Martin Boos

Martin Boos

Boos, Martin

Martin Boos – Ein Prediger der Gerechtigkeit, die vor Gott gilt

Wer ein Freund Christi ist, der muß ein Feind sein des Antichrists, der sitzt im Tempel des HErrn und das Gesetz des HErrn übel deutet und gibt sich vor, er sei Gott.

Wer ein Freund Christi ist, der muß ein Feind sein aller Lehre, die nicht Christus predigt, Christus allein, daß Er sei der HErr und der einzige Heiland aller armen Sünder, die durch den Glauben an Ihn das Leben haben in Seinem Namen.

Wer ein Freund Christi ist, der muß von der Welt und von allen falschen Christen gehasset und verfolget werden. Das ist gewißlich wahr.

Wer ist nun dieser Antichrist, von dem die Rede war? Diese Geschichte wird es deutlich aufzeigen.

Dem Leser soll nun von einem Manne erzählt werden, der zwar bitter und gehässig von der gottlosen Welt und römischen Pfaffen verfolgt, doch bis an sein Ende nicht allein ein Glied, sondern auch ein Priester der römischen Kirche und gleichwohl ein rechter Prediger der Gerechtigkeit gewesen ist, die vor Gott gilt.

Wie ist das möglich? wird der Leser fragen. Ich will ihm aber die Frage erst am Ende beantworten und zuvor den Beweis führen, daß Martin Boos wirklich eigentlich ein Lutheraner von echtem Schrot und Korn gewesen wäre.

Recht deutlich ist das zu ersehen aus einem Briefe vom 17. Dezember, in welchem

1. Boos schildert, wie er zum Leben des Glaubens erweckt wurde

Er schreibt da: „Du nennest mich einen langsamen Märtyrer. – Du hast recht, ich bin’s. In meiner Jugend marterten mich meine Sünden, für die ich lange keinen Heiland wußte und kannte als mich selber. Als ich späterhin einen Heiland für meine Sünden und für mein Inneres gefunden und geglaubt hat hatte, so marterten mich die Konsistorien und der jüdisch gesinnte Pöbel und wollten mir meinen Glauben und meinen Erlöser abschrecken, abdisputieren, abexulieren usw., und diese Tragödie geht fort bis auf den heutigen Tag. Dazu kommt noch die Hölle und mein eignes böses, trotziges, blödes, erschrockenes und verzagtes Herz. Ein Wunder ist’s, daß ich noch lebe, ich fühle mich schrecklich alt, ob ich schon erst fünfzig Jahre zähle.

Ich habe mir (ein Tor redet) entsetzlich viel Mühe gegeben, recht fromm zu leben, z. B. lag ich jahrelang selbst zur Winterszeit auf dem kalten Boden und ließ das Bett neben mir stehen, ich geißelte mich bis aufs Blut, ich litt Hunger und gab mein Brot den Armen, jede müßige Stunde brachte ich in der Kirche und Domgruft zu, ich beichtete und kommunizierte fast alle acht Tage. Ich wollte mit Gewalt aus meinen guten Werken und guten Sitten leben. Aber ja wohl leben! Bei aller Heiligkeit fiel ich immer tiefer in die Selbstsucht hinein, war immer traurig, ängstlich, kopfhängend usw. Der Heilige schrie immer in seinem Herzen: Ich unglücklicher Mensch! Wer wird mich erlösen? Röm. 7; und kein Mensch antwortete ihm: Die Gnade Gottes durch JEsus Christus. Kein Mensch gab dem Patienten das Kräutlein ein: ‚Der Gerechte lebt aus dem Glauben‘; und als es mir einmal eingegeben ward, und ich mich besser befand, kam die ganze Welt mit all ihrer Gelehrsamkeit und hohem geistlichen Ansehen daher und wollte mir weismachen, ich hätte Gift gegessen, Gift gespien und alles vergiftet, man müsse mich henken, ertränken, einmauern, davonjagen, verbrennen usw. Ich weiß keinen blöderen und furchtsameren Menschen als mich, und doch bin ich Hasenfuß der Welt fürchterlich und widerlich; ich wäre erstaunlich gern still, unbekannt und unberühmt; aber es hilft nichts, ich bin in Bayern und Österreich berühmter als Sch … h … Sieh, das ist in kurzem mein Lebenslauf; wenn ich einmal tot bin, so sag‘ der Welt: ich lasse sie grüßen und hab‘ ihr weiter kein anderes Kräutlein eingeben wollen als dieses: daß der Gerechte aus dem Glauben lebe; das habe mir und anderen geholfen; das sie aber kein Vertrauen zu mir und zu meiner Medizin gehabt habe, dafür könne ich nicht. Den Glauben, daß man durch sich selbst gerecht und selig werde, hätt‘ ich so lang probiert wie sie, ich hätte aber später in einer alten Schrift gefunden, daß wir um Christi willen, ohne daß wir’s verdient, aus Gnaden gerecht und selig werden, und in diesem Glauben sei ich auch gestorben. Wenn ihr aber diese Brücke nicht anstehe, so könne sie mit eigenen Füßen durchs Weltmeer waten und zusehen, ob sie nicht ertrinke. So, dies sagst du der Welt nach meinem Tode.“

Wer wird über dem Lesen dieses kostbaren Briefes nicht einmal ums andere an einen anderen Martin erinnert, der dreihundert Jahre zuvor in seiner Klosterzelle zu Erfurt und auf seiner Reise nach Rom ganz denselben Kampf gekämpft, den gleichen Glauben überkommen, nachmals den gleichen Widerspruch und Haß der Welt erfahren und endlich dasselbe Vermächtnis den Seinen hinterlassen hatte? Und wer wird nicht begierig sein, die weit weniger bekannte Geschichte dieses neueren Martin etwas näher kennenzulernen? Hören wir denn

2. Boos‘ Jugendgeschichte

Martin Boos wurde am 25. Dezember 1762, nachts zwölf Uhr, in Huttenried an der Grenze von Oberbayern und Schwaben geboren.

Seine Eltern waren so wohlhabende Bauersleute, daß sie zwanzig Kühe und vier Pferde halten konnten.

Als Martin, der von sechzehn Geschwistern das vierzehnte war, im vierten Jahre stand, starben beide Eltern innerhalb von vierzehn Tagen. Er konnte sich ihrer von Angesicht in seinem ganzen Leben nicht erinnern. Sie starben an einer Krankheit, die allgemein im ganzen Lande herrschte und viele Menschen wegraffte.

Nun waren zwölf verwaiste Kinder im Hause. Die älteste Schwester war etwa achtzehn Jahre alt. Man verteilte daher die Waisen unter die nächsten Verwandten.

Den Martin trug seine älteste Schwester auf dem Rücken am Pfingstmontag bis nach Augsburg und übergab ihn seinem Onkel, dem „geistlichen Rate“ Kögel. Sie wurde auf der Reise unter dem Druck ihrer Last so müde, daß sie den Martin in einen Kornacker hinwarf, ihn liegen ließ und allein nach Augsburg ging. Der verlassene Martin weinte, schlief aber endlich in dem Kornbette sanft ein. Etwa nachmittags um 4 Uhr holte ihn die Schwester ab, brachte ihn nach Augsburg, stelle ihn seinem Onkel vor und bat denselben, daß er ihn an Kindes Statt auf- und annehmen möchte.

Martin wollte aber durchaus nicht in Augsburg bleiben, als wenn er ahnte, daß er daselbst einst viel leiden müsse, sondern er wollte mit der Schwester nach Hause gehen. Am dritten Tage aber ging die Schwester sehr früh weg, ohne von ihm Abschied zu nehmen, und nun mußte er freilich bleiben, wo sie ihn abgesetzt und angebracht hatte. Als Martin etwa acht Jahre als war, schickte ihn der Onkel in die Schule, wo er lesen und schreiben lernen mußte.

Als er etliche Jahre in diese Schule gegangen war, sagte ihm sein Onkel, den er um das Schulgeld bat: „Da, du! Jetzt mußt du die Schule verlassen und ein Handwerk lernen. Was willst du denn werden?“ Martin antwortete darauf: „Ich möchte gern ein Geistlicher werden.“ Der Onkel: „Jawohl! Du willst ein Geistlicher werden? Dazu hast du kein Talent und kein Geld.“ Das schmerzte den Martin. Doch sagte darauf der Onkel, er solle nach Tisch zu ihm kommen, er werde ihm ein Schreiben an seinen Lehrer mitgeben, um sich zu erkundigen, wie und was er lerne.

Der alte Lehrer gab ihm das beste Zeugnis; daß er unter dreihundert Schülern der fleißigste und in den Anfangsgründen der lateinischen Sprache der vorzüglichste sei, und daß es Sünd‘ und Schade wäre, wenn er den Martin nicht fortstudieren ließe.

Martin hatte nämlich die Anfangsgründe der lateinischen Sprache heimlich gelernt, ohne seinem Onkel, vor dem er sich fürchtete, etwas davon gesagt zu haben. Dieser hatte übrigens auch das ganze Jahr nie nach ihm gefragt.

Als Martin das gute Zeugnis seines Lehrers mit nach Hause gebracht und der Onkel es gelesen hatte, sagte er zu ihm: „Nun, dein Schullehrer gibt dir ein gutes Zeugnis. Ich will’s versuchen mit dir und dich studieren lassen; wenn es aber anders als jetzt geht, so mußt du ein Schuster werden.“

Nun wurde Martin noch fleißiger als zuvor. Er studierte und betete Tag und Nacht, daß ihm der liebe Gott doch zu seinem Zweck helfen möchte.

Er kam nun in die Schule der Exjesuiten[1], wo er die unteren Klassen in fünf Jahren mit gutem Fortgang absolvierte und dann die Logik auf dem Lyzeum hörte.

Seinem Onkel war Dillingen, wohin Martin nun kommen sollte, um daselbst seine Universitätsstudien zu treiben, von den Exjesuiten als ein gefährlicher und böser Ort bezeichnet worden, wo junge Leute leicht ihren Glauben verlieren könnten. Der Onkel aber konnte die Exjesuiten nicht leiden, weil er wußte, daß sie nur verkappte Jesuiten und jedem feind waren, der auf ein gottseliges Leben in Christus Jesus drang. In Dillingen waren aber damals einige Professoren, die das taten. „Martin“, hatten die Jesuiten zu Boos gesagt, „wir wollen dir die beste Hauslehrerstelle in Augsburg verschaffen, wenn du bei uns bleibst; du hast in dieser Hinsicht nichts nach der Unterstützung und dem Willen deines Onkels zu fragen.“ Aber Martin Boos kannte das vierte Gebot besser als die Jesuiten und sagte das seinem Onkel wieder, sowie auch, daß diese geistlichen Herren ihm seine Zeugnisse nicht herausgeben wollten.

Der Onkel wurde gewaltig zornig und sprach: „Jetzt gehst du noch einmal zu ihnen; sage denselben, sie sollten dir deine Zeugnisse geben; wo nicht, so würde ich solche mit Gewalt zu erheben wissen.“ Jetzt gaben sie ihm denn die besten Zeugnisse.

Des anderen Morgens reiste Martin mit denselben nach Dillingen ab. Hier studierte er Physik und Metaphysik mit großem Fleiße und wurde dann in das Alumnat aufgenommen, wo er die Theologie kostenfrei studieren konnte.

Als er nun nach Augsburg zu seinem Onkel in die Ferien zurückkam, lobte ihn dieser zum erstenmal in seinem Leben: „Dies Jahr hast du mir Freude gemacht. Dein Regens[2] hat mir schon geschrieben, wie wohl du dich gehalten hast.“

Martin studierte nun vier Jahre lang als Alumnus Theologie in Dillingen.

Gleich im Anfang des ersten Jahres bekam er „die vier kleinen Weihen“; im zweiten um Ostern das Subdiakonat. Er wurde aber krank, und das Fieber verließ ihn erst acht Tage vor Pfingsten. Er konnte und durfte während der Krankheit nicht studieren. Weil aber sein Onkel wollte, daß er den nächsten Herbst „Priester“ werden sollte, zog er doch mit den anderen Alumnen zum Examen nach Augsburg, in welchem er trefflich bestand, obgleich er und sein Onkel zitterten, weil er von Ostern bis Pfingsten nichts hatte tun können. – Als er den Onkel einst unter dem Mittagessen fragte, ob er wohl geweiht[3] würde? antwortete dieser: „Warum nicht? Wie ich höre, hast du das beste Examen gemacht.“

Im Herbst darauf erhielt Boos die „Priesterweihe“.

Bei seiner ersten Messe waren fünfhundert Gäste, über dreißig „Geistliche“. Das geschah alles nicht dem Martin, sondern dem Onkel zu Ehren. Der siebzigjährige Mann war so vergnügt, daß er auf drei Tage ein Scheibenschießen gab, an dem der ernste Boos schwerlich großes Vergnügen gefunden.

Jetzt mußte Martin noch zwei Jahre ins Seminar nach Dillingen zurück, um seine Studien zu vollenden. Endlich kam er auf sieben Wochen in das Generalseminar nach Pfaffenhausen.

Von hier aus aber als Kaplan nach Unterthingau, einem großen Marktflecken bei Kempten. Und damit beginnt

3. Boos‘ Wirksamkeit in Bayern

Bald am Anfang derselben erhielt er zu seinem größten Heil eine Lektion in der Theologie, wie er sie bis dahin nie gehört.

Er besuchte nämlich eine unter dem katholischen Volk wegen ihrer guten Werke und Almosen höchst angesehene Frau auf ihrem Krankenlager.

„Sie werden doch recht ruhig und selig sterben?“ meinte er. Sie fragte: „Warum denn?“ „Nun, weil Sie fromm und heilig gelebt haben.“

Da blickte die Kranke ihn verwundert und befremdet an und sprach: „Sie wären mir der rechte Geistliche, ein schöner Tröster. Wo würde ich hinkommen? Wie würde ich bestehen vor Gottes Gericht, wo man auch von einem jeden unnützen Wort Rechenschaft geben muß? Da wäre ich ja gewiß verloren, wenn ich die Seligkeit und den Himmel auf mich und meine Verdienste und Frömmigkeit baute. Wer ist rein unter den Unreinen? Wer unschuldig in Gottes Augen? Wer gerecht, wenn Er Sünde zurechnet? Welche unserer Handlungen und Tugenden wird vollwichtig erfunden, wenn Er sie auf seine Waage legt? Nein, wenn Christus nicht für mich gestorben, wenn Er nicht für mich genuggetan und bezahlt hätte, so wär ich mit all meinen guten Werken und frommem Wandel ewig verloren. Er, Er ist meine Hoffnung, mein Heil und meine Seligkeit.“

„Siehe“, sagte Boos später, „siehe, dies Wort aus dem Munde einer Kreuzträgerin, einer im Rufe der Heiligkeit stehenden Seele öffnete mir zuerst die Augen. Ich erblickte Christus für uns, frohlockte, wie Abraham, als er Seinen Tag sah, predigte den erkannten Christus auch anderen, und sie frohlockten mit.“

Hatte er sich im ersten Augenblick nicht wenig geschämt, daß er als ein Meister in Israel das nicht wußte – so machte das Evangelium, das er hier zum erstenmal ordentlich gehört, auf ihn einen Eindruck, der ihm lebenslänglich blieb.

„In Christus ist allein Heil“; und: „Der Gerechte lebet seines Glaubens“ – das war fortan das Thema seiner Predigt, der Text zu seinem ganzen Leben.

Eben darum aber wollte Gott der HErr auch an ihm erzeigen, daß er viel leiden müsse um Seines Namens willen.

Zwar in Unterthingau, woselbst er zwei Jahre lang Kaplan war, regte sich der Geist der Verfolgung noch nicht. Erst als er in Kempten zum Stiftskaplan und bald darauf gar zum Kanonikus in Grönbach ernannt worden war und besonders am letztgenannten Orte durch treue Predigt und Seelsorge viele Seelen aus dem verderblichen und verdammlichen Dünkel ihrer Selbst- und Werkgerechtigkeit aufgerüttelt worden waren, erwachten Neid und Eifersucht der übrigen Kanoniker, besonders des ersten, des Dekans. Sie konnten’s nicht ertragen, daß alle, die den Weg der Seligkeit suchten, Boos zuliefen, um von ihm getröstet und belehrt zu werden; denn ihm sah man an, daß er sich und andere mit Ernst selig zu machen suchte. Wie weit aber der Haß seiner Mitpriester ging, erhellt daraus, daß sie ihm heimlich, wenn er von seinem Zimmer abwesend war, Pult und Schränke erbrachen, seine Briefe und Papiere durchsuchten und lasen und ihn dann darüber bei Tisch neckten und verspotteten und durchaus so behandelten, daß sie ihm sein Leben sauer machten und verbitterten. Ihr Haß und ihre Feindschaft stieg so hoch, daß sie ihn endlich, wie die Brüder Josephs, nicht mehr unter sich dulden und sehen konnten. Sie stießen ihn hinaus, d.i. entsetzten ihn seines Amtes und schickten ihn fort. „In Grönbach hat man mir’s wild gemacht, und das alles, um Gott einen Dienst zu tun“, schrieb M. Boos am 20. Oktober 1797.

Der Dekan hätte ihn lieber „eingemauert oder aufgehenkt“ gesehen, wie er selbst erklärte; mußte ihm aber dennoch nachher alle Jahre, bis Boos auswanderte, den Gehalt des Kanonikats zusenden; denn diesen konnten und durften sie ihm nicht nehmen.

Seines Amtes entsetzt und vertrieben, stand Boos nun auf der Landstraße. Wohin sollte er seine Schritte lenken?

Sein Weg führte in an einer Heuhütte vorbei. Da trat er ein, warf sich zur Erde und betete, um die schwere Last auf den zu werfen, der uns zuruft: Alle eure Sorge werfet auch Mich; denn Ich sorge für euch. Hierauf wandelte Boos getrost und freudig weiter und kam nach Seeg, wo der ehemalige Kanonikus wieder zum Kaplan werden mußte an der Seite des Priesters Feneberg.

Der nahm ihn auf mit Freuden, und Boos wirkte dort mit mehr Segen und Kraft als zuvor.

Aber hier so wenig wie in Wiggensbach, wohin Boos 1795 als Kaplan gesetzt wurde, konnte er die ihm befohlene Herde in Frieden weiden.

Während auf der einen Seite seine Predigten und sein frommer Wandel einen außerordentlichen Eindruck machten, wie man es bis dahin an jenen Orten nie gesehen, während viele Seelen zur Erkenntnis ihrer selbst und zur wahren Erkenntnis Christi kamen, vieler Blinder Augen aufgetan und viele geistlich Tote lebendig wurden, rüstete sich andererseits der alte böse Feind mit aller Macht wider den treuen Zeugen.

Zwar, daß eine böswillige Hebamme aussprengte, Boos taufe die Kinder auf den Teufel – er hatte nämlich einmal bei einer Taufhandlung aus reinem Versehen die Frage: Entsagest du dem Teufel? usw. weggelassen -, war noch nicht das Ärgste, obgleich der Sturm darüber lang genug dauerte, und eine Zeitlang keine Mutter mehr ihr Kind von Boos taufen lassen wollte.

Endlich mußten ja die Lästerer schweigen, nachdem diese Lügen unzähligemal widerlegt worden.

Aber schwerer fiel schon ins Gewicht, daß infolge der Boosschen Predigten zwar nicht die wahrhaft guten Werke, die jetzt vielmehr viel reichlicher als zuvor geschahen, wohl aber die erdichteten guten Werke der Papstheiligen, als da sind Rosenkranzbeten, Wallfahrtengehen, nach Ablaß laufen und dergleichen, mehr und mehr abnahmen.

Das war den Herren Amtsnachbarn des treuen M. Boos ein entsetzliches „Ärgernis“. Denn es kam wohl gar vor, daß ein Priester etwa eine Frau fragte, warum sie nicht, wie sonst, zum Ablaßfest gehe? und darauf die Antwort erhielt: „JEsus Christus ist mein Ablaß, weil Er für mich gestorben ist. Einzig und allein das Blut Christi ist mein Ablaß.“ –

Konnte der Satan da ruhig zusehen? Konnte er zusehen, wie durch Boos‘ Dienst sogar einige Priester dem Glauben gehorsam wurden? Nimmermehr. Darum reizte er alle papistisch gesinnten Werkheiligen, Pfaffen und Laien, in der ganzen Umgegend auf, Boos als einen argen Ketzer und Wolf auszuschreien; und als solcher wurde er denn auch bei dem Augsburger Bischof angeklagt. –

Am 10. Februar 1797 stellte er sich vor seinen „geistlichen“ Richtern in Augsburg.

4. Boos‘ Leiden in Bayern. Er wandert aus nach Österreich

Eine Stunde von Augsburg entfernt liegt das Dorf Göggingen. Dort befand sich ein Priesterkorrektions- oder -zuchthaus. In demselben saßen lauter „geistliche“ Verbrecher und „geistliche“ Verrückte gefangen. – Dort wurde Boos zunächst eingesperrt und mußte von hier aus unter Begleitung eines Soldaten oder Wächters zum Verhör nach Augsburg gehen. Wer ihn da gehen sah, mußte glauben, er habe das größte Polizeiverbrechen begangen, sei ein Dieb oder Mörder.

In diesem Gefängnisse mußte er acht Monate sitzen und wurde, ehe er verhört war, schon als Verbrecher behandelt. In vierundfünfzig Tagen ward er erst viermal, im ganzen aber mehr als fünfzigmal verhört.

Von seinen Richtern waren etliche heftig, bitter und feindselig und wollten ihn mit Gewalt zum Ketzer stempeln. Andere, die natürlich milder waren, hatten nicht Kraft genug, jenen zu widerstehen. Unter diese letzteren gehörte der Generalvikar Nigg, der, um Boos wenigstens einige Leiden zu ersparen und die Untersuchung abzukürzen, ganze Stöße von dessen Schriften auf die Seite räumte und verbrannte. Der Mut, sich für Boos zu erklären, fehlte ihm.

Dieser selbst arbeitete im Gefängnis „Grundsätze und Lehren“ aus, in welchen er die aus der biblisch-evangelischen Rechtfertigungslehre fließenden teuren Wahrheiten klar und deutlich darlegte, sie als seinen Glauben und seine Lehre bekannte und damit schloß:

„Ich glaube aber auch, daß alle diese Sätze den Weisen und Klugen dieser Welt unbegreiflich vorkommen und sein werden, gleichwie der Friede Gottes über alle Vernunft ist.“ (Phil. 4,7; 2 Kor. 3,4.6)

Lag darin zugleich die Ahnung ausgesprochen, daß Boos bei seinen weltweisen Richtern wenig Verständnis des Evangeliums und also kein gerecht Gericht finden würde, so sollte sich diese Ahnung bald genug erfüllen. –

Bei aller Mühe, die man sich durch eine achtmonatige Untersuchung gab, kam nichts heraus. Denn was man suchte, Ketzereien und Verbrechen, fand man nicht, umso mehr als Boos, was er lehrte und glaubte, aus der Heiligen Schrift unter Anführung ähnlich lautender Stellen der Kirchenväter bewiesen hatte. Und was man fand, gewaltige Zeugnisse von Christus, Früchte des Geistes und des lebendigen Glaubens, das verstand und glaubte man nicht, sondern schrieb es, wie die Pharisäer und Schriftgelehrten bei Christus, der Hölle und dem Teufel zu.

Durch ein Dekret vom 14. August 1797 wurden auch der Priester Feneberg und seine Kapläne zur Inquisition vorgeladen, weil sie Boos, als er aus dem Kemptischen vertrieben war, aufgenommen und seine Gesinnungen mit ihm geteilt hatten.

Auch sie wurden nun in Augsburg am 30. August streng verhört, dann auch acht Tage in Klöster gesteckt, jeder in ein besonderes, um „zur verdienten Buße und Strafe geistliche Exerzitien zu halten.“

Einig blinde Eiferer, besonders Pfarrer und Dekane auf dem Lande, ergrimmten sehr über die Beklagten und schrieben dem Generalvikar, er möchte einmal ein Exempel aufstellen und einen solchen Ketzer verbrennen. Nigg erzählte das selbst und setzte hinzu: Ich dachte, „du bist ein Narr“.

Nigg gab einen anderen Rat, dem die anderen alle beistimmten. „Sie riefen die Verfolgten, und nachdem sie ihnen vierzig weniger einen gegeben hatten, geboten sie ihnen, nicht mehr zu reden in diesem Namen, und entließen sie. Diese aber gingen voll Freude vom Angesichte des Rates hinweg, weil sie gewürdigt worden, um des Namens JEsu willen Schmach zu leiden.“ (Apostelg. 5,40.41)

Sie wurden alle entlassen, nur Boos nicht. Sein am 11. September 1797 gefälltes Urteil lautete anders. „Der Generalvikar griff einen Bogen heraus, hieß mich in die Mitte und vorwärts treten und verlas mir dann mit starker Stimme und zorniger Miene mein Urteil, daß ich auf ein Jahr lang ins Zuchthaus solle. Mir war unter dem Lesen himmlisch wohl und leicht, gerade als ob es mich gar nicht anginge“, schreibt Boos selbst. „Als aber der Generalvikar fertig war, tat mein Adam einen Seufzer und sprach: Ich unterwerfe mich diesem Urteile, weil ich es so für Gottes Fügung halte. Aber das Urteil ist entsetzlich hart für mich. Ich hoffte, heute sollte meine Strafe ein Ende nehmen und nun fängt sie erst recht an.

Als Boos sich über die Härte des Urteils bei seinen Richtern beschwerte, wurde es insoweit gemildert, daß er nicht mehr in sein Gefängnis zurückkehren, aber noch Stadtarrestant bleiben mußte. Er durfte nun in der Stadt frei umhergehen, sich aber nicht aus derselben entfernen. So mietete er sich denn eine kleine Stube, welche ärmlich aussah, und ließ sich das Essen in einem irdenen Topf, den man Triangel nannte und den arme Studenten und Bettelleute zu gebrauchen pflegten, über die Gasse holen.

In dieser seiner Haft, die der ersten Gefangenschaft des heiligen Apostels Paulus zu Rom ähnlich war, fehlte es Boos nicht an Glaubensstärkungen aller Art. Und er bedurfte ihrer auch. Wie Luther auf der Wartburg viele Anfechtungen hatte, ob sein Werk, das er im Jahre 1517 begonnen, auch wirklich Gottes Werk sei, so war Boos oft sehr angefochten, weil sein Glaube und seine Lehre dem gewöhnlichen Sinn und Gang der Menschen in der Welt so sehr entgegen waren und so viel Widerspruch fanden. Aber die Briefe seiner geistlichen Kinder, die er gezeugt hatte durch das Wort der Wahrheit, trösteten und stärkten ihn dann oft mächtig.

Zu ganz besonderem Troste gereichte ihm, daß der Direktor des Gögginger Korrektionshauses, der Kustos Hoffmann, durch ihn zu seligmachenden Erkenntnis des Evangeliums gekommen war.

Während seines Stadtarrestes ging Boos öfters zu einem der auf dem Markte feilhabenden Bücherhändler, die man in Augsburg Bücheresel nannte, weil sie viel mit Büchern umgehen, ohne sie zu lesen und zu verstehen. Boos blätterte in einigen seiner Bücher und fragte: „Was sind das für Bücher?“

Der Antiquar antwortete: „Das sind Bücher, wie sie unsere Heiligen haben.“

„Was habt ihr für Heilige?“

Der Antiquar: „Nu, das sind solche Leute, die nichts als beten und geistliche Lieder singen, die von der Welt nichts mitmachen, Sonderlinge, die besser sein wollen als andere Leute; ich halte nichts darauf; ich denke, sie sind Heuchler. Man kann nicht so sein. Unsereiner muß mit der Welt fortkommen.“

Nun, dachte Boos, das ist sonderbar; da kann was dahinter sein. Ich will und muß doch sehen, was das ist. Er fragte also, wo sie denn wohnten, diese Heiligen. Und da es ihm der Bücheresel gerne sagte, so suchte Boos sie auf und fand in ihnen glückliche, fromme Seelen, die ihr Heil allein auf JEsum bauten und selig im Glauben und in der Liebe zu ihrem Heilande lebten, sich dieser Welt nicht gleichstellten, sondern ihre Ehre in der Schmach Christi suchten. – So kam Martin Boos mit den wenigen protestantischen „Mystikern oder Pietisten“ in Berührung, die Augsburg dazumal aufzuweisen hatte; und der Segen, den er aus ihrer Gemeinschaft schöpfte, entschädigte ihn für manche unnütze Quälerei, der er sich ausgesetzt sah.

So sagte der Generalvikar Nigg einmal zu ihm, er sitze zuviel auf sich selbst, brüte zuviel über theologische Materien, er solle sich mehr zerstreuen, solle auch unter die Leute und in Gesellschaft gehen; er befehle ihm hiermit, in ein Wirtshaus oder Kaffeehaus zu gehen. Boos antwortete: „Wie Ew. Hochwürden befehlen; ich will sogar hierin gehorchen und einen Versuch machen.“ Er ging also in ein solches Haus. Als er aber zur Türe hineintrat, erblickte ihn schnell die Wirtin, die ihn übrigens gar nicht kannte, ihm aber wohl besser als der Generalvikar angesehen habe mußte, daß er kein Mann fürs Wirtshaus und das Wirtshaus nicht für ihn sei, ergriff ihn sogleich beim Arme und sprach, ihn hinausführend: „Packe dich hinaus, du gehörst nicht hierher.“ – Boos ging, heimlich froh und lachend, wie man ihn führte, kam und erzählte dem Generalvikar, wie er seinem Rate gefolgt und wie es ausgefallen wäre. Auch Nigg konnte sich jetzt des Lachens nicht erwehren und sprach: „Nu, nu, lieber Boos. Ich sehe schon, mit Ihnen ist nichts anderes anzufangen; man muß Sie Ihre Wege gehen lassen. Tun Sie in Gottes Namen, wie Sie es für recht halten.“ –

Nun, die Haft Boos‘ ging zu Ende.

Es war im Januar 1798, als er wieder zu seiner gänzlichen Freiheit gelangte, und im Februar, als er wieder in die Seelsorge gesendet wurde.

Seine Richter waren durch seinen Privatumgang milder geworden, bezeugten ihm selbst, er sei der beste Geistliche der Diözese, und sandten ihn als Seelsorger nach Langeneisach, doch nicht, ohne einen gewissen Priester, K. E. Koch, zu seinem geistlicher Oberaufseher zu machen.

Auch an dem neuen Bestimmungsort war Boos‘ Wirksamkeit eine reichgesegnete. Aber nach acht Wochen gab es schon wieder Lärm; und das Geschrei fing wieder an: „Was, der Ketzer predigt wieder? Fort mit ihm ins Zuchthaus!“

Der Fürst von Kempten und andere Prälaten und Dekane, die ihn früher angeklagt, fanden sich beleidigt, daß man den Beklagten schon losgelassen. Sie klagten daher von neuem, und zwar unmittelbar bei dem Kurfürsten und Bischof Klemens Wenzeslaus, und verlangten mit Ungestüm, daß Boos „wieder gefangen und auf ewig eingesperrt würde“.

Aber wie sollte man jetzt Boos beikommen?

Man hatte ihm befohlen, seine Mitverfolgten und Gesinnungsgenossen nimmer zu grüßen, kein Wort mehr an sie zu schreiben. Sie schrieben aber an ihn, trugen dieselbe Schmach und baten auch um Trost. Wie hätte da Boos schweigen dürfen? Er schrieb also, Gott mehr gehorchend als den Menschen, freute sich ihres Glaubens und munterte sie zur Geduld auf in ihren Verfolgungen.

Dieser Trostbrief wurde aufgefangen. Man nahm ihn einem Manne mit Gewalt aus der Tasche und schickte ihn nach Augsburg. Jetzt hieß es: „Er hat wieder geschrieben und die alten Ketzereien aufgeweckt.“ –

Boos verließ nun am 3. April 1798 Langeneisach und eilte nach Augsburg. Ehe er sich aber vor seinen „geistlichen“ Richter stellte, ging er zu einem Freunde, der indes in Augsburg angestellt worden war, und lag bei ihm in der Domsakristei auf drei Stühlen über Nacht, weil er das Bett des Freundes, welches ihm dieser anbot, nicht annahm. Morgens fragte Boos den Freund: „Soll ich mich stellen oder fliehen? Gehört haben sie mich schon. Was nützt es, ihnen das Alte zu sagen?“

Der Freund: „Verfolgt man euch in einer Stadt, so fliehet in eine andere.“

Da ging Boos auf der Stelle und floh nach München zu dem ihm teuer gewordenen Prediger Winkelhofer, um auch den zu fragen, was er denn tun, ob er denn wieder ins Zuchthaus gehen solle? „Da gehst du nicht hinein“, sprach Winkelhofer, „da bist du schon gewesen und weißt, wie es da aussieht.“ Er verbarg ihn in seinem Zimmer drei Wochen.

Weil Boos aber nicht länger verborgen bleiben konnte, so floh er von einer Stadt zur andern, von einem Freund zum andern. Keiner wagte es, ihn lange zu behalten. Doch wer ihn aufnahm, auch nur auf kurze Zeit, bekannte, daß er eine Perle an ihm gefunden. Gott wirkte in dieser Zeit und durch diese Flucht viel Gutes durch ihn. Er mußte den Samen des göttlichen Worts im ganzen Lande herumtragen, hier Schlafende wecken, dort Tote zum Leben bringen.

Gar mancher Pfarrer, an den Freunde ihn empfohlen hatten, erschrak, wenn Boos vor seiner Türe stand, und verweigerte ihm die Aufnahme; gar mancher Wirt, bei dem er übernachten wollte, nahm ihn beim Arm und wies ihn in den letzten Winkel der Stube und setzte ihm einen Krug ohne Deckel vor, wie man ehemals den Schindern zu tun pflegte, die man nicht für ehrlich hielt.

Von Not gedrungen, wollte sich Boos einmal in einer Gegend von Bayern, wo er unbekannt war, bei einem Bauern als Schweinehirt verdingen. Sein Plan ward aber glücklich vereitelt. Denn als er zum Bauern in die Stube trat, um seine Bitte untertänigst vorzutragen, begrüßte ihn der Bauer sogleich als einen Geistlichen, zog eilends seine Mütze und näherte sich ihm ehrerbietig, um ihm die Hand zu küssen. Da entfiel dem Bittsteller der Mut. Er dachte: Nun bist du schon verraten und darfst nicht mehr merken lassen, was du willst. Es ergab sich dagegen nun ein anderes Gespräch und statt seiner Tiere Hüter ward Boos der Retter seiner Seele. So ward mehr gewonnen als verloren.

Endlich aber, nachdem Boos noch viel umhergewandert war, bald einige Tage Ruhe gefunden, bald wieder flüchtig geworden war, stellte er sich, da er nicht länger mehr verborgen bleiben konnte, am 9. Dezember 1798 zu Augsburg vor seinen Richtern. „Müde des Nichtstuns und Verborgenseins, warf ich mich meinen Feinden zu Augsburg wieder selbst in die Hände.“

Sie staunten, daß er sich selber stellte, verhörten ihn am 13., am 14., 29. und 31. Dezember und befragten ihn besonders über seine Freunde, bei denen er sich aufgehalten, und mit wem er Briefe gewechselt hätte. Allein, Boos gestand ihnen hierüber nichts, weil sie seine Wohltäter seien, ohne die er nicht hätte leben können, und die sie auch nichts angingen. – Über diese Weigerung wurde der Fiskal, der die Fragen stellte, oft dermaßen zornig, daß er nicht mehr wußte, was er tat, und oft nicht mehr fragen konnte.

So wurden denn die Verhöre geschlossen und Boos blieb den Winter über in Augsburg, wo er vier Monate Stadtarrest hatte, wieder unter dem Schutze des Herrn Nigg.

Nigg gab ihm oft einen Dukaten oder Louisdor in die Hand mit der Weisung, es ja dem Fiskal nicht zu verraten. Ja, er hätte ihn gerne ganz gerettet. Aber da er sah, daß kein Friede für den Verfolgten und Verhafteten in dieser Diözese zu erwarten sei, so riet er ihm selbst, weiter zu gehen, um Aufnahme in einer anderen Diözese nachzusuchen und, wenn er diese erhalten hätte, um seine Entlassung einzukommen.

Boos befolgte diesen Rat und erhielt durch die Empfehlung eines berühmten, teilnehmenden Freundes Aufnahme in der Diözese Linz in Oberösterreich, deren Bischof damals Josef Anton Gall war.

So reiste denn Martin Boos, der in seinem Vaterlande geächtete Prediger der Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, am 29. oder 30. April des Jahres 1799 auf einem Floße ab und fuhr, geleitet von den Tränen und Segenswünschen seiner Brüder in Freunde in Christus, den Lech und die Donau hinab, dem neuen Ziele entgegen.

5. Boos in Österreich

In Linz wurde der müde Gejagte mit Freuden aufgenommen. Bischof Gall äußerte öfters, er wünsche nur zwanzig solche Geistliche zu erhalten.

Boos aber war wie neugeboren, als er sich nach so langen und schweren Verfolgungen einmal ruhig und unangefochten fühlte.

Er wurde sofort provisorisch zu Leonding bei Linz als Hilfsprediger angestellt, kam aber gar bald nach Waldneukirchen und von da erst nach Pöstlingberg, 1806 aber nach Gallneukirchen. Das war eine der ansehnlichsten und größten Pfarreien der Linzer Diözese. 4000 Seelen hatte Boos da zu weiden.

Und wie treulich hat er sie geweidet!

Mögen einige kurze Auszüge aus seinen Tagebüchern und einige Geschichten aus seinem Amtsleben uns einen Blick tun lassen in Boos‘ evangelisches Seelsorgeherz!

1. Aus Boos‘ Tagebüchern und „Tagegedanken“

  1. Juli 1803. Eine Witwe mit sechs Kindern schleppte heute mit Gewalt ihren Sohn in die Schule. Als dieser unter der Schultüre mich und den Lehrer erblickte, wollte er der Mutter davonlaufen. Diese ergriff ihn aber mit beiden Händen, stellte das große Kind mitten in die Schule hin und sprach weinend zum Lehrer und zu mir: „Helfen Sie mir, diesen Jungen ziehen. Er will mir nimmer folgen.“ Ich sagte: „Ja, wir helfen dir; denn weil du deine Kinder in die Schule trägst, verdienst du unsern Beistand und unsere Hilfe.“ Zum Jungen sprach ich: „Du fällst vor deiner Mutter auf die Knie nieder (!) und küssest ihr zuerst den Fuß und dann die Hand.“ Der Junge tat es sogleich. Jetzt mußte er der Mutter danken, daß sie ihn in die Schule getragen, auch sie und die Kinder um Verzeihung bitten. Es geschah ohne Widerrede. „Es ist noch nicht aus mit dem Kinde“, sagte ich jetzt zur Mutter; „er läßt sich ja noch im Gehorsam exerzieren wie ein Rekrut.“ Sie ging getrost weiter.
  2. Juli 1803. „Ich habe noch etwas auf dem Herzen“, sagte mir eben eine Person; „aber ich darf es keinem Menschen sagen, auch Ihnen nicht, und es drückt mich oft so sehr.“ „So sag’s Gott“, sprach ich, „denn Gott darf man alles sagen, Gutes und Schlechtes, Kleines und Großes, alles.“ Jetzt sagte sie das Heimliche auch mir.
  3. Juli 1803. „Je früher ein Mensch sich bekehrt, desto besser für ihn. Aber besser spät als gar nicht.“ So sagte ich heute einem Menschen, der auf seinem Sterbebette wegen immer verschobener Buße verzweifeln wollte. Er faßte Mut und Vertrauen.
  4. August 1803. Heute besuchte ich einen Kranken, der mit seiner Nachbarin in Feindschaft lebte. „Du kannst sterben“, sagte ich ihm, „mußt dich mit deiner Nachbarin innerlich und äußerlich versöhnen usw.“ – Ja, mein Gott, antwortete jener, ich fürchte einen neuen Krieg, wenn ich mit ihr rede. „Wenn dir’s recht ist“, sagte ich, „so bitte ich in deinen Namen um Verzeihung.“ „Ja, das wäre mir wohl recht.“ – Ich ging hin, zog den Hut ab und bat die Nachbarin in des Kranken Namen um Verzeihung. Das ging ihr zu Herzen, daß sie weinte und mir versprach, sie werde dem Kranken sogleich etwas Gutes kochen und es ihm als Zeichen ihrer Versöhnung ins Haus bringen. „Bravo, geh hin und tue, wie du sagst.“
  5. September 1803. Unser Schinder klagte mir heute, daß ihn seine Frau als bürgerlich tot in die Zeitung habe setzen lassen. Die Leute hätten ihn zuvor schon geflohen, weil er Schinder sei, aber jetzt noch viel mehr. „Für dich, Hans!“ sprach ich, „ist nun kein anderer Rat mehr, als du tust Buße und suchst die Freundschaft JEsu; denn er nimmt auch die Schinder an und alle jene Leute, mit denen niemand mehr zu tun haben mag.“ Hans lächelte und war getröstet.
  6. Oktober. „Wenn du nicht gleich still bist, so muß ich den Richter gleich um Satisfaktion[4] ansprechen!“ So sagte heute ein Schneider vor dreihundert Bauern, als ihm einer einen Vorwurf machte. Gleich wollen die Christen Satisfaktion haben, ob sie gleich Christum am Kreuze hängen sehen, ohne Satisfaktion zu fordern oder zu erhalten.
  7. Oktober. Es gibt Menschen, die es für Schwäche halten, einem Beleidiger zu vergeben. Nach diesem Grundsatz wäre Gott der Schwächste im Himmel und auf Erden, weil niemand im Himmel und auf Erden so viel vergibt wie er.

– – So ist Boos‘ Tagebuch durch und durch mit köstlichen Betrachtungen angefüllt, daß einem die Auswahl schwer fällt. Nur eine einzige Stelle sei noch daraus genommen, wo er vom Unterschiede des Gesetzes und Evangeliums redet. Dann mögen einige Erzählungen folgen.

„Moses und das Gesetz – sagt Boos – hätten den verlorenen Sohn bei seiner Rückkehr mit der Ruhe, mit dem Gefängnis oder mit Wasser und Brot empfangen. Christus oder das Evangelium empfängt ihn mit Umarmungen, mit Küssen, mit einem neuen Kleid, Schuhen, Ring, mit einer vornehmen Mahlzeit. Siehe da den Unterschied zwischen Gesetz und Evangelium! Die meisten Sünder wissen’s bloß nicht oder glauben’s nicht, daß sie von Gott so gnädig empfangen werden; sonst täten sie häufiger (zahlreicher) Buße.“

2. Einige Geschichten aus Boos‘ Wirksamkeit in Österreich, besonders in Gallneukirchen

A.

Die Klambäurin stand öfters schon vor der Türe des Pfarrers, um diesem ihr Herz auszuschütten, aber eine gewisse Furcht jagte sie wieder die Treppe hinab. Endlich hatte sie Mut gefaßt, ging zu ihm und dankte unter Tränen für alle Predigten. Der Pfarrer, der wußte, daß sie noch unruhig im Gewissen sei, sagte ihr’s frei ins Gesicht: Klambäurin! ob du schon meine Predigten vom Glauben an Christus gerne hörest und heute dich dafür bedankst, so fürchte ich doch, du glaubst noch nicht recht, was ich predige.

Sie: O, ich glaube alles, was Sie predigen.

Pfarrer: Ich zweifle daran. Sieh, an deiner Unruhe, deiner Angst, die du über deine Sünden im Herzen herumträgst, erkenne ich, daß noch Unglaube in dir stecke und du es noch nicht ganz erglauben kannst, daß Gott auch dir um Christi willen deine Sünden vergeben und dir seinen Heiligen Geist ins Herz schenken wolle.

Jetzt fing sie an zu weinen und sagte: Ja, es fehlt freilich noch bei mir; ich bin einmal eine große Sünderin, es ist nicht möglich, daß mir Gott alles verzeihe.

Pfarrer: Klambäurin! Ich bin ein größerer Sünder als du; ist es aber Gott möglich gewesen, mir zu verzeihen, der Sünderin bei JEsu Füßen, der beim Jakobsbrunnen, Petrus und Paulus, dem Mörder usw., so wird’s ihm auch möglich sein, dir zu vergeben. Sieh, wie du Gott eben jetzt mit deinem Unglauben beleidigst! Schäme dich, daß du vor mir, deinem Pfarrer, in meinem Zimmer hier so sündigst!

Sie weinte immer ärger und konnte vor Weinen nicht antworten. Sie erschrak und getraute sich nicht mehr zu sagen, daß sie eine zu große Sünderin und daß es Gott unmöglich sei, ihr zu verzeihen. Jetzt überwies sie der Pfarrer aus vielen Schriftstellen, daß Gott die größten Sünder durch den Glauben an JEsum begnadige, daß man die Gerechtigkeit nicht durch Werke, sondern durch den Glauben erlange und erbe, daß hier kein Unterschied sei zwischen einer Bäurin und einem Pfarrer und Mörder. Röm. 3,22.26

Darum sie so gut, Klambäurin! fuhr er fort, und laß dir auch einmal ein recht großes Almosen geben für die vielen Almosen, die du den Armen und meinen Kaplänen gibst, die bei dir zu Mittag essen, wenn sie einen weiten Speisgang haben. – Sieh, ich sage dir: Gott, der himmlische Vater, hat dich so lieb, daß er dir nicht bloß ein Faß voll Geld, nicht bloß Himmel und Erde, sondern noch etwas Größeres, seinen Eingebornen, mit all seiner Gerechtigkeit und Heiligkeit, als ein Almosen zum Eigentum schenken will. Auch will er dir alle deine Sünden auf der Stelle vergeben, und du darfst nichts tun, nur glauben, nichts tun, nur den Sack, die Hände, das Herz, den Mund und die Ohren auftun und das große Almosen annehmen. Glaubst du das?

Unter einem Strom von Tränen antwortete sie mit lauter Stimme: Ich kann nicht mehr anders, ich muß glauben.

Selig bist du, sprach der Pfarrer, weil du nicht anders kannst. Gehe hin im Frieden, deine Sünden sind dir vergeben; dein „Ich muß glauben“ hat dir geholfen.

Sie: Ja, jetzt kann ich noch nicht gehen; mir ist so wohl, als wenn ich im Himmel wäre; wenn Sie’s erlauben, so bleib‘ ich noch länger da. So ist mir mein Lebtag nie gewesen. Und sie blieb bis zum Abend im Hause und trug den Frieden Gottes mit sich fort, der über alle Vernunft geht.

Aber nach drei Tagen kam sie wieder verzagt daher, weinte und sagte: Ach, ich habe meinen Frieden verloren! Aus ist’s mit mir; ich werde kaum selig werden.

Pfarrer: Warum denn nicht?

Sie: Ach, weil ich eine Bäurin, Wirtin, ein Weib von einem betrunkenen Manne und eine Mutter vieler Kinder bin. Ich habe der Anfechtungen, Zerstreuungen und Geschäfte zu viele, bei mir tut’s nicht.

Der Pfarrer lachte und sagte: Jetzt bin ich gewiß, daß dein Glaube vor drei Tagen der rechte und wahre gewesen ist, weil er schon so heftig angefochten wird. Nur frisch daran! Laß den Mut nicht sinken. Wenn man nicht in allen Ständen an JEsum glauben und in ihm leben und selig werden könnte, hätte JEsus nie befehlen können, daß man das Evangelium allen Kreaturen predigen sollte. Er hätte ausdrücklich sagen müssen: Nur den Braumeisterleuten nicht; nur den Wirtsleuten nicht; nur den Weibern nicht, die einen versoffenen Mann, viele Kinder und Gäste haben; denen predigt es nicht; die können nicht glauben, haben nicht Zeit zum Seligwerden. Dies hat aber JEsus nicht gesagt. Also nur frisch daran, frisch angefangen, standgehalten und gerufen: Zurück, Satan!

Sie: Nun, so müßt‘ ich denn noch einmal anfangen. Ich habe schon gedacht, es sei bei mir nicht möglich. Und sie ging wieder mit dem vorigen Frieden Gottes heim. Nun äußerte sie öfters den Wunsch, wenn sie nur ihren Mann, ihre Kinder und Wirtschaft verlassen und mit diesem Glauben in Frieden in eine Einöde oder in ein Stübchen ziehen dürfte.

Nicht doch! sagte der Pfarrer, bleib du, wo du bist, wohin dich Gott berufen hat. Mitten in der Welt haben die Apostel und ersten Christen ihren Glauben, ihre Liebe und inneren Frieden erhalten, und sie waren Menschen wie ich und du. – So ging sie jedesmal wieder frisch und fröhlich ihre Wege und glaubte immer fort. Selbst selig im Glauben, suchte sie auch andere zu beseligen. Bei ihrer Dienstmagd und ihren Töchtern, bei ihrer Schwester und etlichen Nachbarinnen gelang es ihr wirklich. Im Jahre 1814 starb ihr Mann; da hätte sie sich ins Stübchen setzen können. Doch nein! sagte sie, ich habe nun schon fünf Jahre bei der Wirtschaft in meinem Glauben selig gelebt, meine Kinder sind noch klein, ich erziehe sie zu Christen, und Gott wird mein Mann und meiner Kinder Vater sein.

Nachher war sie nicht mehr so allgemein beliebt wie vorher; sie hatte viele Feinde, ohne daß sie wußte warum. Kein Abel ohne Kain. Christ sein und ohne Ursache gehaßt sein, gehört zusammen. Frisch fort!

B.

Magdalena war eine Witwe, voll guter Werke, aber immer unruhig und ängstlich. An Mariä Geburt 1810 aber gefiel es Gott, ihr die Augen zu öffnen; es war ihr, als ob die ganze Frühlehre für sie ganz allein wäre. Er meint ja mich, sagte sie zu sich selbst, und beugte sich vor Scham und Betroffenheit tief in den Stuhl hinab.

Nach der Frühlehre kam sie zum Pfarrer, noch voll Angst und Verwirrung, aber Herz und Zunge war heute gelöst. Alle Falten und Winkel des Herzens waren aufgeschlossen, ein Tränenstrom floß. Der Pfarrer tröstete sie mit dem Glauben an Christus und sein Evangelium. Da haben wir ja die Magdalena, sprach er; glaube bloß, daß Christus auch für deine Sünden gestorben sei und genug getan habe, und daß er sie dir schenken wolle, mit allem, was er ist und hat. Tu den Mund auf und das Herz und nimm’s als ein himmlisches Almosen an. Laß dir diesen großen Brocken nicht zu groß sein, denn Gott gibt mehr als ein Mensch fassen kann. – Heute verstand sie alles, glaubte alles. Und sieh, es war ihr geholfen. Unaussprechlich war von diesem Tage an ihre Ruhe, Freude und Friede. Sie liest fleißig im Neuen Testament, kaufte vierzehn Exemplare desselben und teilte sie unter ihre Verwandten aus, mit dem heißesten Gebet, daß das Reich Gottes in ihre Herzen komme möchte wie in ihr eigenes.

Auch ließ sie sich später durch Lügen und Lästerungen, Kommissionen und Inquisitionen nicht irremachen. Es steht ja so, sagte sie, daß wir durch viele Trübsale ins Reich Gottes ein- und darin fortgehen müssen. Sie trank den Kelch, als er ihr zuteil ward, mit sichtbarer Freudigkeit.

C.

Eine ledige Magd lebte von Kindheit an fromm, abgesondert von aller Welt; ihre Freude war Beten, Lesen, Hören, Beichten, Kommunizieren; nie hielt sie es mit der lustigen Welt, und doch war sie stets ängstlich, traurig, niedergeschlagen, überaus sündig in ihren Augen, ihre Hauptversuchungen innerliche Anfechtungen von unreinen Gedanken. Dieser Satanas schlug und plagte sie Tag und Nacht; sie konnte ihn durch nichts vertreiben; es brannte stets wie ein wildes Feuer in ihr, obschon sie von außen nicht den geringsten Anlaß gab; denn sie sah keinen Menschen an, schlug die Augen immer nieder oder hielt sie gar zu, ließ sich nie in eine Bekanntschaft oder Liebschaft ein, war die eingezogenste, frömmste, keuscheste Jungfrau; man sah sie nie lachen, hörte sie ohne Not kein Wort reden; sie hatte vom Kopfhängen einen krummen Hals bekommen.

Zu dieser sagte der Pfarrer einmal: „Dein krummer Hals, deine beständige tiefe Traurigkeit kommt nach meiner Einsicht bloß von deinem Unglauben.“ „Ich meine ja doch nicht“, sagte sie.

Pfarrer: Aber ich meine ja doch. Sag‘ mir aufrichtig: Du meinst sicherlich, du müssest dich selbst gerecht beten, beichten, fasten, kommunizieren; und ich sage dir, das wirst du nie zuwege bringen, sondern du mußt durch den Glauben an JEsum Christum gerecht und selig werden. Wie dir Adam die Erbsünde im Alten Testamente vermacht hat und alle an dieser Sünde klebenden Wehen und Strafen, so hat dir der zweite Adam, Christus, alle seine Gerechtigkeit und Verdienste wie ein Erbteil vermacht. Wenn du dieser seiner vor Gott allein geltenden Gerechtigkeit teilhaftig werden willst, so mußt du glauben, daß es so sei, wie ich dir sage, mußt dreist zugreifen und nehmen, das Vertrauen nimmer auf dich und deine befleckte Heiligkeit setzen, sondern allein auf ihn. Wenn du dies glauben kannst, so wirst du Ruhe und Frieden in deiner Seele haben; dein krummer Hals wird gerade werden, deine zugedrückten Augen werden sich öffnen, dein Mund wird einmal lachen usw.

Auf diese Rede sah sie den Pfarrer das erstemal freundlich an, fing das erstemal an zu lächeln und sah heiter drein.

Pfarrer: Nun, das wäre einmal ein anderes, fast gläubiges Gesicht. Glaubst du also, was ich dir sage?

Sie: Sie wissen, daß ich schon seit vier und einhalb Jahr auf niemand mehr Vertrauen setze als auf Sie. Ich glaube alles, was Sie mir sagen: ich wollte mich selbst gerecht beten, hab’s aber nie zustande gebracht. Aber wie froh bin ich, wenn, wie Sie mir sagen, ich die vor Gott geltende Gerechtigkeit von Christus erben und nur im Glauben nehmen darf. Jetzt ist mir geholfen, jetzt will ich gern lachen. Das habe ich nie so recht verstanden.

Und von dieser Stunde an war diese allertraurigste Seele die allerfröhlichste; der nachmalige Lästersturm über den Pfarrer schadete ihr am wenigsten; sie ist und bleibt fest in ihrem durch und nach vielen Ängsten und Leiden erprobten Glauben.

Alle Abende rief Boos seine Hausleute zusammen und las ihnen vor vom Glauben, vom neuen Leben mit Christus in Gott und von der Freudigkeit des Glaubens in der Liebe, wenn er einmal von oben im Herzen angezündet und vom Geiste des Vaters und Sohnes belebt ist.

So redete Boos in seinem und in allen Häusern, wo er einzukehren Gelegenheit hatte. Die Leute zerflossen oft in Tränen und erkannten, daß Christus alles in allem und der Mensch nichts sei. Er sank dann mit ihnen auf die Kniee nieder in den Staub zu den durchbohrten Füßen des gekreuzigten Versöhners und gab sich und alle diese zerknirschten und auferweckten Seelen ganz hin in die Arme ihres Erbarmers. Da wurden sie dann froh und voll Dank, so daß Boos sie immer nur von sich weg und zu Christus hinzuweisen hatte.

6. Neue Verfolgung. Boos verläßt Österreich. Seine letzten Lebensjahre

Die beiden letzten Erzählungen haben den Leser bereits ahnen lassen, daß Boos auch in Österreich Haß und Verfolgung leiden mußte.

Beides hat er auch dort reichlich erfahren müssen. Wie hätte es auch anders sein können! War er doch ein Zeuge JEsu Christi.

Doch kann ich den Gang dieser zweiten, heftigeren Verfolgung nicht so ausführlich wie den der ersten beschreiben, will vielmehr nur kurz das Wesentlichste davon mitteilen. Hat sich doch in Bezug auf Anklage und Verteidigung gar vieles hier wiederholt, wie leicht zu denken ist. –

Der Bischof Joseph Anton Gall war im Jahr 1807 gestorben. Er, der selbst fleißig in der Heiligen Schrift las, hatte Boos gerne gewähren lassen. Sein Nachfolger aber war ein dem göttlichen Evangelium durchaus entfremdeter und feindseliger Mann.

Als er vernommen, wie Boos gegen den toten Kopf- und Maulglauben vieler seiner Beichtkinder Zeugnis ablegte, schrieb er ihm eigenhändig dringend, er möchte doch nimmer sagen, daß die Leute den rechten Glauben noch nicht hätten; denn das beleidige sie entsetzlich.

Boos antwortete, der Bischof habe recht, daß es sie beleidige; „aber wenn die Leute zum lebendigen Glauben kommen, so bekennen sie es selbst, daß sie vorher den rechten Glauben nicht gehabt hätten; und es ist auch wahr. Denn den Glauben, in dem Geist, Leben, Friede, Ruhe, Vergebung der Sünden und das ewige Leben liegt, haben sie nicht. – Und wer den lebendigen Glauben nicht hat, der meint, es gebe keinen andern und könne keinen andern Glauben geben als den toten, der ihm so lieb und teuer ist, daß er nicht genug wehren zu können meint, damit ja sein Glaube nicht lebendig werde.“

Was aber die Leute, die Boos beim Bischof verklagt hatten, noch mehr empörte, war ein Wort, das Boos am dritten Adventssonntage des Jahres 1810 redete: „Johannes der Täufer sagt nicht, daß unsere Haderlumpen, d.i. unsere befleckten Werke, das Lamm Gottes seien, das hinwegnehme die Sünden der Welt, sondern er zeigt auf JEsum, der mit dem Heiligen Geiste taufet.“

Das drückte bei denen, die die heilsame Lehre nicht leiden konnten, dem Faß den Boden aus. Nun gab’s Visitation auf Visitation, Inquisition auf Inquisition. Zwar die erste Untersuchung, vorgenommen von einem frommen Regierungsrate Bertgen, lief aufs herrlichste für Boos hinaus, nämlich damit, daß Bertgen, nachdem er Boos‘ Lehre angehört, vom Sofa aufsprang, die Hände emporhob und gerührt ausrief: „Die Narren, die! (er meinte die Kläger); das ist ja die tröstlichste Lehre von der ganzen Theologie; und sie wollen’s Ketzerei nennen?! Dafür sollten ja alle danken!“ –

Boos unterließ nun nicht, dem Konsistorium, das ihn schon als Ketzer verschrieen hatte, in einem herzeindringlichen Vorhalt das gegebene Ärgernis unter Augen zu stellen. Aber so demütig dies auch geschah, so diente es doch nur dazu, daß die „geistlichen Konsistorialräte“ umso gehässiger und verbissener wurden.

Am 7. März 1811 wurde – nach kurzem Waffenstillstand – Boos vor den Generalvikar und seine Kollegen nach Linz geladen. Aber so tapfer und standhaft er sich auch aus der Heiligen Schrift verteidigte, er wurde nicht verstanden und konnte von Römlingen nicht verstanden werden. „Es zeigte sich – schrieb Boos von ihnen -, daß sie weder den Vater noch den Sohn, weder uns noch den Glauben kennen, in dem wir aus Gnaden stehen. Paulus z.B., meinen sie, rede in seinem Briefe an die Römer bloß vom Zeremonialgesetz, aber nicht vom ganzen Sittengesetz … O, Christus ist eine zu große Gabe für diese Leute! Ihr Mund ist zu klein, ihr Herz zu eng, er kann nicht in sie hinein.“ –

Während nun auf der einen Seite die Liebe der durch Boos‘ Dienst zum lebendigen Glauben an Christus Gekommenen sie trieb, sowohl vor dem Konsistorium als vor dem Kaiser Franz für Boos‘ ungefälschten Glauben und gottseligen Wandel ein Zeugnis ums andere abzulegen, wurde dieser andrerseits einmal ums andere inquiriert, mit Vorwürfen aller Art überhäuft und endlich gar ins Klostergefängnis in Linz gesteckt, 1815-1816. – Es würde hier zu weit führen darzulegen, was er dort alles erlitten, wie seine müde Seele in vielen Verhören fast zu Tode gehetzt, wie er vom Bischof selbst, als er auf dessen Aufforderung hin seine Lehre nicht widerrufen wollte, angespuckt, wie ihm jede mündliche und schriftliche Einwirkung und Verbindung mit seiner Pfarrgemeinde, deren Glieder der Mehrzahl nach sich nach seiner Predigt herzlichst sehnten, auf das strengste verboten wurde, und wie er endlich, nachdem der Kaiser seine Haft geendet, mit der Weisung versehen wurde, um seine Auswanderung nachzusuchen.

Wir eilen hier mit unserer Erzählung zum Ende. Boos, dessen heftigste Widersacher fast unmittelbar nach seinem Abgang von Österreich eines auffallend plötzlichen, jähen und schrecklichen Todes gestorben waren, der aber selbst in seiner Schwachheit mächtig vom HErrn war gestärkt worden, wandte sich nun wieder zunächst nach Bayern, im Mai 1816, folgte aber, da er dort seines Bleibens abermal nicht hatte, schon im Jahr 1817 einem Rufe als Religionslehrer und Professor nach Düsseldorf und im Juni des Jahres 1819 einem Rufe an die Pfarre zu Sayn im Rheinland. Auch an diesen beiden Orten hat er in höchstem Segen gewirkt, wiewohl auf einem dürren und unfruchtbar scheinenden Erdreich, das ihm oft die Tränen der Sehnsucht nach den viertausend Schafen in Österreich aus den Augen trieb.

Im fröhlichen und getrosten Glauben ist Boos in Sayn am 29. August 1825, nachdem seine Predigt Tausenden ein Geruch des Lebens zum Leben geworden, ohne allen Schmerz selig entschlafen, als er eben seinen Geist in die Hände des HErrn JEsu empfohlen.

7. Schluß

Wie aber, so wird nun, nachdem dies Lebensbild an seinen Augen vorübergegangen, mancher Leser mehr noch als am Beginn unserer Geschichte fragen: Wie kommt es, daß dieses auserlesene Rüstzeug Gottes den Weg in die lutherische Kirche nicht gefunden hat?

Auf diese Frage habe ich ja eingangs zurückzukommen versprochen. Und schier hätte ich darauf geantwortet: Weil es damals keine lutherische Kirche gegeben hat. Aber das wäre nicht recht geredet.

Wahr ist’s: hätte Boos zu eben derselbigen Zeit als ein Diener der evangelischen Kirche die Gerechtigkeit gepredigt, die vor Gott gilt, er hätte ebensolche Drangsale zu erdulden gehabt. Man würde ihn ebenso verfolgt, eingesteckt, seines Amtes entsetzt und vermutlich auch schließlich zum Lande hinausgejagt haben. Denn zu der Zeit, als Boos lebte, sah es in der „evangelischen“ Kirche Deutschlands wie in der katholischen über alle Begriffe traurig und entsetzlich aus. Auf allen Kanzeln fast wurde von der Gerechtigkeit, die aus dem Glauben kommt, gänzlich geschwiegen. Wer Christus noch als den wahrhaftigen Gott, vom Vater in Ewigkeit geboren, bekannte, der galt schon um deswillen, wenn er auch sonst in hundert anderen Punkten von der Lehre der evangelisch-lutherischen Kirche weit, weit abwich, bei den meisten sogenannten Evangelischen für einen ganz gefährlichen Mystiker, Schwärmer und Pietisten. Zusammenfassend: es stand ganz greulich und scheußlich in der „evangelischen“ Kirche. Aber vorhanden war sie darum doch.

Sie war vorhanden in den wahren Gläubigen, die hin und her zerstreut an verschiedenen Orten, genährt an den Schriften unserer gottseligen lutherischen Väter, das Glaubenserbe der lutherische Kirche im Herzen treu bewahrt hatten, während sie ringsum in den protestantischen Landeskirchen selbst mit Finsternis umgeben waren.

Was nun Boos anlangt, so hat er ohne Zweifel den entsetzlichen Zustand der damaligen „evangelischen“ Landeskirchen gut genug gekannt, und wir können uns daher nicht wundern, wenn ihn nie die Sehnsucht ankam, einer solchen Kirchengemeinschaft beizutreten.

Aber Boos hat, wie wir hörten, auch einzelne gläubige evangelische Christen in Augsburg kennengelernt. Ja, in Gallneukirchen hat ihn einmal eine gewisse Maria Oberndorfer besucht, von der er dem Linzer Bischof auf Befragen mitteilte, sie sei „lutherisch geboren (!), ungemein belesen und bewandert in der Heiligen Schrift und andern Büchern. Unter anderem fiel ihr einmal Roos‘ Kirchengeschichte in die Hände, worin sie im zweiten Teil S. 862 meine (Boosens) Lehre über die Rechtfertigung des Sünders und meine Leiden darüber las. Sie verwunderte sich, daß es in der katholischen Kirche doch auch einmal einen Geistlichen gegeben, der im Grunde des Glaubens und der Seligkeit nicht geirrt habe. Sie wähnte, ich wäre längst tot. Nun hörte sie aber, daß ich noch lebe und Pfarrer in Gallneukirch unweit Linz wäre. Jetzt entstand der Wunsch in ihr, mich zu sprechen und persönlich kennen zu lernen, mit mir über den Glauben an die Erlösung Christi als den einzigen Beruhigungsgrund des Sünders zu sprechen und Ruhe und Trost für ihre Seele zu holen. Sie kam also Mitte Dezember 1810 ganz unvermutet zu mir nach Gallneukirchen“ usw.

Sollte Boos von diesen evangelischen Christen in keiner Weise auch auf andere Irrlehren der römischen Kirche. z.B. von der Messe und den Sakramenten überhaupt, aufmerksam gemacht und in die Schrift gewiesen worden sein? Wir wissen es nicht. Und hätte die Boos so oft als Vorwurf zugeschleuderte Behauptung, seine Rechtfertigungslehre sei ja ganz protestantisch, ganz lutherisch, ihn nicht dazu bewegen sollen, endlich einmal die symbolischen Bücher [Bekenntnisschriften, Anm. d. Hrsg.] unserer lutherischen Kirche in die Hand zu nehmen und darin mit Entzücken den Ausdruck seines aus der Heiligen Schrift geschöpften Glaubens und weitere Unterweisung in der heilsamen Lehre zu finden?

Ist aber demnach die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, daß Boos manche Gelegenheit, in echt evangelischer Erkenntnis zu wachsen und zuzunehmen, durch eigene Schuld versäumt hat, so fällt doch unzweifelhaft die Hauptschuld, daß dieses auserlesene Rüstzeug Gottes den Weg in die lutherische Kirche nicht gefunden hat, auf die zahllose Schar „evangelischer“ Mietlinge und Pfaffen, die diesen Weg entweder selbst nicht wußten oder gar für alle, die ihn suchten, verrammelt und mit Brettern vernagelt hatten.

Mit welchem Frohlocken würde ein Boos in unseren Tagen und in unserem Lande, in dem Gott aus lauter Gnade und Barmherzigkeit das Licht der evangelischen Lehre an so vielen Orten, nicht im Winkel und unter dem Scheffel, sondern frei und öffentlich so helle brennen und scheinen läßt, der Kirche des schriftgemäßen Bekenntnisses zufallen! [5]

O, laßt uns dem HErrn danken, daß Er uns so viele, so viele Lehrer gibt, die uns zur Gerechtigkeit weisen, zu der Gerechtigkeit, die vor Gott gilt; laßt uns dem HErrn danken, daß Er sein lutherisches Zion hier zu einer weithin sichtbaren Stadt auf dem Berge gemacht hat, zu der man den Weg wohl finden und getrost wandeln kann.

entnommen aus: Lebensbilder aus der Geschichte der christlichen Kirche. Von E. A. Wilh. Krauß. St. Louis, Mo. 1911. S. 658-678. 5)

[1] So nannte man die Jesuiten, welche nach Aufhebung des Ordens doch weiterhin nach der Regel Loyolas zusammenlebten und in seinem Sinn wirkten, auch als Lehrer.

 

[2] Direktor des Seminars

[3] ordiniert

 

[4] Genugtuung

 

[5] Gemeint sind die USA im ausgehenden 19. Jahrhundert mit der Ev.-Luth. Missouri-Synode und den anderen rechtgläubigen Synoden der Synodalkonferenz; Anm. d. Hrsg.

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