Cyriakus Spangenberg

Cyriakus Spangenberg

Cyriacus Spangenberg, Johann Spangenberg’s ältester Sohn, wurde zu Nordhausen am 17. Juni 1528 geboren. Er genoss den Schulunterricht des durch seinen thesaurus eruditionis scholasticae berühmten Rectors Basilius Faber und den Privatunterricht seines Vaters, der mit ihm den Justicus und das Chronicon Abbatis Urspergensis las, auch das Chronicon Carionis in’s Lateinische von ihm übersetzen liess. Schon im 14. Jahre bezog er die Universität Wittenberg, wo er besonders Luther und Melanchthon hörte. Von seiner schon damaligen hohen Begeisterung und Verehrung für Luther legt er in einer Predigt das Zeugniss ab: „Gleichwie das grosse venedische Schiff Galeon mit aller Gewalt auf dem hohen Meere daherfährt, unter die türkischen Renn- und Raubschiffe getrost sich waget und noch alle Zeit den Sieg davon gebracht hat: also setzet der Glaube auch getrost hinein, wie es Gott zuschicket, und behält immer den Sieg; denn es ist ein unüberwindlich Ding um einen gläubigen Menschen. Wenn ich D. Luther, seligen Gedächtnisses, vor drei und zwanzig Jahren zu Wittenberg etwa gehen sah, da dünkte mich gleich, als sähe ich also ein gross, gewaltig, vollgerüstet Streitschiff, das unter die Feinde auf dem ungestümen Meere dieser Welt, unter die Papisten, Juden, Schwärmer und Rottengeister getrost und unverzagt hineinsetzt, Alles verjagt und erlegt und mit fröhlichem Triumpf den Sieg herwiederbrächte; denn durch den Glauben an Jesum Christum hat dieser heilige Mann alle seine Widersacher überwunden und ist also ihr Obermann geworden.“ Die hier ausgesprochene, bis zum Staunen gesteigerte Bewunderung Luther’s hat ihn nie verlassen und ihm später bei seinen Gegner den Spottnamen „Luther’s Lieutenant“ eingetragen. – Sp. verband mit vorzüglichen Gaben so grossen Fleiss, dass er nach kurzer Zeit Magister und schon im 19. Jahre zum Schullehrer nach Eisleben berufen wurde. 1550 wählte man ihn dort an die Stelle seines verstorbenen Vaters zum Prediger. Als solcher stritt er eifrig und heftig gegen das Interim, auch in der von Melanchthon gemilderten Leipziger Fassung. 1553 wurde er zum Stadt- und Schlossprediger zu Mansfeld, wie auch zum Generaldekan der Grafschaft berufen.

Immer fester und entschiedener bildeten sich die Lutherschen Züge im innern Leben Spangenberg’s aus, immer ausschliesslicher dreheten sich seine erbaulichen Gedanken um die Ideen der Sünde und Gnade. Daher sein grosser Eifer gegen Striegel, wider den er 1563 eine Predigt „vom tauben und stummen Menschen“ herausgab, sowie gegen Major und die Lehre von der Nothwendigkeit der guten Werke zur Seligkeit. Leider wurde an ihm ein Zug zur Carricatur. Im Eifer für die Lehre von der Verderbtheit des natürlichen Menschen wurde er, der „sein Lebtag für nichts Anderes angesehen wein wollte, als für einen alten und unbeweglichen Discipel Luther’s“, zu einem Anhänger des Flacius und seiner Irrlehre von der verderbten menschlichen Substanz. Unter dem Schutze der Grafen Wolrath und Johann Ernst legte er eine Druckerei auf dem Schlosse zu Mansfeld an und verbreitete von hier aus ausser vielen vortrefflichen Schriften auch die Spreu des Flacianismus. Seine Lehre fand heftigen Widerstand. Auch das Eislebensche Ministerium, das Anfangs auf seiner Seite gewesen, aber durch Wigand und Chemnitz umgestimmt war, schrieb gegen ihn. Zwei Colloquia, in die es sich auf Befehl des Grafen mit ihm einliess, führten zu keinem Ziele. Besonderes Aufsehn machte ein von Sp. 1573 herausgegebenes Bekenntniss von der Erbsünde und eine auf Wolrath’s Aufforderung in Eisleben gehaltene Predigt, in welcher er seine Lehre u.A. mit Citaten aus Luther’s Schriften vertheidigte. „Und wie nun beide Theile auch in diesem gemeldeten Jahre wider einander zu predigen und zu schreiben und zwar in den empfindlichsten Terminis, fortfuhren, und Einer den Andern zum Ketzer machen wollte, also wurden nicht nur damit ihre eigenen Gemüther gegen einander immer mehr und mehr erbittert, sondern auch die gesammten Zuhörer rege gemacht, dass sie in zwei Partieen ritten, und es Etliche mit Spangenberg, Etliche aber mit dem Eislebischen Ministerio hielten, woraus grosse Unruhe in der Grafschaft entstund, dass Keiner vor dem Andern fast mehr sicher war. Denn wenn die Zuhörer entweder bei ihrer Arbeit oder in der Zechen zusammenkamen, so war dies ihre erste Anfrage: Bist du ein Occedenter (Accidentianer) oder Substansioner (Substantianer)? Standen sie nun nicht in einerlei Meinung, so fingen sie nicht nur an, mit einander zu disputiren, sondern schlugen oftmals sich auf das grausamste; ja, die gesammten Landesherren und Grafen von Mansfeld harmonirten, wie in anderen Stücken, so auch in dieser Lehre nicht mit einander, denn einige Grafen hielten es mit den Eislebern, andere aber, besonders Graf Wolrath und Car sen., hielten es mit Spangenberg, daher sie auch anfingen von beiden Theilen, diejenigen Kirch- und Schulbedienten, so nicht ihres Sinnes waren, abzusetzen, oder ihnen die Kanzel zu verbieten.“ (Leuckfeld.)

Endlich kamen chursächsische Soldaten nach Mansfeld und verjagten auf Befehl des Grafen Hans Georg I. von Eisleben die Flacianer (1575). Spangenberg entfloh, „und meinet man“ – erzählt Kindervater – „dass er in Weibskleidern, vor eine Wehemutter sich ausgebend, durch die Wache sich zum Thore hinauspracticirt habe.“ Mit einem kleinen Jahrgehalte von 208 Thalern, den Graf Wolrath ihm aussetzte, lebte Sp. von nun an an verschiedenen Orten, u.a. zu Sangerhausen, wo er 1577 mit Jacob Andreä öffentlich ohne Erfolg disputirte und seinen Gönner Wolrath feierlich begrub. Hierauf begab er sich nach Strassburg, von wo aus er am 23. Mai 1579 den Churfürsten August von Sachsen in einem Schreiben für sich zu gewinnen suchte, worin es heisst: „Dieweil ich durch meine Widersacher und Abgünstige in der Grafschaft Mansfeld (die nicht bei ihrem vorigen christlichen Bekenntniss und wahren lutherischen Lehre bestanden) bei Männiglich mit Ungrund öffentlich für einen Manichäer ausgeschrieen bin, der da lehre, die Erbsünde sei ein Wesen; Gott habe die Erbsünde geschaffen; der Teufel schaffe die jetzigen Menschen; schwangere Weiber tragen lebendige Teufel; die Erbsünde werde am jüngsten Tage wieder auferstehen, und was solcher Auflagen mehr sind, damit sich mit armen, unschuldigen Diener Jesu Christi in Verdacht gebracht, verhasst und verachtet gemacht haben, obgleich sie diese Reden aus meinen Schriften nicht beweisen können, ich mich auch auf meine Schriften, Predigten, Zuhörer und alle unverdächtigen Theologen berufen, sieben Jahre mich alle Zeit zu einem Colloquim oder Verhör auf einem ordentlichen Synodo erboten, und daneben, was zu leiden Gott mir zugeschickt, mit Geduld gelitten, und, so Viel möglich, durch christliche Schriften meine Unschuld an den Tag gegeben: so hat doch solches Alles bei Denen, so wider mich verbittert, Nichts haften, noch gelten wollen, sondern es ist für und für das Urtheil wider mich ergangen: Spangenberg ist ein Manichäer. – Ich habe Gottlob 32 Jahr lang das Wort Gottes rein, lauter und unverfälscht gepredigt, wie ich’s 4 Jahr lang aus des sel. Dr. Luther’s, meines einigen praeceptoris heiligem Mund, Predigten, Lectionibus und Gesprächen selbst gehört und in seinen werthen Schriften hernachmals gefunden und noch täglich lese. Und hat mir auch der Mann Gottes, da er verstanden, dass ich mich in’s Predigtamt mit der Zeit zu begeben, Vorhabens, in Gegenwärtigkeit Dr. Jonas’ und anderer Theologen dazu geglückwünscht und dieses Kreuz, (so ich jetzt seiner Lehre halben tragen muss) zuvor geweissagt. Gott sei Lob und Dank, der mich erhalten, dass ich von solch reiner lutherischer Lehr nicht eine Hand breit gewichen! Wie aber mein Gegentheil (so allbereits mit den Calvinisten lernen fein sagen: O, Luther ist ein Mensch gewesen! hat auch irren können! Sollte Luther jetzt leben, er würde viel Dinge in seinen Büchern ändern!) von Lutherscher Bahn ausgeschritten, und mehr denn in 20 offene manachäische Irrthümer gerathen und in 174 Punkten wider Luther’s Katechismus lehren: habe ich sie aus ihren eigenen Büchern und aus ihren eigenen Worten überwiesen. Ach, hochgeborener und durchlauchter Churfürst! es ist gar bald um einen Theologen geschehen, der sich auf seine Kunst und Geschicklichkeit, hohen Verstand, scharfes ingenium und Schwarzkunst verlässt und nicht täglich in Demuth und Gottesfurcht die heilige Schrift und daneben deren einigen rechten Ausleger Luther mit Fleiss lies’t. Fürwahr, es hat uns Deutschen Gott den Luther nicht vergeblich gesandt, er will ihn unverachtet und die Gaben, die er uns durch ihn geschenkt hat, in Dankbarkeit gebraucht haben. Und fürchte ich sehr, dass Gott eben darum so viel gelehrte Theologen hat sinken und fallen lassen, dass sie des werthen Mannes geachtet, wenig gelesen, und dann schier gar nicht gefolgt. Und was ist auch die Ursach, dass man so unfruchtbar wider die Calvinisten und andere Secten streitet, denn dass man die Rüstung wider die Rottengeister nicht aus der heiligen Schrift und lutherschen Harnischkammer, sondern aus eigenem Kopf und philosophischen Argumenten nimmt? – Euer Churf. Gnaden wollen meine Unschuld daraus erkennen und mich wider meine Feinde in gnädigen Schutz nehmen, dass ich die übrige Zeit meines Lebens in beständiger Bekenntniss reiner lutherscher Lehre mit nützlicher Auslegung göttlicher Schriften hinbringe und in meinem Alter eine bleibende Stätte haben möge.“ Obgleich Spangenberg diesem Schreiben („damit Jedermann sehe, was der Manichäer Schwarm und Lästerung gewesen“) „3 lateinische Büchlein über die Mänichäer, von ihrem Anfang, Leben und Lehre“ beifügte, vermochte der Churfürst, von seinen geistlichen Rathgebern belehrt, sich nicht von der Integrität der Spangenbergischen Lehre zu überzeugen, und liess die Bitte unerhört. Späterhin, und zwar noch 1590, lebte Sp. als angestellter Prediger zu Schlitzsee in Hessen, von wo er, wieder abgesetzt, nach Vacha in Niederhessen zog. Hier verfasste er viele historische Schriften, u.a. den Adelsspiegel. Seine Verfolgungen dauerten fort, aber sein Eifer für seine ihm mit dem Kern des Evangeliums verwachsene Irrlehre erkaltete nicht. „O Gott,“ schreibt er, „wie viele untreue Diener hast du unter Denen, die sich für deine Diener ausgeben und nicht dir, sondern ihnen und ihrem Bauche und der Welt dienen! Ich bitte euch, ihr wollet euch nicht lassen überreden, dass der Streit, darein ich mit meinen Widersachern gerathen, von einem Wortgezänk oder Schuldisputation sei. Es trifft der grossen und fürnehmsten Artikel unserer Religion einen. Nämlich, was eigentlich nach des Gesetzes Urtheil Sünde, hinwieder nach dem Evangelio Gerechtigkeit sei und heisse, und gehet unsere Meinung nach dem Spruche Davids: Nicht uns, Herr, nicht uns, sondern deinem Namen gieb Ehre, nur dahin, dass Gott allein gerecht sei und den Gottlosen gerecht mache, und sage mit Luther im Glösslein Röm. 3, dass Sünde Alles Das ist, was nicht durchs Blut Christi erlöset, im Glauben gerecht wird.“ Die Mansfeldische Gemeinde liess sich durch den Spangenbergischen Flacianismus, aus dem man die Consequenz gezogen hatte, dass Christus unser wahres Fleisch nicht angenommen habe, zu einer eigenthümlichen Demonstration bestimmen, von der Kindervater (nach Leuckfeld) Folgendes berichtet: „Merkwürdig ist, was nach Sp.’s Entsetzung in der Mansfeldischen Stadt- und Schlosskirche verordnet, dass zu Verabscheuung seiner Lehre jederzeit bei Absingung des gewöhnlichen christlichen Glaubens vier Knaben in Mänteln auf den Knieen vor dem Altare mit halber Stimme, dabei sie ihre Häupter auf die Schwelle oder Stufe des Altars gelegt, diese Worte: Ist ein wahrer Mensch geboren, allein intonirt, da inmittelst die Orgel und die ganze Gemeine stille geschwiegen, und gleichsam pausirt haben. Welche Gewohnheit bis diese Stunde noch in diesen beiden Kirchen in Acht genommen wird, da es sonst in der ganzen Grafschaft, die doch über 100 Kirchen und 72 Prediger hat, nicht gebräuchlich.“

Von Vacha, wo Sp. gleichfalls bald nicht mehr sicher war, zog er nach Strassburg. Hier fand er an Wolrath’s Neffen, dem Grafen Ernst, einen literarischen Freund und treuen Beschützer. Bis an sein Ende mit historischen Arbeiten, vorzüglich mit Abfassung von Chroniken beschäftigt, starb er zu Strassburg den 4. Febr. 1604. „Nach seinem Tode wurde er von Vielen wegen seines Fleisses, seiner Aufrichtigkeit und Erfahrung bedauert, auch entschuldigt, dass er nur den Philippisten nicht weichen wollen, und desswegen leiden müssen.“ (Arnold.)

Sp.’s Predigten sind gehaltvoll und erbaulich. Die Methode ist überwiegend synthetisch, die Diction einfach-angenehm. Ein Verzeichniss fast sämmtlicher Schriften Sp.’s findet sich bei Thilo (s.u.); die wichtigsten homiletischen sind folgende: Fünf Predigten über den Anfang des Ev. Johannis. Eisleb. 1159. 8. Eilf Predigten über das 23. Capitel Jesaja. Strassb. 1560. 8. Predigten über die Paulinischen Briefe, z.B.: Auslegung der 1. Ep. an die Corinther in 59 Predigten. Eisleben, 1561. fol. Auslegung der Epistel an die Römer in 34 Predigten. 2. Thle., Strassb. 1566. fol. Passio. Vom Leiden und Sterben unseres Herrn, etliche schöne und nützliche Predigten. Eisleben 1564. 8. Vier kurze und einfältige Predigten von der Historie des Leidens Jesu Christi. Eisleben 1564. 8. Cithara Lutheri zum Katechismus. Erfurt 1569. 4. Neueste Ausgabe von Wilhelm Thilo. Berlin 1855. 8. Viele Leichen- und Brautpredigten (letztere im Ehespiegel), zuerst Eisleben 1562). Predigten über Luther, einzeln von 1563-1572. Busspredigt, das ganze Deutschland betreffend. Eisl. 1569. 8. (Eigentlich nicht eine Predigt, sondern ein langer Tractat.) Sieben Predigten von der göttl. Gnadenwahl. Frankf. a.O. 1615. 4. Von seinen übrigen praktischen Schriften sind besonders sein Katechismus (zuerst Erf. 1564) und verschiedene geistliche Lieder, z.B. „nach dir, o Herr, verlanget mich,“ „da Christus nun hatt’ dreissig Jahr,“ „am dritten Tag ein’ Hochzeit war“ bemerkenswerth.

S. Leuckfeld’s historia Spangenbergensis. Quedlinb. u. Aschersleben 1712. 4. Thilo, Cithara Lutheri zum Katechismus oder Spangenberg’s Predigten über Luthers Katechismus lieder, mit Lebensbeschreibung und Schriftenverzeichniss Spangenberg’s versehen von Wilh. Thilo. Berlin 1855. Daselbst findet sich auch die weitere Literatur. Dazu: Kindervater, Nordhusa illustris Wolfenb. 1715. 1715. S. 289 ff. Vorzüglich: Wangemann, Recension der Thilo’schen Cithara Lutheri in Reuter’s Repertorium, Jahrg. 1856, Juliheft 8. 38 ff., wo man auch einen Nachtrag zum Spangenbergischen Schriftverzeichnisse findet.

Die bedeutendsten Kanzelredner
der
lutherschen Kirche des Reformationszeitalters,
in Biographien und einer Auswahl ihrer Predigten
dargestellt
von
Wilhelm Beste,
Pastor an der Hauptkirche zu Wolfenbüttel und ordentlichem Mitgliede der
historisch-theologischen Gesellschaft zu Leipzig
Leipzig,
Verlag von Gustav Mayer.
1856

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