher Statuten wenig achten, vielmehr euer Liebden allein das heitere und lautere Evangelium und was ich mit göttlicher Schrift wahrhaftig darbringen kann, vorhalten und lehren werde, abgesehen von Menschengeboten und langer Zeiten Gewohnheit, da ja solche menschliche Satzungen, wie sie von Päpsten und Bischöfen geboten werden, hier zugegen durch die von Meister Ulrich (Zwingli) ausgegangenen Sätze (die 67 Thesen) als dem Evangelium und der Wahrheit ganz widerstreitend erkannt und überwiesen, und doch niemand hier ist, der etwas Wahrhaftiges oder Gründliches für sie reden will oder zu reden weiß. Und da nun Herr Vikarius (Faber) sich vermessen, die Anrufung und Fürbitte der Heiligen mit der Schrift zu bewähren und darzuthun, Solches aber, wiewohl oft ermahnt, nicht gethan hat, so bitte ich auch (wie gleich zuvor Zwingli) von ihm zu hören und zu vernehmen, wo davon geschrieben steht in den biblischen Büchern. Denn das wird wohl auch von mir in meinen Predigten, so mir Gott Gnade verleiht, berührt und verkündet werden, daß man allein Christum Jesum anrufen, sich alles Trostes, aller Hülfe, Gnade und Seligkeit allein zu ihm versehen soll, und daß dies Alles sonst von keiner Creatur soll gesucht und begehrt werden.“ Mit großem Danke, fügte Leo freundlich bei, wollte er solche Belehrung annehmen und sich, wofern er irre, gerne von dem bischöflichen Vikar belehren lassen. Da dieser sofort Leo’s Freundlichkeit dazu benutzte Scherzworte mit ihm zu wechseln, und das Gespräch sich in Späße zu verlieren drohte, ergriff Zwingli rasch wieder das Wort und drang auf Ernst.

Am 2. Februar trat nun Leo seinen Pfarrdienst zu St. Peter an. „Seine Predigten waren, wie sein Sohn sich ausdrückt, geschmalzen und gesalzen. Doch klagte er oft, wenn er mit großem Ernst große Laster und schwere Sünden hätte strafen sollen, so habe es nicht wollen von Statten gehen. Die Ursach davon lag wohl darin, daß er von Natur ein so gütiger und mildfreundlicher Mann war. Ich habe auch von wackern Bürgern vernommen, keine Predigten seien ihm besser gelungen, als die von der christlichen Liebe.“ Ueber seine Art, sich auf die Predigten vorzubereiten, sagt derselbe: „In einer Stunde oder zweien hatte er eine Predigt studiert; er brauchte auf der Kanzel keine Notizen; daher ich auch in seinem Nachlaß weder geschriebene Predigten noch Abschriften derselben gefunden habe.“ Zu seinem Pfarramte kam alsbald noch die geistliche Besorgung des im nämlichen Stadttheile gelegenen Klosters Oetenbach, dessen Nonnen zum Theil austraten. Durch besonderen Beschluß des Rathes erhielt er den Auftrag, die zurückbleibenden „mit Messelesen, Beichtehören, Singen, Lesen und anderer zum Leben und Sterben dienender Seelsorge nach aller Nothdurft zu versehen.“

Mit aller Entschiedenheit und doch mit besonnenem Ernste unterstützte er Zwingli in seinem Bestreben die Reformation vorerst innerlich reifen zu lassen, um sie dann auch äußerlich durchzuführen und selbst dieses nur schrittweise zu thun stets im Verhältniß zu dem, was die Gemüther des Volkes zu ertragen vermöchten (gemäß Joh. 16, 12). So verfaßte Leo noch im Jahre 1523 eine deutsche Taufformel für „Taufen von Kindern Schwachgläubiger“, worin der Gebrauch des geweihten Salzes und Oeles, sowie etwas von Exorcismus (Bescheltung oder Austreibung des Teufels) noch beibehalten war. Auf den Wunsch Vieler gab er sie heraus; verwahrte sich aber auf’s nachdrücklichste gegen Mißdeutung. „Alle Gläubigen Christi, hebt er sein an alle frommen Kirchendiener gerichtetes Vorwort an, sollen sich befleißen des einigen und ewigen Gotteswortes, welches unsre Leuchte und Fackel ist, die uns in allem Irrsal und aller Finsterniß vorleuchtet. Wer diesem Lichte folgt, der wandelt nicht in der Finsterniß, sondern hat das Licht des Lebens. Ich habe aber gesehen, daß viele sind in unserer Kirchgemeinde, die dem Worte Gottes anhangen, aber noch so schwach sind, daß sie die lange eingedrungene Gewohnheit und Irrsal, so man bei der Taufe bis anhin gebrauchte, sowie Andres, nicht so eilends und schnell ganz lassen können noch wollen, und daß, wofern man sie da übereilen wollte, nicht geringe Verletzung, ja Auflehnung zu besorgen wäre. Es geht ihnen, wie denen, die lange Zeit in einem finstern Kerker gelegen; werden sie heraus genommen, so mögen sie den Glanz der Sonne und des Tages nicht ertragen; deshalb führt man sie nicht eilends an das Licht, sondern an einen dunkeln Ort, nicht daß sie allezeit in der Dunkelheit sein und bleiben sollen, sondern nur so lange, als sie die Helligkeit nicht ertragen mögen. … Das hat mich auch bewogen, für solche Schwache dies zu machen; nicht daß ich der Meinung wäre, daß sie Solches für und für gebrauchten und beibehielten, sondern daß ich sie nicht eilend von allen Dingen abstieße und verwildete (erbitterte). Und all mein Sinn, Ernst und Fleiß hat sich darauf gerichtet, daß ich die Ehre Gottes fördern und Viele in Christo erbauen wollte. Dieses meines Sinnes Zeuge ist mein Herr Christus Jesus, dem alle Herzen offenbar sind; hab‘ ich hierin etwas gesündigt, wolle er mir’s verzeihen. …. Lieber wollte ich, daß diese Nebendinge kommlich hinweg gethan würden, wofern es sein könnte, und in der christlichen Versammlung die Taufe und Anderes nach der Einsetzung und dem Worte Gottes gehalten würde; wiewohl in diesem Büchlein nichts oder wenig sich vorfindet, das dem Worte und Geiste Gottes nicht entspräche. Daher ist’s meine ernstliche Bitte an alle frommen Christen und Diener Gottes, daß sie sich allein an das lautere Gotteswort halten mögen hierin und in Anderem, damit wir bei dem rechten Licht und Wege bleiben. Wo man aber für die Schwachen (um Auflehnung und Unruhe zu vermeiden) dies und Anderes, was von Menschen gemacht ist, brauchen muß, da brauche man es eine Zeit lang als eine Speise der Kranken und Blöden; man ermahne aber die Schwachen auf jede Weise, damit sie nicht bei diesem verharren, sondern immer mehr zur Vollkommenheit erwachsen mögen und das wahre Licht des Gotteswortes ergreifen; und alsdann verbrenne und zerreiße man dieses und Anderes, was nicht im Worte Gottes gegründet ist. Wo man aber kann, da gebrauche man dieses Büchlein gar nicht und bleibe bei der Form, die Christus zum Taufen gegeben hat, da er sprach: Taufet sie auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes! Hier bitte ich Gott, daß er uns Allen solche Gemüther verleihe, daß wir alle Dinge nach seinem Worte thun und halten, damit seine Ehre gefördert, der Glaube an ihn gemehrt, sein Name geehrt, der Starke gewahrt, der Blöde vervollkommnet und befestigt, christliche Liebe und Brudertreue gepflanzt werde und gedeihe. Friede und Gnade wünsche ich allen Frommen von Gott unserem Vater durch Jesum Christum, unseren einigen Erlöser und Mittler!“

Man sieht, wie vorsichtig und ernstlich sich Leo, während er Vielen den Uebergang aus dem bisherigen Cultus in den einfacheren, ächt christlichen zu erleichtern bemüht war, gegen Beibehaltung dieser seiner Form zum Voraus verwahrte, damit ja nicht, wie es in ähnlichen Fällen so leicht geschieht, eine Formel, die bloß zeitweise gellen sollte, bei eintretender Erschlaffung sich bleibend festsetze.

In Kurzem ging sein Wunsch in Erfüllung; schon im Jahre 1525 finden wir in Zürich eine Taufform im Gebrauche, aus der alles Unevangelische entfernt war.

Noch ist zu beachten, wie Leo in seinem eben angeführten Vorwort auch auf Anderes hindeutet, was ebenfalls noch unevangelisch sei, auf Solches, das er nicht nennt, wobei ohne anders vornehmlich die Entstellung des heil. Abendmals durch die Messe zu verstehen ist, rücksichtlich deren Zwingli wie bekannt die äußerste Vorsicht beobachtete. Dieser Punkt, wie die Frage über die Bilder wurde in dem zweiten zürcherischen Religionsgespräche, im Oktober 1523, behandelt. Hier erscheint Leo Judä durchaus und allein als Zwingli’s steter Gefährte. Er widerlegt bei diesem Anlaß insbesonders die Irrlehre, als ob das Abendmal ein Opfer sei, das wir Gott darbringen würden; er zeigt, daß die Alten, auf die man sich bezogen hatte, dasselbe nicht in dem Sinne ein Opfer nennen, den man jetzt damit verbinde, als ob wir Christum opfern würden, daß vielmehr ein Gregor, Ambrosius, Augustin und Johannes Chrysostomus, die er auch gelesen habe, obwohl der Letztgenannte sich drehe und winde, gemäß Hebr. 9, 12. anerkennen, daß Christus sich Ein Mal für unsere Sünden zum Opfer gebracht habe. Am Schlusse der ganzen mehrtägigen Verhandlung bat Leo seine lieben Brüder in Christo, um Gottes willen ihm zu verzeihen, falls er etwa ein ungeschicktes Wort sollte gesprochen haben, und ermahnt sie, „ohne Unterlaß dem Worte Gottes obzuliegen und es den ihnen Anvertrauten fest zu predigen und vorzuhalten nach dem einfachen Sinne Christi zur Besserung und nicht zur Böserung. Also will ich, setzt er todesmuthig hinzu, ob Gott will, unverrückt beim Worte Gottes bleiben und mein Leben dafür lassen! Menschen mögen wohl den Leib verderben, aber die Seele nicht!“ Ebenso mahnt Leo die Obrigkeit, „fest, wie Christen gebührt, bei Gottes Lehre zu bleiben und sein Wort zu schirmen.“

Noch wurde freilich die Messe nicht sofort abgestellt; auch Leo mußte noch fortfahren bisweilen Messe zu halten, „aber es sprang, wie sein Sohn sagt, täglich ein Reif ab, bis daß das ganze Papstthum von selbst zerfiel.“ Indeß gab es noch manchen Anlaß, Langmuth und standhaftes Gottvertrauen zu bewähren. So schreibt Leo im Mai 1524 an Vadian: „Das Frohnleichnamsfest ist durch Rathsbeschluß abgeschafft. Ueber Messe und Bilder wird in dieser Woche im Rathe verhandelt und hoffentlich dem Worte Gottes gemäß, wenn nicht etwa die Macht der Gegner so groß ist, daß sie Christum in der Geburt erdrücken; doch wenn dies geschieht, hoffen wir, er stehe mir desto glorreicher dereinst wieder auf.“ Gegen Ende desselben Jahres meldet er seinen Verwandten zu Berken (Bergheim) im Elsaß, „die Bilder seien aus den Tempeln entfernt, die Klöster aufgethan; der Gelderwerb aus der Messe sei auch dahin, wiewohl man noch etwa Messe halte für die Blöden;“ das Blut treuer Bekenner des Evangeliums, der Männer von Stammheim, sei kürzlich zu Baden im Aargau geflossen um Christi willen.

Noch im April des folgenden Jahres schreibt der jugendlich eifrige Bullinger von Kappel aus hinsichtlich der Messe an Leo: daß Leo Verfolgung um der Wahrheit willen fürchte, halte er zwar für gar nicht möglich, er sei überzeugt, daß Leo nach dem Vorbilde der Apostel darob sich freuen und frohlocken würde; aber er solle doch ganz mit dem Götzendienst brechen, eingedenk dessen, was die Offenbarung St. Johannis den Götzendienern androhe. In der That wurde unter Leo’s Mitwirkung die Messe noch im nämlichen Monate ganz abgeschafft und am hohen Donnerstage (1525) zum ersten Mal das heil. Abendmal nach der Einsetzung des Herrn begangen.

Bei dieser Umgestaltung der kirchlichen Verhältnisse ergab sich für Zürich auch das Bedürfniß ein eigenes Ehe- und Chorgericht aufzustellen, um die vorkommenden Fälle in evangelischem Sinne erledigen zu lassen. In diese Behörde, welche aus drei Geistlichen, zwei Mitgliedern des kleinen und zweien des großen Rathes bestand, wurde Leo sofort bei ihrer Errichtung gewählt, im Mai des Jahres 1525, und blieb darin bis an sein Lebensende; er war fortwährend eines ihrer bedeutendsten Mitglieder. In seinen Grundsätzen über Ehescheidung schloß er sich an die Ansichten Zwingli’s sowie auch des Erasmus an. Sehr viel blieb dabei dem Ermessen des Richters anheim gestellt. Eine Anzahl von Schreiben Leo’s bekunden, mit welchem lebendigen Eifer und Ernst er dieses schwierige Amt verwaltete.

Ueberall finden wir Leo in dem großen Kampfe wider die Finsternisse des Papstthums an Zwingli’s Seite eifrig wirksam, „als seinen lieben Bruder und getreuen Mitarbeiter im Evangelio Jesu Christi“ (wie dieser selbst ihn nennt), theils mündlich, theils, so weit es ihm gegeben war, auch durch Schriften. Im Jahre 1524 bestritt er und Zwingli die Schrift des Johannes Raidbach von Feldkirch, welche den charakteristischen Titel führte: „Eine christliche Meinung von den Werken der Menschen, wie man die vor Gott nützlich und verdienstlich machen soll.“ Durch ein besonderes Schriftchen widerlegte Leo zu Ende desselben Jahres auf Zwingli’s Bitte den Angriff des Matthias Kretz in Augsburg auf Außerungen, welche Leo bei der Disputation in Zürich gethan. Er betitelte seine Gegenschrift: „Christliche Widerfechtung wider M. Kretzen antichristliche Messe und Priesterthum.“ Es schmerzt ihn des Gegners Verblendung und daß Augsburg durch seine irrige Lehre solle verführt werden. Betreffend den von Pfaffen, Mönchen und Nonnen um Geld verrichteten Chorgesang sagt er, mit Unrecht nenne ihn Kretz ein Lob Gottes, eher möchte er Gott eine große Schmach sein. Denn „er geschieht von Menschen gezwungen, ans Begier des Lohnes und Soldes, ohne Andacht, ohne Verstand, mit großem Verdruß und Fahrlässigkeit. Was aus dem Geiste Gottes geht, das ist frei, ungezwungen, aussiebe, mit süßer Frucht des innerlichen Menschen, mit süßem Trost, mit aufgerichtetem Gemüth in Gott, mit herzlichem Sinnen und Begier des Herzens … Die Päpstler aber zwingen alle Menschen zu beten auf die und die Zeit, so und so viel, so und so lang, und wie es ihnen beliebt Die Kinder Gottes werden durch den Geist frei geführt, und lieblich (durch die Liebe) getrieben zu beten d. i. mit gewisser Hoffnung zu Gott zu rufen als zu einem Vater, ungezweifelt er werde sie nach seiner Verheißung erhören.“ Wir spüren die warme, lebendige Innerlichkeit von Leo’s Gottesverehrung gegenüber dem öden, äußerlichen Ceremoniendienste.

Ueberdies war Leo stets bereit, Zwingli’s einschneidende reformatorische Schriften aus dem Lateinischen ins Deutsche oder aus dem Deutschen ins Lateinische zu übersetzen; kein Dienst solcher Art war ihm zu geringe, der zur Ehre des Herrn, zur Förderung der heil. Sache gereichen konnte; er that in Demuth freudig, was er vermochte.

Als die oberste Landesbehörde des Kantons Appenzell im Juli des Jahres 1524 ein Religionsgespräch anordnete, an welchem von jeder Seite drei gelehrte Männer Theil nehmen sollten, und sich dazu von Zürich Zwingli oder Leo Juda erbat, erhielt Leo den Auftrag, begleitet von einem Mitgliede des Rathes hinzureisen, mußte indeß, da die Gegner der Reformation die Abhaltung dieser Disputation zu hintertreiben wußten, unverrichteter Sache umkehren. Er ließ sich aber bewegen auf der Heimreise in St. Gallen zu predigen und stärkte die Brüder daselbst durch Ermunterung zur Standhaftigkeit im Glauben.

5. Leo’s Theilnahme am Kampfe gegen die Wiedertäufer. Beziehungen zu Erasmus und Luther.

Auch in andern Kämpfen, die noch weit schwieriger und mühseliger waren als der gegen die eingewurzelten Verderbnisse der Kirche, sehen wir Leo mit völliger Entschiedenheit Zwingli treu und beharrlich zur Seite stehen.

Am gefährlichsten war unstreitig die Bekämpfung der stürmischen Dräng er, denen es stets vorkam, man gehe in der Reformation zu langsam und zu wenig durchgreifend zu Werke, die daher unablässig verlangten, man solle einzig dem Geiste folgend, gemäß der Schrift eine „reine Kirche“ herstellen aus lauter wahrhaft Bekehrten. Schon seit dem Sommer des Jahres 1523 ließen sich solche Stimmen hören. Bedeutende Männer, zum Theil Gelehrte und bisherige Freunde Zwingli’s, wie Simon Stumpf, Conrad Grebel, Felix Manz neigten sich dazu hin und schlossen sich immer mehr zu einer Partei zusammen, welche denn in Kurzem (seit 1525) als die Sekte der „Wiedertäufer“ auftritt. Weit geflissentlicher als Münzer und seine Genossen in Deutschland beriefen sie sich in Allem auf die Schrift. Mit Rücksicht auf diese sprach Leo schon am Schlusse des zweiten Religionsgespräches (am 28. October 1523) die Warnung aus: „Und ihr, die ihr der Schrift verständig seid, wollet doch Gottes Wort nicht zu Zank, wie denn Etliche thun, nicht zu Hochmuth, sondern zu Einigkeit und Besserung euerer Sitten und des Nächsten gebrauchen!“ Allein vergeblich. Ebenso war umsonst, daß Vadian im Dezember desselben Jahres seinem Schwager Conrad Grebel schrieb: „er solle sich doch kommlicher Schicklichkeit befleißen gegen Zwingli und Leo, nicht so anstimmig oder kämpfig sein, in Betracht, daß sie die seien, welche das Wort der Wahrheit zu fördern beflissen seien und daß sie doch überhaupt nicht Alles das jählings ausstoßen und abthun können, was so viel Jahre lang in Mißbräuch gekommen … Die Taufe werde mit der Zeit ohne Zweifel eben so wohl wie Anderes dem Worte der Wahrheit entsprechend geordnet.“

Immer drohender wurde die Lage der Dinge, zumal im Frühling und Sommer des Jahres 1525 der Bauernkrieg in weitem Umkreise aufloderte. An Vadian nach St. Gallen schreibt Leo am 8. August 1535: „Trefflich ist’s, daß bei euch durch Rathsbeschluß die Frechheit der Wiedertäufer gedämpft worden. Wir, sei’s unsrer Sünden wegen, sei’s wegen der Gelindigkeit, um nicht zu sagen Nachlässigkeit unsrer Regierung, kämpfen täglich mit diesen unsern schrecklichsten Ungeheuern und doch, glaube ich, wird der Kampf nie ein Ende haben. So ein entsetzliches Unheil ist der Hader und Starrsinn der Meißner, zwei Uebel, die alle Liebe, worin doch das wahre Christenthum besteht, vernichten und von Grund aus vertilgen. Ein Geringes war es und nicht eben gar schwer, den Antichrist aus seinem Reiche zu vertreiben, die sophistischen Spitzfindigkeiten (der papistischen Gegner) zurück zu weisen und den Widersprechenden den Mund zu stopfen; denn sobald man die Fackel des göttlichen Wortes zu jenen Verfinsterungen herzu brachte, mußten sie alsbald wie Rauch vergehen. Mit denen aber ist der Kampf härter und weit am schwersten, welche gerade mit dem Lichte Finsterniß verbreiten und beim hellsten Leuchten des göttlichen Wortes den Geist des Wortes verdunkeln. Aber je den Besten lauern ihre Fehler auf und über den guten Samen säet der Feind Unkraut; Herodes sucht Christum, da dieser noch klein ist, im Keime zu tödten. Auch den Aposteln fehlte es an Lügenpropheten und an falschen Brüdern nicht, die der nur erst erblühenden Kirche lästig fielen, wie sie in ihren Episteln klagen, um uns recht sorgsam zu verwahren Der gütige Gott verleihe uns den Geist der Wahrheit und der Sanftmuth und zugleich einen festen Sinn, damit wir den Uebeln, die wir zu tragen haben, gewachsen seien!“

In diesem milden, aber zugleich festen Sinne sehen wir nun Leo wirken ungeachtet seiner angebornen Milde und Freundlichkeit. Als im Jahre 1526 der Pfarrer von Waldshut, Balthasar Hubmeier, der sich nach Zürich geflüchtet und hier ins Gefängniß gelegt worden, meinte, er würde Leo eher für sich gewinnen können als Zwingli, mußte er erfahren, daß er sich in dieser Voraussetzung völlig täuschte; doch sorgte man dafür, daß er den Händen der Oestreicher, die seine Auslieferung zur Verbrennung verlangten, entrinnen möge.

Im Gegensatz zu diesen stürmisch Drängenden war Leo Judä gleich Zwingli weit davon entfernt, die ächte geschichtliche Entwicklung des christlichen Geistes zumal die der ersten Jahrhunderte der Kirche, welche das ursprüngliche Evangelium reiner bewahrt und sich treuer an den Inhalt der heil. Schrift gehalten hatten, gering zu achten. Inmitten jener Kämpfe wuchs seine Erkenntniß, wie er denn bei Anlaß von Forschungen in den älteren Kirchenvätern im Dezember 1525 nach Kappel an Bullinger schreibt: „Wir dürfen uns Glück wünschen und müssen unserem himmlischen Vater Dank sagen, der uns tagtäglich mehr Licht gibt und unsre Einsicht mehrt. Denn wer hat je zuvor so klar, so offen das verkündigt, was unser Zwingli, freilich aus Eingebung des göttlichen Geistes, so gelehrt und treffend ans Licht gebracht hat. Ich einmal scheue mich nicht, völlig meine Unwissenheit zu bekennen und zwar aufrichtig…. Gelobet sei Gott und der Vater unsers Herrn Jesu Christi, der uns von den Irrthümern und den dichtesten Finsternissen in das wahre Licht hinüber geführt hat; er erlabt so unsre Gemüther, daß wir nirgends von ihm hinweg in die alten Irrsale zurück gleiten mögen.“ Zwingli, der gleich ihm nicht müde wurde wie die heiligen Schriften so auch die Kirchenväter immer tiefer zu ergründen, bezeichnet er bei diesem Anlaß als „einen Viani, von seinem Urtheil und im Abwägen der Aussprüche der Alten (der Kirchenväter) äußerst scharfsichtig.“

Um so mehr mußte es Leo schmerzen, daß Zwingli um der Herstellung des einfachen lauteren Evangeliums willen nicht bloß von den Anhängern des Papstthums und von den Wiedertäufern befeindet, sondern außerdem noch von zwei Seiten her verkannt wurde, gerade von Solchen, von denen man noch vor Kurzem am ehesten Zustimmung und Beihülfe hätte erwarten dürfen. Einestheils nämlich widerfuhr ihm solche Verkennung von Seiten des in Basel wohnenden Erasmus von Rotterdam, der für den ersten Gelehrten seiner Zeit galt, dem Leo selbst, sowie Zwingli und Hunderte von strebsamen Männern manche Anregung zu wissenschaftlichen Studien insbesondere zur Schriftforschung zu verdanken hatten, der auch öfter als Gönner der evangelischen Sache an Zwingli geschrieben hatte und nun doch nicht für die Reformation einstand, sondern allmälig immer spürbarer den wirklichen Reformatoren entgegen arbeitete. Andern Theils geschah Zwingli dasselbe von Seiten Luthers, dessen erste Schriften Leo so freudig begrüßt hatte. Es war zu Ende des Jahres 1525, daß der unglückselige Zwist mit Luther sich immer mehr steigerte, indem dieser meinte, wegen der Abweichung in der Lehre vom Abendmal müsse entweder Zwingli oder er selbst des Teufels sein; auch im folgenden Jahre wurde die jämmerliche Entzweiung, genährt durch eine Reihe von Streitschriften, immer größer, während zugleich der Kampf gegen die römisch Katholischen eben jetzt in der Schweiz auf’s ernstlichste entbrannte, da diese auf Eck’s und Faber’s Betrieb auf den Mai 1526 eine Disputation nach Baden (im Aargau) anordneten und selbst Erasmus dazu einluden.

Wie sehr verlangte Leo darnach, den Zwiespalt, der die evangelisch Gesinnten trennte, aufheben oder doch mindern zu können! Sehnlich wünschte er solche Männer wie Erasmus und Luther nicht wider sich zu haben, sondern sie im Einklang mit Zwingli an der Förderung des heil. Evangeliums arbeiten zu sehen, in deren früheren Schriften ja so manche Aeußerungen vorkamen, welche mit schlichter, schriftgemäßer Lehre vom Abendmal so sehr zusammen stimmten. Was konnte dienlicher sein sie zur brüderlichen Anerkennung Zwingli’s und dessen, was er unumwunden vortrug, zu vermögen, als wenn man ihnen aus ihren eigenen Schriften darthat, daß sie, bevor der Streit über das Abendmal sich entzündet habe, selbst der geistlichen Gegenwärtigkeit und dem geistlichen Genießen Christi Alles beimaßen. Leo that dies in einer kleinen Schrift, die im April des Jahres 1526 erschien unter dem Titel: „Des hochgelehrten Erasmus von Rotterdam und des Luthers Meinung vom Nachtmal unsers Herrn Jesu Christi.“ Damit dieses Schriftchen desto unbefangener aufgenommen werde, gab er es ohne feinen Namen heraus in Form eines Briefes von Ludovicus Leopoldi, Pfarrer zu Leberau, an Kaspar Nagolt, Bürger zu Nörlingen. „Wie ich aus deinem Schreiben ersehe, heißt es gleich zu Anfang, bist du schwer bekümmert über den großen allerwärts obschwebenden Zwiespalt in Betreff des Abendmals, vornehmlich aber darüber, daß die zwei hochberühmten Männer, Erasmus und Luther (auf die ich erstlich viel baute) jetzt mit Andern in dieser Sache nicht eins seien, da doch diese zwei so viel als Anfänger der rechten Lehre gewesen, indem jener lateinisch die Mißbräuche des Papstthums und aller menschlichen Tradition gar höflich in allen seinen Schriften angerührt, dieser sie tapferer und öffentlich auf deutsch angegriffen habe. Du begehrst von mir Bescheid; ich sage kurz: Wer im rechten Glauben wohl gegründet ist, den irren diese Späne wenig! Doch daß ich dir zu Willen sei, will ich dir meine Meinung sagen.“

Erasmus nennt an manchen Stellen das Abendmal ein Symbol d. i. ein bedeutsames Zeichen; ferner sagt er: „Begehst du dieses Mal und befleißest du dich das zu sein, was das Genießen bedeutet, nämlich Ein Geist mit dem Geiste Christi, Ein Leib mit dem Leibe Christi, ein lebendiges Glied seiner Gemeinde, hast du nichts lieb denn in Christo, achtest du alle deine Güter als allen Menschen gemein, drückt dich der Schaden und Unfall des Nächsten wie dein eigener: nun dann gehst du mit Frucht zu diesem Abendmal, nämlich geistlich … denn dies Sakrament ist nichts anderes als .ein Wiedergedächtniß des Todes Christi. So geh nur in dich selbst, erforsch dich selbst inwendig in allen Ecken, durchsuch dein ganzes Leben, deine Werke, deine Worte, deine Gedanken, deine Anschläge, deinen ganzen Wandel, sieh, wie du der Welt abgestorben seiest; besitzt dich der Zorn noch ganz, Ehrgeiz, Geldgeiz, Wollust, Neid, Haß, so bist du weit, weit vom Sakrament, ob du gleich den Altar anrührtest. Christus ist für dich gestorben, … .Macht und opfre dich selbst dem, der sich für dich seinem Vater dargebracht hat.“ Erasmus werde wohl jetzt noch, fügt Leo hinzu, dieser Meinung sein; denn diese sei dem Glauben und dem Worte Gottes gemäß; wäre er anderer Meinung geworden, so würde er’s besonders im jetzigen Zeitlauf wohl offenbar machen; Menschenfurcht sollte ihn doch nicht davon abhalten.

Sodann wird ebenso aus Luther’s Schriften, zumeist aus seiner Bestreitung der Messe dargethan, wie auch er nicht der Meinung sein könne, daß im Brod Fleisch und im Wein Blut sei; dasselbe folge aus seiner Verwerfung des sichtbaren und äußerlichen Priesterthums im neuen Bunde; er sage unter andern von Christi Einsetzung des Abendmals: „Christus, da er solches befohlen hat, daß wir’s zu seinem Gedächtniß thun sollten, will nichts Anderes, als daß wir die göttliche Verheißung und Zusage mit seinem Pfande öfter wieder uns einprägen und in’s Gedächtniß bringen sollen, damit unser Glaube gemehrt und gestärkt werde, der nimmermehr genugsam mag gestärkt werden;“ ebenso schreibt Luther anderwärts: „Paulus spricht im Briefe an die Römer: Mit dem Herzen glaubt man zur Gerechtigkeit, und spricht nicht: Die Sakramente werden mit dem Leibe genommen zur Gerechtigkeit,“ Luther wolle dort beweisen, daß die Sakramente im neuen Bunde keine Gnade geben, wie die Sophisten gesprochen haben, sondern allein der Glaube Gnade gebe. Er sage eben daselbst: „Wer da ißt das Brod, und den Wein trinkt, der muß fest glauben, daß der Leib Christi nicht allein für Andere dahin gegeben sei, sondern auch für ihn, und daß das Blut Christi für ihn vergossen sei zur Abwaschung der Sünde, oder er verspottet Gottes Verheißung und ißt sich selbst das Gericht;“ und bald nachher schreibe er: „Weder die Sakramente im alten noch die im neuen Bunde machen den Menschen fromm und gerecht, sondern allein der Glaube.“ Dies bewähre Luther mit der Schrift.

Allerdings, fährt Leo fort, gebe es bei Erasmus und Luther auch Stellen, die einen andern Sinn haben können. „Sagen sie, es sei da gegenwärtig‘ und werde da gegessen der Leib und das Blut Christi, so spreche ich also: Sofern sie diese Worte im rechten Sinne und nach Art des Glaubens und göttlicher Schrift (denn so sollen alle unsre Reden und Meinungen gestaltet sein) verstehen und auslegen lassen, so ist es wahr und dem Frühern nicht zuwider. So wir das Abendmal nach dem Geheiß und Befehl Christi begehen und mit rechtem Glauben das bedeutsame (bedeutliche, sinnbildliche) Brod essen und den bedeutsamen Wein trinken, so essen wir das Fleisch Christi (versteh‘, im Geiste, durch den Glauben) und trinken sein Blut. Also ist der Leib und das Blut gegenwärtig und wird gegessen, aber nicht leiblich, sondern geistlich. Ja, ich will weiter reden: Der Leib ist im Brode und das Blut im Weine, aber als ein Zeichen, wird dargestellt und abgebildet, das heißt: der Leib Christi ist nicht wesentlich und leiblich im Brod noch das Blut im Weine; denn das verträgt sich nicht mit dem Glauben und der heiligen Schrift, sondern er ist darin wie dein Gemahl im Ringe ist, den er dir zurück gelassen hat; denn so oft du den Ring ansiehst, so ist dir inwendig im Herzen dein Gemahl gegenwärtig. Sofern nun Luther oder Erasmus dieses Sinnes sind bei ihren Worten, so bitt ich sie um Gottes willen, daß sie es tapfer heraus sagen, so kommt die Welt zu Ruhe; denn sind sie des Sinnes (wie ich mich dessen versehe), so wird zwischen Erasmus, Luther, Zwingli, Oekolampad, Carlstadt, Capito, Bucer, ja allen Gläubigen kein Span noch Zwietracht mehr sein. Nun will ich glauben, sie seien des Sinnes, und die Welt wollte es nur nicht verstehen; denn der Hader blendet uns oft die Augen. Dazu aber, zu glauben, dies sei ihr Sinn, bewegt mich das, daß dieser Sinn allein der ganzen Schrift und dem Worte Gottes gemäß ist. Nun lese ich aller Lehrer Bücher und Schriften, allein sofern sie dem Glauben und dem Gottesworte nicht zuwider sind. Da ich nun dies in ihren Büchern gefunden, so verstehe ich’s und lege es aus nach des Geistes und Glaubens Art und denke, auch sie seien des Sinnes, besonders da Melanchthon über Johannes und Bugenhagen zum Psalter klar und lauter schreiben: der Leib und das Blut Christi mögen nicht anders als geistlich und im Glauben genossen werden. Deshalb denk ich, die Wittenberge r seien wohl alle solchen Sinnes. Daher wird auch weder Luther noch irgend jemand von den Seinen mir diese Auslegung verargen können. Und obwohl vielleicht in etlichen Schriftchen von Luther Anders geschrieben wäre, das diesem widerspräche, so will ich aus christlicher Liebe dies auch im Besten verstehen, denn wer ist, der nicht auch zu Zeiten etwa irre und dann wieder umkehre?

Sollten sie aber, es sei Erasmus oder Luther, der Meinung sein, im Brode sei wesentlich und leiblich Fleisch und Blut Christi und werde leiblich gegessen, so sag ich unverholen, daß (wie hoch sie auch seien) ihre Meinung und Lehre dem Worte Gottes, dem Glauben, der Natur und allem Verstand zuwider ist; denn eher muß der Glaube und die ganze Schrift brechen, ehe der Leib Christi, der zur Rechten Gottes sitzt, leiblich und wesentlich im Brode sei. Drum, liebster Bruder, laß Dich solchen Zank nichts anfechten, unter den Rechtgläubigen ist der Dinge halb kein Span noch Zank; der Gläubige weiß wohl, was seine Seele speist und tränkt.“

Man sieht, welche köstliche Aussicht auf eine allgemeine Verständigung aller evangelisch Gesinnten Leo bei der Abfassung dieser Schrift vorschwebte, und wie er sich alle Mühe gab die allfällige Differenz zu beseitigen und zu übersehen, dagegen das Gemeinsame hervor zu heben, um die gegenseitige Annäherung und die völlige Vereinigung oder Verständigung möglichst zu erleichtern. Allein der Erfolg entsprach begreiflich, wie meist in ähnlichen Fällen, seinem edlen Streben keineswegs. Luther nahm es übel auf und Erasmus, der mit Luther durchaus keine Gemeinschaft haben oder anerkennen wollte, zeigte sich noch weit unwilliger. In einem Schreiben an die eidgenössische Tagsatzung zu Baden beklagte er sich auf’s Bitterste über dieses Schriftchen, als ob es bloße Thorheit und unverschämte Fälschung des aus seinen Schriften Angeführten enthielte; für aller Ketzer Fürst wolle er sich halten lassen, wofern in seinen Schriften nur Eine Stelle gefunden werde, aus der sich ergebe, daß er anders halte vom Sakrament, als die allgemeine (katholische) Kirche dasselbe bisher dargestellt habe. Er weist sogar darauf hin, daß er den Verfasser, welcher seinen wahren Namen verhehlt habe, der Todesstrafe für werth halte.

Leo sah sich dadurch veranlaßt offen hervor zu treten, und zwar um so mehr, da Erasmus irrthümlich den zürcherischen Professor Conrad Pellican, der ihm in früheren Zeiten nahe gestanden, beargwöhnte. Er dachte anfangs auf eine stärkere Sammlung von Beweisstellen aus Erasmus Schriften, begnügte sich aber mit einer kurzen deutschen Rechtfertigung. Er zeigte, wie unbillig Erasmus sich so sehr darüber beschwere, daß er seinen Namen zuvor nicht genannt habe, das sei ja nichts Seltenes oder Unerhörtes; Erasmus selbst habe dies ja auch schon gethan; indeß wolle er des Erasmus bittere Scheltworte und arge Schmähungen durchaus nicht erwiedern. Er erklärt fest, er habe des Erasmus und Luthers Schriften treu und wahrhaft angeführt. Da Erasmus jede Zusammenstellung mit Luther so heftig ablehnte, so spricht er sich über das gegenseitige Verhältniß der beiden Männer hier etwas einläßlicher aus: „Erasmus hat hin und wieder in seinen Büchern Vieles geschrieben wider die Mißbräuche, Irrthümer, Aberglauben, wider das Papstthum, wider die Fürsten und ihre Tyrannei, wider die Traditionen; solche Verderbnisse und Gebrechen hat er, sage ich, vielfältig in seinen Büchern berührt, doch mit Maß, züchtiglich, mit Bescheidenheit, wie es denn jene Zeit erforderte. Er ist wie ein weiser, erfahrener Arzt, vorerst subtil und säuberlich mit der Wunde umgegangen und hat den Gebrechen abhelfen wollen. Luther aber hat eben dasselbe, was Erasmus lateinisch that, auf deutsch auch gethan, doch etwas rauher; denn es war damals auch vonnöthen. Hätte sich die Wunde durch des Erasmus gelindes Betasten heilen lassen, so hätte Luther dieses nicht nöthig gehabt zu thun. Da aber der Papst und die gottlosen Fürsten, weil es ja allein lateinisch geschrieben und mit Seide umwunden war, sich der Sache nichts annahmen, sondern in ihrem Frevel und Muthwillen, ihrer Gottlosigkeit und Tyrannei stets fortfuhren, das arme Christenvolk maßlos beschwerten, schunden und schabten und an Leib, Seele, Ehre und Gut schädigten, und die Wunde so zunahm, daß zu besorgen war, wofern man nicht auch brenne, haue und meißle, würde der ganze Leib zusammt verderben; so hat Gott den Luther verordnet, der ihnen etwas schärfer zu Leibe ging … So hat Gott den Erasmus und Luther beide in Einem Werke gebraucht und hat jeder seinen Dienst verrichtet.“ Ausdrücklich bemerkt aber Leo: „Ich habe nicht gesagt, Erasmus habe Alles das zuvor geschrieben, was Luther nachmals; denn ich weiß wohl, daß Luther Manches schreibt, wovon Erasmus zuvor nicht schrieb, als: vom Glauben, wie derselbe allein gerecht mache und wie der wahre Glaube nothwendig mit sich bringe die guten Werke, während Erasmus sagt, er verstehe dies noch nicht, und Anderes mehr, wovon hier nicht nöthig ist zu reden.“ Die einzelnen Punkte werden sodann gesprächsweise durch Rede und Gegenrede zwischen Erasmus und Leo erörtert. Den Schluß macht Leo’s treuherziger Wunsch: Gott der Herr verleihe ihm (dem Erasmus) die hohen Gaben wohl zu gebrauchen, in denen er viele Taufende übertrifft, und gebe uns Allen, daß wir nicht aus Zank, Haß, üppiger Ehrsucht schreiben, sondern einfältig die Wahrheit au den Tag hervor bringen, damit das Wort Gottes von allen Gläubigen rein und lauter verstanden und angenommen werde. Es bedarf die Wahrheit wenig Färbens, wenig Blümens; wir bedürfen des Scotus, der Philosophie hierzu nicht, sondern des einigen wahren Gotteswortes.“ Endlich bittet er den Erasmus und alle Gläubigen ihm diese seine nothgedrungene Antwort nicht zu verargen.

Daß aber dieser große Vorkämpfer für Wissenschaft und Schriftkenntniß dadurch nicht gewonnen wurde, vielmehr wider die dem Worte Gottes gemäß vorschreitende Reformation sich immer mehr erbitterte, ist bekannt.

6. Leo’s fernere Leistungen bis zu der Niederlage bei Kappel und Bullinger’s Erwählung, 1531.

Ueberall, wo es nöthig oder dienlich schien, trat Leo auch weiterhin bereitwillig an Zwingli’s Seite oder statt seiner ein. Er las und beantwortete Briefe an seiner Statt und auf seine Bitte, wenn Letzterer allzu sehr von dringenden schriftstellerischen Arbeiten oder seinen übrigen zahllosen Geschäften in Anspruch genommen war. Er predigte sehr häufig im Großmünster, eben so oft als in der St. Peterskirche; „er hätte es nicht thun müssen, that’s aber gerne Gott zu Ehren und zum Heile der Menschen, die schaarenweise und mit großer Begierde das Wort hörten.“ Nach dem 1525 erfolgten Tod des Professors Ceporin versah er nebst Zwingli die von jenem bekleidete Professur, bis im März 1526 ein Landsmann von ihm, der gelehrte, besonders im Hebräischen trefflich bewanderte Pellican, bisanhin Barfüßer in Basel, der ihm gar wohl bekannt und lieb war und zu dessen Berufung er von Herzen mitwirkte, an die Stelle des früh Verstorbenen trat. Leo las und erklärte den hebräischen Text der Bibel, und Pellican, bemerkt Leo, sei überhaupt der Erste gewesen, bei dem er eine hebräische Vorlesung gehört habe.

Als nach dem Osterfeste des Jahres 1528 die halbjährlichen Synoden in Zürich begannen, um zu beratschlagen, „was der Kirchendiener und der Kirche Nothdurft erfordere,“ waren Zwingli und Leo die beiden Präsidenten, welche jedem Pfarrer, nachdem in seiner Abwesenheit über ihn Zeugniß abgelegt worden, anzeigten, was an ihm zu loben oder zu tadeln sei, ebenso was über ihn beschlossen ward, die ferner die Berathung über die anderweitigen kirchlichen Angelegenheiten leiteten und alle Pfarrer zur gewissenhaften Erfüllung ihrer Pflichten ermahnten.

Auch sie selbst unterlagen, gleich allen übrigen Geistlichen, der Personal-Censur; wie denn über Leo in den Synodal – Acten von 1535 steht: „Leo soll geflißner sein mit seinem Predigen, doch in anderen Geschäften abbrechen, damit er der Kirche lang möge nutz sein.“ Gerade die unbedingte Offenheit, mit der gegen Alle, selbst gegen Hochstehende auch Tadel ausgesprochen wurde, zeichnete jene Synoden sehr vortheilhaft aus. Worauf aber die hier angeführte Rüge sich gründete, läßt sich des Näheren nicht mehr angeben; der letzte Satz enthält offenbar eine Ermahnung an Leo, seine Kräfte mehr zu schonen.

Mußte Zwingli zeitweise von Zürich abwesend sein, so lag auf Leo die Hauptsorge für die Kirche, wie 1528 während der Disputation in Bern, im September 1529 bei dem Religionsgespräche in Marburg, im December 1529, sowie im Mai und December 1530, als Zwingli auf den Synoden zu Frauenfeld und St. Gallen war, endlich während der Kriegeszeiten im Sommer 1529 und im Spätjahr 1531. Seine Wünsche und Gebete begleiteten den Abwesenden. Er glaubte indeß selbst in kleineren Dingen seinem vielgeehrten Freunde nicht gleich kommen zu können; so schreibt er am 6. September 1529, während Zwingli’s gefahrvoller Reise nach Hessen, an A. Blaarer nach Konstanz: „Etliche Tage war der Ueberbringer dieser Zeilen hier bei uns, von der Ulmer Kirche abgeordnet, um, wie er sagt, die Sitten und Gebräuche anderer Kirchen zu sehen und zu Hause zu melden. Daher empfehle ich ihn euch im Namen Christi und seiner Kirche. Zwingli hätte dies gethan, ohne anders freilich mit mehr Anmuth und Würde, wenn er da wäre. Allein er ist am 3. dieses nach Marburg gereift auf den Ruf des Fürsten von Hessen. Wir müssen Gott bitten, er möge die Sache so freundlich leiten (so temperiren), daß seines Wortes Wahrheit Allen hell entgegen leuchte. Wir hoffen aber, diese Disputation oder Conferenz werde der Kirche von allgemeinem Nutzen sein.“

Immer mehr stieg indeß, nachdem Bern, Basel, St. Gallen, Schaffhausen u.s.w. sich der Reformation angeschlossen hatten, die Spannung zwischen den Eidgenossen, von denen die eine Partei unter Zwingli’s Anführung freie Predigt des göttlichen Wortes durch die ganze Eidgenossenschaft hin begehrte, die andere in der Rückkehr zur römisch-katholischen Kirche allein das Heil sah. Die unaufhörlichen Reibungen, die täglichen Kränkungen und Scheltungen wurden so arg, der gegenseitige Haß so furchtbar, daß ein Krieg unvermeidlich, ja endlich sogar wünschenswerther erschien als ein solcher Zustand. Leo stimmte hierin völlig mit Zwingli überein, auch dann, als im Juni 1529 Zürich’s wohl gerüstetes Heer durch eine eilige Friedensvermittlung sich plötzlich zum Stillstand hatte bewegen lassen und ein Friede erlangt wurde, der zwar der Reformation in gewissen Beziehungen Vorschub leistete, allein doch nicht genügte, und der den römisch Katholischen immerhin freien Spielraum gewährte, die Predigt des göttlichen Wortes und die Freunde derselben in ihren Gebieten zu unterdrücken. Als trotz des geschlossenen Friedens die Reibungen der Parteien sich erneuten und immer heftiger wurden, so daß man beiderseits abermals zu feindseligen Schritten kam, hielt auch jetzt wieder Leo gleich Zwingli kräftiges Handeln, selbst eine Entscheidung durch die Waffen für heilsamer als die unerquickliche Maßregel einer Sperre der Lebensmittel, die zwar durch das Friedensinstrument den evangelischen Ständen eingeräumt war, das Uebel der Zwietracht aber nur ärger machte. Doch umsonst war Beider Dringen auf entschiedenes Durchgreifen. Die Umtriebe geheimer Gegner, sowie die Lässigkeit Verbündeter führte die unheilvolle Sperre herbei und diese den plötzlichen Einfall der römisch-katholischen Orte in’s zürcherische Gebiet, deren zahlreiches Heer am 11. October 1531 der eilig zusammen gerafften Mannschaft Zürich’s die verhängnißvolle Niederlage bei Kappel beibrachte.

Nun, da Zwingli und eine bedeutende Anzahl der treusten Gönner und Freunde der Reformation gefallen war, erfolgte ein starker Umschlag. Die Reaktion hob ihr Haupt hoch empor. Zwingli’s Freund gewesen zu sein, erschien jetzt fast als ein Verbrechen. Gegenseitige Anschuldigungen hörte man unter den aus der Schlacht Zurückkehrenden, feindselige Reden ließen sich vernehmen gegen Alle, die zum Kriege geneigt gewesen, Flüche und Verwünschungen insbesondere gegen die Prediger des Evangeliums, als ob sie die Störer des Friedens, die Urheber alles Unheiles wären. Auf Leo, als dem Zwingli zunächst Stehenden, wälzte man unter den noch Lebenden die schwerste Schuld. Der zürcherische Hauptmann Hans Escher, ein betagter und sehr beredter Mann, den man „seiner wilden Geberden und Sprüche halb“ insgemein Klotz Escher nannte – derselbe, der bald den Oberbefehl über Zürich’s ganzes Heer erlangte – drohte, sobald er heim komme, wolle er den Pfaffen Leu erstechen. Deshalb fiel, als er in Zürich einritt, der Rathsdiener Heini Foster seinem Pferde in den Zügel und forderte von ihm im Namen des Herrn Bürgermeisters ein Friedensversprechen in Betreff Mstr. Leu’s. Deß weigerte er sich lange und gab viel böse Worte; als aber der Zulauf von Bürgern groß ward, mußte er Friede zusagen. Indeß war die Zerrüttung in der Stadt so entsetzlich und die Drohungen gegen Leo so heftig, daß er in seiner Pfarrwohnung dennoch des Lebens nicht mehr sicher war und den Freunden ernstlich für ihn bangte. Daher kamen in einer Nacht etliche achtbare Bürgersfrauen in sein Haus und baten ihn dringend sich in weibliche Kleidung zu hüllen; ihre Männer hätten sie gesandt ihm dies anzurathen, sonst wüßten sie ihn weiter nicht mehr zu retten, zu schirmen und zu erhalten. Allein nach Leo’s Sinne war dies nicht. Er schickte sie fort, schnallte seinen Panzer um und schritt heldenmüthig durch die belebtesten Theile der Stadt bis in den Rindermarkt in das Haus zum Gießfaß, wo der Bäcker Jakob Sprüngli wohnte, der sammt andern ehrenwerthen Bürgern und Freunden des Evangeliums ihm jenes hatte kund thun lassen. Hier hielt er sich etliche Tage verborgen, bis das Gewitter ein wenig vorüber zog und man wieder ins Feld rückte, um nach abermaligem Mißgeschick am 16. November 1531 den schimpflichen „zweiten Landsfrieden“ einzugehen.

Leo’s Herz war tief betrübt und schwer bekümmert. Ohne Unterlaß beweinte er den gefallenen Zwingli. Hatte doch er insbesondere so unendlich viel an ihm verloren, nicht nur einen lieben Freund, mit dem er durch die unersetzlichen Bande der Jugendfreundschaft verknüpft war, sondern den Mann, auf den er sich in seiner bisherigen Lebensarbeit so ganz hatte verlassen, an den er als an den unerschütterlichen Felsen und kräftig vordringenden Heerführer in dem unendlich schweren Werke der Kirchenerneuerung und der sittlich-religiösen Umbildung des Volkslebens so fest sich hatte anlehnen können. Nun gerade fehlte seine Leitung der Kirche, da diese eines schützenden Armes am meisten bedurfte. Leo rang im Gebete; er flehte vereint mit seinen trauernden Amtsbrüdern einmüthig zu Gott dem Herrn um einen andern würdigen Lehrer der Kirche und treuen Hirten der Heerde Christi. Zugleich bezeugt Pellican von ihm, daß, „je gefahrvoller der Zustand der Kirche damals war, er um so treuer, tapferer, fester und wachsamer am Steuer der Kirche Stand hielt, bis ein würdiger Nachfolger Zwingli’s gefunden war.“

Leo wandte sich im Auftrag der vorschlagenden Behörde an Oekolampad in Basel mit dem Ansuchen, er möchte an Zwingli’s Stelle treten; dieser aber glaubte ablehnen zu müssen. An Leo selbst gelangte man mit der Bitte die Stelle zu übernehmen, allein „er schlug es dem Rathe mit glimpflichen Worten ab.“ Er fühlte wohl und, wie sich in der Folge zeigte, mit Recht, daß er dazu nicht tüchtig wäre, daß er vielmehr für den innern Ausbau der Kirche und für Leistungen in Einzelnem sich eignete, nicht für die Gesammtleitung der Kirche und den viel umfassenden geschäftlichen Verkehr, indem seine Begabung ihn vorzüglich zur unmittelbaren Einwirkung auf die Gemeinde befähigte und hinwieder in der unermüdlichen Emsigkeit sich kund gab, mit der er beflissen war, auf schriftstellerischem Wege den Bedürfnissen der Kirche zu entsprechen. Auch hätte wohl die gegen ihn obwaltende Erbitterung Vieler seine Erwählung zweifelhaft gemacht oder doch seiner Amtsführung um so größere Schwierigkeiten in den Weg gelegt.

Leo war es nun vor Allen, der die Aufmerksamkeit auf den ihm nahe befreundeten Heinrich Bullinger lenkte, welcher am 20. November von Bremgarten, woselbst er Pfarrer gewesen, vor dem feindlichen Heere sich nach Zürich hatte flüchten müssen. Schon zu Ende des Jahres 1525 hatte er Bullinger’s persönliche Bekanntschaft gemacht; bald war diese in ein inniges Freundesverhältniß übergegangen. Lebhafte Theilnahme zeigte Leo an Bullinger’s ersten schriftstellerischen Versuchen, schöpfte große Hoffnungen daraus für die Zukunft, bewunderte darin die Lauterkeit des Inhalts, die Schärfe des Urtheils, die klare Ordnung und ermunterte ihn zur Herausgabe, um ihn zu Größerem anzuspornen. Er lobte im Besondern seinen Fleiß im Studium der alten Kirchenlehrer. Er erbittet sich von ihm gelegentlich Beiträge aus dem reichen Schatze seiner Kenntnisse, und schreibt bei diesem Anlaß (1526): „Bruder nenn‘ ich dich; und du sollst mich nicht Lehrer nennen!“ Ihn bezeichnete nun Leo dem Rathe als den Mann, welcher, obschon jung, zu diesem Amte ganz geschickt sei. Daher forderte er auch sammt andern Freunden ihn sofort nach seiner Ankunft auf, im Großmünster zu predigen, worauf am 9. Dezember 1531 seine Erwählung zum Pfarrer an dieser Kirche und damit zum Leiter der ganzen zürcherischen Kirche erfolgte. Bullingern widerstrebte es freilich, dem erprobten, hoch verdienten, um zwei und zwanzig Jahre ältern Leo übergeordnet zu werden; für Leo’s Lauterkeit und seinen wahrhaft demüthigen Sinn ist es aber ganz bezeichnend, daß er ferne davon war, hieran auch nur im mindesten Anstoß zu nehmen. Sein Verhältniß zu Bullinger war das der aufrichtigsten christlichen Bruderliebe. Daher sah sich Leo wieder in sehr ähnlicher Stellung wie vorher zu Zwingli’s Zeiten, wie groß auch der Umschwung in der Lage des Staates und der ganzen reformirten Kirche in der Schweiz nun war. Leo befand sich, hochgeehrt und herzlich geliebt, als treuer Freund und Gehülfe an der Seite eines Mannes, der es verstand das gefährdete Schiff der erneuten Kirche auch in stürmischer Zeit mit fester Hand durch Klippen und Wogen hindurch zu leiten und das angefangene Werk der Reformation fortzuführen.

7. Leo zur Zeit des Ringens um das Bestehen der reformirten Kirche in Zürich.

Sein Dringen auf Kirchenzucht. Feststellung der Synodal- und Predigerordnung, October 1532.

Freilich mußte Leo in den gefahrvollen Zeiten, in denen die römisch-katholische Reaktion sofort drohend ihr Haupt erhob und selbst das Bestehen der erneuten Kirche in Zürich gefährdete, in vollem Maße den bitteren Kelch der Leiden leeren, welche nach dem schimpflichen zweiten Landsfrieden vom November 1531 über Zürich und über alle Bekenner des evangelischen Glaubens hereinbrachen. Die Niederlage bei Kappel sammt ihren stets sich mehrenden entsetzlichen Folgen stand wie ein dunkles Räthsel vor ihm. Wie konnte man sich’s erklären, daß Gott den Seinen dies hatte zustoßen lassen? Am Inhalt des Glaubens, den die Evangelischen bekannten, konnte es nicht liegen; daran hielt Leo sammt den Seinigen auch jetzt noch fest; war er doch völlig überzeugt, daß es der wahre, lautere Christenglaube sei. Mit Entschiedenheit wurde deshalb der falsche Schluß Faber’s und anderer Verfechter des Papstthums zurückgewiesen, als ob die jetzige Sieglosigkeit auf die Nichtigkeit des evangelischen Glaubens schließen lasse. Vielmehr mußte man evangelischerseits wohl zunächst und vor Allem annehmen, um der noch vorhandenen Sünden willen sei diese schwere Züchtigung Gottes erfolgt, wegen der dem lautern evangelischen Glauben widerstreitenden, noch nicht genug beseitigten Verderbniß der Herzen und des Lebens, weil man eben, während man dem reinen Christenglauben im Großen zum Siege hatte verhelfen wollen, das sittliche Leben des Einzelnen zu wenig berücksichtigt, zu wenig an der Umgestaltung desselben gearbeitet habe. Dies war das Eine, worin man die Lösung des Räthsels finden konnte. Wenn man aber dieser Erscheinung weiter nachsann und überdachte, wie das Alles so gekommen war, so konnte man noch auf eine fernere Betrachtung geführt werden. Das ganze bisherige Verfahren in Glaubenssachen, die Art, wie man zu Werke gegangen war, Zwingli’s fast unmittelbares Eingreifen in die staatlichen Dinge, sogar in die kriegerischen Rathschläge und hinwieder das Uebergreifen des Staates in die Anordnung der kirchlichen Verhältnisse, die endgültige Entscheidung der obersten Staatsbehörde über kirchliche Dinge, die unmittelbare Uebertragung der bürgerlichen Formen auf das kirchliche Gebiet, die straffe Unterordnung des Einzelnen und seiner Ueberzeugung in Glaubenssachen unter die Gesammtheit oder die Mehrheit seiner stimmberechtigten Mitbürger schien durch den traurigen Erfolg gerichtet und verworfen. Von diesen beiden unter sich wieder zusammenhangenden Gedankenreihen, zumal auch von der letztern finden wir Leo’s Denken und Gemüthsleben in diesem und dem nächsten Jahre stark in Anspruch genommen.

Nicht nur in der Nähe, auch von Freunden aus der Ferne, wie von dem ihm sehr vertrauten Bucer aus Straßburg, mußte er Vorwürfe hören, als in Folge des zweiten Landsfriedens ringsumher zahlreiche Gemeinden der „gemeinen Herrschaften“, eingeschüchtert und hart gedrängt von dem überwältigenden Einfluß der siegreichen katholischen Kantone, aufs neue über die Frage abstimmten, zu welcher Glaubensgemeinschaft sie sich halten wollten und nunmehr zum Papstthum zurückkehrten. Einläßlicher noch als Bucer schrieb ihm darüber sein gelehrter und umsichtiger Freund Grynäus aus Basel. „Gewiß wäre ich unsinnig, sagt dieser unter anderm, wenn ich nach dem Erfolge die Brüder beurtheilen wollte, die tapfern Männer, die selbst ihr Leben völlig dransetzten aus Liebe zum Rechten. Je mehr ich Zwingli’s Schriften lese, desto mehr bewundere ich die ihm verliehene Gnade . . . Aber jetzt sehen wir, wie die Andern ebenfalls durch Stimmenmehr über die Religion entscheiden wie wir zuvor; sie haben’s von uns gelernt. Wir haben die Ceremonien abgeschafft und das Evangelium behauptet nicht durch Geduld und Langmuth, sondern durch die Stimmen der Mehrheit, so daß es auf Menschenhoffnung und Menschenbeifall beruhte, nicht auf den rechten Wurzeln . . . Mit ungeheurem Selbstvertrauen haben wir uns zur Entscheidung durch die Waffen geneigt.“ „Nicht durch Gewalt und Schrecken, fügt er bei, sondern durch Demuth und Liebe müssen wir die Wahrheit aufrecht halten. Festigkeit ist nöthig in diesen schweren Zeiten, mein Leo!“

Mochte auch Grynäus mit seinem Tadel und seinen Forderungen zu weit greifen, bis dahin wo eine gedeihliche Existenz und Vertheidigung der erneuten evangelischen Kirche gegen ihre Angreifer in jener Zeit zur Unmöglichkeit geworden wäre und, statt eine das bürgerliche Gemeinwesen umfassende und stärkende Ausdehnung zu gewinnen, der kümmerlichsten Zersplitterung hätte weichen und sich mit der Stellung einer sehr hinfälligen Sekte hätte begnügen müssen, so lag doch etwas Wahres in seinem Tadel, und so haftete ein Stachel in Leo’s Seele, der von anderer Seite noch geschärft, erst in der Folge ihm recht empfindlich werden sollte.

Zunächst beunruhigte ihn neben der rückgängigen Bewegung, die seit der Niederlage zu Kappel bei den Glaubensbrüdern ringsumher eingetreten war, auch die Ermattung in der Handhabung der sittlichen Forderungen, die das Evangelium stellte und die durch gesetzliche Bestimmungen anerkannt worden, die drohende Wiederkehr der Fluth von Sünden und Lastern, die zuvor zurück gedämmt waren, ferner die zusehends hervor tretende Hinneigung Einzelner selbst unter den Rathsgliedern zu all den Verderbnissen des Papstthums und endlich die allgemeine Erschlaffung und Lässigkeit, derzufolge das Alles geduldet wurde.

Insbesondere quälte ihn beim Herannahen der Osterzeit (1532) der Gedanke, unter solchen Umständen den offenbar Unwürdigen und geradezu Gottlosen das heil. Abendmal austheilen zu sollen. Er hielt (wie sechs Jahre später Calvin in Genf) eine Sichtung durch Kirchenzucht für unumgänglich nöthig. Lieber wollte er Alles daran setzen, lieber Zürich verlassen, als unthätig zusehen. Hierzu entschlossen, machte er daher Bullingern, als dem Vorsteher der zürcherischen Kirche, schriftlich seine Vorstellungen hierüber; er suchte ihm darzuthun, wie unerläßlich es sei, eine besondere kirchliche Behörde behufs Handhabung evangelischer Kirchenzucht aufzustellen, der das Recht der Ausschließung aus der Kirchengemeinschaft (die Exkommunication), folglich auch die Ausschließung vom heil. Abendmal zustehen müßte, indem dies nicht den staatlichen Behörden anheim gestellt werden dürfe. Er beruft sich auch auf die mährischen Brüder. „Kann ich nicht mit gutem Gewissen der Kirche dienen, sagt er schließlich, so werde ich sonst meinen Unterhalt ehrlich zu erwerben suchen. Mein Glaube wird nicht trügen, müßte ich auch unter den Türken wohnen!“

Bullinger zeigte ihm hinwieder ebenfalls schriftlich, wie unter den gegenwärtigen Verhältnissen in Zürich und bei der noch heftigen Aufregung, nachdem die Staatsregierung der Reformation gehuldigt, sie durchgeführt und den Grundsatz anerkannt hatte, sich der heil. Schrift gemäß in Allem nach dem Evangelium zu richten, eine besondere kirchliche Sittenbehörde keine größere Energie entwickeln könnte, daß vielmehr nur weit größere Nachtheile zu befürchten wären als bei der gegenwärtig freilich mangelhaften Handhabung der christlichen Sittenzucht durch die staatlichen Organe, wie es aber den Dienern des göttlichen Wortes allerdings zukomme, durch eindringliche Predigt die Laster zu strafen und auch die Obrigkeit zu kräftiger Handhabung der sittlichen Ordnungen zu mahnen und zu drängen.

Leo mußte diese Gegenvorstellungen, so weit sie auf die faktischen Verhältnisse sich bezogen, zwar anerkennen und deshalb auf die Errichtung einer kirchlichen Sittenbehörde dermalen verzichten; doch beharrte er bei seinen Grundgedanken, von denen er vorhin schon ausgegangen und die er nun nur noch bestimmter aussprach: daß die Natur und Aufgabe des Staates doch wesentlich verschieden sei und bleiben müsse von der der Kirche; für die Uebertragung der kirchlichen Gewalt von der Gemeinde, der sie auch nach Bullinger’s Zugeständniß wie nach Zwingli’s Grundsätzen ursprünglich zukomme, an die Obrigkeit, dürfe man sich weder auf Zwingli berufen, noch auf ihn selbst, noch sonst auf irgend Jemanden; denn dies hätte eben nicht stillschweigend geschehen sollen ohne Zustimmung der ganzen Kirche.

Indem Leo eine solche stillschweigende Uebertragung, worauf Zwingli sich zu etwelcher Rechtfertigung des, wie er eingestand, aus Nothbehelf entstandenen Verfahrens berufen hatte, als eine bloße Fiktion verwarf, trat er in entschiedenen Widerspruch zu der Art, wie damals insgemein, nicht bloß in Zürich, sondern auch anderwärts in der Schweiz und im deutschen Reiche bei der nothgedrungenen Reformation der Kirche von Seiten der Regierungen auf das kirchliche Gebiet übergegriffen, in Sachen der Kirchenreformation entschieden und gehandelt wurde. Er spürte und fühlte, daß etwas Anderes das Richtige sei, daß die evangelischen Grundsätze^ wie sie keine Herrschaft der Kirche über den Staat anstreben, so auch keine unmittelbare Herrschaft des Staates über die Kirche zulassen, ohne selbst verletzt zu werden, daß vielmehr eine gewisse Selbstständigkeit der Kirche gegenüber dem Staate zukommen müsse. Er näherte sich mithin solchen Ideen, wie sie erst in neuerer Zeit immer kräftiger in der protestantischen Welt sich Bahn gebrochen und Anerkennung erlangt haben.

Da er einstweilen um der offenbaren Unausführbarkeit willen bei den vorliegenden Zeitumständen die Verwirklichung derselben mußte anstehen lassen, so konnte der heilige Ernst, von dem er dabei sich durchdrungen und getrieben zeigt, nur durch einschneidende Predigt des göttlichen Wortes sich offenbaren.

Hierzu fühlte er sich alsbald veranlaßt, als er am Tage Johannes des Täufers (24. Juni) Nachmittags im Großmünster predigte. Schien doch der hohe Muth und Beruf dieses heiligen Mannes dazu zu mahnen, selbst den Hochstehenden ungescheut Buße zu predigen. Dies that denn auch Leo im vollsten Maße, ja mit wohl allzu großer Schärfe, an Strafernst den alten Propheten gleich, indem er der Obrigkeit durch lebhafte Schilderung ihrer einzelnen Versündigungen das Jammerbild ihres armseligen und verwerflichen Daseins vorhielt. Während er von den Obern forderte, daß sie dem Worte Gottes gemäß treue „Hirten des Volkes“ sein sollten, meinte er, ihm selbst als dem Hunde gezieme es zu bellen, wofern die Hirten schlafen bei drohender Gefahr. Auch der ungerechten Absetzung evangelisch gesinnter Rathsherren und der Einsetzung solcher, die am Worte Gottes untreu wären, gedachte er.

Diese Predigt erregte sofort großes Aufsehen. Von heftigem Unwillen entbrannt verlangten die einen der Rathsglieder Entsetzung und Verweisung des „aufrührerischen Pfaffen“, während andere ihn entschuldigten, ob sie gleich zugestanden, er möchte zu weit gegangen sein. Doch sahen auch jene ein, welch einen bedenklichen Eindruck es in dieser gefahrvollen Zeit auf Freund und Feind machen müßte, wenn man einen Prediger entließe, „der beim gemeinen Mann so viel gelte“; man würde sofort sagen, „Zürich wolle gar wieder zum Papstthum treten“. Daher beschloß man, Leo sammt den übrigen Stadtgeistlichen vor den großen Rath zu bescheiden und ihnen einzuschärfen, solches Verhalten dulde man nicht.

Leo vertheidigte sich ehrerbietig, aber unerschrocken; er beleuchtete und begründete die einzelnen Behauptungen, die in seiner Predigt vorgekommen, ohne etwas davon zurück zu nehmen. „Vor Allem“, sprach er, „bedauern wir und befremdet es uns höchlich, daß wir, die wir mit unserer Lehre bisher uns beflissen haben, nur die Einigkeit, den Frieden und des Landes Wohl zu fördern, als aufrührerisch gescholten werden, da wir doch dein Aufruhr und Unfrieden mit allem Fleiße entgegen arbeiteten. Das Evangelium macht keinen Aufruhr, sondern die, die sich der evangelischen Wahrheit freventlich widersetzen. Wir haben mit unserer Lehre bisher Aufruhr verhütet. Wenn wir die Obrigkeit wegen ihrer Vergehungen mit der Wahrheit bestrafen, so bleibt der gemeine Mann desto stiller und ruhiger. Würden wir’s unterlassen, so würde der gemeine Mann unruhig und zur Widersetzlichkeit gegen euch desto eher geneigt sein, und wir kämen bei ihm in Verdacht, wir sähen euch durch die Finger und billigten euere Vergehungen. Es geschieht aus guter Meinung, wenn die Worte zu Zeiten bitter und rauh sind; denn die Wahrheit ist scharf wie das Salz, Salz aber behütet vor Fäulniß.“ Leo scheute sich nicht, vor dem versammelten großen Rathe von den zwei großen Parteien zu sprechen, die dermalen in Zürich mit einander ringen; die eine wolle Gottes Wort schirmen und uralter Gerechtigkeit wieder enporhelfen, die andere Unehrbarkeit pflanzen, das Wort Gottes ausrotten und das Papstthum wieder aufrichten. Schließlich bat er auf’s dringendste, ihm den Eifer, in den er gerathen, zu gute zu halten.

Bullinger als Vorsteher der gesammten Geistlichkeit unterstützte das Gesagte. Die Prediger traten ab. Es kam im Rathe zu einem hitzigen Parteikampfe; bange Gerüchte verbreiteten sich unter den Schaaren, welche sich beim Rathhause immer zahlreicher sammelten; es hieß, man werde die Prediger verabschieden oder in’s Gefängniß führen und dergleichen. Jedoch wurde diesen endlich der Beschluß eröffnet: der Rath wolle das Vergangene auf sich beruhen lassen; sie sollten die Wahrheit frei predigen gemäß der heil. Schrift; hätten sie sich in irgend etwas über die Obrigkeit zu beschweren, so sollten sie es vorerst dem Rathe vortragen und erst, wenn dieser nicht abhelfe, auf den Kanzeln die Sache geziemend vorbringen.

Sonach ging die freie Predigt des göttlichen Wortes aus dieser Anfeindung unversehrt hervor und Leo, keineswegs eingeschüchtert, machte unerschrocken theils von der Predigt, theils von dem Rechte Gebrauch, in Gemeinschaft mit den Amtsbrüdern Beschwerden über vorkommende Unsittlichkeiten rc. dem Rathe vorzutragen und Abhülfe von ihm zu verlangen.

Wider das unmittelbare Eingreifen der Staatsgewalt in die kirchlichen Angelegenheiten erklärte er sich ganz entschieden. Könne man nicht verhindern, schreibt er im Oktober 1532 an Bullinger, daß überhaupt der Rath fortfahre Kirchengesetze aufzustellen, so werden die Prediger es eben ertragen müssen; doch dürfen sie sich nicht dabei betheiligen, damit solche Satzungen durchaus kein kirchliches Ansehen (Autorität) bekommen und später um so leichter wieder abgeschafft werden mögen.

Ganz im Einklang hiermit steht, daß Bullinger und Leo noch im nämlichen Monat dem Rathe den vollständig ausgearbeiteten Entwurf einer Prediger- und Synodal-Ordnung vorlegten, welche ohne Verzug die staatliche Genehmigung erhielt und für drei Jahrhunderte die feste Grundlage der Kirchen-Verfassung Zürichs bildete. So sehr wird aber die christliche Freiheit in derselben anerkannt, daß die ausdrückliche Erklärung voran gestellt ist: durch rechtmäßige göttliche Verordnungen werde die Freiheit eines frommen Christenmenschen nicht beeinträchtigt, fände sich aber, daß irgend etwas darin dem Wort Gottes zuwider laufe, so solle dies ungültig sein und der Wahrheit gemäß verbessert werden, damit die Freiheit durch keinerlei menschliches Ansehen verdrängt werde.

8. Leo’s Anfechtung in Betreff des Verhältnisses von Staat und Kirche.

Wiewohl nun diese Kirchenordnung und deren Handhabung, zu welcher auch Leo das Seinige beitrug, der zürcherischen Kirche allmälig in immer reicherem Maße großen Segen brachte, so finden wir doch bei Leo die Bedenken hinsichtlich der ganzen Stellung des Staates zur Kirche, wie sie in Zürich und anderwärts eingetreten war, und des unevangelischen Zwanges, der deshalb auch in kirchlichen Dingen (z. B. hinsichtlich des Predigtbesuches) ausgeübt ward, nicht gehoben, sondern im Gegentheil noch gesteigert; ja sie wurden für ihn gleich im nächstfolgenden Jahre zur schweren Anfechtung. Hatte die Niederlage der Reformation in der Schweiz, die gewaltige Zurückdrängung derselben seit der unseligen Schlacht bei Kappel, deren furchtbare Folgen immer betrübender zu Tage traten, ernste und nicht unberechtigte Zweifel an der Richtigkeit des bisherigen staatlichen Eingreifens in die kirchlichen Verhältnisse bei ihm angeregt, wie wir denn schon in seinem Schreiben an Bullinger über die Kirchenzucht von ihm vernahmen, und das Vorbild der mährischen Brüder ihm eine ächt evangelische, vom Staate unabhängige und darum zwangslose Behandlung der kirchlichen Angelegenheiten dargestellt, so kam nun noch ein Anstoß von anderer Seite hinzu. Der schlesische Edelmann Kaspar Schwenckfeld, der entschiedenste Feind alles Zwanges in kirchlichen Dingen, ein Mann von durchaus evangelischer Gesinnung, welcher schon seit einigen Jahren in Straßburg, diesem wogenden Meere aller Sekten, sich aufhielt, und nur aus Liebe zum lauteren Evangelium im Fortgang der Reformation mit den Leitern derselben und mit der Gestaltung, welche die erneute Kirche bekam, nicht einverstanden war, sondern alle Einmischung der Obrigkeit in das Kirchenwesen verwarf, unterließ nicht, durch öftere, zum Theil sehr einläßliche Schreiben auf ihn einzuwirken.

Schon im Mai des Jahres 1533, als sich But z er wegen der Verhältnisse zu den Lutherischen in Zürich einfand, theilte sich Leo diesen, alten Freunde deshalb mündlich mit, dann auch schriftlich Bucern sowohl als dem ihm ebenfalls sehr befreundeten Capito. Schwenckfeld, von dessen Briefwechsel wir wohl den Anfang nicht mehr besitzen, von Leo um nähere Darlegung seiner Ansichten über diesen Punkt angegangen, gab sich alle Mühe, durch ein Schreiben vom 5. Juli und durch Uebersendung seines Schriftchens: „vom Unterschiede des alten und neuen Bundes“ Leo zu seinen diesfälligen Ansichten hinüber zu ziehen. Mit seiner bezaubernden Anmuth und Eindringlichkeit weist er ihm die stete Verschiedenheit zwischen Staat und Kirche, selbst da, wo die Glieder der Regierung (evangelische) Christen seien, die Verwerflichkeit alles Staatszwanges in Glaubenssachen, die Nothwendigkeit der „Glaubensfreiheit“ – dieses damals auch auf Seiten der Evangelischen unerhörten Zustandes – nach. Allerdings lag darin viel Ansprechendes, Vieles, was einem Manne, der aufrichtig dem evangelischen Grundsatze von dem seligmachenden Glauben, als „einer freien Gabe Gottes“ huldigte, einem Manne, dem es nicht bloß um Befriedigung der nächstliegenden praktischen Bedürfnisse, auch nicht um irgend welche beliebige Vermeidung der allfälligen Schwierigkeiten, welche aus der Gewährung der „Glaubensfreiheit“ und der Aufhebung alles staatlichen Zwanges in Glaubenssachen für den Staat einstweilen hervor gehen konnten, sondern um die lautere, gründliche Wahrheit, um gerechte, gewissenhafte Erledigung der Frage zu thun war, – zusagen oder ihn wenigstens nachdenklich machen mußte. Die ganze Fülle der Fragen sehen wir daher bei Leo hier auftauchen, welche, lange Zeit zur Ruhe gebracht oder bei Seite gesetzt, seit hundert Jahren, zuerst unter dem Namen der „Toleranz“ sich doch wieder Geltung verschafft, irgendwie fast überall in der protestantischen Welt Anerkennung gewonnen, mit neuer Frische aber in den Tagen der Gegenwart hervor getreten sind und manche edlere Gemüther, auch hervorragende Geister in Anspruch nehmen.

Im Zusammenhang mit diesen Bedenken Leo’s steht der Ausgang der Berufung in’s Ausland, die er eben um diese Zeit erhielt. In Ulm und in Memmingen handelte es sich um die Besetzung der ersten Pfarrstelle. Ambrosius Blarer wandte sich deshalb an Leo Judä, von dem er wohl annahm, daß er gleich Myconius nicht ungeneigt sein würde, Zürich zu verlassen. Leo theilte ihm indeß die Gründe, die ihn zur Ablehnung bewegen, in einem Schreiben vom 3. September mit, welches in mehrfacher Hinsicht bezeichnend ist: „Gnade und Friede durch Christum! Höchst unerwartet war mir, was Andreas Geßner (ein zürcherischer Kaufmann), unser beider Freund, mir in Deinem Namen hinterbrachte. Müßte ich von hier fort, so würden mich freilich die angebotenen Bedingungen nicht abschrecken. Aber so wie’s jetzt steht um mich und unsere Kirche, seh‘ ich nicht, wie ich’s mit gutem Gewissen über mich bringen könnte sie zu verlassen. Schon vor Alters war man nicht bloß in der öffentlichen Meinung, sondern auch nach dem Zeugniß der kirchlichen Constitutionen (Ordnungen) überzeugt, man könne zu denen wenig Zutrauen haben, die von ihrer Kirche zu einer andern übergehen, um ihr vorzustehen. Vielmehr werden Solche fast als unnütz erfunden. Denn wo wäre ein redlicher Mann, der nicht so bei sich selbst urtheilte: wäre dieser ein bescheidener, nicht ein ehrsüchtiger Mensch, so hätte er seine Schafe nicht verlassen. Wer blindlings sein eigen Haus vernachlässigt, wie wird der ein anderes recht besorgen? Darauf aber kommt viel an, welches Ansehen der habe, der dem Worte dient. Der Unbeständige wird keine Gemüther fest an sich ziehen und erscheint als zwischen zwei Mühlen stehend. Ich kann nicht läugnen, es gibt gar Vieles in unserer Kirche, was mir nicht bloß beschwerlich, sondern ganz zuwider ist. Ich weiß, wie Vielen und wie Mächtigen ich verhaßt bin. Ich weiß, wie wenig ich bei den Meisten ausrichte. Allein das muß man eher tragen, als abschütteln. Es wäre zu fürchten, wollte ich deswegen weichen, daß ich vorab einen erzürnten Gott erfahren würde, so ich das von ihm aufgelegte Kreuz nicht tragen wollte; sodann daß ich statt eines noch leichten zehn höchst beschwerliche mir zuziehen würde. Wie? ist es nicht Sache eines Weisen, zu wägen, wie viel seine Schultern vermögen? Ich erliege fast unter dieser Last hier; welche Thorheit wäre es also zu einem schwereren hinzueilen. Es ist möglich; ich würde mich vielleicht nicht eben sehr gegen meine Kirche versündigen, da vielleicht ein Geschickterer sie übernähme; ich würde mich aber gegen die so ansehnliche Kirche versündigen, welche du mir anträgst, wenn ich als ein so Ungeschickter mich ihr darböte. Hinwieder ist meine Kirche bis anhin mir doch nicht ganz undankbar gewesen. Drum sei’s ferne von mir, daß ich zuerst mir den Vorwurf des Undanks zuziehen möchte. Sollte sie mich aber undankbar verstoßen, so müßte ich eben gehen, wohin der Herr mich riefe. Jetzt muß ich, wenn ich so sagen soll, Sparta zieren, das mir zu Theil geworden. Dir bin ich indeß dankbar, theuerster Mann, der du mich nach deinem Wohlwollen für würdig achtest, mich für eine so hervorragende Kirche in Vorschlag zu bringen. Denn ein so kluger Mann hätte sich bei seiner Berechnung in der Auswahl meiner Person nicht irren können, wofern nicht die Grüße seiner Liebe zu mir ihm die Augen blenden würde. Ich bitte also dringend, daß du nach deiner Freundlichkeit diesen meinen Abschlag wohl aufnehmest. Ich bitte auch Gott, er möge jener Kirche recht treue und fromme Hirten vorsetzen, und mich, falls ich durchaus für euch nütze bin, wie einem widerstrebenden Jonas oder Paulus mit Gewalt beitreiben. Ich möchte wohl, daß, wie das Gerücht meldete. Billican der Ulmer Kirche vorgesetzt würde. Doch es geschehe der Wille des Herrn! Lebe wohl, gelehrter Mann, und laß Leo dir empfohlen sein. Grüße unsern Zwick in meinem Namen.“ – Schließlich empfiehlt Leo für die eine oder andere der erledigten Stellen einen Mann, der als Vertriebener sich eben in Zürich aufhielt.

Blarer er gab indeß die Hoffnung noch nicht auf, erkundigte sich aber über Leo noch näher bei dessen Straßburgischen Landsleuten, die ihn von Jugend auf genau kannten. Die Besetzung der ersten Pfarrstellen in Ulm und in Memmingen quäle ihn schrecklich, schreibt er am 10. September an Bucer und fährt dann fort: „Viele halten Leo Judä für nicht ungeeignet für eine dieser beiden Kirchen und glauben, er könne auch dazu bewogen werden, ein solches Amt anzunehmen, da es scheine, er versündige sich dadurch nicht eben sehr gegen seine Kirche, die ein anderer vielleicht ebenso geeigneter Mann nicht weniger geschickt besorgen könnte. Ich bin über seine Gaben nicht ganz im Klaren, außer, daß ich noch bei Zwingli’s Lebzeiten hörte, Leo sei von nicht wenig milderem Sinne und würde Manches bei Weitem anders einrichten, wenn er nicht durch Zwingli’s Autorität gedrückt würde. Ich möchte indeß lieber, er würde die Stelle in Memmingen übernehmen als die in Mm, neben andern Gründen auch wegen seiner Stimme, die wohl hellklingend ist, aber doch schwächer, als daß sie dem ungemein großen Münster entspräche … Ich denke von ihm, er würde, wenn er eine andere Kirche übernähme, besonders eine schwäbische, sich vor den härteren Redensarten hüten in Betreff des Abendmales. Unlängst habe ich mit einem Bürger von Zürich, einem guten Manne, freilich nur beiläufig, gesprochen; der versicherte, Leo würde diese Stelle nicht ausschlagen, falls man ihn ernstlich und gehörig beriefe. Er setzte ihm dann die Sache in Zürich auseinander; sofort schrieb mir Leo, dankte, brachte indeß höflich etwelche Ablehnungsgründe vor, doch so, daß auch ich keinen Zweifel hege, er würde dies Amt antreten, wenn ich stärker in ihn dränge. Aber da will ich dich, mein liebes Herz, mein Bucer, dessen Urtheil mir stets als ein Orakel galt, zuvor hören. Du kennst ihn gründlicher. Die Ulmer bewerben sich um Leo oder Billican, wenn ich nicht falsch berichtet bin.“

Am 22. September antwortet Bucer: „Betreffend Leo haben Capito und ich Bedenken. Ihm hat Schwenckfeld zugesetzt sowie die Niederlage der Zürcher und das Vorbild der Mähren, so daß er beinahe meint, die Kirche Christi könne nicht anders als nur unter Wenigen und zwar von den Uebrigen Getrennten, so wie es sich mit der Kirche der Mähren verhält, bestehen (existiren). Die Kindertaufe, meint er, sei abzuschaffen. Er hält zwar an sich, um die Einheit der Kirche nicht zu stören, aber er ängstet sich in seinem Innern viel, worüber er gegen mich mündlich und nachher brieflich nur kurz, gegen Capito ausführlicher, am ausführlichsten vielleicht gegen Schwenckfeld sich ausgesprochen hat, der hier Oel ins Feuer gießt. Daher besorgt Capito, wenn er einer Kirche als erster Pfarrer vorstände, wobei er mehr Muße hätte und einfacher wäre, würde es ihm Schaden.“

Dies gab den Ausschlag; Blarer drang nicht weiter in Leo und dieser blieb in Zürich. Wir sehen, wie treu die Freunde um den zweifelnden Leo, um sein wahres Wohl besorgt waren. Capito war ganz im Falle hierin zu rathen, da er bei seiner großen Milde gegen anders Gesinnte an sich selbst ganz Aehnliches erfahren und nur kürzlich wieder festen Fuß gefaßt hatte, erst wie es scheint, seit der im Juni 1536 in Straßburg gehaltenen Synode, welche die Hauptfrage entschied und zwar auf Bucers Betrieb zu Gunsten der Berechtigung des Staates bei kirchlichen Angelegenheiten, dahin nämlich, die Obrigkeit habe die Befugniß und Verpflichtung, ihrer Einsicht gemäß dafür zu sorgen, „daß Gottes Lehre rein verkündigt werde, und sie soll Verkehrung der christlichen Lehre und falschen Gottesdienst strafen.“ Die von Capito und Bucer in dem so eben erwähnten Briefe des Letztern geäußerte Besorgniß, Leo möchte als erster Leiter einer Kirche bei seinem dermaligen Schwanken unter den obschwebenden Verhältnissen nicht wohl bestehen, war in der That nicht ungegründet, da Schwenckfeld und Sebastian Franck die süddeutschen Kirchen um jene Zeit mannigfach beunruhigten und gefährdeten. Wie viel innere Berechtigung die in Bucers Schreiben Leo beigelegte, hier schon so ganz klar hervor tretende freikirchliche Ansicht für die Zukunft in sich barg, damals konnte die evangelische Kirche sowohl gegenüber der mit Anwendung aller Mittel der Staatsmacht kämpfenden römisch-katholischen Kirche, von der man sich kürzlich erst losgemacht hatte, als auch, wie nur zu bald das Geschick der unglücklichen Stadt Münster (in Westphalen) zeigte, gegenüber den stürmisch Drängenden, nicht anders sich halten als durch festen Zusammenschluß mit den bestehenden evangelisch gesinnten Obrigkeiten, womit freilich eine Schmälerung der evangelischen Freiheit, das Eintreten eines nicht geringen Zwanges in kirchlicher Hinsicht verbunden war.

Was die Verwerfung der Kindertaufe anlangt, der Leo nach dem obigen Briefe Bucers während dieser Zeit seiner Beängstigung in vertraulichen Mitteilungen beipflichtete, so gehörte dieselbe ebenfalls zu den Lehren Schwenckfelds und vieler Anderen, welche um jene Zeit in Straßburg auftraten. Sie konnte um so eher sich Eingang verschaffen, da damals insgemein noch nichts der erst in spätern Zeiten ausgebildeten Confirmation Entsprechendes sich in der evangelischen Kirche vorfand; Schwenckfeld aber begehrte, daß, wofern man die Kindertaufe beibehalte, doch wenigstens etwas von der Art eingeführt werde.

9. Fortsetzung. Lösung der Bedenken Leo’s durch Bucer, Capito und Bullinger.

Sein völliger Bruch mit Schwenckfeld, December 1533.

Heilsam war für Leo der fortgesetzte Verkehr mit Solchen, die ihn zurecht leiten und ihm aus seinen Zweifeln heraus helfen konnten. Wir sahen schon bei der Frage über die Veränderung seines Aufenthaltes und seiner Amtsstellung, wie treu die Freunde auf sein wahres Wohl Bedacht nahmen. Unermüdlich fuhren sie damit fort. Als Bullinger am 5. October 1533 sammt etlichen Gefährten nach Konstanz reiste zu einer mehrtägigen Berathung darüber, wie man den Seltnern gegenüber die evangelischen Kirchen vor Zerspaltung behüten könne, hatte er insbesondere auch Leo’s Wohl im Auge. Bucer durch seine Konstanzer Freunde hiervon in Kenntniß gesetzt, ermangelte nicht, Bullinger zu wiederholten Malen (29. 30. October) brieflich alle die Gründe, auf welche seine Ansicht sich stützte und die zur Zurechtleitung Leo’s dienen konnten, ausführlich darzulegen, auch das, daß die Obrigkeit das Recht habe, Verführer und Gotteslästerer mit dem Schwerte zu strafen. Ebenso schrieb er am 30. November 1533 einläßlich an Leo selbst, mitten aus einer Menge von Sorgen und Arbeiten, womit er gerade überhäuft war: „Gnade und Friede, herzlich geliebter Bruder. Allzu sehr bin ich dermalen in Anspruch genommen durch den Zustand der Kirche zu Münster (in Westphalen), welche die Wiedertäufer beinahe zerstört haben, denn die Kirchen sind dort geschlossen, der Feind droht von außen; nur in Einer Kirche predigt wider den Willen des Rathes, auf die Gewalt des Volkes sich stützend, der Erste der Aufrührer. Dies verdanken wir Schwenckfeld und Hofmann; der Erstere hat jenen ersten Prediger von Münster hier unterwiesen, Hofmanns Schüler haben ihn dort noch zu Ende geführt. Darum bin ich genöthigt, mich diesmal etwas kürzer zu fassen; halt mir’s zu gute, theuerster Bruder. Ich sage unserem Herrn Jesu Christo Dank dafür, daß er dir nun deine Anfechtung so ermäßigt hat, daß du dir selbst mißfällst dieses Schwankens halber; – denn wer möchte nicht wünschen, in Allem gewiß zu sein! – und daß du so schön an der Einheit mit den Amtsbrüdern noch festhältst. Diese Bekümmerniß aber über den Rathschluß (die Zulassung) des Herrn wird dir noch zum Heile dienen; steh nur fest in dem, worin du stehst! Wir werden in andern Dingen angefochten und noch garstiger. Wer den Herrn sucht, wird ihn finden.“

Sodann löst er mit großer Umsicht Leo’s Bedenken in Betreff der Ausschließung der offenbar Schlechten vom Abendmal, die Leo gleichwie den Wiedertäufern als nothwendig erschien, sowie über die Entscheidung durch Stimmenmehrheit in Sachen der Religion, welche Leo jetzt als unberechtigt vorkam, ferner über die Flecken, die an den Dienern der Kirche sich fänden, sodann verbreitet er sich über die Gewalt der Obrigkeit. „In Rücksicht der Obrigkeit,“ schreibt er im Hinblick auf Leo’s allerdings nicht ungegründete Bedenken gegen die Art, wie damals verfahren wurde, „ist es gut, daß du anerkennst, es komme ihr zu, die zu strafen, welche die gesunde Lehre bekämpfen, die von der Wahrheit abführen. Dein Scrupel liegt darin, daß es nicht leicht Allen klar sei, was das heiße: von der Wahrheit abführen. Mein Leo, für das noch etwas rohe Volk hat Gott diese Vorschrift gegeben; daher ist’s nöthig, daß es einen gewissen Inbegriff der gesunden Lehre gebe, und wer diesem sich widersetzt, unter jenes Gesetz falle. So geschehe es also; es werde ein Inbegriff des Christenglaubens aufgestellt, ohne welchen Niemand ein Christ sein kann; wenn Jemand demselben widerspricht, werde er zuerst durchs Wort erinnert bis genug; hört er nicht darauf, so überlege die Obrigkeit, ob er das aus Irrthum thue oder aus böswilliger Halsstarrigkeit; das Urtheil der frommen Obrigkeit leite der heilige Geist. Dem Irrenden wehre sie, nur damit er nicht die Uebrigen verderbe, und auf so humane Art wie möglich; Gott wird diese verleihen; der Irrende soll das Mitleid fühlen, doch so, daß wir nicht grausam werden gegen die übrige Gemeinde, die jener verheeren wird, wofern du zugibst, daß er nach seinem Belieben vorschreite. Auch wenn ein Rasender mich umbringt, werde ich eben doch umgebracht. Ist’s Bosheit und eigenwillige Halsstarrigkeit, so verfahre man strenge.

Unter den Wiedertäufern gibt es solche, die man vielleicht im Staate dulden kann, die nämlich, welche die Kirche nicht verdammen, die nur ihres eigenen Sinnes und Irrthums voll sind. Wer aber die Religion Christi, welche der Staat anerkannt hat, bekämpft, thue er es aus Irrthum oder aus einem andern Grunde, der ist abzuwehren von der Hürde Christi. Begegnet es, daß der Staat in etwas irrt, so werden doch Alle nach ihrem Gewissen handeln müssen und muß jede fromme Obrigkeit Sorge tragen, gemeinen Schaden abzuwenden.“

Von Schwenckfeld sagt Bucer in diesem Briefe: „An Schwenckfeld und Andern sehe ich ein wunderbares Gericht Gottes. Ich bin leider Gottes allzu fleischlich; daher, wo immer ich ein strenges Leben erblicke, da meine ich auf der Stelle, wohne Christus ganz, indem mir die Nichtigkeit und Schlaffheit meines Lebens mißfällt. Aber, o guter Jesus, der du allein die Gerechtigkeit Gottes bist, wie gerne möchte ich, ich fände diese Leute anders, wenn ich sie näher beschaue! Wie können wir doch alles leisten, nicht nur das Vermögen hingeben für den Armen und den Leib kasteien, sondern ihn sogar ins Feuer hingeben zum Verbrennen, und doch ohne die wahre Liebe! Ohne sie aber sind wir nichts.“ Sammeln findet Bucer liebevoller und nöthiger als Zertrennen.

Am Schlusse setzt er noch bei: „Schwenckfeld, du darfst uns glauben, gilt mir und Capito gleich; was Gottes ist an ihm, anerkennen wir; wir hatten bis anhin, weder Capito noch ich, diese Frechheit, die Kirche zu verwüsten, an ihm gekannt. Jetzt verräth er sich als ein Solcher, und wir sind mit gleichem Eifer um die Kirche bekümmert. Davon ein ander Mal; ich kann für jetzt nicht mehr schreiben, die Boten wollen eben abreisen. Lebe herzlich wohl, mein theuerster Leo; nur bleibe bei der Kirche, wie immer sie sein mag, und bei der Gemeinschaft mit den Mitarbeitern, und Gott wird bei dir sein! Die Hauptsache ist gesichert, du glaubst an Christus, hast also das ewige Leben; in ihm lebe für und für wohl, und bete fleißig für mich, damit der Herr verleihe so zu leben, wie man leben soll!“

Gleichzeitig äußert Bucer auch gegen Bullinger, dem er ebenfalls wieder, offenbar zu Leo’s Belehrung, ausführlich schrieb: „Von Leo hoffe ich das Beste; er ist jetzt freilich in Anfechtung. Er wird sich wieder erholen.“ Indeß war Leo noch nicht sofort völlig gerettet, und Schwenckfeld ließ noch nicht von ihm ab; eben jetzt erhielt er von dem Letztern wieder einen längeren Brief (vom September 1533, aus Speier), worin dieser ihn im herzgewinnendsten Tone inniger Frömmigkeit auf’s Neue zu sich herüber zu ziehen sucht. Doch schreibt Leo bedeutend beruhigt (im December 1533) an Bullinger: „Ich schicke dir, theuerster Bruder, die Briefe Capito’s und Bucer’s, die ich in meiner nicht geringen Herzensbeängstigung und Anfechtung zu Rathe gezogen hatte. Sie antworten freundschaftlich und es ist kaum auszusprechen, wie ich beruhigt worden bin durch ihre Briefe voll Geist und Liebe. In Betreff der Kirche also und der Kindertaufe ist mein Bedenken großentheils gehoben.2) Allein ein anderes, vielleicht größeres und gefährlicheres Bedenken ist noch übrig, worüber einst Schwenckfeld an mich schrieb, worauf ich seine Gründe zum Theil widerlegte und zum Theil die Uebelstände, welche daraus entstehen könnten, ihm entgegen hielt mit Beifügung der Gründe, die mir damals triftig erschienen, die er nun aber in seiner Antwort sämmtlich zu entkräften sucht. Es erhellt, daß dieser Mann gar sehr auf die Ehre Gottes bedacht und von einem aufrichtigen und brennenden Eifer beseelt ist. Was er daher hier schreibt, schicke ich dir mit der dringenden Bitte, daß du, theuerster Bruder, nicht verschmähest es zu lesen. Denn ich einmal bin durchaus der Meinung, man müsse keines Menschen Schriften verachten, sofern sie nicht offenbar gegen Christus streiten. Ich hoffe, mir zu Gefallen werdest du lesen, was du sonst nicht lesen würdest, um nach der dir verliehenen Gnade auch dieses Bedenken mir zu benehmen und die Gründe zu widerlegen. Trage doch, mein Heinrich, mit Geduld und Gleichmuth meine Schwachheit und reiche mir als der Stärkere die Hand; denn ich stehe an und ich vermag gar nichts wider das Gewissen, ich kann nicht drauf los etwas behaupten, was mir gar nicht ausgemacht ist, woran ich vielmehr zweifle. Der Punkt, um den es sich handelt, betrifft die Freiheit zu predigen, und ob es der Obrigkeit erlaubt sei, diejenigen hieran zu verhindern oder deshalb zu bestrafen, welche von denen abweichen, die sie selbst angestellt hat. Nur bitt‘ ich dich, Schwenckfeld’s Brief treulich bei dir zu behalten, damit er nicht in andere Hände komme und Schwenckfeld, wie er auch sein mag, (Bucer’n ekelt er an, Capito ist er genehm) durch mich irgend Unrecht widerfahre oder sein Ruf verletzt werde. Ich sende dir dies Schreiben um so lieber, damit du sehest, daß ich nicht nach Neuerungen trachte, sondern mich befleiße, von Allen die Wahrheit zu erkunden. Lebe wohl, theuerster Bruder, und liebe mich, wie immer.“

Bullinger unterließ nicht, seinem schwankenden Amtsbruder die Frage, welche damals eine Lebensfrage war für das Bestehen der evangelischen Kirche, den Verhältnissen seiner Zeit entsprechend einläßlich und mit tiefem Ernste zu beantworten, und wir werden, falls wir an den Zustand Straßburgs vor der Synode vom Juni 1533 und an das Schicksal Münsters (in Westphalen) denken, auch seiner Betrachtung eine gewisse Anerkennung nicht versagen können, obwohl uns ihre Mängel nicht entgehen werden. Zugleich sehen wir daraus, wie Leo doch auch zuvor schon die schwenckfeldische Lehre hierüber bekämpft hatte.

Schwenckfeld betreffend, schreibt Bullinger, habe er nun aus diesem Briefe gesehen, daß derselbe, wie er bisher schon vermuthete, verkehrten Sinnes sei, ein Mann, der viele leere Worte mache, den Geist und die großen Geheimnisse Gottes zwar wohl mit einer gewissen Hoheit behandle, aber die christliche Einfalt schmählich verkenne. „In der vorliegenden Frage hat er fast wörtlich nur die Gründe aufgewärmt, welche von den Donatisten angeführt worden (einer Sekte in Afrika im vierten Jahrhundert, welche durch Kirchenzucht eine völlig reine Kirche zu Wege bringen wollte), welche schon vor mehr als tausend Jahren, nicht etwa nur die päpstliche, sondern die wahrhaft kathol. Kirche der Schrift gemäß verworfen hat. Alle Wahrheit, welche man heut zu Tage bekennt und die doch hell am Tage liegt, zieht er in’s Ungewisse und umnebelt sie, da er mit ausnehmender Keckheit ausdrücklich sagt, das Evangelium sei bisanhin nicht gepredigt worden und es bestehe heutiges Tages nirgends eine Kirche. Und da du die wiedertäuferische Lehre mit einer verdorbenen oder vergifteten Quelle verglichen hattest, entgegnet er ganz offen: „Es ist noch nit erkennt, wo der vergiftete Brunnen ist.“ Als ob also die tollen, gottlosen und verwegenen Lehren der Wiedertäufer noch nicht aller Welt aufgedeckt wären. Aber dieser Tausendkünstler begünstigt (wie er sagt) nicht die Partei der Wiedertäufer, die nach seiner Behauptung sogar gegen ihn erbost sein sollen. Besichtigst du dir aber das Einzelne näher, so wirst du sehen, daß dieser Mensch den Wiedertäufern günstig ist, indeß freilich schlüpfriger als Erasmus. Denn bald sagt er, ein Wiedertäufer sei er nicht, bald schreit er, die wahre Taufe sei untergegangen durch die Kindertaufe. Ueberdies erhebt er die Heiligkeit dieser Leute, während doch alle Heiligen dieselbe bei den Einfältigen unter ihnen d. h. den Ungebildeten als einen mehr als mönchischen Aberglauben, bei den Führern aber als Heuchelei, Gottlosigkeit, Starrsinn und hartnäckige Bosheit erkannt haben. Ja sogar die durchaus gottlose Lehre Hofmann’s, dieses ausgemachten Ketzers und Lästerers, versicht er gewisser Maßen…. Daß er noch Schriftstellen an den Rand setzte, die für Hofmann sprechen sollen, hat mir seine Unredlichkeit auf’s Deutlichste verrathen; dies hat mich über die Maßen empört …. Schon diese Schlechtigkeit allein ist mir Beweis genug, daß nichts von wahrhafter Frömmigkeit in Schwenkfeld sei…. Aber auch gerade in dem Punkte, den er mit dir verhandelt, verräth er seine Unzuverlässigkeit und widerspricht sich selbst…. Zu Anfang nämlich und im Allgemeinen läßt er nicht zu, daß die Wiedertäufer gestraft werden. Sorgsam verwehrt er, daß die Obrigkeit irgend etwas anordne oder besorge in kirchlichen Angelegenheiten; dennoch sagt er bald darauf: „Ist’s geschehen, daß die Wiedertäufer Aufruhr gemacht oder irgend Jemand an Leib und Gut geschädigt haben, so hat die Obrigkeit ihr Recht billig wider sie, wie auch wider Andre zu üben.“ Das aber ist ja eben unsre Meinung; oder warum werden die Wiedertäufer bestraft, als eben weil sie gegen die der Obrigkeit gebührenden Abgaben und den Eid lehren, weil sie durch ihre Taufe die Kirche zerspalten und vom Wahren zum Falschen wegführen …. Wiederum hattest du gefragt: „Was würde aber daraus, wenn man einen jeden Letzkopf (Verrückten) ließe aufstehen und plaudern?“ Jener antwortet: „Wenn es wollte zu grob zugehen, da möchte ein Magistrat dazu sehen; so lang es aber bei Glauben, Lehre und Ceremonien von Gott bleibt, hat er nichts zu wehren.“ Aus seinem eigenen Munde magst du also diesen Menschen richten; denn was Anderes folgt umgekehrt als: wofern also die christliche Lehre, der christliche Glaube und die christliche Zucht verdorben wird, so ist es Sache der Obrigkeit, dies zu verbessern. Nun aber wird durch die wiedertäuferische Lehre sowohl die Lehre als die Zucht der Christen verdorben; also ist es Sache, der Obrigkeit, dieselben zu hindern. Wo bleiben nun Schwenckfeld’s Behauptungen, es sei nicht Sache der Obrigkeit, irgend etwas in Dingen des Glaubens zu thun? Doch was braucht es mehr! Ich einmal sehe wohl, daß dieser Mensch wie dazu geboren ist, Irrthümer, Ketzereien und Kirchenspaltungen (Schismata) zu hegen und zu schirmen, so daß ich nicht weiß, ob Deutschland seinesgleichen je erzeugt hat. Denn was ist unverschämter, als daß er sagt: „Es thut nit gut, so lange der Glaube mit sammt seiner Folge nit frei gelassen wird!“ O welche Unbedachtsamkeit von diesem Menschen! Denn wenn jeglicher Glaube frei sein soll, so muß ohne anders die Wahrheit unterdrückt werden. Kann doch kein anderer Glaube der wahre sein, als einzig dieser unser Glaube; außer diesem gibt es ;a keinen wahren Glauben. Paulus und Christus selbst fordert die Bischöfe auf, über die Erhaltung desselben zu wachen. Nun aber, wenn jeder Glaube frei sein soll, was braucht’s noch Wachsamkeit? Ein jeder mag thun und glauben, was ihm beliebt. Widerstreitet dies aber der Wahrheit, so soll fürwahr doch erst jener Glaube frei sein, welcher der wahre ist. Kommt es nun einem christlichen Bischof zu, zu wachen, so kommt dies gewiß auch einer christlichen Obrigkeit zu.

Das aber ist gar nett, daß er sagt, die Sekten stören den Staat nicht; in Constantinopel, Venedig und Prag seien viele und verschiedenartige Sekten. Dadurch verräth er, was er, der Beförderer der Spaltungen, vor hat und wie er nur darauf zielt, die Kirche in tausend Stücke zu zertheilen. Uebrigens weiß man wohl, wie dem Apostel Paulus die Sekten gefallen und wie die Sekten dem Staate bekommen…. Kurz ich kann aus dem Allem nichts Anderes schließen, als daß Schwenckfeld ein aalglatter, durchtriebener Mensch ist und ein Tausendkünstler im Erregen kirchlicher Spaltungen; daher ich überaus wünschen möchte, du würdest dich seiner Gemeinschaft und des Verkehrs mit ihm entschlagen. Ich weiß, was Paulus aus Menander anführt: Böse Geschwätze verderben gute Sitten. Du klagst selbst, dein Gemüth sei ohnehin ängstlich und verworren genug. Noch verworrener wird es also werden, wenn du fortfährst mit diesem Dunkelmacher zu verkehren. Am besten wirst du ohne anders thun, sowohl für dich, als auch für uns Alle und für die ganze Kirche, wenn du dich vor ihm hütest. Denn gewinnen kannst du ihn nicht; du siehst, weß Sinnes er ist. Lehren will er, nicht sich belehren lassen. Wie oft bringt er bei: „Ich wollt‘ Euch Gott befehlen!“ Ueberdies merkst du wohl, wie viel Lauterkeit, Ehrlichkeit und Einsicht bei ihm ist. Unser Bibliander, du weißt, mit welchen Farben er ihn geschildert hat. Was das betrifft, daß er Capito nicht ganz zum Ekel ist, so weißt du, daß der gute Mann durch die Heuchelei gewisser Leute sich auch früherhin öfter hat verführen lassen und immer durch fremdartige Lehre umgetrieben wird. Bucer, der sowohl gelehrter, als lauterer und auch fester ist, schenkt dem Schwenckfeld, wie du bemerkst, keinen Beifall. Du nennst freilich das, was dir zugestoßen ist, eine Anfechtung; ich lege mir’s so aus, es ist eben die verworrene Frucht eines verworrenen Verkehrs. Satan greift uns von rechts und von links an und ist geschäftig, uns durch tausend Kunststücke zuzusetzen; begegnen wir ihm mit Festigkeit und herzlichem Gebete. Was wahr ist, ist einfach. Zweifelhaftes bietet Gott uns nicht dar. Ein unbeständiges Gemüth bildet sich Zweifelhaftes ein. Auch ich bin nicht ohne Anfechtungen und ich glaube niemand ist’s; aber immer kehre ich zur Einfachheit zurück. Dies bringe ich besonders darum in Erinnerung, weil es mir am gerathensten scheint, da du ja doch schwachen und verworrenen Gemüthes bist, daß du dich des Umgangs und Verkehrs mit durchtriebenen Menschen enthaltest. Ich rede hier von Schwenckfeld; über die Sache selbst aber lohnt sich’s, wie mir scheint, der Mühe nicht, ausführlicher zu sein oder auf das Einzelne einzutreten, deshalb, weil ein Mann von ausgezeichneter Einsicht und Heiligkeit, Augustinus, auf das Einzelne gelehrter und treffender geantwortet hat, als heut zu Tage irgend jemand es könnte. Ich führe dir daher hier blos die Stellen an …. Dies, mein Leo, ist, was ich dir dermalen hierüber zu melden habe; hat es deinen Beifall und thut es dir Genüge, so sage ich Gott dafür Dank. Ich hoffe aber, es habe deinen Beifall. Mir wenigstens that es schon vorlängst Genüge. Ich bitte dich, was ich hier schreibe, wohl zu beherzigen, da es ja aus einem befreundeten Gemüthe entsprungen ist. Denn das darfst du mir glauben, mein lieber Leo, daß ich dir mit so aufrichtigem Wohlwollen zugethan bin, daß ich um deinetwillen Alles thun würde, und deshalb deinen Zustand um so inniger, ja unaussprechlich bedaure, daß du so von Anfechtungen gequält wirst. Der Herr erleuchte und kräftige Hein Herz zur Ehre seines Namens und zur Förderung seiner Kirche!“

Leo entsprach diesen Aufforderungen Bullinger’s; noch im nämlichen Monate (am 25. December) richtete er an Schwenckfeld ein Schreiben, worin er sich völlig von ihm lossagte und zwar seinem gründlichen Ernste gemäß auf’s Schärfste. Bullinger konnte am 3. Januar 1534 an Vadian, dem er eine Uebersicht über die Verhältnisse und Umtriebe der Sektirer, sowie im Vertrauen auch von Leo’s Störung durch Schwenckfeld Kunde gab, schreiben: „Gott Lob ist Leo wieder hergestellt; nach schärfster Bescheltung Schwenckfeld’s fügte er zu Ende seines Briefes an ihn hinzu: „Weil ich denn sehe, daß du vom Geiste des Satans getrieben wirst, so sage ich dir das letzte Lebewohl!“

Dennoch schrieb Schwenckfeld aus Mindelheim, sobald er Leo’s Brief erhielt, am 2. März 1536 noch einmal an ihn; er hält ihm vor, daß sein Schreiben etwas schärfer laute, als er sich von ihm dessen versehen hätte, der ihm „von viel frommen Brüdern so hoch gelobt und für einen gottesfürchtigen Mann dargegeben worden;“ er meint, Leo sollte „mit dem Geiste der Sanftmüthigkeit etwas an ihm versuchen“; doch kenne er die wohl, welche, „wie sein lieber Wilhelm von Zell ihn benachrichtigte, Leo’s aufrichtiges Gemüth gegen ihn unruhig machen wollen“, und wolle seiner Seits „weher ihm noch Andern treue Liebe abstricken (versagen)“.

Doch der Zauber, den er vorübergehend auf Leo geübt, war gelost/ Als Schwenckfeld 1542 (16. Januar, aus Justingen in Schwaben) „an Bullinger, Leo Judä und die übrigen Kirchendiener in Zürich“ sein „großes Bekenntniß“ sandte, lehnten diese ab, sich mit ihm einzulassen und verwiesen ihn besonders auf Vadian, der bereits trefflich Wider ihn geschrieben hatte. Wir finden aus späterer Zeit nur einen Brief Schwenckfeld’s vom Jahre 1544 an eine Freundin, worin er sich über eine mißbilligende Aeußerung beschwert, durch welche Leo seine Lehre von der Majestät Christi (von seinem vergotteten Fleische) für Vorwitz, Irrthum erklärt habe.

Blicken wir noch einmal zurück auf jene schwere Anfechtung, welche Leo im Jahre 1533 hinsichtlich des Verhältnisses von Kirche und Staat durchmachte, Wir werden sie begreifen können, wenn wir bedenken, daß damals in der zürcherischen Kirche durch obrigkeitliches Gebot jedermann gezwungen war, die Kinder taufen zu lassen, wofern er unangefochten im Lande bleiben wollte; daß man ebenso gezwungen war, dem sonn- und festtäglichen Gottesdienste beizuwohnen, auch das heil. Abendmal, das an den drei hohen Festen gefeiert wurde, an jedem derselben zu genießen; daß die nicht Evangelischen so eben von allen Aemtern und Ehrenstellen ausgeschlossen worden und ihnen nicht gestattet war, sei’s in dem Gebiete Zürichs, sei’s außerhalb, einem Gottesdienste nach ihrer religiösen Gesinnung beizuwohnen. Und doch war von der erneuten Kirche dem Evangelium gemäß anerkannt und öfter ausgesprochen worden, der Glaube sei eine freie Gabe Gottes, niemand könne zum Glauben gezwungen werden. Ohne innern Herzensglauben aber mußte ja die gezwungene äußerliche Theilnahme am evangelischen Cultus eine leere Form, eine so elende Ceremonie werden, wie nur irgend diejenigen in der entstellten, päpstlichen Kirche sein konnten, von der man sich eben auch deshalb mit tiefer Entrüstung losgesagt hatte. Lebendiges, persönliches Christenthum und darum Freiheit des Einzelnen in Hinsicht der Religion, Glaubensfreiheit, wovon eben ein Schwenckfeld so anmuthig zu reden wußte, mußte daher Leo angemessener vorkommen als Gewissenszwang oder Glaubenszwang, angemessener als Verkümmerung der evangelischen Freiheit durch Staatszwang auf dem Gebiete der Kirche. Durch Beseitigung des staatlichen Zwangs die blos scheinbare Theilnahme am evangelischen Gottesdienste von Seiten gegnerisch Gesinnter zu vermeiden, persönliches, lebendiges Christenthum dagegen zu befördern, konnte ihm darum als heilige Wicht erscheinen. Daß seine Anfechtung so schwer wurde, kann ihm wohl nur zur Ehre gereichen; es ist ein Zeichen seines Ernstes, seiner aufrichtigen Wahrheitsliebe, seiner zarten Gewissenhaftigkeit, mit der er diese Sache durchdachte, während Hunderte von evangelischen Christen nicht einsichtiger, sondern roher darüber hinweg gingen. Leo fühlte mit Recht, daß der damalige Zustand noch nicht das Höchste und Reinste sei, was im Wesen der evangelischen Kirche liege.

Auf der andern Seite aber läßt es sich nur billigen und als eine günstige Führung betrachten, daß Leo doch den Vorstellungen seiner treuen Freunde Gehör gab und sich durch sie von der Unausführbarkeit dessen, was ihm vorschwebte, von der Unzweckmäßigkeit und (durch die Vorgänge in Westphalen bald offenbar werdenden) Verderblichkeit der schwenckfeldischen Sätze überzeugen ließ, mochte auch in ihren Behauptungen noch manches Unzulängliche vorkommen. Immerhin gab es damals allerdings keinen andern Ausweg, um der evangelischen Kirche zur Gestaltung zu verhelfen und ihren Bestand zu sichern, als jenen Zwang in Kirchenfachen, jenes freilich oft auf mangelhafter Belehrung und Auffassung beruhende Einschreiten und Durchgreifen der Staatsgewalt, wie sehr dies auch die Gefahr in sich trug, daß von neuem ein bloß mechanisches, massenhaftes Christenthum eintrete. Sollte die evangelische Kirche nicht sofort in Sekten sich zerspalten und von den Gegnern erdrückt werden, so mußte man sich dieses mangelhafte Verfahren einstweilen gefallen lassen und konnte es nur durch die Kraft der evangelischen Predigt möglichst unschädlich zu machen suchen. Erst einer späteren Zeit, in der die evangelischen Grundsätze sich in weiteren Kreisen eine gewisse Anerkennung verschafft und die verschiedenen Lebensgebiete mehr würden durchdrungen haben, konnte es vorbehalten sein, der persönlichen Freiheit (der Glaubens- und Gewissensfreiheit) innerhalb der evangelischen Kirche zu ihrem Rechte zu verhelfen und dieser ihre beziehungsweise Selbstständigkeit gegenüber der staatlichen Gewalt zu sichern.

10. Leo’s Katechismen.

In nahem Zusammenhange mit diesem innern Kampfe Leo’s steht, schon der Zeit nach, die Herausgabe seines ersten Katechismus, welcher in der Folge „der größere Katechismus“ benannt zu werden pflegt. Wenngleich kein besonderer Wink darüber vorkommt, dürfen wir diese katechetische Arbeit Leo’s wohl als eine köstliche Frucht betrachten, die zum bleibenden Segen der Kirche aus Leo’s Anfechtung hervor ging. Sie ist die erste in der Schweiz von größerem Umfange und allgemeinerer Bedeutung; dieselbe entsprang ohne anders aus dem Verlangen, nicht bei einem nur massenhaften Christenthum und daher bloß scheinbaren Dasein der evangelischen Kirche stehen zu bleiben, ihr vielmehr durch das Heranbringen der Heilswahrheit besonders an die Jugend und durch persönliche Aneignung derselben zu recht gedeihlichem Leben zu verhelfen, wie denn das individuelle Erfassen der christlichen Lehre von Seiten der als unmündig Getauften allerdings die der hergestellten Kirche würdigste und zugleich nachhaltigste Ueberwindung mancher wiedertäuferischen Einwürfe sein mußte.*) Schon in der zürcherischen Predigerordnung vom October 1532 finden wir zwar die Anordnung, daß auf dem Lande alle Sonntage Nachmittags eine Predigt vorzüglich für die Jugend solle gehalten und darin mehrtheils der Katechismus behandelt werden d. h., daß Unterricht in der christlichen Religion soll ertheilt werden. Allein es gab dafür noch kein Handbuch; man hielt sich eben an die althergebrachten Lehrstücke, die heil, zehn Gebote, die zwölf Artikel des christlichen Glaubens und das heil. Unservater. Man setzte übrigens damals voraus, daß hauptsächlich die Eltern für den Religionsunterricht ihrer Kinder sorgen, namentlich ihnen die heil, zehn Gebote rc. einprägen. Dies lag auch insgemein ganz im Sinne der Eltern. Das Lehrbuch nun, welches Leo herausgab, will ihnen hierfür an die Hand gehen; es will kein solches sein, das bloß die Kinder handhaben sollten; noch weniger ist es zum Auswendiglernen bestimmt. Er benennt es selbst: „Christliche, klare und einfalte Einleitung in den Willen und in die Gnade Gottes, darin nicht nur die Jugend, sondern auch die Eltern unterrichtet werden, wie sie ihre Kinder in den Geboten Gottes, in christlichem Glauben und rechtem Gebet unterweisen mögen.“ 3)

Ein kurzes Vorwort von Bullinger, datirt vom 3. Januar 1534 (dem nämlichen Tage, an welcher derselbe den oben erwähnten Brief über Leo’s völlige Lossagung von Schwenckfeld an Vadian schrieb) weist vor Allem darauf, wie viel dem Herrn an der Jugend gelegen sei und wie manche Eltern es büßen müssen, wenn sie ihre Kinder übel auferziehen. „Dies Alles hat nun unser lieber Bruder und Mitarbeiter im Evangelio Christi, Leo Judä, betrachtet und weislich ermessen, und deshalb diesen Bericht verfaßt, nicht nur für die Jugend, sondern auch für die Eltern, damit sie ihre Kinder daraus zu unterweisen wissen. Dieser Bericht soll dir um so lieber sein, je getreuer und berühmter im Evangelio Leo nun viele Jahre her gewesen ist, er auch mit klarer und lauterer Einfältigkeit geschickt und in kurzen Worten die schwere und weitläufige Aufgabe weit besser als sonst jemand bisher gelöst hat; nicht daß er darum die Arbeit anderer im Evangelio Christi treuer und gelehrter Diener verkleinere; denn er schämt sich auch nicht, das Geeignetste daraus abzuschreiben und in das Seine aufzunehmen, da ja dasselbe nicht nur von den hochgelehrtesten unter den alten Lehrern, sondern auch von den heiligen Propheten geschehen ist.“

Die Fragen sind nicht, wie in unseren jetzigen Katechismen, dem Lehrenden in den Mund gelegt, sondern dem „Jünger.“ Dieser begnügt sich nicht mit jeder Antwort; er macht Einwendungen, in treuherzig naiver Weise, wirft Zweifel auf, die großentheils auch jetzt noch zu berücksichtigen sind, und veranlaßt dadurch den Lehrer mitunter zu ausführlichen Darlegungen.

Das Ganze zerfällt in vier Abschnitte: vom Willen Gottes, von der Gnade Gottes, vom Gebet der Gläubigen, von den Sakramenten. Von dem vielen Treffenden und Kräftigen mag hier nur Weniges Platz finden. So kommt beim zweiten Gebote die Stelle vor: „Rechte, wahre, tapfere, feste Gottes-Ehre ist, da der Mensch einen Gott im Herzen mit sich herum trägt, wo er hingeht“, und beim vierten Gebote: „Obgleich die äußere Ceremonie in Christo aufgehört hat, so soll doch der Kern, der im Sabbath begriffen und verschlossen ist, nicht aufhören, sondern von den Christen viel fleißiger ersucht und gehalten werden.“ Vom Glauben heißt es: „Der Glaube begreift zwei Dinge, erstlich: Erkenntniß Gottes; denn niemand vertraut auf ein Ding, das ihm unbekannt ist, für’s Andre: anhangen dem erkannten Gut und fest darauf vertrauen . . . Er trägt auch die Wahrheit mit; denn niemand will auf ein los, falsch, verlogen Ding sein Vertrauen setzen …. Dieser lebendige Glaube ist eine kräftige und labende Arznei der Seelen; wer sie trinkt und einnimmt, der wird gesund und heil, sicher und selig.“ Weiterhin folgt auf die Bitte des Jüngers: „Sage mir, was ist Gott und wie man an solchen Gott glauben soll,“ die Antwort: „Gott ist das oberste und höchste Gut, in dem alle Dinge wachsen, athmen, leben und sind. Allenthalben ist er gegenwärtig, allenthalben hilft er, allenthalben läuft er zu. Er ist das Leben, Wesen und Kraft aller Dinge, der Brunnen und Ursprung alles Guten und nichts ist gut, es komme denn aus ihm. Gott ist die einige, ewige, unendliche, unbegreifliche, unerforschliche und unaussprechliche Macht, Weisheit und Güte, von welcher, durch welche und in welcher Himmel, Erde, Meer und Alles, das darinnen ist, seinen Anfang und Ursprung hat, von dem auch alle geschaffenen Dinge erhalten und regiert werden. Er ist das Leben, das Licht, die Stärke, ja der Schatz und die vollkommene, überfließende Fülle alles Guten. In solch hoch und herrlich Out soll unser Glaube und Vertrauen reichen, an ihm allein soll des Menschen Herz und Gemüth haften. Darum heißt glauben hier vertrauen; denn wir glauben nicht allein, daß ein einiger Gott sei (welches auch der Teufel glaubt und mit Zittern und Schrecken erkennt), sondern wir haben all unser Vertrauen zu ihm. Ich glaube an Gott, ist so viel geredet als: Mein Vertrauen steht allein zu Gott, der das wahre und höchste Gut ist, das Leben, Wesen und die Kraft aller Dinge.“ Aus der Sendung des Sohnes „sehen wir, daß Gott uns aufs höchste lieb hat, ja so lieb als sich selbst, da er sich selbst für uns hingibt.“ Bei dem Leiden des Sohnes wird darauf hingewiesen: „daß das ganze Leben Christi von der Geburt an bis ins Grab Leiden sei.“ Vom heil. Geiste heißt es: „Noch täglich geschieht es bis an den jüngsten Tag, daß Gott seinen heiligen Geist in die Herzen seiner Auserwählten gießt unsichtbar, der die Herzen der Seinen anzündet, erleuchtet, stärkt, tröstet und ihnen das Evangelium zu verstehen gibt, den Glauben auferweckt, die Liebe inbrünstig macht und die Hoffnung befestigt Alle Dinge, die der Mensch von Gott, von Christo und allen göttlichen Dingen hört, liest, redet, ist Alles kalt, todt und unfruchtbar, wo es der heil. Geist nicht lebendig macht.“ Auf die Frage: „Wer sind die Kirche?“ wird geantwortet: „Alle die, die da bekennen und wahrhaft glauben, daß Christus der Sohn sei des lebendigen Gottes.“ Vortrefflich wird gezeigt, wie der Geist zu Hülfe komme unserer Schwachheit beim Gebete. Gegenüber der Einwendung, daß Gott ja alle Dinge wisse, wird gesagt: „Ein frommes, gläubiges Gemüth bespricht sich gern mit Gott, seinem Gemahl, von den Dingen, von welchen es weiß, daß sie ihm gefällig seien und die er aus freier Gnade verheißt.“ Bei dem Sakramente spricht der Jünger: „Lieber Meister! lege mir aus und gib mir eigentlich zu verstehen, was doch Sakrament heiße oder sei?“ Lehrer: „Es gibt einfältige Menschen, so sie dies Wort hören, vermeinen sie, es sei ein Ding, das uns die Sünde abnehme und uns heilig mache oder das uns Reinigkeit, Frömmigkeit und Heiligkeit gebe.“ Jünger: „Also hab ich’s auch gehalten.“ Lehrer: „Allein die Gnade Gottes durch Christum und seinen Geist gibt Reinigkeit und Heiligkeit, kein äußerlich oder leiblich Ding weder im Himmel noch auf Erden.“ „Die Sakramente aber, wird weiterhin gelehrt, bedeuten uns nicht bloß hohe Dinge, sondern tragen sie auch nach ihrem Vermögen und ihrer Art vor unsre Augen und Empfindnisse, … so daß sie empfindlich lehren, vorbringen und nicht minder erfreuen denn die äußere Lehre und Rede, ja das menschliche Gemüth viel gewaltiger entzünden, als wenn man die göttlichen Gutthaten ohne die Sakramente erzählt“ So man spricht, der wahre Leib Christi sei wahrhaft im heil. Abendmal in der Betrachtung und Anschauung des Glaubens, werde gegessen und getrunken von der gläubigen Seele, so ist’s wahr, ist dem Glauben und aller Schrift gemäß …. Denn der Glaube macht uns den Leib Christi und sein Blut, am Kreuze vergossen, viel gegenwärtiger, als wenn er leiblich gegenwärtig wäre, und ist die geistliche Gegenwärtigkeit des Leibes und Blutes Christi, die durch den Glauben inwendig genossen wird, viel theurer und gewisser, als die leibliche, so viel der Geist mehr und gewisser ist denn das Fleisch.“ Wir finden hier also die nämliche Darlegung der Abendmalslehre, wie in dem von Bullinger verfaßten zürcherischen Bekenntniß vom November 1534, in der ersten schweizerischen Confession von 1536, deren Abfassung Leo in Basel mit berieth, sowie in der Erläuterung derselben.

Dieser Katechismus Leo’s fand allgemeinen Beifall und wurde mannigfach benutzt. Er kam in Schaffhausen, St. Gallen, Graubünden, Thurgan in Gebrauch. Eine Verkürzung davon, die Megander in Bern 1536 herausgab, fand daselbst durchgehends Eingang. Aus St. Gallen schrieb schon im März 1534 der gelehrte Bürgermeister Vadian au Leo: „Dein neulich erschienener Katechismus wird mit so großem Verlangen, Beifall und Jubel aller Frommen gelesen, umhergeboten und durchgelesen, daß ich mich kaum erinnere, daß irgend ein anderes Buch, das von einem der Unsern deutsch heraus gekommen, günstiger aufgenommen worden wäre

Keine andern Ergötzungen Hab‘ ich in meinen karg zugemessenen Freistunden, als mich mit deinen, Pellican’s und Bullinger’s Arbeiten abzugeben. Möge der Herr Jesus euch lange unversehrt erhalten zum allgemeinen Besten der Frömmigkeit!“

In Zürich wurde im October 1534 von der Synode beschlossen, man solle überall auf Einführung von Katechisationen hinarbeiten, und Leo solle auf künftige Synode einen hiefür geeigneten Katechismus abfassen. Letzteres verzog sich indeß, vielleicht wegen der eintretenden Verhandlungen über ein mit andern Kirchen gemeinsames Bekenntniß rc. Erst später trat dieses kürzere Lehrbuch Leo’s hervor, wie es scheint, im Jahre 1541. Es führt den Titel: „Der kürzere Katechismus, eine kurze christliche Unterweisung der Jugend in Erkenntniß und Geboten Gottes, im Glauben, im Gebet und anderen nothwendigen Dingen.“ Der Verfasser gesteht im Vorwort selbst, der frühere Kinderbericht „sei vielleicht für die jungen Kinder zu lang und unbegreiflich,“ daher habe er nun den jetzigen verfaßt, aus welchem die Erzieher der Jugend, seien es Pfarrer, Schullehrer oder Eltern, die Jugend unterrichten und über das Gelernte wieder befragen mögen. Hier sind daher die Fragen dem Lehrenden in den Mund gelegt. Während die frühere Arbeit bloße Privatsache war, wird bemerkt, daß diese von der Obrigkeit, sowie von den Mitarbeitern am Worte in der letztgehaltenen Synode sei gutgeheißen worden. Während die Zahl der Fragen in diesem kleinern Katechismus, „für die herangewachsenen und verständigen“ 212 beträgt, findet sich ein Anhang für die „gar jungen Kinder“, der auf wenigen Blättern (in 56 Fragen) den Hauptinhalt kurz zusammen faßt, mitunter in musterhafter Kürze. Z. B. auf die Frage: „Wie ist man fromm und redlich?“ die Antwort: „So man glaubt, was er verheißt, und thut, was er heißt, und unterläßt, was er verbeut;“ ferner auf die Frage: „Wer gibt Kraft, die Gebote zu halten?“ die Antwort: „Allein Gott durch Christum, so man an ihn glaubt;“ ferner in der Auslegung des heil. „Unservaters“ auf die Frage: „Warum bittest du Gott, daß er dich nicht in Versuchung führe?“ lautet die Antwort: „Da sind die Anfechtungen stark und ich schwach, und vermag nichts ohne Gottes Hülfe.“

Einläßlicher sind die Fragen der ersten Abtheilung für die etwas reifere Jugend. Auch davon mögen noch einige Proben folgen. Auf die Frage: „Zu welchem Ende hat dich Gott erschaffen? sollst du allweg hier sein in dieser Welt?“ lautet die Antwort: „Das Ende, wozu der Mensch geschaffen ist, ist Gott; den soll er lernen erkennen, ihn ob allen Dingen allein lieben und ihn nach dieser Zeit im ewigen Leben ewiglich genießen. Darum soll ich alle Creaturen mit dein Herzen übersteigen und Gott meinem Schöpfer allein anhangen.“ Falscher Freiheit tritt auf die Frage: „Wie sind wir von Sünden ledig, so wir doch, so lange wir leben, immerdar Sünder sind?“ die Antwort entgegen: „Sünder sind wir, so lange wir leben, das ist: das Fleisch, der Teufel und die Sünde reizen uns allerdings an, sie mögen aber uns, so wir an Christum glauben, nicht beherrschen und obsiegen. Wir sind frei von Sünden und vom Teufel, nicht dergestalt, daß sie uns nicht anfechten, anreizen und anfallen, sondern also sind wir frei, daß sie uns fürhin nicht mögen beherrschen und unter ihr Joch bringen. Denn die, welche der Sohn Gottes ledig und frei gemacht hat, die sind wahrhaft und recht frei. Nun hat uns Gott aus der Gewalt der Finsterniß gezogen in das Reich seines geliebten Sohnes Jesu Christi, daß er nun fürhin unser Herr und König sein soll und wir frommlich unter ihm als unserm Haupte leben. Diejenigen aber, welche christliche Freiheit zu Muthwillen und Wollust ihres Fleisches gebrauchen, welche niemand seine Schuld bezahlen, niemanden unterworfen dienen und gehorsam sein wollen, sondern ohne Aufsehen und Achtung ihres Nächsten nach ihrem Muthwillen leben, die sind weder gläubig noch Christen, sondern fleischliche, ungläubige Menschen.“ – Ueber Glauben und Werke finden wir auf die Einwendung des Lehrenden: „So denn der Glaube allein ohne die Werke des Gesetzes fromm und selig macht, so würde folgen, daß die guten Werke weder nöthig noch nütze seien, woraus dann die Menschen verrucht und arg würden,“ die Antwort: „Ich scheide die Werke nicht vom Glauben, ich trenne auch den Glauben nicht von den Werken, sondern ich sage, daß der Glaube nimmermehr ohne gute Werke sein mag noch soll. Ich schreibe aber die Frömmigkeit und Seligkeit dem Glauben allein zu, nicht den Werken. Unter Glauben verstehe ich die Barmherzigkeit Gottes durch Christum. So ich nun das thue, verwerfe ich die guten Werke nicht, sondern ich zeige den rechten Ursprung und Brunnen aller guten Werke an, nämlich den Glauben. Denn was der Mensch ohne Glauben thut, es scheine wie hübsch und gut er immer wolle, ist doch weder gut noch gottgefällig, sondern es ist Sünde. Rom. 14, 23. Hebr. 11, 6.“ – Auf die Frage, wozu die Wiedergeburt diene, wird geantwortet: „Welche also wiedergeboren und neue Menschen werden, die fangen von Stund an der Sünde abzusterben, der Sünde feind zu werden und wider die Sünde zu streiten; und das treiben sie, so lange sie in dieser Zeit leben; sie ziehen den Herrn Christum an wie ein Kleid, daß er allenthalben aus ihnen hervor schimmert (erglastet) in Worten und Werken; sie sind demüthig, geduldig, gehorsam, sanftmüthig; sie lieben den Nächsten und dienen ihm willig und mit Freuden, und ergeben sich ganz und gar Christo in aller Gottseligkeit zu leben.“

Noch früher als die Herausgabe dieses kürzeren Katechismus Leo’s fällt das Erscheinen seines lateinischen Katechismus, der keineswegs die Uebersetzung eines seiner deutschen Katechismen ist, sondern eine durchaus davon verschiedene Arbeit, für die lateinische Schule (das Gymnasium) in Zürich bestimmt. In der Widmung an den Rektor desselben Johannes Fries spricht sich Leo ganz offen aus: Die Schwierigkeit der Sache, sowie insbesondere seine ungeheure Geschäftslast, die ihn beinahe erdrücke, habe ihn bis jetzt verhindert, seinem Versprechen gemäß, ein solches Lehrbuch zu liefern. Doch habe er da einen tüchtigen Stellvertreter aufgefunden. Johann Calvin nämlich, der Frömmigkeit und Wissenschaft im höchsten Maße in sich vereine, habe neulich gewisse „Unterweisungen (Institutionen) in der christlichen Religion“ verfaßt. Aus diesen habe er (Leo) die wichtigsten Abschnitte ausgezogen und mit Rücksicht auf den Jugendunterricht verkürzt. Auf Ruhm oder Lob mache er daher gar keinen Anspruch; das gebühre einzig Calvin, als dem Urheber. Dieser werde es ihm nach seiner Freundlichkeit wohl zu gute halten, daß er sein Werk so benutzt habe zum Besten der christlichen Jugend. – Großentheils entspricht daher Leo’s lateinischer Katechismus wörtlich dem in Genf öffentlich angenommenen, von Calvin im März 1538 herausgegebenen und mit obigem Titel versehenen Katechismus; Anderes, wie die Lehre von den Sakramenten, ist nach der in Zürich damals gangbaren Ausdrucksweise umgebildet. Die Frag- und Antwort-Form gehört Leo zu, indem jenes Lehrbuch Calvin’s derselben entbehrt. Leo’s Bearbeitung muß bald nach der Calvin’s erschienen sein.

Wir haben also hier die merkwürdige Erscheinung, daß mehr als ein Jahrzehend vor dem sogenannten Zürcher Consensus (der förmlichen Zusammenstimmung der Zürcher mit Calvin von 1549) ein von Calvin herrührendes Lehrbuch in der höheren Schule Zürichs beim Religionsunterricht gebraucht wurde, wie denn eben das Leben an Beziehungen und Verbindungen oftmals reicher ist, als man sich’s gewöhnlich denkt. Und zwar sehen wir dies gerade durch einen Mann vollführt, der zu den entschiedensten Gegnern der lutherischen Lehre gehörte.

In Leo’s kürzerem deutschen Katechismus entspricht die am Schlusse befindliche einläßliche Zusammenfassung der Lehre von den Sakramenten, insbesondere vom heil. Abendmal wörtlich seinem lateinischen Katechismus.

So hat Leo durch seine Bemühungen auf dem katechetischen Gebiete nicht wenig dazu beigetragen, daß die evangelische Lehre dem nachwachsenden Geschlechte lebenskräftig eingepflanzt werde. Noch während der letzten Zeit seines Lebens wurden die Katechismuspredigten angeordnet, die auch in den folgenden Jahrhunderten sich forterhielten, sowie öffentliche Prüfungen (Katechisationen), zu denen in Zürich damals die Volksmenge zahlreich herbei strömte. Letztere fanden anfangs nur etliche Male des Jahres, dann monatlich, späterhin noch öfter statt. Leo’s kleineren Katechismus pflegte man dem Gedächtniß einzuprägen. Derselbe blieb im Gebrauche, bis ein neues Zeitalter eintrat, das auch auf diesem Gebiete einläßliche Lehrbestimmungen zu bedürfen glaubte (in Schaffhausen 1569, in Zürich 1609). Immerhin erhielt sich auch in den nunmehr gangbar werdenden Umarbeitungen des Katechismus Vieles von Leu’s Werk.

11. Leo’s Theilnahme an der confessionellen Entwicklung.

Seine Beziehungen zum Elsaß.

Nicht weniger lebhaft als an den Fragen über Kirchenzucht, über das richtige Verhältniß von Staat und Kirche und an der katechetischen Aufgabe seiner Zeit nahm Leo Antheil an denjenigen Verhandlungen, die zur Aufstellung des kirchlichen Bekenntnisses führten, insbesondere an all den Versuchen, die auch nach Zwingli’s Tode gemacht wurden, eine Annäherung zwischen den Anhängern Zwingli’s und denen Luther’s zu erzielen. Sein ganzes Herz ward um so stärker davon bewegt bei seinem innigen Verhältnisse zu Zwingli einerseits und anderseits bei seiner nahen persönlichen Bekanntschaft mit den Hauptleitern jener Versuche, den Straßburger Theologen.

Wir finden ihn nun vorerst überaus geneigt zum Entgegenkommen, so weit es unter Festhaltung des Zwingli’schen Lehrbegriffes irgend möglich war; dann aber auch eben so entschieden in der Ablehnung weiter gehender Zumuthungen, zumal zweideutiger Formeln, die nur den Schein einer Einigung gewähren, hernach aber nur desto größere Zerwürfnisse herbei führen konnten. Wir sehen ihn hierin fortwährend mit Bullinger einig gehen; nur daß er bei seinem heftigen Temperamente in den Warnungs- und Mahnbriefen, die er an Freunde schrieb, sich weit stärkerer Ausdrücke bedient.

Tief entrüstet ward Leo über die im Drucke erscheinenden, feindseligen Sendschreiben, durch die Luther bald nach Zwingli’s Tode die Fehde erneute und die Bekenner von Zwingli’s Lehre in Deutschland aufs neue verfolgte. Zu dem Sendbriefe, welchen die Zürcher Prediger deshalb (im Juni 1532) an Markgraf Albrecht von Brandenburg zu richten sich gedrungen sahen, besorgte Leo die deutsche Uebersetzung des um 840 von Ratramnus verfaßten Schriftchens „vom Leib und Blute des Herrn,“ welches hinzu gefügt wurde zu schlagender Widerlegung des Vorwurfs von Luther, als ob Zwingli’s Lehre eine neue Erfindung, „aus den Fingern gesogen“ wäre und sich von dem Zeugnisse der gesammten christlichen Kirche losrisse.

Gleichzeitig beklagt sich Leo bei Bucer schmerzerfüllt über Luther: „Wir achten Luther,“ sagt er unter andern, „als ein Werkzeug des Herrn, als unsern Mitbruder; aber wir verabscheuen seine Schmähsucht, seine ungezähmte Hitze, seinen Stolz und seine Bannsprüche. Wir müssen es zwar dulden, daß er seine Mitdiener verfolgt und nicht einmal die Todten ruhen läßt, daß er unsere Lehre und unser Predigtamt vor aller Welt durchzieht, uns Schüler des Teufels und Ketzer nennt, ja uns sogar dem Satan übergibt; aber billigen können wir es nicht. Was für ein Geist aus ihm spricht, mag er selbst beurtheilen. Immer fährt er fort, bei dem Kaiser und den Fürsten uns als Schwärmer anzuschwärzen und auf unsere Vertreibung zu dringen. Wohl ertragen wir Luther’s Schmähungen standhaft, aber nicht die Schmähung unserer Lehre.“ Ueber sich selbst spricht er dabei höchst bescheiden, indem er seinen stillen Kummer, über die eigene Unzulänglichkeit, ganz in’s Herz des Freundes ausschüttet mit einer Offenheit, die uns tief in sein Inneres blicken läßt: „So schreib‘ ich dir eben, mein lieber Bucer, nach meiner geringen Einsicht; nimm’s nach deiner Milde und Freundlichkeit wohl auf. Ich stecke zwischen Thür und Angel. Ich sehe wohl, daß ich in göttlichen Dingen gar nichts vermag und daß von gelehrten Männern viel an mir vermißt wird. Daher sinne ich manchmal auf Flucht aus diesem so überaus mühseligen Dienste; nicht daß ich der Arbeit überdrüssig bin, wohl aber über mich selbst verdrießlich und ärgerlich auf’s heftigste. Vieles wird hiezu erfordert, was, wie ich wohl weiß, nur fehlt, Wissenschaft, Frömmigkeit, Muth und Festigkeit; die Einen spötteln bei mir über Furcht, Andere über Unbesonnenheit und Dreistigkeit. Will ich fest und ernst auftreten, so furcht‘ ich, es sei Keckheit und ich errege Zerrüttung; bin ich mild und sanft, so fürcht‘ ich, es sei Trägheit und Gleichgültigkeit: o welch‘ ein gefahrvolles Loos! Verrichtet Jemand etwas Leibliches, so läßt sich’s wieder verbessern; aber die Seelen, die mit dem Blute Christi erkauft sind versäumen oder zum Schlimmern führen, ist das nicht das ärgste Verbrechen? Bitt‘ Gott für mich, daß er mich aus diesen Gefahren befreie!“

Mit Bezug auf die Vermittlungsversuche schreibt Leo (im Juli 1532) an Myconius: „Daß du zur Eintracht mahnst, ist recht; denn ohne sie kann die Kirche nicht bestehen. Daß aber Einigkeit unter den Kirchen Bestand haben könne bei Zwiespalt in der Lehre, das versteh‘ ich nicht, geschweige daß ich’s glauben könnte. Aber du hast diese Ueberzeugung, setzt er ironisch hinzu, ohne anders aus Schriftstellen; ich bitte dich sehr, mir diese anzugeben. Uebrigens ermahnen wir unsre Gemeinden tagtäglich, mit dem Glauben Liebe und heiligen Wandel zu verbinden, nach Frieden und Wahrheit zu trachten.“

Wiederholt aber fühlte er sich gedrungen, den ihm so nahe befreundeten Bucer von falschen Vermittelungen und irre führenden Wendungen abzumahnen. Auf’s schneidendste warnt er ihn vor allzu großer Willfährigkeit gegen Luther im Februar 1534 in Folge einer eben erschienenen Druckschrift Bucer’s, bald nachdem Letzterer geholfen hatte ihn vor Verwirrung zu behüten. „Ich nehme die Mahnung an, mich vor Schwenckfeld, Hofmann und den übrigen Leuten solchen Gelichters zu hüten; ich glaube aber, gleicher Weise solltest du dich vor Luther hüten, der nicht bloß in Hinsicht der Sakramente, sondern in vielen Punkten der Schrift zuwider lehrt, uns dem Satan übergibt, sich von uns trennt.“ Er vergleicht sodann Bucer (im Briefe an diesen vom 27. April) im Verhältnis zu Luther mit einem unglücklichen Liebhaber; so wüthend, so streitsüchtig, so leidenschaftlich sei Luther; und doch empfehle Bucer ihn jedermann, während er Schwenckfeld verwerfe und verabscheue und jedermann vor ihm warne, obwohl dieser von Bucer und seinen Amtsbrüdern das Zeugniß eines unklagbaren Lebenswandels habe. Luther sei ja mit den ärgsten Fehlern behaftet; er verachte und schmähe die Andern alle; spreche von der Zudienung der Sakramente und dem Kirchendienst so unwürdig und irreligiös, rede so ungewaschen, habe Oekolampad beschimpft seines Absterbens halben; er scheine wie vom Satan getrieben; da sei ja nichts wahrzunehmen vom heil. Geiste, denn die Liebe fehle. „Was ist aber Glauben ohne Liebe?“ Auch den Erasmus, diesen um die Wissenschaft so hoch verdienten Mann, habe er auf so unwürdige Weise beschimpft. „Ich verdamme Luther nicht, fügt Leo bei; ich freue mich auch nicht über seinen Unfall und Unverstand; aber ich glaube, es liege Alles daran, daß er von den andern Dienern der Kirche zurecht gewiesen werde; sonst haben wir einen neuen Papst…. Vielleicht klingt dies heftiger, als mir geziemt oder du gern hörst. Aber die Einheit der (evangelischen) Kirche ist zu bedenken!… Ich bitte Gott, daß er Luther sanft und milde mache, ihn mit seinem Geiste und mit Liebe beschenke.“ Der friedfertige Schluß ist geeignet, die vorangehende Schärfe des Briefes zu mildern, die freilich durch Luther’s fortgehende Verdammungen veranlaßt war, sowie durch das Verlangen, Bucer vor haltloser Willfährigkeit zu bewahren.

Wenige Wochen nachher (im Mai 1534) ward Württemberg von der östreichischen Herrschaft frei und seinem angestammten Fürsten wieder zu Theil, der rasch die Reformation seines Landes betrieb und dazu auch Leo’s Freund Ambrosius Blaarer berief. Leo zürnte diesem anfangs wegen seines mit Schnepf eingegangenen Uebereinkommens. Doch alsbald besänftigt schreibt er ihm an 25. Oktober: „Deine Genugthuung nehme ich gerne an; an Deiner Lauterkeit zweifelte ich nie; – aber, setzt er recht aufrichtig hinzu, ich pflege so gegen Freunde meine Aufwallungen, vielleicht ziemlich unklug, auszuschütten …. Zweideutiges ist mir eben zuwider. „Leo selbst erhielt einen Ruf zur Mitwirkung an der Umgestaltung Württembergs. Er schreibt darüber m demselben Briefe: „Grynäus, ein Mann, den ich im Herrn verehre, hat mir geschrieben, um mich zu bereden, daß ich mit ihm die schwere Aufgabe (die Reformation der Universität Tübingen) übernehme, gewiß mehr durch ein Uebermaß von Liebe zu mir bewogen, als durch richtiges Urtheil. Ich halte mich dieser Verrichtung für unwürdig und ihr nicht gewachsen; auch darf ich meines Erachtens ohne Geheiß des Rathes nicht von hier weggehen. Es geschehe der Wille des Herrn; ihm muß unser Leben geweiht sein!“

Ganz einverstanden war Leo mit dem kurzen „Bekenntniß, betreffend das Abendmal“, welches Bullinger an Blaarer und Bucer gelangen ließ, und nachdem es von den meisten Schweizerstädten genehmigt war, auf die von Bucer im Dezember 1534 nach Constanz ausgeschriebene Versammlung von Geistlichen ober deutscher Städte sandte, um die Willigkeit zu einer Ausgleichung mit den Protestanten Deutschlands darzuthun und zu zeigen, wie weit die schweizerischen Kirchen ihrerseits hierin entgegen kommen könnten. Ja, so eifrig war Leo für dies Entgegenkommen, daß er auf’s schärfste und lebhafteste den noch sich sträubenden Bernern zusetzte, sie sollten durchaus ihre Zustimmung geben; er sucht ihnen gar eindringlich zu zeigen, wie richtig man sagen dürfe: „im heil. Abendmal sei der Leib Christi da, und nicht blos dies, sondern er werde auch ausgetheilt und werde auch gekaut (gegessen).“ Dabei versichert er sie: „Nicht einen Halm breit sind wir Zürcher von Zwingli’s Meinung abgewichen.“ Doch die Berner hielten fest an ihren Bedenken; erst eine Conferenz Leo’s mit Megander in Brugg zu Ende Aprils 1535 brachte völlige Verständigung.

Hieran schlossen sich die Verhandlungen, aus welchen 4586 die „erste helvetische Confession“ in Basel (auch „zweite baslerische Confession“ genannt) hervorging, an deren Abfassung auch Bucer und Capito sich betheiligten. Leo war es, der im Auftrage der übrigen Geistlichen die Uebersetzung in’s Deutsche vornahm, welche sofort für den Urtext erklärt wurde. Im Zusammenhang mit ihrer Annahme stand Bullinger’s Herausgabe von Zwingli’s letzter, reifster Schrift, der „kurzen Erklärung des christlichen Glaubens“ an Franz 1.; Leo ließ sie alsbald in’s Deutsche übersetzt erscheinen. An Vadian, der ihm um dieselbe Zeit seine trefflichen „Aphorismen über das heil. Abendmal“ vor dem Drucke zur Begutachtung vorlegte, schreibt er in seiner gewohnten Bescheidenheit: Vadian habe unklug gehandelt, daß er dafür an ihn sich wandte; denn es heiße „Schuster bleib beim Leisten!“; er (Leo) hätte gewünscht, man wäre in der Kirche stets bei der apostolischen Einfachheit geblieben; nun danke er Gott, daß von ihm ein solcher Mann gegeben sei, der Alles auf’s klarste darlege. „In so heiligen Mysterien, fährt er dann nach einläßlicher Beurtheilung der Schrift Vadians fort, ist’s kein Wunder, wenn jeder nach der ihm verliehenen Gnade das ausspricht, was ihm zum Preise Gottes zu gereichen scheint. Und gewiß ist die Sache, die durch dieses Sakrament dargestellt wird, so herrlich und so weit, daß es niemand mit Worten ausdrücken kann!“

Als Bucer in der Folge ungeachtet aller Warnung immer mehr doppelsinnige Formeln vorbrachte, als die bernische Kirche dadurch in Zerwürfniß gerieth, Megander daselbst entlassen ward (1537), als vollends Bucer’s mißlicher Brief an Luther (vom 19. Januar 1538) zum Vorschein kam, sprach Leo unverholen seine Entrüstung gegen Bucer aus, wollte auf nichts mehr eingehen und veranlaßte auch die Eltern seines Neffen Johann Fabritius (Schund) aus Bergheim im Elsaß, der eine Zeit lang in Bucer’s Hause gewesen, ihn von dort zurück zu rufen, wozu freilich auch noch andere Gründe mitwirkten. So sehr war ihm, seiner obigen Aussage gemäß, alles Zweideutige zuwider. – Mit Calvin dagegen, den er 1536 und 1538 kennen gelernt hatte, finden wir ihn auch weiterhin in freundschaftlichem Verkehr.

Ein höchst dringender Ruf gelangte im Herbst des Jahres 1535 an Leo, gleich jenem nach Tübingen ebenfalls in Folge der Rückkehr Württembergs unter das angestammte Fürstenhaus, ein Ruf, der sehr viel Lockendes für ihn hatte, in sein liebes Heimatland, in’s Elsaß. Graf Georg, der die dortigen württembergischen Besitzungen Horburg und Reichenweier im Namen seines Bruders des Herzogs Ulrich regierte, berief ihn zur Einführung der Reformation in diesen Herrschaften. „Leo, den treuen Hirten der Schäflein Gottes, und seinesgleichen“, schreibt er an den Rath zu Zürich, „sollte man, ob sie gleich nicht wollten, in die große Ernte hinaus treiben, die ihm der Herr bei uns bereitet hat.“ Durch wiederholte Bittschreiben, sowie durch einen Abgeordneten betrieb er die Sache in Zürich. Doch ließ man Leo nicht ziehen, weil man ihn in Zürich nicht entbehren mochte.

Statt seiner wurde Erasmus Fabritius dem Grafen für etliche Jahre überlassen. Leo dagegen erhielt in den nächsten Jahren (1538) in Zürich das Bürgerrecht nebst etwelcher Aufbesserung seines Einkommens.

An gutem Willen für sein Geburtsland zu wirken, hätte es Leo nicht gefehlt. Fortwährend trug er es auf seinem Herzen. Schon aus der früheren Zeit haben wir Zeugnisse davon. So schrieb er im Spätjahr 1524 seinen Verwandten in Bergheim, woselbst seine Schwester Clara mit dem Metzger und nachherigen Spitalmeister Jakob Schmid verehelicht war, mit Bezug auf die Gefahren, die damals noch den evangelisch Gesinnten drohten, sie sollten sich nur treulich zu Gott halten. „Wie möchte doch ein so milder, gnädiger Vater seine Kinder verlassen? Seht nur zu, daß ihr ihm fest vertrauet und seine Wege haltet, so wird es euch an nichts gebrechen weder im Geistlichen noch im Leiblichen.“ Er beschreibt ihnen dann den günstigen Stand der Sache des Glaubens in Zürich und fügt bei: „Wollte Gott, daß es möglich wäre, daß wir möchten bei einander wohnen!“ Er empfiehlt ihnen auch‘ seinen damaligen Amtsnachfolger in St. Pilt, Wolfgang Schuch; indem er Herrn Diebolt grüßen läßt, fügt er bei: „Bittet diesen, daß er dem jetzigen Leutpriester Herrn Wolf Gutes thue; denn ich hoff und vermein‘ – trüg‘ ich mich nicht – der sei ein frommer Hirt und ein wahrer rechter Lehrer und ein gottesfürchtiger, lieber Mann.“ Weiter grüßt er zwei Gevattern, sowie zwei Frauen und „insonders auch den Bruder Lienhard; denn der Pfarrer zu St. Pitt, Herr Wolf, hat mir geschrieben, er hange auch treu am Gottesworte und habe sich bekehrt; und das hat mich so wohl erfreut, als ich’s las, daß mir die Augen überliefen vor Freud. Denn es freuen sich auch die Engel über einen Menschen, der sich bekehrt; wie sollte denn ich nicht frohlocken, wenn täglich viel Gläubige zu Christo kommen. Ich bitte euch auch, ihr wollet doch dem Leutpriester zu St. Pilt allweg das Beste thun; denn er hat mir gar viel Gutes über euch gesagt in seinen Briefen. O wollte Gott, daß ihr zu Bergheim einen solchen Mann hättet! Aber Herr Simon will nicht dran. Gott erbarm sich über ihn; grüßet ihn auch von mir; ich bitte täglich Gott für ihn, daß er ihn erleuchte.“

Ueber Wolfgang Schuch täuschte Leo sich nicht; er steht da unter den großen Märtyrern unserer evangelischen Kirche, als ein Zeuge des Glaubens und der hingebenden Liebe, zu der Christus die Seinen entzündet. Er predigte treulich das Evangelium und gestaltete demselben gemäß den Gottesdienst um unter allgemeinem Beifall von Seiten der Gemeinde. Allein der Herzog von Lothringen, dem St. Pilt zugehörte, drohte auf die Kunde davon die Stadt mit Feuer und Schwert zu zerstören, da er nach der Darstellung seines Beichtvaters in ihren Bewohnern nicht bloß Ketzer, sondern auch Aufrührer sah. In einem ehrerbietigen Schreiben (vom 2. Januar 1525) legte nun Schuch ihm Rechenschaft ab von seiner evangelischen Predigt, durch die gerade der beste Gehorsam gegen die Obrigkeit gewirkt werde, nämlich der willige. Da jedoch dieser Brief ohne Erfolg blieb, reiste er selbst nach Nancy, der Residenz des Herzogs, um „als treuer Hirt“ das Verderben von seiner Gemeinde abzuwenden und allein auf sein Haupt zu laden. Klar über sein eigenes Schicksal, standhaft im Bekenntniß seines Glaubens in langer Kerkerhaft und unter mancherlei Verhören vernahm er freudig sein Todesurtheil und starb demüthig und zugleich voll heiligen Muthes in den Flammen am 21. Juni 1525, eine Wittwe mit sechs Andern hinterlassend. St. Pilt aber entging der angedrohten Verwüstung, die der Herzog an andern Ortschaften unter entsetzlichem Blutvergießen im ausgedehntesten Maße wirklich vollzog. Doch die Saat des Evangeliums, die Leo daselbst ausgestreut und Wolf gang Schuch gepflegt hatte, ward völlig ausgerottet.

Als Leo im Sommer des Jahres 1531 Gelegenheit hatte, seinem Schwager Jakob Schmid in Bergheim durch den ehemaligen Administrator von Einsiedeln, Theobald von Geroldseck, einen Brief zu senden, berichtet er ihm, er selbst sammt seiner ganzen Haushaltung sei frisch und gesund, er möchte dasselbe gerne auch von ihm (seinem Schwager) vernehmen; „doch viel lieber, fügt er bei, möchte ich hören, daß man auch bei euch die Wahrheit öffentlich dürfte bekennen; dies würde mich über Alles erfreuen. Lasset uns Gott ernstlich darum bitten; er wird uns erhören!“ Allein dieser Wunsch ging nicht so bald in Erfüllung. Späterhin faßte daher Leo’s Schwester (1539) den Entschluß, um des Evangeliums willen „aus Babylon“ nach Zürich auszuwandern, der indeß nicht zur Ausführung kam.

An den Nachfolger des Erasmus Schmid in Reichenweier, den tüchtigen Matthias Erb, der früher in Bern gewesen, schreibt Leo am 1. Mai 1541 in einem gar freundschaftlichen Briefe: „Ich bitte dich, daß du bei meinen Elsäßern, wie du thust, Alles dran setzest, daß sie im Glauben an Christum unterwiesen nach Unschuld streben. Dies ist deine Pflicht. Von Lohn mag ich nichts versprechen; denn das Wort Gottes trägt ihn reichlich in sich. Ich will, so viel an mir liegt, unsern treuen Vater im Himmel bitten, daß er dich mit seinem Geiste begabe und stärke gegen alle Feinde. Bete auch du inbrünstig für unsere Kirche.“

12. Fortgesetzte schriftstellerische Tätigkeit Leo’s, besonders als Uebersetzer.

Fortwährend finden wir Leo emsig in der Förderung und Ausbreitung der evangelischen Wahrheit auf schriftstellerischem Wege, besonders auch in der bescheidenen Stellung eines Herausgebers und Uebersetzers von Schriften Anderer.

Vor Allem sind hier zu nennen seine Uebersetzungen der damals sehr schätzenswerthen Paraphrasen (Umschreibungen) des Erasmus von Rotterdam zum Neuen Testamente. Schon in Einsiedeln hatte er, wie oben bemerkt, damit begonnen, durch Verdeutschung einzelner Episteln. Im Jahre 1523 erschienen diese insgesammt und 1542 das ganze neue Testament. Im Vorwort zu der Ausgabe von 1523 bemerkt Leo, er habe auf Bitten frommer Männer dieser für ihn fast zu schweren Arbeit sich unterzogen in der Absicht auch dadurch „die evangelische und christliche Lehre, die jetzt allenthalben durch das Anhauchen Gottes zu wachsen und zuzunehmen beginne, zu fördern.“ Das schöne Latein habe er freilich nicht zu erreichen vermocht, habe sich auch lieber „des gemeinen, ländlichen, denn des hohen und höfischen Deutsch“ befleißen wollen um der schlichten Laien willen, für welche diese seine Arbeit vornehmlich bestimmt sei.

„Die aber, fährt er fort, die meinen, es sei vorzüglicher, den bloßen Text ohne Beireden und menschliche Auslegung dem Volke darzubieten, die reden recht; ich bin auch ihrer Meinung und wollte mit ihnen wünschen, daß nichts als das lautere Wort Gottes ohne menschlichen Zusatz den Christen vorgelegt würde. Da aber der Mehrtheil der Menschen noch so schwach ist und unverständig, daß sie der festen Speise noch nicht genießen mögen, so achte ich, es sei kein Schaden, wenn ihnen dieses als eine Milchspeise gegeben werde, und die, so für sich selbst noch nicht erstarkt sind, hieran als an einer Bank zu gehen sich üben.“ Damit aber niemand dennoch etwa meine, er habe hier den bloßen Text der Episteln St. Pauli vor sich, so fügt er ausdrücklich die „Warnung“ hinzu, man solle das hier Stehende nur für eine kurze Auslegung halten, die der hochgelehrte Erasmus mit großem Fleiß aus den alten Kirchenlehrern, Origenes, Hieronymus, Augustin, Ambrosius, Vulgarius rc. zusammen gelesen habe, um zu zeigen, wie sie Paulus verstanden. Allerdings weiche diese Erklärung manchmal vom Sinne des Paulus ab, was aber der, der den Geist Gottes habe, leicht beurtheilen möge; man dürfe sich nicht verwundern, wenn Menschen als Menschen zu Zeiten geirrt und wenn Fleisch den Geist Gottes nicht erreichen noch verstehen möge. Da jetzt das Neue Testament zu Deutsch im Drucke ausgegangen, so könne ja der schlichte Laie den lautern Text daneben vor sich nehmen. „Welche aber, fügt er bei, der Geist Christi dermaßen erleuchtet und gestärkt hat, daß sie dieser Auslegung nicht bedürfen, die sollen Gott Lob und Dank sagen.“

Was für Frucht aus den Episteln zu schöpfen sei, ergebe sich aus der von ihm (Leo) jeder Epistel und jedem Kapitel vorgesetzten Inhaltsangabe. Die Epistel an die Römer leuchte allen voran „wie ein Edelstein und schöner Karfunkel“. Pauli Lob wäre nicht genug zu preisen. Was er von Gott, von Christus, von der Sünde, von den Kindern der Erwählung, von der Freiheit, von der Dienstbarkeit rc. sagt, sei nichts Andres, als daß er im Kurzen die ganze Schrift erläutere. „Wo aber der Mensch die Augen des Gemüthes tiefer hinein läßt, o wie große, o wie hohe Heimlichkeiten sind in seiner Lehre verborgen! Paulus richtet wieder auf die niedergeschlagenen, schwachen und erschrockenen Gewissen. …. O wie kräftige Arznei finden hierin alle kranken Seelen! o wie großen Trost alle betrübten Gewissen! o wie starke Wehre wider allen Anlauf der Feinde!“

Daher richtet Leo an alle Christen die Ermunterung sich hierin fleißig zu üben. „Dies ist, sagt er, ein wahrer, rechter Gottesdienst, Gott der allerangenehmste und gefälligste, so man das Gemüth täglich speist und stärkt mit dem Worte Gottes und fleißigem Lesen der heil. Schrift. Verschließet diesen Schatz begierlich in euere Herzen! belustigt euch in diesem wohl gezierten Garten! schöpfet aus diesem Brunnen die lauteren und lebendigen Wasser eueren durstenden Seelen! von diesem fruchtbaren Baume brechet die Frucht des Lebens!“

Wir sehen, wie auch für das Geheimnißvolle, für die Tiefen des Gotteswortes wie des christlichen Gemüthslebens unserm Leo der Sinn nicht abgeht, vielmehr sein Gemüth hiefür offen und rege ist. Bezeichnend erscheint in dieser Beziehung, daß er in eben diesem Jahre (1523), während er an der Seite Zwingli’s und wie bisanhin im völligen Einklang mit ihm zu wirken im Falle war, das sinnige und innige, ganz auf das innere Leben gerichtete Büchlein des Thomas von Kempen: „Von der Nachfolge Christi“ in deutscher Bearbeitung, vermehrt und verbessert, herausgab. Während man so leicht geneigt ist, den schweizerischen, insbesondere den zürcherischen Reformatoren die Neigung und Stimmung des Gemüthes für diese Seite des Christenlebens abzusprechen, gewährt uns dies eine namhafte Ergänzung und Bereicherung für die richtige und allseitige Auffassung des sie beseelenden Christenthums. Von derselben Schrift erschien in den nächsten Dezennien nochmals in Zürich eine deutsche Ausgabe. Doch scheint gegenwärtig keines dieser deutschen Exemplare mehr vorhanden zu sein.

Besonders werthvoll waren im Fortgang des Reformationswerkes Leo’s oben nur kurz erwähnte Uebersetzungen zwinglisch er Schriften theils aus dem Lateinischen ins Deutsche, theils aus dem Deutschen ins Latein. Ueberdies hat man seinem ausharrenden Fleiße die Erhaltung und Herausgabe mancher Schriftauslegungen Zwingli’s zu verdanken, die er sich während der täglichen Vorträge Zwingli’s aufzeichnete; zum Theil ward er von Megan der bei der Herausgabe unterstützt. Auf solche Weise wurde Zwingli’s Auslegung der beiden ersten Bücher Mose’s, der Evangelien und mehrerer Episteln Gemeingut für die Mit- und Nachwelt.

Kurze Zeit nach Zwingli’s gewaltsamem Tode gab Leo das „Handbüchlein der Psalmen“ heraus, welches sämmtliche Psalmen in Zwingli’s lateinischer und deutscher Uebersetzung enthält. Bezeichnend für Leo’s ungebeugten Muth nach schwerer Zeit und seine innige Bruderliebe zu dem vielgeschmähten Helden des Glaubens ist sein Vorwort dazu, das er „Ermunterung an die christlichen Leser“ überschrieben hat. „Neulich ist uns in ungünstigem Tressen von wilder Hand Zwingli, dieser Mann heiligen Andenkens, entrissen worden, christliche Leser, doch nicht ganz. Denn was können sterbliche Menschen thun, als gegen den Leib wüthen, diesen ganz vernichten oder auch nach dem Tode über den Schuldlosen mit Schmachreden herfallen. Aber ein schimpflicher Tod trifft nie den Tapfern (wie Cicero sagt) noch ein elender den Weisen! Noch lebt und ewiglich lebt er, der Helden tapferster, und hinterläßt ein unvergängliches Denkmal der Ehren, das von keinem Feuer kann verzehrt, durch keine Flammen vertilgt werden. Dem Leibe nach zwar ist er niedergemacht von denen, deren Heil und Rettung er sein ganzes Leben hindurch eifrigst erstrebte . . . . O höchste Schamlosigkeit! o Undank, unverzeihlicher Undank! Doch ihm ist wohl geschehen, herrlich wohl; seine Tugend kann durch kein Vergessen ausgewischt, durch kein Verschweigen begraben werden. Gott wird sorgen, dessen Ehre er bis zum Tode verfocht, ja mit seinem Blute wahrte, daß wider Willen und trotz des Widersprechens der Feinde dieses Mannes Gedächtniß ruhmvoll und unvergänglich sein wird; dafür werden alle Frommen besorgt sein …. Lebt wohl und lernet am Vorbild dieses Tapfersten unter den Tapfern den Tod für die Wahrheit und Gerechtigkeit nicht scheuen, sondern unverzagten Herzens ihm entgegen gehen!“

Diese begeisterten Worte zündeten. So schrieb ihm Markus Bertschi, Pfarrer zu St. Leonhard in Basel, am 5. Juni 1532: „Es ist kaum auszusprechen, theuerster Bruder, welchen Gefallen du uns erwiesen hast durch die Herausgabe des Handbüchleins über den Psalter von unserm seligen Zwingli. So sehr hat uns dein kurzes von tapferen Gesinnungen erfülltes Vorwort entzückt. Deßhalb bitten wir dich, daß du den so heiligen Nachlaß des gelehrten Zwingli, von dem bei dir, wie wir wissen, sehr viel vorhanden ist, nicht im Staube oder Moder zu Grunde gehen lassest. Du wirst kaum einen andern und geeigneteren Weg finden, die Ehre und Schuldlosigkeit dieses unvergleichlichen Helden zu schirmen mit größerem Ruhm und Nutzen, und zudem wirst du uns Alle dir ewiglich verpflichten.“

Leo zeigte durch die That, daß er willig war diesem Ansuchen zu entsprechen. Schon im folgenden Jahre gab er Zwingli’s Auslegung der Epistel St. Jacobi heraus. In der Vorrede vertheidigte er diese Epistel gegen Luthers Anfeindung, ohne diesen zu nennen, indem er zeigt, wie der Glaube und dessen Früchte, die Liebeswerke mit einander müssen verbunden sein. „Darin, fährt er fort, hat gerade Zwingli Großes geleistet. Er hat so den Glauben gelehrt, daß niemand unserer Gerechtigkeit und den menschlichen Kräften weniger beimißt, niemand des Fleisches Lüste und Begehrlichkeit mehr bekämpft hat. Hinwieder hat er so auf Werke gedrungen, daß niemand die Heuchelei schärfer niederkämpfte.“

Bei Herausgabe der Auslegungen Zwingli’s zu der evangelischen Geschichte und den Episteln im Jahre 1539 erklärt Leo in der Vorrede: „er werde nächstens Zwingli’s Schriften herausgeben, wenn er sehe, daß diese Anklang finden.“ Schon im Jahre 1533 hatte Bertold Haller dies verlangt. Indeß kam es dazu erst in den nächsten Jahren nach Leo’s Tode auf besondere Veranlassung. Seine Zeit war ohnedies durch eine große Arbeit aufs reichlichste ausgefüllt.

Achten wir indeß zunächst noch auf einige kleinere Produkte, so ist zuvörderst seine freie Uebersetzung von Bullingers 1531 erschienenen „Gesprächen gegen die Wiedertäufer“ zu erwähnen. So stark waren die Aenderungen und Vermehrungen in Leo’s Ausgabe, daß wie schon der Titel sagt, „die frühere kaum mehr zu erkennen war.“ Er gab sie 1535 heraus in eben dem Jahre, in welchem die wiedertäuferische Herrschaft zu Münster in Westphalen ihr schreckliches Ende fand, und zwar damit, wie er selbst bemerkt, „auch die, welche außerhalb Deutschland Christum bekennen, dieses Gegengift wider das Schlangengift der Wiedertäufer gebrauchen mögen. Denn wo immer Christus sich erhebt, stellen alsbald die Wiedertäufer sich ein, um die hergestellten und glücklich geordneten Gemeinden zu verwüsten und zu zerreißen.“ Mit allen Waffen sei die Wahrheit ihrem unheilvollen Irrthum gegenüber zu verfechten. „Wir suchen jedoch, bezeugt er dabei ausdrücklich, nicht das Verderben der Wiedertäufer; vielmehr bitten wir Gott, daß sie vom Irrthum zur Wahrheit bekehrt werden; den Irrthum verfolgen wir, nicht die Menschen. Lassen sie ihn fahren, so werden wir sie aller Ehrerbietung und Liebe werth achten.“ Diese Schrift Leo’s dient uns übrigens, gleichwie sein (größerer) Katechismus vom Jahr 1534, auch noch zum Beweise, wie völlig er all jene Anfechtungen überwunden hatte, von denen er im Jahre 1533 betroffen war.

Im Jahre 1537 trat seine Uebersetzung von dem, wie Neander sich ausdrückt, „schönen“ Buche des berühmten Kirchenlehrers Augustin: „Vom Geist und Buchstaben“ ans Licht, worin der Entwicklungsgang des religiös-sittlichen Lebens dargestellt ist. Leo leitet seine Uebersetzung ein mit einigen gereimten Ermunterungen zur rechten Schätzung des Geistes:

„Der Geist – der wirkt aus Gottes Kraft;
Wo der nicht baut, da wird nichts g’schafft,
Und ist auch alle Schrift vergeben (vergebens);
Der Buchstab tödt, der Geist macht leben!“

Weiter ruft er im Gegensatz zu den Widerstrebenden seinem Leser zu:

„O frommer Christ, sei nit so schnell;
Betracht des heil’gen Geists Urthel (Urtheil);
Lies nit die Schrift nach Art des Fleischs;
Allein such drin den Sinn des Geists,
Der auch darin verborgen liet (liegt). –
Thu niet (nichts) dazu, davon auch niet (nichts);
Denn Christus hat selbst kund gethan,
Himmel und Erd‘ werd‘ eh‘ zergan (zergehen),
Eh‘ von seim (seinem) Wort ein Pünktlein fall‘!“

„Allen denen, die den Namen Jesu Christi wahrhaft bekennen,“ wünscht Leo in seinem Vorwort, als „ein Mitdiener der gläubigen Kirche Zürich, vollkommene Erkenntniß Christi von Gott dem Vater.“ Auf Bitten seines lieben Gevatters, des greisen Herrn Wilhelm von Zell habe er diese Arbeit übernommen, zur Widerlegung der irre gehenden Päpstler, sowie derer, „die uns aller Welt verdächtig machen,“ zumeist aber um Gottes Ehre und des Heiles der Gläubigen willen. „Denn auch unter diesen, sagt Leo, gibt es Solche, die noch immerdar an ihren Werken hangen, auf ihre Frömmigkeit und Verdienste etwas Trost und Hoffnung setzen. Diese werden hieraus, hoffe ich, Bericht empfangen ihres Irrsals und lernen Gott allein alle Ehre zuschreiben. Es will uns noch immerdar die Gnade Gottes durch Christum nicht hoch und theuer genug sein in unseren Herzen; Christus will nicht genug bei uns gelten und der theure Schatz, den uns Gott in ihm gegeben hat, will von uns nicht recht und genugsam ermessen werden.“ . . . „Hier werdet ihr nun finden, daß Frommmachung und Seligmachung weder dem Gesetze Gottes, noch unsern Werken, noch dem freien Willen, noch dem äußern Worte, noch dem Kirchendiener, noch der Taufe, noch dem Nachtmal Christi, noch keinem Ding in Himmel und Erden soll zugeschrieben werden, denn allein der einigen bloßen, lauteren Gnade Gottes durch Jesum Christum, seinen eingebornen Sohn, in Kraft feines heil. Geistes, der die Liebe ausgießt iu unsere Herzen.“ Nicht der Schriftgebrauch überhaupt bildet nämlich den Inhalt dieser Schrift Augustins, sondern das Verhältniß von Gesetz und Gnade, Gesetzlichkeit und christlicher Freiheit, indem er darin zeigt, wie das Gesetz als gebietender Buchstabe wohl zur Erkenntniß der Sünde und zu Knechtschaft führe, wie aber durch den Glauben allein die Gnade erlangt werde, welche die Seele heile, den Willen von der Sünde befreie und zum freien Dienste der Gerechtigkeit treibe durch den lebendig machenden Geist des Gesetzes, die durch den heil. Geist in die Herzen ausgegossene Liebe. Die Verbreitung dieser ächt evangelischen Gedanken suchte Leo durch seine Uebertragung zu fördern. Augustin achtete er überhaupt hoch und hielt sich auch sonst mit dem christlichen Alterthum in steter Verbindung, um die Erkenntnisse und Erfahrungen der alten Kirche für die Gegenwart nutzbar zu machen.

In den nächsten Jahren übertrug Leo auch zwei kleinere lateinische Druckschriften von Calvin ins Deutsche. Einerseits nämlich Calvins Schreiben an Gerard Roux, Magister der Sorbonne, dann Abt und Bischof, „Von der Pflicht eines Christenmenschen, das Priesteramt in der päpstlichen Kirche entweder zu verwalten oder nieder zu legen.“ Offenbar wollte Calvin Unentschiedene dadurch zur heilsamen Entscheidung drängen. Anderseits übersetzte er Calvin’s Brief an Niklaus Chemin: „Daß man die ungebührlichen Messen der Gottlosen meiden müsse.“ Den Namen des Verfassers ließ Leo bei der ersteren Schrift weg, um ihn Unannehmlichkeiten desto weniger auszusetzen. Da er aber für die zweite dieser Schriften niemanden fand, der es ohne den Namen des Urhebers drucken wollte, so schrieb er deßhalb zu Ende Februars 1540 an Calvin nach Straßburg, und erbat sich von ihm die Einwilligung seinen (Calvins) Namen der deutschen Uebertragung beizusetzen. Daß Calvin 27 Jahre jünger, war für Leo, wie wir schon bei seinem Katechismus sahen, nicht im mindesten eine Abhaltung, sich auch unter ihn zu stellen, indem er sein Uebersetzer wurde.

Er selbst vergleicht einmal sein Sammeln dem Bienenfleiße. „Ich bin, sagt er, wie das emsige Bienchen von Blume zu Blume geflogen und habe aus jeder etwas Honig gesogen, nicht mir allein, sondern daß ich allen Gläubigen damit Nutzen brächte.“ Was er da zunächst von seiner Schrift „Ueber das Leiden Christi“ (vom Jahre 1539) sagt, das ist wohl das Bezeichnendste in Bezug auf den größten Theil seiner schriftstellerischen Thätigkeit.

13. Leo’s Bibelübersetzungen.

Insbesondere aber bewährte sich Leo’s Bienenfleiß in seinen Hauptwerken, seiner deutschen und lateinischen Bibelübersetzung. Was die erstere betrifft, so ist vorab daran zu erinnern, daß Luther’s Uebersetzung der Propheten und Apokryphen lange auf sich warten ließ; jene erschienen zusammt erst 1532, diese 1534. Von wiedertäuferischer Seite kam man ihm mit einer Uebersetzung der Propheten zuvor (Ludwig Hetzer und Hans Denck gaben diese 1527 in Worms heraus). Da indeß „Viele eine Scheu hatten“ sich dieser Uebersetzung zu bedienen, so erschien in Zürich 1529 eine deutsche Bibel, in welcher die Propheten und Apokryphen selbstständig übersetzt waren, jene, wie der Titel sagt, aus hebräischer Sprache „mit guten Treuen und hohem Fleiß durch die Prediger zu Zürich,“ diese „durch Leo Jud verdeutscht.“ Leo war freilich auch der Bearbeiter der Uebersetzung der Propheten; diese ging aber aus der täglichen öffentlichen Schriftauslegung hervor, wie sie damals in Zürich unter dem Namen „Prophetie“ (Prophezei) bestand, wobei von den anwesenden Gelehrten der Urtext mit der griechischen und lateinischen Uebersetzung verglichen und erklärt wurde. Die Vorrede sagt sehr anspruchlos: „Nachdem wir (die zürcherischen Prediger) jetzt etliche Jahre die Bücher des alten Testamentes öffentlich gelesen, haben viele Fromme gebeten, daß wir unsre deutsche Uebersetzung der Propheten heraus gäben. Unser Pfündlein wollten wir nicht vergraben . Wir schätzen uns nicht, daß wir jemand übertreffen oder verachten wollten, lehnen aber Etlicher Ungunst und Nachred ab, die nichts gut und recht achten, denn was von ihnen geschieht. Wir suchen allein unserm Herrn zu gefallen. So wir aus Unwissenheit irgendwo gefehlt (denn der Untreue und Arglist sind wir uns nicht bewußt) oder den Sinn nicht getroffen hätten, so mögen wir wohl, daß Andere Besseres und Klareres hervor trügen. Denn unser Verstand verhält sich ja zur Schrift, wie das Auge zum Sonnenglanz; Einer hat schärfere Augen als der Andere; keiner aber vermag vollkommlich darein zu sehen. Niemand mag die Propheten auslegen und verstehen, er habe denn zum Vorleuchter und Führer den Geist, aus dessen Eingebung die Propheten geredet und geschrieben haben.“

Fünfmal wurde nun die ganze deutsche Bibel in Zürich gedruckt, schon bevor Luther’s erste Gesammtausgabe derselben (1534) erschien. Seit 1531 ist auch die Uebersetzung der poetischen Bücher des alten Testamentes eine von den zürcherischen Predigern selbstständig verfaßte. Bei den geschichtlichen Büchern begnügte man sich, in Luther’s Uebersetzung Einzelnes zu verbessern und der oberdeutschen („hochdeutschen“) Sprache entsprechend auszudrücken. In letzterer Hinsicht dürfte sie auch der Sprachforschung Manches darbieten. – Leo Judä’s Uebersetzung der Apokryphen findet sich auch in den Straßburger Bibelausgaben von 1529 und den nächstfolgenden Jahren.

Von 1538 an wurde die ganze Bibel von Leo sorgfältig Wort für Wort mit dem Grundtext verglichen und demselben näher gebracht; er that dies auf den Rath des fachkundigen Pellican unter Beihülfe Michael Adams, eines jüdischen Gelehrten, welcher Christ geworden war und nun seinen Wohnsitz in Zürich nahm, sich auch daselbst verehelichte. In dieser Bearbeitung erschien die deutsche Zürcher Bibel seit dem Jahre 1540. Der Buchdrucker Froschauer stattete diese sowie die früheren Ausgaben würdig aus.

Die Krone aber von Leo’s Arbeiten bildet seine lateinische Bibelübersetzung. Auch sie schloß sich an an die oben erwähnte „Prophetie“ und konnte insofern als ein Werk der zürcherischen Bibelforscher angesehen werden. Leo aber war es, der sie besorgte und mit eigener Hand niederschrieb. Wir finden ihn 1539 eifrigst damit beschäftigt. Im Jahre 1541 erschienen als Probe dieser „möglichst wortgetreuen“ Uebersetzung die „Sprüche Salomo’s“. Betreffend Leo’s Gewissenhaftigkeit beim Uebersetzen haben wir hier sein eigenes Zeugniß. „Das allein,“ sagt er im Vorwort, „habe ich bei allen meinen Studien stets mir vorgesetzt, das ist mein einziges Ziel, dem ich nachtrachte – und diesen Sinn möge Gott mir erhalten! – daß ich, was aus dem Munde Gottes hervor gegangen, mir als Maßstab und als Prüfstein vorhalte, wornach ich mich richten müsse, und wovon ich nicht ein Haar breit weichen dürfe, sodann, daß ich mir und Andern das, was ich aus Gottes Munde vernommen, zur Förderung wahrer Frömmigkeit und Tugend aneigne und so Vielen Nutzen schaffe. Erreiche ich dies, so bin ich’s wohl zufrieden; wo nicht, so beruhigt mich das Bewußtsein, ich habe das Rechte gethan und das, wozu die Liebe treibt, die nichts Arges thut.“ Er versichert noch, er sei „mit gewissenhafter. Treue“ zu Werke gegangen.

Wie großen Beifall diese Probe fand, zeigt uns ein Schreiben Ambrosius Blaarer’s an Bullinger vom 6. October 1541, worin er seinen innigsten Dank und den lebhaftesten Wunsch der Seinigen ausspricht, daß Leo ununterbrochen in seiner Arbeit fortfahre; „wir bitten den Herrn von ganzem Herzen, daß ihr an das begonnene Werl glücklich die letzte Hand legen möget.“

Leo arbeitete rastlos fort, und hatte das Glück, die kanonischen Bücher des alten Testamentes beinahe vollenden zu können. Er brachte ein Werk zu Stande, dessen die zürcherische und überhaupt die evangelische Kirche sich freuen durfte. Ueber die Entstehung derselben gibt Bullinger, als Vorsteher der zürcherischen Kirche, Namens ihrer Prediger im Vorworte zu dieser lateinischen Zürcher Bibel folgendermaßen Auskunft: „Nicht aus eigenem Belieben, sondern durch dringende Bitten von Vorstehern vieler Kirchen sind wir zu diesem Werke bewogen worden; wir waren uns wohl bewußt, daß niemand vermöge etwas Vollkommenes zu leisten. . . Wir bedachten, wie etliche Uebersetzer so an der hebräischen Redeweise hängen geblieben, daß ihre Uebersetzung allzu hebräisch, daher schwerfällig und für die jener Sprache Unkundigen allzu dunkel ausfiel… Daher standen wir an, bis endlich Leo Judä, unter den Hirten und Dienern der zürcherischen Kirche nicht der letzte, jenes Wort des Hieronymus vorbrachte: „Im Tempel Gottes bringt ein jeder das, was er kann, die Einen Gold, Andere Silber und Edelgestein rc.; mit uns steht’s gut, wenn wir nur Felle und Ziegenhaar bringen,“ und wiederum: „Die Talente und Gottes Gaben sind verschieden; verflucht, wer nicht rüstig mit dem ihm anvertrauten Talente wuchert!“ Ich also, sagte Leo, will mein geringes Vermögen dran setzen und versuchen, ob ich einen Gewinn heraus bringe. Dieser Mann Gottes hat’s daher in heiligem Eifer gewagt, und zuerst unter uns angefangen eine lateinische Bibelübersetzung zu unternehmen; gleich von Anfang aber, wann er etwas gefertigt hatte, zeigte er es alsbald etlichen Gelehrten, indem er horchte, was Andre von seinem Vorhaben und seinen Arbeiten dächten; ja er bat sie dringend, ihm nichts zu verhehlen, sondern aufrichtig zu sagen, wie es ihnen vorkomme. Sein Vornehmen gefiel aber ja den Besten und der Fortgang derselben sagte ihnen so sehr zu, daß sie ihn fleißig ermunterten, in dein begonnenen Werke fortzufahren und es vollständig an’s Licht treten zu lassen.“

„Bei seiner Uebersetzung, fährt Bullinger fort, bediente sich Leo eines vorzüglich genauen hebräischen Textes; an diesen hielt er sich aufs treuste, faßte ihn überall in’s Auge und folgte ihm, als dem einzigen Leitstern und der Richtschnur der ewigen und untrüglichen Wahrheit. Indeß zog er auch andere hebräische Texte bei, besonders bei schwierigen und zweifelhaften Stellen. Und obschon er nicht meinte, die wahre Lesart sei aus den griechischen oder den verschiedenen lateinischen Ausgaben zu schöpfen, zog er doch häufig auch sie zu Rathe; ebenso berücksichtigte er, was die rechtgläubigen kirchlichen Schriftausleger hie und da in Betreff der ächten Lesart und des richtigen Sinnes überliefern.“

„Trefflich wurde er unterstützt durch die Arbeit und den Fleiß der hocherleuchteten Männer, welche, in den Sprachen und den Sachen wohl erfahren, schon seit mehr als achtzehn Jahren in der zürcherischen Kirche das alte Testament nach dem hebräischen Urtext und mit Vergleichung der Sprachen, auch mit Berücksichtigung der Ueberlieferungen der gelehrtesten Ausleger auf’s treuste erklärt haben. Er war ihr steter Zuhörer und zeichnete jedes Mal fleißig aus ihren Vorträgen auf, was sie von der Eigentümlichkeit und dem Genius der hebräischen Sprache, den Rabbinen oder hebräischen Auslegern, den Ansichten der älteren und neueren Kirchenlehrer, der Vergleichung der Handschriften und verschiedenen Lesarten mit unglaublicher Gelehrsamkeit und Sorgfalt vorbrachten. Zu Hause verarbeitete er erst das Alles, verglich es mit den Autoren selbst und den authentischen Schriften und bereitete so, ohne anders unter vorausgehender Anordnung der göttlichen Vorsehung, das Material für dieses sein künftiges Werk.“

„Durch dies Alles unterstützt und dies Alles zu Rathe ziehend, faßte er seine lateinische Uebersetzung ab treulich der hebräischen Wahrheit entsprechend. Keinen andern Zweck setzte er sich bei dieser seiner Arbeit, als den Nutzen der Kirche, die er aus allen seinen Kräften fördern wollte. Daher er nirgends wissentlich auch nur ein Jota wegließ, nirgends vorsätzlich irgend etwas verdrehte.“ ….

„Im Uebersetzen war er nicht kleinlich. Den Sinn gab er nämlich so treu wie möglich wieder, blieb aber nicht zu sehr an den Worten hängen. Hinwieder mißbrauchte er die Freiheit des Uebersetzers nicht, indem er überzeugt war, es sei beiden heiligen Schriften noch größere Gewissenhaftigkeit erforderlich, als bei weltlichen . .. Er sorgte überall dafür, daß die Sprache einfach sei und so viel möglich lateinisch, doch mit Beibehaltung gewisser gangbarer Ausdrücke oder Termen.“

Uebereinstimmend mit dem, was Bullinger hier ausspricht, sind auch die Urtheile Anderer über diese stattliche, in gutem Latein geschriebene und mit zahlreichen Randglossen versehene Zürcher Bibel. Im In- und Ausland fand sie Anerkennung. So sagt Beza, der selbst urtheilsfähig genug war: „Verdienter Maßen ist diese lateinische Bibelübersetzung, in welcher die Einfachheit des Styles und die Schönheit der Sprache mit einander wetteifern, sehr bewundert worden von Vatablus (Watabled), der unter den christlichen Gelehrten unseres Jahrhunderts für den ersten Hebräer galt, so daß es ihm keineswegs mißfiel, als sie von Robert Stephanus (Estienne) mit geringen Veränderungen auch in Paris gedruckt wurde.“ Es geschah dies 1545, schon zwei Jahre nach ihrem Erscheinen in Zürich. Von der dem neu erwachenden Evangelium feindlichen Pariser Universität (der Sorbonne) wurde diese Ausgabe freilich verdammt und dem dortigen Verleger eine Reihe von Verdrießlichkeiten bereitet.

Später ließen spanische Theologen sie in Lyon auf’s neue drucken, durchgesehen von Wilhelm Rouille. Der berühmte französische Geschichtschreiber de Thou sagt dabei: „Ich habe deshalb geglaubt, dies erwähnen zu sollen, damit man den Ursprung dieser bei uns und bei den Spaniern so hoch gewertheten Bibelübersetzung kenne, und es als ein glänzender Beweis dastehe davon, welch großer Gewinn aus den Schriften und dem Fleiße unsrer Widersacher zur Ehre Gottes sich ziehen lasse, wofern wir, Gehässigkeiten bei Seite legend, Liebe und Billigkeit anziehen.“

Von der Werthschätzung, welche die spanischen Theologen dieser Bibel angedeihen ließen, haben wir ein bedeutendes Zeugniß aus dem Munde des gelehrten, in den orientalischen Sprachen wohl bewanderten Ferdinand von Escalante, in seinem „Schild des Predigers“, einem Werke, das er dem Könige von Spanien, Philipp Hl. widmete. Derselbe bezeugt auch, wie der Erzbischof von Sevilla, Ferdinand Valdes sein Wohlgefallen daran hatte. – Die Fakultät in Salamanca ließ sie (1584) wörtlich wieder abdrucken.

Auch der württembergische Reformator Brenz fand großes Wohlgefallen daran. Darüber schreibt der Walliser Paul Venetscher, der in Württemberg ein Pfarramt bekleidete, (am 15. Juni 1553) an Bullinger: „Meine Zürcher Bibel, die ich ihm zur Benutzung geliehen, habe ich nimmer von ihm losbringen können; so lieb ist sie ihm, wie ich höre.“ Daß Luther’s Verschmähung des ihm vom Buchhändler zugesandten Exemplares auf den innern Werth dieser Bibelübersetzung keinen Bezug hatte, ist bekannt.

Auch bei Spätern, wie Matthäus Poole, Richard Simons, fand diese zürcherische Uebersetzung ehrenvolle Anerkennung. Insbesondere wird von ihr gerühmt, sie zeichne sich aus durch die sonst nur zu seltene Eigenschaft, daß die Lehrmeinungen (die dogmatischen Ansichten) des Uebersetzers nirgends durchblicken.

Wie viel aber dieses große Werk Leo kostete und wie es ihm bis zu Ende seines Lebens am Herzen lag, ist weiterhin noch zu erwähnen.

14. Leo’s persönliches, häusliches und geselliges Leben.

Lieder, Briefwechsel und Freunde.

Um so mehr setzen uns diese Leistungen Leo’s in Erstaunen, wenn wir beachten, wie Manches in seinem persönlichen Leben ihm daran hätte hinderlich werden können.

Wohl hatte der von Statur kleine Mann stets eine lebhafte Gesichtsfarbe, doch „war er sonst schwachen und blöden Leibes, da er einen bösen verderbten Magen hatte, brauchte auch mehr Arznei, als ihm gut war.“ Gerne wandte er sich an Vadian in St, Gallen als vorzüglich geschickten Arzt. So schreibt er ihm im Spätjahr 1523 bald nach seiner Verehelichung: „Meine Krankheit nimmt immer mehr zu, so daß ich begierig das erwarte, was du mir versprochen. Das Bauchgrimmen und die Schmerzen in den Eingeweiden werden immer ärger. Die Schmerzen sind größer, als daß ich sie länger zu ertragen vermöchte, durch alle Glieder verbreitet, so daß ich beinahe contract bin, nicht anders, als wenn ich mit Stöcken oder Knitteln zerbläuet wäre. Daher bitte und beschwöre ich dich bei unserm Herrn Jesu, daß du diese Gabe, welche Gott dir bescheert hat, für mich anwendest; denn die Gnadengabe der Gesundmachung ist, wie Paulus sagt, eine Gabe Gottes . . . Kaum habe ich vermocht dies zu schreiben, mein Vadian, denn ich liege zu Bette, erwartend, was unser himmlischer Vater durch dich rede. . . Schickst du nicht bald mir Hülfe, so sterbe ich.“ Innig dankt Leo demselben Freunde etliche Wochen später für die beiden Briefe, durch die er ihm über die Diät wie über die Heilmittel Anweisung ertheilt und seine Dienste ihm so bereitwillig anerboten habe. „In beiden,“ schreibt er, „erkenne ich deine Vatersorge um mich, deinen ächten Freundessinn, ja jene Zärtlichkeit, welche Eltern gegen ihre Kinder hegen. Für immer fühle ich mich dir zur Dankbarkeit und zu jedem Dienste verpflichtet… Indeß dauern die Ueberreste der Krankheit fort. Doch, hoffe ich, werden auch diese bald nachlassen, falls es nicht Gott unserm Vater anders gefällt, dessen Willen auch wir gehorchen müssen, denn er ist’s, der verwundet und heilt, er tödtet und macht lebendig, durch seinen Wink leben, streben und sind wir. Er erhalte uns dich sammt den Deinen noch lange!“ Im Mai des folgenden Jahres (1524) schreibt er ihm auf’s neue: „Ich kann dir nicht genug danken. Meine Gesundheit verdanke ich ganz dir. Wende ich sie ganz im Dienst des Herrn auf, so ist der Lohn, den du von mir nicht erhältst, vom himmlischen Vater bezahlt. Wo nicht, so wäre es, denk ich, besser, ich wäre immer krank.“ Schon im August 1525 bittet er wieder um Hülfe wegen Magenleiden und dankt im October dafür, wiewohl mit neuer Beschwerde über furchtbaren Schweiß. In völliger Gelassenheit setzt er hinzu: „Doch was red‘ ich davon? warum klag‘ ich? da doch beim alternden Leibe wie bei einem alten Gebäude der Einsturz seinen steten Fortgang haben muß. Sollte ich nicht vielmehr fröhlich und mit höchster Freude diese Schwachheit tragen als eine christliche Zierde? und meinem Gotte dafür Dank sagen, da ja nicht selten des Leibes Schwäche die Stärke des Geistes fördert und Gottes Kraft in unserer Schwachheit mächtig wird. Zudem wirkt ja die Trübsal Geduld, die Geduld Bewährung, die Bewährung aber Hoffnung, die niemals zu Schanden wird. Allein wir sind Fleisch; daher erkennen wir gar nicht genug diese so großen Gaben, die der allgütige Vater uns zusendet und sind ihm nicht recht dankbar dafür.“ Auch im Sommer 1526 finden wir Leo kränkelnd; ebenso hören wir davon gelegentlich im Mai 1533 und weiterhin. Im Juli 1527, als er seinem Vadian wieder meldet, er sei immer kränklich, Arzneien helfen nicht, sie reizen nur, meint er: „Aber Gott sei Lob, der mich seines Kreuzes auch theilhaft werden läßt! Er selbst gebe mir Standhaftigkeit, daß ich nicht durch die Schwachheit des Fleisches überwältigt erliege! Einzig das weiß ich aus Erfahrung, daß durch übermäßiges Lesen die Krankheit zunimmt; aber ich muß meiner Pflicht Genüge leisten und ich gehöre ja nicht mir selbst an, sondern bin Christi Diener. Drum wird das Kränkeln stets fortdauern; denn das Lesen und Studieren dauert immer fort.“ Bei Anlaß der Pest, die im Herbste 1530 in St. Gallen erschien, schreibt er an den Pfarrer Fortmüller daselbst: „Daß die Pest bei euch herrscht, wissen wir längst. Möchten wir inzwischen lernen, die zu uns heran schleichende mit frohen, Muthe aufzunehmen! Aber das Fleisch ist zaghaft und schwach, wie man auch an Christo unserm Erlöser sehen kann. Erst der stirbt recht, welcher lange zuvor sterben gelernt hat!“

Wenden wir uns zu Leo’s übrigen Lebensverhältnissen, so wird uns gemeldet: Seine Kleidung war „schlecht, doch sauber und rein“; er behielt, wie Zwingli, die priesterliche Kopfbedeckung, das Baret bei, wie es späterhin in Zürich nicht mehr gebräuchlich war; doch vertauschte er es bisweilen mit dem spitzen Hute. Er trug keinen Bart, sondern ließ sich scheren, wie er ebenfalls schon als Priester gewohnt gewesen. Seine Lebensweise war äußerst einfach. Da ihm während der Jahre 1525 bis 1535 acht Kinder geboren wurden, von denen zwei frühzeitig starben, die Pfründe aber bei St. Peter nur gering war, so lebte er in steter Dürftigkeit. Seine Gattin, deren Vorzüge er wohl zu schätzen wußte, „ein ehrbar, gottesfürchtig Weib,“ wie Bullinger sie bezeichnet, lag daher „Tag und Nacht dem Weben ob.“ Dennoch wußte er Nothleidenden beizustehen, wie er denn ein „freundholdseliger, gütiger, milder und insonders zur Barmherzigkeit geneigter Mann war.“ Arme, um des Glaubens willen Vertriebene nahm er ins Haus auf, behielt Manchen derselben einen, zwei, drei Monate und noch länger. Seinen Schwestersohn Johann Fabritius (nachherigen Pfarrer in Chur) hatte er Jahre lang unentgeldlich bei sich und unterrichtete ihn selbst sammt seinem eigenen Sohne zu Hause im Lateinischen, Griechischen und Hebräischen; ebenso andere arme Knaben, von denen etliche ihm nicht mehr als zwölf Gulden jährlich als Kostgeld gaben. „Wo er arme Leute wußte, (erzählt lins sein Sohn) besonders in seiner Pfarre, auf dem hinteren Kirchhofe, an der Augustinergasse rc., so theilte er mit ihnen. Besonders . that das die Mutter (d. h. Leo’s Gattin); die trug allen armen Kranken und Wöchnerinnen zu.“ Durch ihr Weben „gewann sie viel Geld; das ließ ihr der Vater; daraus kaufte sie Tuch und Zeug für das Hauswesen.“ Dennoch mußte Leo bei seinem geringen Einkommen stets noch entlehnen, und wiewohl er nicht große Schulden machte, konnte er doch auch nichts erübrigen und vorschlagen. Indeß beklagte er sich über seine kleine Pfründe nichts aus Besorgniß, man möchte sagen, „es könnte den Pfaffen niemand genug geben.“ Und da ihn Myconius und Grynäus öfter brieflich nach Basel zu kommen aufforderten unter Anerbietung einer Predigerstelle mit genügendem Einkommen, lehnte er es doch jederzeit ab gleich andern Berufungen. Erst im vorletzten Jahre feines Lebens trat er vor die versammelten Räthe und stellte ihnen seine Lage vor; da man nun seine Noth sowie seine Treue und Frömmigkeit kannte, und wußte, wie eingezogen und sparsam er lebte, verbesserten sie ihm die Pfründe bereitwillig um fünfzig Gulden und schenkten ihm sofort fünfzig Gulden.

Wie er nach seiner Abreise ans dem Elsaß seiner Mutter versprach Geld zu schicken, haben wir oben (in seinem Briefe von 1519) gesehen; sie starb indeß im November 1520. Mancherlei Wohlthaten erwies er den armen Verwandten seiner Gattin und berieth sich darüber öfter mit Vadian. Als ihm dieser seinen (Leo’s) Schwager, Namens Gschweud empfahl, der in großer Armuth mit seiner Familie von St. Gallen nach Zürich kam, erwiedert Leo (am 17. März 1534) in seiner gewohnten Demuth und Liebesfülle: „Was ich nur immer thun kann, anerkenne ich als meine Schuldigkeit; doch furcht‘ ich, daß ich zu wenig vermöge oder zu wenig thue. Denn darin, irr‘ ich nicht, fehlen wir Alle, daß, wenn wir auch lieben, Wenige der Liebe entsprechen. Ich will deutlicher sagen, was ich meine. Wohl lieben wir Alle mit dem Wort und der Zunge, in That und Wahrheit aber niemand. Mag dies in Betreff Andrer unwahr sein, so wage ich doch mit Gewißheit dies von mir zu behaupten. Nie erreicht unsre Schwachheit das von Gott uns vorgesteckte Ziel. Möge also Gottes Gnade uns beistehen durch Christus, unser vollkommenstes Urbild; o möchten wir ihn einst erreichen! Möge Gott die Begierde nach dem Zeitlichen von uns nehmen und die Liebe, dieses Himmelsgeschenk, uns einpflanzen!“ Dieser Schwager, der durch Lässigkeit und Mangel an haushälterischem Sinne Leo’s Gutthaten anfänglich verschleuderte, brachte ihn in großes Gedränge. Als vollends diesem Manne die Gattin starb mit Hinterlassung von sechs hülflosen Waisen, wußte auch Leo sich kaum zu fassen: „Ich, ich bin der, schreibt er im April 1535 an Vadian, der das Alles ausbaden muß. Nun habe ich mich zu dem verstanden, was ich unmöglich verwinden kann. Nicht daß ich den Verlust meines Vermögens so sehr bedaure; aber ich muß zuletzt mit ihm zu Grunde gehen …. Vor wenigen Tagen war ich zu meinem großen Seelenschmerze gezwungen, von unserm Rathe eine gewisse Summe Geldes zu begehren und zu erbetteln. So sind meine Mittel durch die täglichen Ausgaben schon seit einigen Jahren erschöpft und geschmälert, daß sie für meine Familie nicht länger ausreichen. Das ängstigt und plagt mich; zudem fürchte ich, diese Sache möchte mir bei gewissen Leuten noch den Makel des Geizes oder des Unmaßes zuziehen und sogar das Evangelium und der Name Christi meinethalben in uebeln Ruf kommen. Dies schütte ich daher in deinen Schooß aus.“ Aufs dringendste bittet er Vadian, jenen Waisen, als St. gallischen Bürgern, Unterstützung auszuwirken. Schon im Sept. 1535 erneuert Leo seine dringende Bitte für Gschwend mit dem Beifügen: „Wäre dieser wie viele Andre in französischen Kriegsdienst gezogen, so wären die Kinder euch ganz zur Last gefallen; ich kann auch keineswegs über Nachlässigkeit oder Gleichgültigkeit bei ihn, klagen; er arbeitet jetzt Tag und Nacht; dennoch drückt ihn bittere Noth.“ Leo anerbietet sich, was bewilligt werde, in Empfang zu nehmen und für die Kinder zu verwenden. Schon nach zwei Jahren starb Gschwend an der Wassersucht. „Was ich inzwischen, schreibt Leo dabei an Vadian, einige Jahre hindurch gelitten habe, verschweig’ich wohl besser; ich habe vielleicht weniger gethan, als die Noth oder Gottes Gebot erforderte, aber mehr, als meine Kräfte erlaubten.“ Im Januar 1540 schickt er, „obschon sein eigener Hausrath gar zu ärmlich sei,“ doch seinem Schwiegervater in St. Gallen aus Liebe und Dankbarkeit, auf dessen Wunsch, durch Vadian vier Kronen leihweise bis auf Pfingsten. Im Februar 1541 bittet er bei Vadian um Verzeihung bei einer abermaligen Bemühung, mit dem Beifügen: „Aber dem Nächsten in der Noth helfen und rathen, Elende schirmen, Niedergeschlagene trösten, das nimmt doch unter allen Werken, die Gott gefallen, den höchsten Rang ein.“

Seine demuthvolle Hingebung bewies Leo auch gegen den Schreiber des Ehegerichtes. Dieser war ein alter Mann, der wenig von der Sache verstand. Damit derselbe aber nicht seines Amtes und Dienstes verlustig werde, fertigte Leo an seiner Statt unentgeldlich alle wichtigern Aktenstücke selbst aus.

Die eigene Handreichung ergänzte er durch Verwendung bei Andern. So schreibt er, unter Andern im September 1534 an A. Blaarer nach Württemberg ebenso milde als aufrichtig: „Was liebt Gott mehr als Fürsorge für die Armen? Der Ueberbringer dieser Zeilen ist um Christi willen wiederholt vertrieben worden und hat unter dem Kreuze gelebt, ist aber im Bekenntniß nicht eines Fingers breit gewichen. Gott hat ihm bisanhin diese Standhaftigkeit erhalten; er ist’s daher werth, daß Alle um Christi willen sich ihn lassen empfohlen sein. Das Fleisch ist schwach; dieses muß man stets unterstützen, damit es nicht wanke. Deshalb empfehlen wir dir nun diesen Greisen; er ist nicht sowohl gelehrt als fromm d.h. er zeichnet sich ‚weniger durch Gelehrsamkeit aus als durch viel Fleiß und Treue, was mir weit vorzüglicher scheint als jenes. Es ist bei ihm nicht Einfalt ohne Kenntnisse, sondern die Umsicht eines Greisen, durch lange Erfahrung erworben, so daß man nicht besorgen muß, er handle in irgend etwas blindlings und unbesonnen, wodurch Manche die Kirchen in vielerlei Schaden bringen.“ Ebenso offenherzig schreibt er 1535 an Myconius in Betreff eines Studierenden Namens Hermann, den er den Bernern zu einem Stipendium empfahl: „Er ist langsam und nicht besonders fähig, aber schlicht und lauter, was man bei Fähigen und vorzüglich Begabten nicht immer trifft.“

Zu den Liebeserweisungen Leo’s dürfen wir wohl auch die Ermunterungen rechnen, durch die er bei Andern den Eifer für die Sache des Evangeliums zu entzünden suchte, wie bei Peter Choli aus einem angesehenen Geschlechte in Zug, der längere Zeit in Paris studierte. Im März 1534 schreibt ihm Leo: „Wir sagen Gott dem Vater hohen Dank, der dir solchen Sinn verliehen, daß außer jenen Gaben, die er dir reichlich im Zeitlichen und Leiblichen sowie im Seelenleben bescheert hat, auch das, was geistlich und göttlich ist, dir so sehr gefällt. Glückauf, edler Jüngling! Fahre so fort, wie du begonnen hast. Gott wird diesen Samen, den er in dein Herz gelegt hat, dereinst lassen rege werden, daß er aufs reichlichste Frucht trage, nicht bloß dir, sondern deinem ganzen Volke. Du aber versäume nicht die Gottesgabe, die in dir ist, versäume nicht die Gelegenheit und die günstige Zeit, die du mit christlicher Klugheit beachten wirst; denn klug müssen wir sein, nicht bloß einfältig und lauter. Ich hoffe aber der Sauerteig, der durch dich beigebracht werden soll, werde die ganze Masse umwandeln, so du nur recht knetest. Nicht leer wird Gottes Wort vorüber gehen, sondern Frucht schaffen bei denen, die Gott erwählt hat.

Ich zweifle nicht, daß Mehrere bei euch seien, die der Vater zum Heile bestimmt hat durch Christum und daß sie deß nahen dereinst die Stimme ihres Hirten frei öffentlich und sicher werden hören können. Sei du nur der treue und kluge Haushalter, der vom Herrn belobt wird, daß er zu seiner Zeit einem jeden sein Theil vorzulegen gewußt habe. Der Herr erhalte dich lange seinem Volke, theurer Petrus!“ Dieser rechtfertigte Leo’s Hoffnungen; er bemühte sich redlich das lautere Evangelium in seinem Heimathlande zu fördern, wiewohl umsonst, und trat sodann in den Dienst der zürcherischen Kirche.

Leo war indeß bei solchem Streben auch auf ungünstige Erfolge längst gefaßt, wie er denn (bereits 1530) an den Prediger Fortmüller nach St. Gallen hierüber schreibt: „Ich habe schon seit vielen Jahren gelernt, nicht nur Schimpf und Schmach, sondern auch üble Thaten von Solchen zu empfangen, denen ich Gutes erweise.“

Nichts desto weniger behielt Leo seine Milde und Freundlichkeit bei; er war stets ein Freund harmloser Heiterkeit und feinen Scherzes, wie seine Zeitgenossen von ihm rühmen und manche seiner schriftlichen Aeußerungen ebenfalls bewähren. So finden wir ihn z.B. nach der Erzählung Keßler’s aus St. Gallen (des nämlichen, der als Studierender mit Luther in Jena zusammen traf) sammt den übrigen Predigern unter der Zahl der siebenhundert Festgäste, die bei einem Schützenmale im August 1526 auf dem Lindenhofe in Zürich zu Tische saßen.

Was Leo’s Erholung betrifft, so fand er diese vorzüglich in der Musik, von der er gleich Zwingli zeitlebens ein großer Freund war. „Er konnte, wie sein Sohn berichtet, das (damals beliebte) Hackbret schlagen und die Laute ein wenig. Er hatte eine herrliche Stimme zum Diskant (d. i. Tenor), den er so hell sang, daß es ihm keiner vorthat. Oft kamen zu ihm Hr. Dietrich Wanner, Pfarrer zu Horgen, und Hr. Jakob Löuw, Kirchherr zu Thalweil, und andere Musiker, aßen allwegen mit ihm und darauf fangen sie mit einander.“ Jetzt noch haben wir geistliche Lieder von ihm, die er zum Theil selbst in Musik setzte, -lebendige Zeugnisse seines festen Muthes, seines treuen Herzens und demüthig ernsten Sinnes. So Psalm 9.: „Dir, o Herr, will ich singen rc.“, Psalm 37.: „Dem König und Regenten dein“; ferner das Lied „Gottes Gnad‘ und sein‘ Barmherzigkeit,“ sowie das folgende, dessen Schreibart hier nur zur Erleichterung des Verständnisses der neuern näher gebracht worden:

1.. Dein, dein soll sein das Herze mein,
Freundlicher Herre Gotte!
Du hast mich b’kleid’t und sicher g’leit’t
Im Weg deiner Gebote.
Mich soll von dir, so du’s gönnst mir,
Kein‘ Gunst nach G’walt abziehen,
Und ob denn schon das Fleisch trät‘ von,
Soll doch das Herz nit fliehen!

  1. Dein, dein soll sein das Herze mein,
    Du auserwählter Christel
    Du gibst recht Freud‘, vertreibst all’s Leid;
    Du bist die wahre Friste!
    All mein Begier steht hin zu dir
    In Lust und Freud‘ mein’s Herzen;
    Du bist mein Hort, dein ew’ges Wort
    Vertreibt mir all‘ mein‘ Schmerzen!
  2. Dein, dein soll sein das Herze mein,
    Du Hülf ‚ und Trost der Armen!
    Sieh an mein’n Streit, den ich erleid‘,
    Und thu dich mein erbarmen!
    Gebeut dem Feind und still‘ die Sünd‘;
    Das g’scheh‘ dir, Herr, zu Ehren!
    Zeuch mich nach dir und thu in mir,
    Allzeit den Glauben mehren!

Wie er dies gewiß aus Herzensgrund sagen konnte, so ist es uns, als hörten wir ihn ebenfalls sein eignes Christenleben schildern, wenn er am Schlusse eines andern Liedes vom Wandel der Gläubigen sagt:

Sein Kreuz, das trägt er Christo nach,
Begehrt kein‘ Rach‘,
Erleidet fröhlich Schand‘ und Schmach
Sein’m Herren zu gefallen.
Sein‘ Hoffnung, die er hat zu Gott,
Wird nit zu Spott;
Und ob er auch gleich sterben sott (sollte),
So wird er nit abfallen.
Denn Gott liebt er ob Allen:
Aus solcher Huld leid’t er mit G’duld
Die Ruth‘, die ihm der Vater send’t,
Zu dem er sich ganz, willig wend’t,
Verharret fest bis au sein End‘.

Einige dieser Lieder Leo’s wurden in das von Johannes Zwick in Konstanz besorgte Gesangbuch aufgenommen, welches 1549 in Zürich bei Froschauer erschien.

Außer seinen musikalischen Freunden besaß Leo noch manche liebe Freunde und Gefährten unter der Bürgerschaft Zürichs, sowohl unter denen vom Kaufmannsstande, als unter den ehrbaren Handwerkern, zumal Solche, die zugleich Mitglieder des Rathes waren. Namentlich aber hatte er seinen Freundeskreis an Zürichs Predigern und Gelehrten. Es ist schon erwähnt worden, daß er wie mit Zwingli so auch mit seinem Nachfolger, dem bedeutend jüngern Bullinger auf’s innigste verbunden war. „Leo und Bullinger,“ bezeugt uns sein Sohn, „hatten einander so lieb wie natürliche Brüder, haben also in die eilf Jahre mit einander der Kirche treulich gedient in großer Einigkeit und Frieden und mit ihrer Lehre und christlichem Wandel viel Gutes geschaffet in Stadt und Land.“ Außerdem sind zu nennen die Prediger Erasmus Fabritius, Niklaus Zehnder, Rudolf Thomeisen, die Professoren Konrad Pellican (Kürschner) und Theodor Bibliander (Buchmann) und die vormaligen Kaplane zu St. Peter, ferner Georg Müller, ehedem Abt des Klosters Wattingen, und der begüterte Werner Steiner von Zug, der seit 1529 in Zürich weilte.

Der ebenso liebenswürdige als gelehrte Pellican gedenkt Leo’s mit hoher Achtung; er wird nicht müde, in dem für seine Söhne verfaßten Chronikon Leo als einen der tapfersten Kämpfer Christi, als treuesten Verkundiger des Evangeliums und unermüdlichen Knecht Gottes im Weinberge des Herrn zu preisen. Bibliander widmete 1532 seine Antrittsvorlesung Pellican und Leo, als „seinen Lehrmeistern,“ voll Freude und Dank über ihren Beifall; sie Beide nennt er „seines Lebens Führe r und Wegweiser.“ Wie nahe Leo mit Werner Steiner verbunden war, der ihn bei der Herausgabe von Zwingli’s Schriftauslegungen theilweise unterstützte, sehen wir aus der Widmung, durch die ihm Leo 1536 die deutsche Uebersetzung von Zwingli’s „Darlegung des Glaubens“ an Franz I. zueignete. „Vieles, schreibt er, bewegt mich, dieses Werklein dir zu dediciren, besonders der Wunsch, dir für die vielen Wohlthaten, mit denen du mich überschüttest, etwas Dankbarkeit zu erzeigen; denn das Vergelten ist mir unmöglich. Wiewohl es klein ist, dachte ich doch, es würde dir vor vielem Andern theuer und werth sein; weil es ja von unserm lieben, getreuen Vater, Hirten und Lehrer Ulrich Zwingli das letzte, so viel als ein Testament ist. Denn wir wissen wohl, mit welcher Liebe und Treue und besonders freundschaftlicher Heimlichkeit (Vertraulichkeit) du ihm im Leben verwandt gewesen und was für Liebe du zu ihm gehabt hast. Damit du nun ihn auch nach dem Tode lebendig und stets fort mit dir redend habest, wird dir dieses Büchlein ihn den Abwesenden in lieblicher und kräftiger Weise gegenwärtig machen . . . Und da Zwingli es einem Könige zueignete, so konnte ich es schicklich dir widmen, indem du ja auch ein König, eines Königes Sohn bist, von Gott aus dem Pabstthum und dein Reiche der Finsterniß in das Reich seines geliebten Sohnes gezogen; um seinetwillen hast du ja die Heimath, die Verwandten verlassen. Ich sage dies nicht um zu liebkosen oder zu schmeicheln, sondern gebe nur der Wahrheit Zeugniß . . . Weil dich denn Gott einmal durch‘ seine Gnade in seine Schule aufgenommen hat, bitt ich ihn, daß er dir seinen Geist verleihe, der dir die übrig gebliebenen Anfechtungen im Fleische, die bösen, schädlichen Tyrannen (die sich unterstehen das Regiment zu erobern, die aber dienen sollen) helfe kräftig regieren und bezwingen, daß er allein in dir regiere und du ein recht geistlicher König seist. Stärker ist der, der sich selber, als der eine Schaar von Feinden überwindet! Denn den schädlichsten Feind tragen wir bei uns, und so wir Alles verlassen mögen, ist uns doch das Schwerste vom eigenen Selbst zu lassen. Gott der Herr erhalte dich noch lange seiner Kirche! Er gebe dir einen standhaften, königlichen, herrlichen Geist, der dich über alle Dinge erhebe und dich niemals zu einem Knechte der irdischen Reichthümer werden lasse!“ Mit feinen auswärtigen Freunden stand Leo durch einen ausgedehnten Briefwechsel in vielfacher Verbindung. Manches davon hat bereits Erwähnung gefunden. Der größte Theil seiner Correspondenz ist indeß untergegangen, manche Briefe an ihn wahrscheinlich zu Ostern 1573 bei dem Brande des Pfarrhauses zu Flaach, welches sein Sohn Johannes bewohnte. Eine Menge derselben enthielt, wie sein Sohn meldet, Anfragen und Antworten betreffend schwierigere Punkte des Kirchenwesens, wie Ehesachen, Kindertaufe, Bann, Eidschwur, kirchliche Freiheit rc. Johann Oekolampad, Oswald Myconius, Simon Grynäus und Markus Berzius (Bertschi) in Basel, Megander und Pellikan in Bern, Vadian, Fortmüller und Zilli in St. Gallen, den Schulmann Jakob Salandronius (Salzmann) in Chur, den Arzt Johann Adelphi (Adolf) in Schaffhausen, Ambrosius Blaarer und Johannes Zwick in Konstanz, Konrad Som (Sam) in Ulm, Peter Gynorian in Augsburg, ferner die Elsäßer Martin Putzer, Wolfgang Capito, Matthäus Zell, Kaspar Hedio (Heid),Paul Phrygio, Peter Frabenberger (Frauenberger), Johannes Sapidus (Witz), Paul Volz finden wir unter seinen Correspondenten. Wie in der obigen Widmung an Steiner wußte er in christlicher Feinheit tiefen Ernst mit anmuthiger Heiterkeit, Freundlichkeit mit freimüthiger Mahnung zu verbinden.

So schreibt er an Vadian (im Juli 1527) nach dessen Erwählung zum Bürgermeister: „Dir und dem Volke deiner Stadt wünsche ich Glück dazu, daß du zum Vater des Volkes geworden nicht durch Ehrsucht oder Begier von deiner Seite, sondern durch die Einstimmigkeit aller Gutgesinnten. Deine Tugend und Bescheidenheit hat dies verdient. Niemand zweifelt daran, daß es durch einen höhern Willen erfolgt sei, welcher dich dem Staate zum Verbesserer und Vervollkommner vorsetzte. O, wie glücklich das Volk, das einen solchen Führer erhält, der mehr an der Freiheit und dem Wohle der Bürger seine Freude findet als an Knechtschaft und Unterwerfung, der durch Arbeit und Wachsamkeit den Nutzen Aller zu fördern trachtet; der mit seinen Mitbürgern umgeht wie ein Vater mit seinen Kindern! Dies sage ich indeß nicht um zu schmeicheln, sondern wirklich als Glückwunsch.“

15. Leo’s Lebensende.

Leo’s unausgesetzte Anstrengungen mußten allmälig seine leiblichen Kräfte verzehren, wie wir oben sein eigenes Geständniß darüber vernommen haben, daß das stete Lesen seine Leiden mehre. Als er fühlte, wie seine Kräfte täglich abnahmen, versuchte er im Jahre 1540 durch den Gebrauch der Bäder im nahe gelegenen Baden (Kanton Aargau) sich zu helfen; allein da der Sommer jenes Jahres ganz ungewöhnlich heiß war, erhitzte er sich über die Maßen, besonders war die Leber entzündet, so daß seine Leiden stets sich mehrten. Nichts desto weniger setzte er seine Arbeiten fort. Auch in den Fasten des Jahres 1542 hatte der Besuch des nämlichen Bades keinen günstigen Erfolg; sein Zustand wurde immer bedenklicher. Dessen ungeachtet arbeitete er emsig an seiner lateinischen Bibel. „Dieses Werk hat aber,“ sagt Bullinger in der Vorrede zu demselben, „den trefflichen Mann viel gekostet. Denn bevor er es zum erwünschten Ziele führen konnte, verfiel er, erdrückt von der großen Arbeitslast, in schwere Krankheit. Die Aerzte, welche er zu Rathe zog, erwiederten ihm, es sei für sein Leben und seine Gesundheit nichts mehr zu hoffen, denn sein ohnehin zarter Körper sei theils wegen Alters geschwächt, theils durch viele Arbeit abgemattet, zudem durch Sorgen und übermäßiges Studieren aller Kräfte beraubt; daher habe er nichts Anderes als einen zwar allmäligen, aber gewiß baldigen Tod zu erwarten. Und sie hatten nicht so Unrecht. Denn nachdem er etliche Monate zu Bett gelegen, spürte er selbst, daß alle Lebenssäfte vertrocknet und alle seine Kräfte völlig erschöpft seien, und ihm gewißlich nichts mehr bevorstehe als der Tod. Daher berief er vier Tage vor seinem Hinschiede uns Alle zu sich, die wir der Kirche dienen in der Stadt Zürich, die Pfarrer, Professoren und Helfer (Diakonen), und legte uns in einer kurzen, aber geistesklaren Ansprache dar, wie er bis anhin neunzehn Jahre und drüber sich in der zürcherischen Kirche verhalten, wie er durch mancherlei Ungemach sei geprüft worden und mit wie großer Gnade und Erbarmung der Herr ihn getragen, was und wie er die ihm vom Herrn anvertraute Kirche (Gemeinde) gelehrt und wie er in der Hinsicht ein völlig gutes Gewissen habe, daß die wahre (orthodoxe) Lehre von ihm verkündet worden und wie er auch dabei beharre. Sonst, gestand er, erkenne er sich wohl als den größten Sünder.“ Demüthig ging er, wie uns berichtet wird, in diesem seinem Sündenbekenntnisse mit seiner gewohnten Aufrichtigkeit bis in’s Einzelne. „Als Jüngling,“ sprach er, „lebte ich noch im Papstthum und beging da Manches nach damaliger Sitte. Erst in Einsiedeln lernte ich das Evangelium ganz kennen, aber auch dort ließ sich nicht so leben, wie sich geziemte, wegen mancher Verlockungen. Seit ich hieher gekommen, habe ich wahrhaft Christo gelebt. Mein Glaube war nun einzig und allein auf ihn gerichtet und ich bezeuge, daß ich ihn lauter und rein verkündigt habe; darauf (auf diesen Glauben) sterb‘ ich jetzt.“ Zweifellos und von Herzen, bekannte der Sterbende, glaube er der heiligen (kanonischen)Schrift und dem heiligen Geiste, der wie in jener so in den Herzen aller Gläubigen durch die gesammte Kirche hin von Jesu Christo zeuge. „Ihm,“ fuhr er fort, „meinem Herrn und Seligmacher, der meine Hoffnung und mein Heil ist, weihe und übergebe ich mich völlig mit Leib und Seele; auf seine Gnade und Barmherzigkeit verlaß ich mich; auf seine Verheißungen und seine ewige Wahrheit vertraue ich ganz, ohne irgend ein Vertrauen auf das Meinige, und sterbe ruhig darauf, in der festen Hoffnung, ich werde jener glückseligen Gemeinschaft mit ihm genießen, von der ich schon so lange Andern gepredigt, wornach ich inniglich mich gesehnt habe und worin die höchste Wonne und immerwährende Freude besteht.“ „Hierauf, erzählt Bullinger weiter, dankte er Gott dem himmlischen Vater durch Jesum Christum auf’s einläßlichste für alle die unendlichen Wohlthaten, welche er ihm und dem ganzen Menschengeschlechte erzeigt habe, indem er Gott um Verzeihung bat für seine Sünden und darauf auch uns Alle einzeln, so er irgend einen von uns sollte gekränkt haben; hinwieder verzieh er allen Menschen, welche ihn durch Wort oder That jemals beleidigt hätten, und sichte den gnadenreichen Gott auf’s inständigste für sie an.

Sodann ermahnte er die Brüder zur Nüchternheit und Wachsamkeit, zum steten Gebete, zu christlicher Liebe und Eintracht unter einander, zu treuer Sorge für die vom Herrn ihnen anvertraute, von ihm mit seinem Blute theuer erkaufte Heerde. „Ich ermahne euch,“ sprach er zu uns, „daß ihr in diesen gefahrvollen Zeiten tapfer, fromm, standhaft und vorsichtig seid. Schwere Zeiten stehen bevor, denen man mit starkem Herzen entgegen gehen muß. Dazu, daß ihr dies könnet, wird Eintracht viel helfen. Dies lege ich euch an’s Herz. Nehmt ein Beispiel an andern Kirchen. Hütet euch vor Krieg; treibt die von selbst Kriegslustigen ja nicht dazu an. Trachtet nach Erhaltung des Friedens. Christen und vor Allem den Hirten geziemt Demuth und Geduld, nicht Rachgier. Ich rieth seiner Zeit zum (Kappeler-) Kriege; – ein großes Uebel, doch ruf‘ ich Gott an, er möge, meiner sich erbarmend, mir’s vergeben. Laßt euch den unglücklichen Ausgang zur steten Erinnerung dienen. Ich empfehle euch meine ehrenwerthe Gattin, die mir treulich gedient hat, ebenso meine vier Kinder, welche nun bald Waisen sein werden, denen ich nichts oder wenig hinterlasse. Sorget ihnen für eine Behausung, wo sie ihr Leben verbringen mögen. Lasset die Söhne in den Wissenschaften unterrichten, gleicherweise meinen Schwestersohn (Johannes Fabritius aus Bergheim im Elsaß). Eins aber bitte ich: daß sie ja nicht in’s Papstthum hinausgestoßen werden aus Mangel an Beihülfe.“

Dies Alles sprach er mit großem Ernste, aus tiefstem Herzensdrang, auf’s innigste bittend und eindringlich mahnend. Alsdann empfahl er den Stand Zürich, Rath und Volk, ebenso die Kirchendiener, auch die ganze Gemeinde, sammt seiner eigenen Haushaltung Gott unserm Vater durch Jesum Christum, nahm von uns Allen Abschied und bat uns alle Befreundeten in seinem Namen zu segnen.

Zuletzt aber wandte er sich an Theodor Bibliander, den treuen und zuverlässigen Ausleger der heiligen Schrift in der zürcherischen Kirche, mit den Worten: „Dich, mein innig geliebter Theodor, bitte und beschwöre ich bei unserm Herrn Jesu, dessen Diener wir sind, und bei der Bruderliebe, durch die wir Alle mit einander zu Einem Leibe vereinigt sind, sowie auch der Kirche halben, für die wir Alles zu thun schuldig sind, vollende du unsere Uebersetzung der Bibel, die ich, durch dieses mein Krankenlager unterbrochen, nicht zu Ende bringen konnte, nämlich die letzten acht Kapitel des Propheten Ezechiel, Daniel, Hiob, die acht und vierzig letzten Psalmen, nebst zwei salomonischen Schriften, dem Prediger und dem Hohenliede, die ich wegen der Schwierigkeiten des Inhaltes und des Styls bis jetzt unberührt ließ, indem ich mir ihre Bearbeitung bis zuletzt vorbehielt, Willens, dieselben, wenn es meinem Gotte so gefallen hätte, mit ganz besonderer Sorgfalt zu übersetzen. Du hättest freilich die ganze Bibel von Anfang weit glücklicher, gelehrter, einfacher und besser übersetzen können als ich. Allein, da wir dich bisanhin dazu nicht haben bereden können, so laß doch wenigstens hiefür die Bitte eines scheidenden Bruders bei dir Eingang finden.“ Wir Alle fügten ebenfalls unsere Ermahnung hinzu, mit der Bitte, er solle doch einem Sterbenden seinen Wunsch erfüllen. Endlich ließ er sich denn überwinden, zumeist durch die Bitte des Scheidenden, und gab das heilige Versprechen, er wolle die Arbeit auf sich nehmen, obwohl er selbst damals sehr schwacher Gesundheit war und sich fast beklagte, wir legen ihm eine Last auf, die zu tragen stärkere Schultern erforderlich seien. Inzwischen versprach der berühmte Professor der hebräischen Sprache, Konrad Pellican, nach seiner gewohnten Anmuth und Freundlichkeit dem Sterbenden von selbst auch seinerseits alle möglichen Dienste. Ihm übertrug daher Leo, er möchte Alles genau durchgehen, was er selbst der Krankheit wegen noch nicht durchgesehen hatte, und dafür sorgen, daß das Ganze möglichst fehlerfrei ans Licht trete.“ Beruhigt über die Vollendung dieses Werkes, das um des Herrn willen ihm am meisten am Herzen lag, konnte Leo wenige Tage nachher am 19. Juni 1542 sein Auge schließen. Gar christlich und bei vollem Bewußtsein losch er aus wie ein Lichtlein um ein Uhr des Nachmittags im Beisein vieler Amtsbrüder.

Jeder von ihnen befliß sich, was er hier an Leo’s Sterbebette versprochen, treulich zu erfüllen. Bibliander übersetzte das am alten Testamente noch Fehlende mit großer Genauigkeit und Feinheit in treffliches Latein, Peter Choli, der in Paris bedeutende Kenntnisse sich erworben, der früher (1534) von Leo zur Treue an der evangelischen Wahrheit ermuntert worden und um derselben willen Zürich seine Dienste widmete, übersetzte die apokryphischen Bücher, und besorgte nebst Rudolf Gwalter, dem nachherigen Antistes, das neue Testament auf Grundlage der Uebersetzung des Erasmus. Pellican revidirte das Ganze, Bullinger fügte die Vorrede hinzu. So erschien das stattliche Werk im Februar des Jahres 1543, nach Leo’s Wunsche und mit Bibliander’s Zustimmung den sämmtlichen Kirchendienern im Gebiete Zürich’s zugeeignet.

Groß war die Trauer über Leo’s Hinschied. Wie schmerzlich die Diener der Kirche Leo’s Hingang empfanden, zeigt uns besonders Bullinger’s Wehklage in einem Briefe an Vadian: „Unsere Kirche hat an ihm einen unschätzbaren Schatz verloren, ein Kleinod von Demant. Fürwahr, mit diesem theuern Bruder ist ein gut Theil meines Lebens dahin geschieden. Wahrlich, würde nicht die Hoffnung des künftigen Lebens und der Auferstehung mich trösten, so konnt‘ ich diesen Verlust nicht ertragen!“ An Bullinger schreibt Calvin (8. November): „Leo’s Tod, mit Recht allen Gutgesinnten höchst schmerzlich, hat mich tief betrübt. Denn er hat mir persönlich stets eine ganz besonders liebevolle Zuneigung erzeigt. Ueberdenke ich aber vollends, welch einen großen Verlust die Kirche an diesem ausgezeichneten Manne erlitten hat, so fühle ich mich tief erschüttert.“

Es bestand allerdings zwischen Leo Judä und Calvin, diesen beiden wahrhaft ernsten Männern, deren tiefes Gemüth gleich sehr von heiligem Eifer für die Sache des Herrn glühte und darum gleich sehr erregbar war, eine innere Verwandtschaft der Seelen. Abgesehen davon, daß jener Calvins „Anleitung“, wenn auch überarbeitet, so rasch nach Zürich verpflanzte, und daß beide auf dem katechetischen Gebiete sehr thätig waren, mag hier nur an das Eine erinnert werden, daß das, was Leo einst im Innersten gewünscht hatte in Hinsicht der kirchlichen Zucht, von Calvin an dem Orte seines Wirkens erreicht und vollführt wurde.

Wie allgemein man damals in Zürich, obwohl sonst weit entfernt von weichherziger Empfindsamkeit, der Ansicht war, Leo sei vor der Zeit seinen allzu vielen und anstrengenden Geschäften erlegen, zeigt der Umstand, daß am nämlichen Tage, da er sein irdisches Tagewerk vollendete, vom Rathe im Einklang mit den Geistlichen Bullinger’n das Seinige ziemlich erleichtert wurde, damit nicht auch er allzubald von übermäßiger Arbeit dahin gerafft würde.

Ehrenvoll ward Leo zu Grabe geleitet; der größte Theil der Rathsherrn sammt beiden Bürgermeistern folgte der Leiche; diese wurde von angehenden Geistlichen getragen, unter denen wir Johannes Haller, nachher Pfarrer und Vorsteher der Kirche zu Bern, Johannes Wolf, später Pfarrer am Fraumünstcr, und Leodegar Hirsgartner, nachmaligen Pfarrer in Laufen antreffen. Seine Ruhestätte fand Leo in der Kirche zu St. Peter, der er so lange gedient hatte, unter dem Steine, der gleich unter der Kanzel liegt.

Leo starb arm. Auch hierin zeigte sich’s, wie sehr er nicht das Seine gesucht, sondern dieses dem Dienste an Andern nachgesetzt hatte. Seine ganze Hinterlassenschaft bestand außer dem nöthigsten Hausgeräthe in einem Dutzend beschlagener Löffel und einem silbernen Becher, den ihm sein begüterter Freund Werner Steiner geschenkt hatte. „Mit Leo’s Tode war nun,“ wie der Sohn sich ausdrückt, „auch die Pfründe und alles Einkommen gestorben.“ Da schaffte Bullinger, der allezeit hülfbereite Vorsteher der zürcherischen Kirche, Rath. Er trat mit der Wittwe und den Waisen in den Rathsaal vor die Zweihundert, und stellte ihnen einläßlich vor, welch treue Dienste der selige Leo von Anfang seines Amtes bis an sein Ende dem Stande Zürich geleistet, wie große Gefahr er bestanden, welchen Nutzen er geschafft, und wie wenig er dabei empfangen, so daß er nichts zu erübrigen vermocht habe, wovon die Seinigen jetzt leben könnten; er bat deshalb die Gnädigen Herren, in Betracht dessen als Väter zu handeln und sich in Gnaden die Wittwe und die armen Waislein empfohlen sein zu lassen; Leo habe dies um die Stadt wohl verdient, da er sie mit seinen Büchern groß gemacht und sonst vielfach gefördert habe; er führte besonders an die Uebersetzung der Paraphrasen des Erasmus, die deutsche und lateinische Bibel, den Katechismus rc. Auf dieses hin wurde seiner Gattin ein Wittwengehalt bestimmt, den sie mehr als vierzig Jahre lang empfing. Sie starb in sehr hohem Alt 1583 bei ihrem Schwiegersohne Rudolf Wonlich, Pfarrer in Rickenbach (später Archidiakon), nachdem sie fünf Jahre in völliger Blindheit und zuletzt in großer Beschwerlichkeit zugebracht, ihrer Gutthätigkeit und übrigen Tugenden wegen als „Mutter Leuin“ von Vielen hoch geehrt. Die beiden Söhne, Johannes und Theodorich, jener beim Tode des Vaters vierzehn, dieser sieben Jahre alt, wurden unentgeldlich zum Dienste der Kirche erzogen; jener ward in das Collegium zum Fraumünster aufgenommen, dieser nach einem Jahre in die Schulanstalt zu Kappel. Jener, später Pfarrer zu Flaach, sammelte 1574 die Lebensnachrichten über seinen Vater, an die wir uns hier großentheils gehalten haben; der jüngere ward Pfarrer zu Wädensweil. Auch Leo’s talentvoller Neffe, Johannes Fabritius Montanus (Schmid aus Bergheim im Elsaß) wurde, obgleich Ausländer, Leo zu Ehren und um seiner Verdienste willen, unentgeldlich in den zürcherischen Anstalten gepflegt und zum tüchtigen Kirchendiener heran gebildet; er erwarb sich als Leiter des Alumnates in Zürich und besonders als Pfarrer in Chur große Anerkennung; auch galt er nicht wenig als lateinischer Dichter. Worte des innigsten Dankes und kindlicher Verehrung widmete er dem „Führer seines Lebens,“ „der, auf alle Wechselfälle des Menschenlebens mit unglaublich kräftigem und immer frischem Muthe ausgerüstet, an Frömmigkeit und Humanität sowie in Erweisung jeglicher Christenpflicht gar reich und mächtig gewesen.“

So möge denn Leo Judä, der als Gehülfe Zwingli’s und Mitarbeiter Bullinger’s für die Herstellung der Kirche so Großes gethan hat, auch uns, die wir immer noch die Früchte seines Wirkens genießen, in seiner anspruchlosen Lauterkeit vor der Seele stehen als einer der treu bewährten Streiter Christi, welche in der Armuth reich, in der Schwachheit stark, im Kampfe zu Helden des Glaubens geworden durch die Gnade des Herrn!

1) Leo mied indeß in seinen Jünglingsjahren des Gespöttes wegen den Namen Jud; er nannte sich in der Fremde lieber Leo Keller, erhielt auch, als er einst in Rom war, vom Papste einen Brief, worin dieser ihn Leo Keller nennt und bestätigt, daß er fernerhin also heißen solle; „darum, daß sein Vater ein Priester und Diener der Kirche gewesen und er auch einer zu werden begehre, solle er nicht mehr Jud genannt werden.“ Er besaß auch ein Petschaft mit jenem Namen, gab ihn jedoch wieder auf. – Was die Form seines Familiennamens betrifft, so schreibt Leo im deutschen Jud, im Lateinischen meist Juda. Da die letztere, insgemein gangbare Form auf dem Titel aller seiner lateinischen Schriften erscheint, von Ankern im Lateinischen immer, im Deutschen oft schon während seines Lebens gebraucht wird, so scheint am angemessensten, dieselbe beizubehalten. In Zürich pflegte man ihn „Meister Low“ zu nennen, und dieser sein Taufname ging auch auf seine Nachkommen über.

2) Capito’s Brief, der die Kindertaufe muß behandelt haben, von welcher Bucer’s Brief nichts enthält, ist gleichwie Leo’s Briefe an Beide leider nicht mehr vorhanden; daher wir bei der Kürze des Ausdrucks in Bucer’s Briefe außer Stande sind zu wissen, worauf Leo’s Bedenken gegen die Kindertaufe beruhten und wie weit sie gingen. Sie konnten sich möglicher Weise blos auf die gezwungene Kindertaufe, d. h. auf das Recht des Zwanges zur Kindertaufe von Seiten des Staates, beziehen. Davon nämlich, daß er sich etwa bei der ungefähr in diesen Zeitpunkt fallenden Geburt eines Kindes (20. Juni 1538) geweigert hatte, dasselbe taufen zu lassen, findet sich durchaus keine Spur, eben so wenig davon, daß irgendwann, sei’s früher oder später, eine Weigerung bei ihm vorgekommen wäre. Wohl aber haben wir zwei unten anzuführende Schriften Leo’s aus den Jahren 1534 und 1535, in welchen er die Kindertaufe verficht und begründet, während er die Wiedertäufer, gleichwie früher, bekämpft.

3) In Straßburg finden wir um diese Zeit Aehnliches. Noch auf Weiteres (auf das nämlich, was man sich später in der Confirmationsfeier ausbildete) reicht Schwenckfeld’s oben schon berührte Aeußerung, die er am 12. Juni 1533 bei der mit den straßburgischen Geistlichen Statt findenden Verhandlung that: „mit der Kindertaufe habe er nichts zu schaffen, erkenne bloß die Taufe Christi; übrigens wünsche er, daß wenigstens eine Ceremonie eingeführt werde, wodurch die getauften Kinder, wenn sie herangewachsen, zum Christenthum eingeweiht würden.“ Man sieht daraus wenigstens, wie die persönliche Aneignung des Christenglaubens und die Bezeugung derselben in ihrem Zusammenhange mit der Kindertaufe als wünschenswerth gefühlt wurde.

 

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